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MESSER
 
Der Wunsch nach Überraschung
Messer
"Im Schwindel" heißt das Debütalbum der Gruppe Messer, mit dem das Münsteraner Quartett derzeit die deutsche Indierock-Szene gehörig aufmischt. Hörbar an die ganz frühen Helden der Hamburger Schule und deren Wegbereiter angelehnt und an anderer Stelle bereits treffend als "Ton Steine Scherben für die Generation Smartphone" beschrieben, wird hier mit minimalen Mitteln große Wirkung erzielt. Die musikalische Ausrichtung mag Eingeweihte vielleicht überraschen, das hohe Niveau dagegen kaum. Gitarrist Pascal und Drummer Philipp kommen von Ritual, Bassist Pogo von Press Gang und Dramamine, nur Sänger Hendrik hat vorher noch nicht in einer Band gesungen. Mit Messer streifen sie das Korsett ihrer Punk- und Hardcore-Vergangenheit ab und entdecken die Möglichkeiten.
Kein Wunder, dass sich die vier, als wir sie vor ihrem Heimspiel im Münsteraner Gleis 22 treffen, durch Vergleiche mit Fehlfarben, Blumfeld oder Kolossale Jugend zwar geehrt fühlen, ihre musikalische Sozialisation damit aber nicht vollständig umrissen sehen, wie Philipp klarstellt: "Das sind alles Bands, die wir super finden, das ist ganz klar, und daran haben wir zum Teil sicher auch gedacht, als wir unsere ersten eigenen Stücke aufgenommen gehört haben. Allerdings ist es auch so, dass immer deutschsprachige Bands als Referenz herhalten müssen, wenn man im weitesten Sinne 'deutschsprachigen Indierock' macht. Unser Ansatz ist eher mit Sonic Youth oder so etwas zu vergleichen." Zur Verdeutlichung verweist der Schlagzeuger auf die Wechselwirkung zwischen der Direktheit und dem Ausufernden, die bei Messer eine Rolle spielt. "Unsere erste Entscheidung war erst einmal: Wir machen Gitarrenmusik, denn anfangs war nicht ganz klar, ob das mit Gitarre oder ohne sein würde", erklärt er. "Das ist erst einmal ein ganz anderer Impuls, als zu sagen: 'Wir wollen etwas machen wie Fehlfarben oder die oder die...' Ich will den Fehlfarben-Vergleich nicht schmälern, aber in erster Linie geht es um Musik, und Musik ist erst mal nicht deutsch oder deutschsprachig. Dass es immer wieder deutschsprachige Bands sind, die als Vergleiche genannt werde, finde ich im Moment fast schon ein bisschen ärgerlich." Das sieht auch Pogo ähnlich: "Genau, das ist ein bisschen einfach. Wir kennen uns schon lange und setzen uns auch persönlich ganz viel mit Musik auseinander, wir treffen uns zum Beispiel regelmäßig zu einem Plattenzirkel, bei dem jeder zwei Platten mitbringt. Der Sound, den wir machen, ist die logische Konsequenz von dem, was wir hören, und nur weil ich einen Chorus-Effekt auf dem Bass habe und Hendrik deutsche Texte schreibt, kommt dann sofort der Fehlfarben-Vergleich. Ich persönlich sehe Gruppe Messer spartenübergreifender. Wir hören zum Beispiel auch viel Psychedelic-Sachen, Krautrock-Zeugs oder Elektronisches, was auch mit in unsere Musik einfließt."

Pascal dagegen verweist auf die Mittel, die jedem Einzelnen der vier als Musiker zur Verfügung stehen: "Unser Sound ist nicht nur die Konsequenz von dem, was wir hören, sondern auch von dem, was wir können. Wenngleich wir alle schon lange Musik machen, sind wir als Musiker doch in irgendeiner Weise beschränkt und machen letztlich das, was wir schon immer gemacht haben. Anfangs haben wir uns mit einem Synthie in den Raum gestellt, dann aber schnell gemerkt: So eine Art von Musik beherrschen wir gar nicht. Deshalb sind wir dann zu dem zurückgekehrt, was wir können." Für ihn ist das der Ausgangspunkt, von dem aus sich die Band entwickeln kann. Dass Messer für eine Band, die vor kaum mehr als einem Jahr ihre ersten Auftritte absolvierte, nicht nur in puncto Popularität schon ganz schön weit oben auf der Erfolgsleiter stehen, sondern auch auf ihrem im Januar eingespielten Debütalbum "Im Schwindel" geradezu überraschend souverän klingen, hat für Pogo einen Grund: "Wir haben, glaube ich, das große Glück, dass wir alle vorher jahrelang in gut funktionierenden Bands gespielt haben, die auch viel getourt haben. Das bringt natürlich Spielpraxis. Wenn wir Gruppe Messer mit 17 oder 18 gestartet hätten, dann hätte es natürlich nie so geklungen, wie es das jetzt tut. Wir haben ein großes Repertoire an Erfahrungen, aus dem wir schöpfen können." Entstanden ist der kompromisslose, zackige Sound der Gruppe Messer ebenso wie einige ihrer Songs aus Improvisationen bei gemeinsamen Proben. "Nur so gewinnt man ein Gefühl füreinander", ist sich Philipp sicher.

Während Pascal, Pogo und Philipp für die Musik sorgen, hat Hendrik als Texter und Sänger völlige "Narrenfreiheit", wie er es nennt: "Ich kann mich darauf verlassen, dass die drei, die die Instrumente spielen, einen Spielplatz für mich zusammenbasteln, auf dem ich mich dann austoben kann. Im Prozess des Schreibens ist außerdem für mich wichtig geworden, zu wissen, dass ich mit dem, was ich ausdrücken will, auch in heftigere Gefühle gehen kann und nicht dem Sound mit einer gewissen Oberflächlichkeit begegnen muss, um es machbar zu halten. Ich kann mich wirklich auf dünnes Eis hinauswagen und experimentieren." Die Freiheit des Texters beim Schreiben der Lieder ist allerdings keine Einbahnstraße. Nicht nur Hendrik profitiert von der Verlässlichkeit der Musiker, auch die wissen inzwischen mit den Qualitäten ihres Frontmannes anders umzugehen. "Irgendwann hat Pascal den Wunsch geäußert, dass Hendrik uns mal zuerst einen Text schicken sollte", erinnert sich Philipp. "Eines der neuen Stücke ist genau so entstanden. Der Text brachte schon eine gewisse Stimmung mit, die wir dann musikalisch umzusetzen versucht haben." Das Stück, "Neonlicht" betitelt, findet sich inzwischen auch im Konzertprogramm der Gruppe Messer wieder und unterscheidet sich doch recht deutlich von den Adrenalin-Kicks, die auf "Im Schwindel" im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Fast möchte man meinen, das Stück passe prima in den Rahmen, in dem Messer Ende Juni in Köln auftreten. Nicht in den altbekannten Kneipen und Rockclubs der Stadt tritt das Quartett auf, nein, das Konzert findet in der Kunsthochschule für Medien statt - ein netter Verweis zurück auf die Zeit, in der (nicht nur) englische Bands aus dem Punk- und New Wave-Umfeld Ende der 70er ihre Auftritte fast ausschließlich an Kunsthochschulen und Universitäten absolvierten. Zustande kam der Kontakt durch das Video zu "Mutmaßungen über Hendrik", das Christian Becker und Oliver Schwabe gedreht haben. "Oliver Schwabe haben wir bei einem Seminar zu deutschsprachiger Popmusik kennengelernt", erinnert sich Hendrik. "Er kam mit einem T-Shirt der Band Mutter, die wir ganz toll finden, in den Raum und wir haben uns direkt angefreundet." Obwohl Schwabe bereits Mitte 40 ist, passten seine Ideen ausgezeichnet zur Gruppe Messer. "Da haben wir gemerkt, dass wir nicht nur Jugendlichkeit um uns herum brauchen", sagt Hendrik. Der Filmemacher hatte einst an der Kölner Kunsthochschule für Medien studiert, sitzt dort nun im Alumni-Rat und schlug der Band ein Konzert vor, eine Einladung, die Messer natürlich dankend annahmen, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Musiker nach einschlägigen Erfahrungen mit ihren Punk- und Hardcore-Bands großes Interesse daran haben, sich in neuen Kreisen zu bewegen. "Wir haben Messer von Anfang an als etwas verstanden, wo vieles möglich ist", erklärt Philipp, "zum Beispiel mal ein Konzert spielen, bei dem man nicht nur das Set runterbrettert, sondern auch auf der Bühne Raum für Improvisationen hat. Als wir die Einladung bekamen, haben wir uns gefragt: 'Wie ist der Raum? Was gibt es da für Möglichkeiten? Wie kann man daraus etwas machen, das eine unübliche Konzertsituation darstellt?'" - "Der Wunsch ist, sich selbst zu überraschen, die Erwartungshaltung an das, was man kennt, aufprallen zu lassen auf Etwas, das neu ist, von dem man aber einigermaßen sicher sein kann, dass es funktioniert", ergänzt Hendrik, und auch wenn seine Aussage im Besonderen auf das anstehende Kölner Konzert gemünzt war: Sie könnte prima auch als Motto für das gesamte Tun der Gruppe Messer herhalten.
Weitere Infos:
gruppemesser.blogspot.com
www.facebook.com/gruppemesser
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Messer
Aktueller Tonträger:
Im Schwindel
(This Charming Man/Cargo)




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