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PHILLIP BOA AND THE VOODOOCLUB
 
Mehr als nur eine Band
Phillip Boa And The Voodooclub
Während viele seiner alten Weggefährten heute dem Business mangels Erfolg längst den Rücken gekehrt haben und viele andere sich über die Einbrüche am Musikmarkt beklagen, erfreut sich Phillip Boa weiterhin reger Beliebtheit. Ende September bricht er mit seinem Voodooclub zu einer ausführlichen Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz auf, im Gepäck sein bereits vielerorts hoch gelobtes aktuelles Werk "Loyalty". Nachdem der Ex-1/2-Popstar auf seinen letzten Platten zeitgemäße Trends großräumig umschifft hatte und die Inspiration gewissermaßen von innen heraus kam, öffnet er sich mit "Loyalty" nun wieder ein kleines bisschen mehr dem aktuellen Musikgeschehen - zumindest darf man sich das beim Hören einbilden.
"Das kann ich nur schwer beurteilen, dazu fehlt mir die Distanz", sagt Boa zu Beginn des Gaesteliste.de-Interviews vorsichtig. "Das klingt allerdings irgendwie plausibel. Die neue Platte ist auf jeden Fall direkter und selbstbewusster." Natürlich kommt es Boa ein bisschen entgegen, dass sich der Zeitgeist gewissermaßen zu seinen Gunsten gewendet hat, oder, wie er es ausdrückt: "Ich habe keine Angst davor, wie in den 80ern zu klingen, alle anderen Bands heute tun das ja auch." Trotzdem ist "Loyalty" keinesfalls eine Retro-Platte, so spielt Neu-Gitarrist Oli Klemm zum Beispiel betont modern. Erfreulich frisch klingt das neue Album deshalb, und überhaupt fühlt sich Boa trotz seiner langen Karriere, die fraglos bereits in den frühen 90ern ihren kommerziellen Höhepunkt erreichte, in der Jetztzeit merklich wohl. Zwar bedauert er, dass es in Deutschland keinen echten Underground mehr gibt, nicht zuletzt auch deshalb, weil jungen Künstlern die Plattformen fehlen, über die sie ihre Musik verbreiten können, es sei denn, sie sind gewillt, ihre Songs zu verschenken, er sieht aber auch Vorteile im Verschwinden des üblichen Plattenfirmen-Modells. "Du bist als Künstler heute vollkommen frei", ist er überzeugt. "Dir steht die ganze Welt offen. Das finde ich super. Ich sehe die Zeit momentan überhaupt nicht negativ." Ein Stück weit fühlt er sich auch an seine eigenen Anfänge und sein legendäres 80er-Jahre-Label Constrictor erinnert, wenn er das momentane Musikgeschehen betrachtet. "Der Unterschied ist nur, dass selbst eine superschräge Band wie Big Flame, die damals auf meinem Label war, noch 2000 bis 3000 Platten verkauft hat. Das geht natürlich heute nicht mehr. Dafür kann man aber heute wesentlich günstiger aufnehmen!" Oder in seinem eigenen Fall wohl besser "könnte", denn nach den stärker am DIY-Gedanken orientierten Produktionen der letzten Jahre wurde "Loyalty" eingespielt, "als wenn wir zurück in den 90ern wären", wie Boa es lachend ausdrückt - und den gehobenen Standard hört man der Platte auch an.

"Klassisch, zeitlos, alte Schule, englisch produziert" sind die Stichworte, die Boa zur "Loyalty"-Produktion einfallen, bei der ihm nicht nur sein langjähriger Co-Produzent David Vella in Malta und der Brite Ian Grimble (Manic Street Preachers, Travis und, und, und) beim Mix zur Seite standen, sondern mit Dresden Dolls-Drummer Brian Viglione auch ein Mann, der viel mehr als nur Schlagzeug zu den Aufnahmen beisteuerte. Vor allem sorgte Amanda Palmers alter Kompagnon dafür, dass beim zu Beginn der Aufnahmen etwas unsicheren Boa das Selbstbewusstsein zurückkehrte. "Er hat mich in allem bestärkt, was ich gemacht habe", lobt Boa seinen amerikanischen Mitstreiter. Dass Brian überhaupt dazustieß, war Boas Sorge geschuldet, er könne sich nach all den Jahren zu sehr wiederholen. Eigentlich war nämlich ursprünglich geplant, dass Boas aktuelle Live-Band ihn auch im Studio unterstützt. Auf die Dresden Dolls war er derweil aufmerksam geworden, weil es die Band in der heutigen Musiklandschaft, in der es nichts Neues mehr zu geben scheint, dennoch geschafft hat, einen eigenen Stil zu entwickeln: "Das fand ich sehr beeindruckend!" Als Boa erfuhr, dass Viglione mit Botanicas Paul Wallfish auch regelmäßig in Deutschland arbeitet, kontaktierte er den Drummer, der sich die Musik anhörte und sofort zusagte. "Er war dann zwei Wochen in Malta, und das war richtig gut", freut sich Boa. Manchmal wäre das Energiebündel Viglione allerdings fast übers Ziel hinausgeschossen und hätte am liebsten nicht nur die Percussions, sondern gleich alles selbst neu eingespielt. "Da mussten wir ihn irgendwann stoppen!", erinnert sich Boa lachend.

Der Titel "Loyalty" spielt derweil nicht nur auf den allgemeinen Verfall zwischenmenschlicher Werte in unserer heutigen Gesellschaft an, es lässt sich durchaus auch ein konkreter Bezug zu Boa und dem Voodooclub herstellen. Schließlich ist die eingangs erwähnte Tatsache, dass Boa auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach seinen ersten Veröffentlichungen nicht bange sein muss, vor leeren Rängen zu spielen, der äußerst loyalen Anhängerschaft seiner Band geschuldet. "Die Leute sind glücklich, sich im Voodooclub-Gebilde treffen zu können und dort auf Menschen zu treffen, die dieselben Ideen haben", sagt Boa nicht ohne Stolz. "Immer, wenn ich äußere, dass ich aufhören will, gibt es sehr traurige Reaktionen, denn der Voodooclub ist, glaube ich, mehr als nur eine Band!"
Weitere Infos:
www.phillipboa.de
Interview: -Simon Mahler-
Foto: -Ole Bredenförder-
Phillip Boa And The Voodooclub
Aktueller Tonträger:
Loyalty
(Constrictor/Cargo)




Phillip Boa And The Voodooclub

 
 

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