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Dear Reader
"Rivonia" ist das dritte Album des Projektes Dear Reader und es ist auch so etwas wie Cherilyn MacNeils "Exil"-Album geworden, denn hierauf beschäftigt sich die nach Berlin emigrierte Südafrikanerin erstmals intensiv mit ihrer ursprünglichen Heimat. Ansonsten ist sie nämlich ziemlich gründlich in Berlin angekommen. Sie lebt und arbeitet dort (schreibt zum Beispiel Musik für Filmproduktionen, wenn sie nicht an eigenem Material arbeitet), zahlt hier ihre Steuern und spricht mittlerweile auch fließend Deutsch; und zwar bis hin zu dem Umstand, dass sie selbst, wenn sie Englisch spricht, deutsche Floskeln und Begriffe einfließen lässt. Wie kam es denn nun, nach dem noch in Südafrika entstandenen "Replace Why With Funny" und dem beängstigend desolaten Neo-Fabel-Werk "Idealistic Animals" zu diesem dritten Album, "Rivonia"? Rivonia ist ja wohl der Stadtteil von Johannesburg, in dem Cherilyn aufwuchs, oder?
"Ja, das ist der Vorort von Johannesburg, wo ich zur Schule gegangen bin und wo mein Vater arbeitete. Wir haben dort gelebt", erzählt Cherilyn, "es ist aber auch die Gegend, wo sich die Liliesleaf-Farm befindet. Das ist der Ort, wo der ANC sein geheimes Hauptquartiert hatte und dort von einem kleinen Jungen beobachtet wurde, was dazu führte, dass das Apartheid-Regime die gesamte Führungsspitze des ANC an einem Tag des Jahres 1963 festnehmen konnte. Der Song 'Took Them Away' auf dem neuen Album schildert diese Geschichte aus der Sicht des kleinen Jungen." Dies führte u.a. auch zur Festnahme Nelson Mandelas und seiner Jahrzehntelangen Inhaftierung auf Robben-Island. Auch musikalisch stellt das neue Album eine Wandlung für Cherilyn MacNeil dar, denn anders als ihre letzten Werke sind alle Songs um ein Gerüst aus Stimmen und Rhythmen aufgebaut, während die anderen Instrumente nur begleitenden Charakter haben. Daraus ist dann eine Art Musical geworden. Hatte Cherilyn das vor? "Das habe ich den Leuten jedenfalls erzählt, dass ich ein Musical über Südafrika schreiben wollte. Ich habe das natürlich nicht wirklich geplant - aber ich muss doch zugeben, dass ich - bis auf die von Andrew Lloyd Webber - Musicals immer genossen habe. 'Fiddler On The Roof', 'Mary Poppins', 'Sound Of Music', 'My Fair Lady' und die Disney-Musicals. Als Kind wollte ich immer in einem Disney-Musical mitspielen. Vielleicht ist also ein richtiges Musical demnächst doch ein Thema für mich."
Was war denn das Ziel oder der Fokus auf der neuen Scheibe für Cherilyn - ist das Ganze ein "Heimatalbum"? "Auf gewisse Weise ja", bestätigt Cherilyn, "denn es hat mit meiner Heimat zu tun. Wobei ich immer ein Problem hatte, mich in Südafrika heimisch zu fühlen. Das hat sich ein wenig auch schon in meinen Arbeiten niedergeschlagen. Weißt du, dieses Gefühl, nicht dazu zu gehören, das Gefühl dieses Erbes zu den Unterdrücken und Kolonisten zu gehören, den Bösen, die das Land ihren Besitzern geraubt hatten. Das hat immer dazu geführt, dass ich Probleme hatte, Südafrika als 'meines' zu begreifen. Es ging mir also auf der neuen Scheibe um nicht weniger, als mir eine Art Erbe zu erschaffen, indem ich mich mit meiner Geschichte beschäftigte. Wenn man geschichtliche Kompendien liest, ist das doch immer eine trockene Angelegenheit. Wenn man sich aber selbst vorstellt, wie es ist, ein Teil dieser Geschichte gewesen zu sein, dabei gewesen zu sein, dann ist das doch schon eine andere Sache. Deswegen begann ich also diese Geschichten als Songs auszuarbeiten. Zunächst war ich deswegen nervös, weil ich immer das Gefühl hatte, dass sich niemand dafür interessierte, was ich, als weiße Person aus der Mittelschicht über Südafrika, zu sagen habe - aber das ist generell mein Problem. Also habe ich mich entschlossen, das Ding durchzuziehen." Es war also notwendig, aus Südafrika wegzuziehen, um dieses Album schreiben zu können? "Ich denke ja, denn so konnte ich die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten und über Dinge nachdenken, über die ich zuvor nicht nachgedacht hatte. Denn ich war in meiner Position in Südafrika ziemlich festgefahren und hatte die Dinge immer als gegeben hingenommen, wie ich sie erfahren hatte. Ohne eine Art 'Erwachen' hätte ich also dieses Album nicht schreiben können - und der Umzug nach Berlin war für mich dieses 'Erwachen'."

Welche Charaktere wählte Cherilyn dann als Protagonisten ihrer Songs aus? "Das ist von Song zu Song verschieden", erklärt sie, "es gibt tatsächliche Charaktere - wie z.B. George Mellies, der kleine Junge aus 'Took Them Away'. Aber natürlich kenne ich ihn nicht persönlich und weiß nicht, was er damals dachte. Ich stelle also meine Version von George Mellies als jemanden vor, der bereut, was er getan hat - und repräsentiert so mich in meiner Position als Kind zu Zeiten der Apartheid, die ich damals freilich nicht verstand. Als ich 'Long Walk To Freedom' las, stellte ich mir immer vor, wie sich Mandela im Gefängnis gefühlt haben könnte, was mir nicht so recht gelang, Dieser Song hat mir in gewisser Weise dabei geholfen, denn ich habe über meine Erlebnisse in dieser Art geschrieben - obwohl es natürlich nicht das Gleiche ist. Manchmal verwende ich also auch fiktionale Charaktere." Wie zu, Beispiel in dem Song "27.04.1994" - dem Datum der ersten freien Wahlen in Südafrika, bei der Cherilyn eine Reihe von Personen namentlich aufzählt, die in der Schlange vor den Wahlkabinen warteten, um die Zukunft des Landes zu bestimmen. Was hat Cherilyn dann musikalisch beeinflusst? "Ich wollte mich bewusst limitieren, denn das letzte Album, das ich mit Brent Knopf gemacht hatte, war doch sehr dicht und komplex. Die Herausforderung war für mich also doppelter Natur: Zum einen ging es darum, ein Konzeptalbum über bestimmte Themen zu erschaffen - anstatt einfach draufloszuschreiben, wie ich das ansonsten tue. Und dann ging es darum, das Album selbst zu produzieren - etwas, wovor ich bislang immer zurückgeschreckt bin, denn ich tendiere dazu, eher zu folgen als zu leiten, weil ich mir selbst nicht so recht traue. Also musste ich mich ganz schön motivieren, um das durchzuziehen." Und das führte wozu? "Dass ich mich entschloss, mich ganz auf meinen Gesang zu konzentrieren und viel Raum zu lassen. Es war das erste Mal, dass ich vorher darüber nachdachte, wie die Musik am Ende klingen sollte und nicht einfach mal zu schauen, was passiert. Ich habe also viel nachgedacht, bevor ich losgelegt habe. Musikalisch habe ich mich aber nicht bewusst inspirieren lassen. Es ist aber so, dass ich oft über das nachgedacht habe, was ich tat und das hat mich dann an Paul Simons 'Graceland' erinnert - was ja auch insofern eine Parallele war, als das hier ein weißer Musiker ein Album über Afrika gemacht hat. Obwohl ich eigentlich keine afrikanische Musik machen wollte. Aber als ich das Riff von 'Man Of The Book', das ich auf dem Piano geschrieben hatte, auf dem Akkordeon spielte, war das 'Graceland'-Feeling sofort da. Auch als ich gesungen habe, sind Dinge passiert, die sich afrikanisch anhörten und ich habe das dann mitgenommen."

Was ist denn so schwierig am Produzieren? "Das war für mich eher ein persönliches Problem, denn ich habe immer Schwierigkeiten, meinen Ideen zu trauen - oder genau gesagt: Ich zweifle immer daran, dass es gute Ideen sind. Deswegen brauchte ich immer eine andere Person, die mich darin bestätigte. Und dann geht es auch immer darum, dass ich - technisch gesehen - nie so recht weiß, was ich tue. Ich wusste nicht, was ich tun musste, um dieses und jenes zu erreichen - und musste mir dieses erst aneignen. Das Ergebnis ist dabei keineswegs fehlerfrei, aber ich bin stolz darauf, was ich erreicht habe, weil ich mich dazu durchringen konnte, das zu tun, was ich für richtig hielt." Wie trug Cherilyn das ganze Material dann zu Songs zusammen? "Ich habe alles zusammen zu Hause als Demo zusammengestellt, zu dem ich Piano spielte und alles andere gesungen habe. Das habe ich dann den beteiligten Musikern vorgespielt und habe deren Beiträge aufgenommen, indem ich sie gebeten habe, das was ich vorgesungen hatte, nachzuspielen. Martin Wenk zum Beispiel spielte so seinen Trompeten-Part. Zusammen mit Earl Marvin (dem Drummer der Tindersticks und Air), der ein sehr inspirierender Profi ist und großen Anteil am Sound der Scheibe hat, habe ich dann die Basic-Tracks im Studio eingespielt - den ganzen Rest habe ich aber zu Hause in meinem Computer fertig gestellt. Das ging aber nur, weil ich genau wusste, was ich wollte. Ach ja: Dann mussten natürlich noch Aufnahmen für die Stimmen gemacht werden. Aber ich denke doch, dass ich das meiste alleine gemacht habe." Wer singt denn den Duett-Part auf "Already Are"? "Da ist Konstantin Gropper von Get Well Soon", meint Cherilyn, "Du wirst ihn vielleicht nicht wiedererkennen, weil er in dieser coolen Bass-Stimme singt, weil ich ihn gebeten habe, wie ein Cowboy zu klingen. Die anderen Stimmen stammen von Freunden aus Leipzig, von denen zwei auch in der Live-Band sind. Die Stimmen sind ja ziemlich wichtig, deswegen habe ich drei Leute in der Band, die auch singen können und ich werde live auch mit einem Sampler arbeiten und werde so versuchen, zumindest alle Harmonien hinzubekommen."

Dear Reader
Auf der Bühne Dear Reader zu den unterhaltsamsten und lustigsten Live-Acts überhaupt. Wie kommt es denn, dass sich eine grundsätzlich fröhliche Person wie Cherilyn MacNeil immer solch düsterer Themen in ihrer Musik und ihren Texten annimmt? "Ja, das habe ich immer schon gemacht", räumt Cherilyn ein, "ich glaube, ich war immer schon so. Einerseits fröhlich und wie ein Kind und auf der anderen Seite sehr ernsthaft und auch melancholisch. Ich denke, dass sich das dann so äußert, dass die Musik eher fröhlich ist und die Texte eher düster." Cherilyn hat ja Musik für den Soundtrack "Oh Boy" von Tom Schilling geschrieben. Ist dieses nun ein zweites Standbein? "Ich hoffe schon", meint sie, "ich habe auch schon weitere Arbeiten in dieser Richtung gemacht für eine Fernsehserie. Die Arbeit ist sehr unterschiedlich zu dem, was ich sonst mache und ich denke auch, dass die Arbeit an 'Oh Boy' mich darauf gebracht hat, dass ich tatsächlich ein Konzept-Album schreiben könnte, denn als ich an 'Oh Boy' arbeitete, musste ich ja praktisch jeden Tag nach Auftrag arbeiten - und ich wusste gar nicht, dass ich das konnte. Also dachte ich mir, dass ich mich selbst dazu bringen könnte, Songs über bestimmte Themen zu schreiben. Es ist aber eine Fähigkeit, an der ich noch arbeiten muss. Es ist nicht so, dass ich sehr gut darin bin, weil ich hier von der anderen Seite komme. Anstatt über etwas zu schreiben, das ich fühle, muss ich hier das Gefühl zu einem Thema suchen und finden. So lange das noch im Rahmen meiner musikalischen Möglichkeiten und Vorlieben bleibt, kann ich mir durchaus vorstellen, auch weiterhin im Bereich Filmmusik zu arbeiten." Wohin geht es in der Zukunft generell für Cherilyn? "Hm - nun, vielleicht schreibe ich ja mal ein Musical. Ich weiß es noch nicht genau, aber ich sehe, wie ich mich von dieser Pop-Idee zu lösen beginne, wo eine Stimme der Anker für alles ist. Das habe ich ja schon auf der neuen Scheibe getan und mich darum bemüht, einige oder viele Stimmen einzusetzen. Ich weiß es aber noch nicht genau. Mal sehen, was noch alles passiert."
Weitere Infos:
www.dearreadermusic.com
www.cityslang.com/dear-reader/
www.facebook.com/dearreadermusic
www.youtube.com/DearReaderMusic
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Dear Reader
Aktueller Tonträger:
Rivonia
(City Slang/Universal)




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