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LARKIN POE & THOM HELL
 
Shakespeare und die explodierenden Kurzzeitgedächtnisse
Larkin Poe & Thom Hell
Es müsste doch so scheinen, als seien Rebecca und Megan Lovell ausgelastet. Seit die jungen Damen, die zuvor mit ihrer dritten Schwester Jessica als Lovell Sisters bereits in einer Bluegrass-Band ihre musikalischen Meriten erworben hatten, das nach einem legendären Urgroßvater benannte Projekt Larkin Poe losgetreten haben, weil Jessica heiratete und sich für eine Studium ins Privatleben zurückgezogen hatte, sind sie praktisch ständig auf Achse. Sie haben ca. 50 Songs auf fünf EPs veröffentlicht, arbeiten gerade an ihrer offiziellen Debüt-CD und haben durch zahlreiche Kollaborationen auf sich aufmerksam gemacht, von denen die spektakulärste sicherlich der Job als Begleitband von Elvis Costello war, der die Mädels live gesehen und vom Fleck weg engagiert hatte, weil ihm das, was er da zu Gehör bekommen hatte, so gut gefallen hatte. Wie gesagt: Das sollte doch eigentlich reichen. Doch nichts da: Auf einer ihrer Touren durch Skandinavien (die im Übrigen auch das einzigartige Live-Konzert aus einer heimeligen Kneipe im schwedischen Stonffjorden zeitigte, die auf der Bonus DVD ihrer letzten EP "Thick As Thieves" festgehalten wurde), lernten sie den norwegischen Songwriter Thom Hell kennen und schätzen. So sehr sogar, dass sie sich entschlossen, mit ihm zusammenzuarbeiten und gemeinsam Songs zu schreiben.
Das nun vorliegende Album "The Sound of The Ocean Sound", das in einigen wenigen Terminen auf weiteren Touren entstand und immerhin zehn neue Songs zeitigte (von denen gleich sechs von den Lovell-Sisters stammen), ist nun das Zeugnis dieser Arbeitswut. Das neue Material zeigt die Schwestern von einer poppigeren Seite als bislang gewohnt, was in einem interessanten Kontrast zu der skandinavischen Melancholie des Thom Hell steht, mit dem sie gleich mehrere veritable Duette hinlegten. Ach ja: Dass die Lovells keine Sekunde ruhig sitzen bleiben können und bei jeder sich bietenden Gelegenheit (Busfahrten, Hotel-Stops oder Soundchecks etwa) neue Songs schreiben, braucht unter diesen Umständen ja wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden.

Es fragt sich natürlich, was da der Motor dieser überbordenden Kreativität sein mag und woher die ganzen Songs eigentlich kommen. "Nun, wir sind zunächst mal an den unterschiedlichsten Geschichten interessiert", meint Megan, "das ist ja das interessanteste am Songwriting: Eine Story erzählen zu können und ein Gefühl zu beschreiben. Auch wenn du es selbst gar nicht erlebt haben solltest." "Wir sind aber auch sehr an Filmen und Büchern als Inspirationsquelle interessiert", ergänzt Rebecca, "ich selbst mag es aber am liebsten, wenn ich gar nicht genau sagen kann, woher die Texte überhaupt kommen. Wenn sich das dann im Rückblick offenbart und man einige Wochen später merkt, worüber man eigentlich geschrieben hat, dann ist das am Interessantesten für mich. Das hat was Unbewusstes." Gilt das auch für die Musik? "Ganz genau - manchmal weiß man einfach nicht, wo die Melodien und die Noten herkommen", bestätigt Rebecca. "Dabei kommt es gar nicht darauf an, wie viele Noten oder wie schnell man diese spielen kann. Es geht um die Emotionen dahinter. Die besten Musiker brauchen gar nicht viel zu sagen und vermitteln die Emotionen mit wenigen Tönen." Dabei sind die Mädels doch erst im Songwriting Business, seit sie Larkin Poe gegründet haben, oder? "Genau - das war ja auch überhaupt unsere Haupt-Motivation: Alle unsere eigenen Songs zu schreiben. Als Lovell-Sisters haben wir viele Cover-Versionen geschrieben", erklärt Megan und Rebecca ergänzt. "Vor Larkin Poe bin ich gar nicht auf die Idee gekommen Songs zu schreiben. Ich meine, wir haben es gelegentlich versucht, aber ich weiß gar nicht, warum es nicht geklappt hat. Ich denke, weil ich einfach kein Interesse daran hatte. Ich wollte unbedingt die Mandoline möglichst perfekt spielen."

Dazu muss noch gesagt werden, dass Rebecca bereits als Teenager die in der Bluegrass-Szene üblichen Preise für besondere Virtuosität auf ihrem Instrument einheimste. "Wenn du älter wirst, dann entdeckst du aber irgendwann die Macht guter Texte. Wenn du Songwriter nimmst, die ein großes Geschick darin besitzen, mit großartigen Worten und einprägsamen Formulierungen so viel auszudrücken, dann willst du das irgendwann selber auch", führt Megan aus, "mit wenigen Worten viel ausdrücken. Das ist es, was auch wir wollten." "Wir sind auch mit Büchern aufgewachsen", ergänzt Rebecca, "denn wir sind zu Hause zur Schule gegangen. Wir haben also unendlich viel gelesen. Wir lieben zum Beispiel Shakespeare. Wir rasen sozusagen durch die Bücher und nehmen eine Menge auf. Davon müssen wir auch möglichst viel zurückgeben, denn ich denke, dass ansonsten unsere Kurzzeitgedächtnisse explodieren würden." Wenn in diesem Zusammenhang der Begriff Shakespeare fällt, dann wundert das ja doch ein wenig, denn die Sprache der Lovells ist keineswegs altertümlich und stilisiert. "Shakespeare ist deswegen eine tolle Inspirationsquelle, weil er des Öfteren Dinge in einer schwer verständlichen Sprache formuliert. Das stößt viele Leute ab, die das alte Englisch einfach nicht mehr verstehen. Wenn man du das aber genau studierst und erkennst, dass er die wunderbarsten, zeitlosesten Dinge, die man sich vorstellen kann beschreibt, dann ist die Versuchung schon sehr groß, dieses so zu formulieren, dass es auch für heutige Generationen verständlich ist." "Ich denke, es geht darum, etwas irgendwie auf den Punkt zu bringen und dessen Essenz zu erkennen", überlegt Megan. "Ja, aber wir sind immer noch dabei zu lernen, wie das geht", schränkt Rebecca ein, "denn es ist gar nicht so einfach, die eigenen Empfindungen auf ein allgemeingültiges Level zu hieven, das jeder nachvollziehen kann."

Gibt es dabei dann einen Auslöser, der die Lovells zum Songwriting anregt? "Das ist mir schon öfter passiert", sinniert Rebecca, "und zwar meistens dann, wenn ich andere Leute beobachte - in Restaurants oder so. Man kann dann so andere belauschen. Ich räume es auch ein, dass wir unverschämte Voyeure sind, die andere unter die Lupe nehmen. Man muss da schon ein wenig unverschämt sein, wenn man in diesem Geschäft ist. Ich versuche mir dann immer bestimmte Situationen oder Phrasen zu merken, um diese dann für mich nachvollziehen zu können. Und alles, was mich dann selbst berührt, versuche ich, in Songs zu packen." "Was ich am interessantesten finde, ist der Umstand, dass alle Leute das Selbe fühlen, egal wo sie herstammen oder wo sie sind", gibt Megan zu Protokoll. "Wir sind mehr als die Hälfte des Jahres unterwegs", gibt Rebecca zu denken, "da treffen wir schon eine Menge unterschiedlicher Leute. Alleine wenn du auf dem Flughafen wartest, ist das eine reine Fundgrube für solche Inspirationen." "Das ist ja auch das, was am schönsten am Touren ist", fügt Megan hinzu, "dass du eben so viele unterschiedliche und interessante Leute aus so unterschiedlichen Gegenden und Kulturen triffst."

So wie zum Beispiel Thom Hell also - oder Elvis Costello. Warum hat der sich eigentlich Larkin Poe als Band ausgesucht? "Ich habe keine Ahnung", gesteht Rebecca, "wir haben ihn vor einigen Jahren getroffen und ihn als Harmoniesängerinnen bei Live-Auftritten begleitet. Wir haben herumgejammt und er hat es gemocht. Ich denke, er mochte unsere Energie, denn wir sind ziemlich begeistert, wenn es um unsere Musik geht. Es war halt eine glückliche Fügung. Ich hoffe, es gefiel ihm, mit uns zu spielen. Er ist wirklich ein Musik-Fan und er liebt Musik. Ergo hat er viele Meinungen und Vorschläge, die er auch uns unterbreitete - und das ist das Schöne, denn die Mühe machen sich nicht viele Leute."

Wenn man sich die Stücke von Larkin Poe so anhöhrt, dann fällt gleich auf, dass sich diese musikalisch nicht in irgendwelche Schubladen packen lassen - was eher ungewöhnlich ist, für einen Act, der ursprünglich dem Bluegrass entstammt. Was macht denn den Reiz eines Songs für die Songwriterinnen Larkin Poe aus? "Also ich denke, dass irgendetwas Neues dabei auf den Tisch kommen sollte", überlegt Rebecca, "oft geht es im Mainstream oder in der Pop-Kultur ja darum, etwas zu machen, was es schon mal gegeben hat - etwas zu fabrizieren, wie man es im Radio zu hören bekommt. Was mich dann reizt, ist, wenn jemand mit einer ungewöhnlichen Melodie aufzuwarten weiß oder einen Text auf eine ungewöhnliche Art präsentiert. Irgendetwas, was mich überrascht. Wenn jemand auf diese Weise kreativ ist, das finde ich gut." "Das ist ja gerade so schade, dass das Songwriting oft auf Formeln basiert", fügt Megan hinzu, "Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Mittelteil usw. Da fragt sich ja oft, wo da die Kreativität bleiben soll." "Man darf sich halt nicht zu schade sein, etwas auszuprobieren", ergänzt Rebecca - woraufhin Megan gleich eine Ergänzung parat hat: "Es ist ziemlich lustig, Rebecca beim Songwriting zu beobachten. Sie singt nämlich einfach drauflos, wenn sie etwas interessiert. Und da kommt dann oft nur Gebrabbel dabei heraus." "Ja, ich musste lernen, meinen Schutzschild herunterzufahren und mich einfach nicht für das zu schämen, was ich tue", gesteht Rebecca, "man muss einfach drauflos probieren, bis man etwas findet, was einen selbst überrascht." Das heißt also, dass der Zufall eine große Rolle spielt? "Auf gewisse Weise ist ja alles ein Zufall", bestätigt Rebecca. "Nun ja, ein absichtlicher Zufall vielleicht", schränkt Megan ein, "denn wo hört die Inspiration auf und wo fängt der Zufall an?" "Formulieren wir es vielleicht mal so", schlichtet Rebecca, "du versuchst, etwas Ungewöhnliches zu machen. Du planst vielleicht die Reise, bist aber offen für alles, was passiert." Das heißt, es gilt nach den Ausnahmen zu suchen? "Weißt du, wenn du eine Band in ein Genre packst, dann kann diese gar nicht ihr Potential ausleben. Wir sind eine Rock-Band, wenn wir Rockmusik spielen und wir sind eine Folkband, wenn wir Folkmusik spielen. Und du kannst schließlich in jedem Genre irgendetwas Erstaunliches entdecken. Warum solltest du dich dann also limitieren? Der gemeinsame rote Faden ist dann meinethalben die Qualität - aber du kannst es nicht an einem Stil festmachen. Wir wollen einfach gute Musik spielen. Oder vielleicht nicht 'gut', denn 'gut' ist subjektiv. Ich möchte einfach Musik spielen, die ich mag - und ich mag eine ganze Menge - und hoffe, dass dabei etwas Gutes herauskommt."

Einen großen Anteil am Larkin Poe Sound hat mit Sicherheit Megans Gitarrenspiel. Sie spielt eine Slide-Gitarre, die sie wie eine Lapsteel-Gitarre umgedreht im Stehen vor sich trägt. Das ist selbst in Gitarristenkreisen eher ungewöhnlich. "Ich habe akustische Gitarre und Mandoline gelernt - aber es hat mich nicht wirklich ergriffen", erinnert sich Megan, "dann habe ich zum ersten Mal eine Dobro-Gitarre gehört und das hat mir sehr gefallen. Ich fühlte mich wie von einem Magneten angezogen und seither habe ich diesen Stil auf die Lap-Steel-Technik angewandt, die ich heute spiele, denn das ist schließlich die elektrische Version der Dobro. Da ich bisher noch keine Lead-Vocals singe, betrachte ich die Lap-Steel und die Dobro als meine Stimme. Es ist die Technik und der Sound, die mich reizten. Meine Hände wollten einfach nicht auf die normale Art Gitarre spielen und die Slide-Technik passte viel besser zu mir. Ich mag natürlich auch Slide-Player wie Jerry Douglas." Das mal alles im Hinterkopf: Wie wird dann entschieden, wie ein Song zu klingen hat? "Das entscheidet sich erst, wenn wir mit der vollen Band spielen", erklärt Rebecca, "manchmal ist es besser, wenn du einen Song zunächst als Skelett anlegst und dann den Leuten, die gut darin sind, was sie tun, erlaubst das Fleisch an die Knochen zu bringen. Manchmal bin ich mir ziemlich sicher, wie ein Song zu klingen habe - wenn wir dann aber mit der Band spielen, wird vielleicht aus einer angedachten Country-Nummer ein Reggae-Song. Man kann schließlich einen Song in zig weisen interpretieren." "Deswegen ist es wichtig, dich mit Leuten zu umgeben, die wissen, was sie tun und denen du vertrauen kannst. Du kannst ja nicht alles machen. Du kannst zum Beispiel einem Bassisten nicht sagen, was er spielen soll." Das gehört wohl zu den ungeschriebenen Gesetzen des Musizierens. Ein weiteres Spezifikum des Larkin Poe-Sounds ist Rebeccas Gesang. Sie ist ja noch vergleichsweise jung - singt aber mit der Grandezza eine gestandenen Veteranin. Wie sieht sie sich denn selbst als Sängerin? "Ich habe erst bei Larkin Poe begonnen, Lead-Vocals zu singen", meint sie, "ich hatte nie eine formelle Ausbildung, sondern habe den Job übernommen, als unsere älteste Schwester, Jessica, die unsere Sängerin war, uns verlassen hat. Wenn ich mich heute beim Singen beobachte, dann würde ich sagen, dass sich das sehr verändert hat. Mein Ziel ist es, nicht mit meinem Gesang zu prahlen und stattdessen auf die Texte zu achten, denn ich denke, dass es die Aufgabe des Sängers ist, den Leuten die Texte als Medium zu vermitteln. Natürlich gibt es Leute, die großartige Techniker sind und du beobachtest sie, wie sie die Nationalhymne singen und Vokalakrobatik betreiben und es ist beeindruckend und crazy - aber es ist nicht mein Ziel. Ich möchte eine Stimmung erzeugen, aber es geht darum die Texte herüberzubringen. Ich muss aber sagen, dass ich das noch nicht drauf habe und gelegentlich als Sängerin frustriert bin. Besonders live, wenn man sich bemüht, die Gefühle stärker herüberzubringen. Das ist aber die große Herausforderung, sich ständig zu verbessern." "Ich finde ja, dass die Sänger am memorabelsten sind, die rau sind", ergänzt Megan, "nicht unbedingt, die, die technisch brillant sind."

Wie soll es denn nun weitergehen mit Larkin Poe - immerhin steht ja noch ein offizieller Debüt-Longplayer an. "Ja, aber da werden wir uns Zeit mit nehmen", erklärt Rebecca, "es ist nämlich bislang so, dass wir alles immer sehr schnell eingespielt haben. (Auch die neuen Songs mit Thom Hell, die in insgesamt zehn Tagen und wenigen Sessions entstanden.) Also werden wir dieses Mal alles richtig produzieren. Und wir wollen unsere Musik auf eine breitere Basis stellen." Eine noch breitere Basis als bislang? "Ja, ich denke, wir werden die elektrische Komponente stärker betonen, denn bislang haben wir diesen Ruf als Band aus dem Folk-Sektor und viele Leute kommen vielleicht gar nicht darauf, uns mal zuzuhören, weil sie denken, dass ihnen das nicht gefallen könnte, was wir machen, weil wir eben aus der Folk-Musik kommen." Nun, das dürfte sicherlich kein größeres Problem sein, denn bereits jetzt ziehen Larkin Poe bei ihren Shows so ziemlich alle Register, die eine Live Band eben so ziehen kann - durchaus auch inklusive elektrischer Töne, wofür schon alleine Gitarrist Rick Lollar steht, der auch ein Songwriter in eigenen Ehren ist. Potential und Ressourcen haben Larkin Poe also im Überfluss. Es geht in diesem Fall wohl eher darum, Zeit zu finden, das alles zu bündeln.

Weitere Infos:
www.facebook.com/larkinpoe
www.larkinpoe.com
www.thomhell.com
www.youtube.com/watch?v=Eqw5DbF1b_Y
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Pressefreigabe-
Larkin Poe & Thom Hell
Aktueller Tonträger:
The Sound Of The Ocean
(Edvins/Alive)




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