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PIERRE DE REEDER / RILO KILEY
 
Bescheidene Erwartungen
Pierre de Reeder / Rilo Kiley
Bekannt ist Pierre de Reeder vor allem als Bassist der Ausnahme-Indierocker Rilo Kiley. Doch auch seit das amerikanische Quartett nach dem missglückten Majorlabel-Flirt "Under The Blacklight" aus dem Jahre 2007 alles hinwarf, ist der in Los Angeles heimische Musiker und Familienvater keinesfalls untätig gewesen. Inzwischen hat Pierre nicht nur sein feines Solo-Debüt, "The Way That It Was", herausgebracht, er ist auch Tonstudio-Inhaber und veröffentlicht auf seinem Little Record Company-Label regelmäßig feine Werke von Künstlern wie Heidecker & Wood, Mike Bloom, Miracle Parade und dem auch in Deutschland längst nicht mehr unbekannten Nik Freitas. Seine bislang größte Labelveröffentlichung führte ihn unlängst zurück in die eigene Vergangenheit: "Rkives" von Rilo Kiley versammelt Unveröffentlichtes und Rares aus fast zehn Jahren Rilo Kiley. Weil die Band vereinbart hat, die Veröffentlichung nicht mit spezifischen Interviews zu bewerben, sprachen wir im Gaesteliste.de-Interview mit Pierre vor allem über seine Tätigkeit als Labelmacher und Studio-Besitzer.
Little Record Company - der Name von Pierres Label legt nahe, dass er es in erster Linie als DIY-Unternehmung gegründet hat, um seine eigene Musik zu veröffentlichen, und nicht, um der nächste David Geffen zu werden. "Das stimmt", bestätigt er lachend. "Ich gehe all meine Projekte mit bescheidenen Erwartungen an. Das Label habe ich, wie du richtig sagst, zunächst einmal geründet, um meine Solo-Platte zu veröffentlichen, aber von Anfang an hatte ich die Idee im Hinterkopf, dass es toll wäre, auch die Musik anderer zu veröffentlichen. Kurz darauf wurde ich dann auch noch Tonstudio-Besitzer, und da dachte ich: Wenn Studio und Label Hand in Hand arbeiten, könnte ich gewissermaßen dem alten Sun Records-Modell folgen, wo auch alles von der Produktion bis zur Veröffentlichung unter einem Dach geschah."

Die Idee, heute ein Label nach dem Modell der 50er-Jahre aufzuziehen, ist natürlich eine fast schon romantische Vision. Schließlich verstehen viele heute unter Labelarbeit, ihre MP3s bei Bandcamp hochzuladen oder iTunes anzumailen, um zu erfahren, zu welchen Bedingungen ihr Album dort zum Verkauf angeboten werden kann. "Natürlich muss man sich der heutigen Gegebenheiten sehr bewusst sein. Ich veröffentliche zwar die meisten Sachen noch in den traditionellen Formaten - Vinyl und CD -, aber natürlich weiß ich um die Dominanz der digitalen Vertriebswege", sagt Pierre. "Es ist einfach wichtig, alles in Maßen zu tun, ganz abgesehen davon, dass mein Label ja ein Ein Mann-Betrieb ist: Auch wenn mir Presse-Promoter und ein Vertrieb helfen, mache ich doch das meiste allein, versuche alles überschaubar und die Kosten niedrig zu halten. Wichtig ist auch, realistische Ziele bei den Verkaufszahlen zu haben."

Außer seinem eigenen Album hat Pierre mit der Little Record Company bislang vor allem die Musik befreundeter Künstler veröffentlicht, anstatt durch die Nachtclubs von L.A. zu streifen und ihm unbekannte Newcomer zu entdecken, die er unter Vertrag nehmen könnte. Nun müssen die eigenen Freunde aber natürlich nicht zwangsläufig die besten Musiker mit blendenden Verkaufsaussichten sein. Doch für den Labelboss war das bisher kein Problem. "Ich habe wohl einfach das Glück, viele sehr talentierte Freunde um mich zu haben", erklärt er grinsend. "Außerdem ist es so, dass die meisten Künstler auf mich zukommen und das finanzielle Risiko bei ihnen liegt. Ich erledige zwar all die anfallenden Arbeiten, aber das Geld für die Produktionen kommt nicht von mir. Deshalb spielt das von dir Angesprochene für mich nur eine untergeordnete Rolle. Würde ich dagegen das Geld im traditionellen Labelsinne vorschießen, würde ich das natürlich ganz anders sehen."

Doch selbst auf dem niedrigen Level der sogenannten Administrative Labels gibt es natürlich einige Vorreiter. Hat Pierre sich die Erfolgsmodelle anderer DIY-Plattenfirmen-Macher abgeschaut, bevor er selbst anfing, Platten herauszubringen? "Ehrlich gesagt habe ich mich in das Abenteuer ohne großes Vorwissen gestürzt", gesteht er. "Gewissermaßen habe ich mich und meine eigene Platte als Versuchskaninchen benutzt und dabei eine ganze Menge gelernt. Das war ein prima Testballon, denn ich war ja der Einzige, der dabei profitieren oder versagen konnte. Aber natürlich hat es Labels gegeben, die mich inspiriert haben. Barsuk oder Saddle Creek zum Beispiel, die in der Vergangenheit beide Platten von Rilo Kiley veröffentlicht haben. In beiden Fällen haben sie sich von ganz unten emporgearbeitet, und natürlich habe ich bei beiden des Öfteren um Rat gefragt." Viele andere Musiker, die eigene Labels haben, gestehen in den Gesprächen mit uns immer wieder, dass sie sich in der Rolle des Verkäufers nicht wohlfühlen, weil sie nicht wirklich mit der des Künstlers zu vereinbaren ist. "Natürlich bist du, wenn du deine eigene Musik veröffentlichst, auch ein Verkäufer, aber in gewisser Weise brauchst du diese Qualität heutzutage im Musikbusiness eh, denn die Zeiten, in denen du dich zurücklehnen und lediglich 'der Künstler' sein kannst, während das Label absolut alles andere für dich erledigt, sind lange vorbei", weiß Pierre. "Allerdings war ich schon froh, nach meinem eigenen Album auch die Musik anderer veröffentlichen zu können, eben damit ich nicht gleichzeitig Künstler und Verkäufer sein musste. Die Rilo Kiley-LP hat mir dagegen auch gezeigt, dass es Vorteile haben kann, sehr stark persönlich involviert zu sein, weil es dich als Verkäufer fokussierter arbeiten lässt."

Pierre de Reeder / Rilo Kiley
Die Idee, Liegengebliebenes und Seltenes von Rilo Kiley auf einer Compilation zu vereinen, existiert schon seit Jahren. Bereits 2010 sprach RK-Drummer Jason Boesel davon, ein Projekt wie "Rkives" auf die Beine zu stellen. Warum hat es letztlich so lange gedauert? "Das war einfach die Dynamik der Band. Wir haben uns langsam herangearbeitet", antwortet Pierre. "Das Konzept stand in der Tat bereits vor einigen Jahren, und schon damals hatte ich im Hinterkopf, dass ich die Platte vielleicht veröffentlichen könnte. Die endgültige Entscheidung darüber ist aber erst vor relativ kurzer Zeit gefallen. Nun bin ich allerdings sehr glücklich, dass ich derjenige war, der sie herausgebracht hat, und hoffe, dass die anderen das auch so sehen." Dass die in der Tat brillante Platte weltweit praktisch ausschließlich glänzende Kritiken bekommen hat, wundert Pierre nicht: "Dadurch, dass wir die Platte selbst veröffentlicht haben, hatten wir vollkommene Freiheit. Alles, was uns vorschwebte, konnten wir auch umsetzen. Ich finde, es war vor allem eine schöne Überraschung, dass es sich nicht lediglich um eine Sammlung alter Songs gehandelt hat, sondern dass die erste Hälfte des Albums ausschließlich unveröffentlichte Songs enthält, gewissermaßen eine komplett neue Platte. Allein dadurch, dass wir diese Reihenfolge gewählt haben, war mir praktisch schon vorher klar, dass die Hörer positiv darauf reagieren würden."
Zwar lässt Pierre ein Hintertürchen für eine Rilo Kiley-Wiedervereinigung offen ("Es ist nicht in Stein gemeißelt, dass wir nie mehr zusammen Musik machen werden", sagt er), sein Hauptaugenmerk gilt allerdings inzwischen dem Kingsize North-Tonstudio in L.A., das er gemeinsam mit dem aus dem Chicagoer Umfeld von Wilco und Ashtray Boy bekannten Dave Trumfio betreibt und das im Gegensatz zu seinem Label mehr als nur Liebhaberei ist. Größen wie Vampire Weekend, She & Him, The Strokes-Frontmann Julian Casablancas und natürlich auch Rilo Kiley-Sängerin Jenny Lewis haben dort aufgenommen. Ein zweites Soloalbum hat Pierre deshalb zwar im Hinterkopf und er arbeitet auch kontinuierlich daran, aber fertig ist es noch lange nicht. "Ich habe fünf Jahre gebraucht, das erste fertigzustellen, und das zweite braucht nun wieder fünf Jahre oder vermutlich sogar noch länger", sagt er lachend. "Ich bin mir bewusst, dass es ziemlich ironisch ist, dass ich ein Tonstudio in Reichweite habe, es aber für mich selbst kaum benutze. Allerdings mag ich es, alle Zeit der Welt zu haben, mich hinsetzen zu können und Dinge einfach ausprobieren zu können. Gleichzeitig stimmt es natürlich auch, dass man schnell den Faden verlieren kann, wenn man keine Beschränkungen hat. Als ich bei der ersten Platte in die heiße Phase kam, habe ich mir deshalb einen strikten Zeitrahmen von drei Wochen gesetzt, das Studio gebucht und alles konzentriert fertiggestellt. Ich denke, auch bei der zweiten Platte werde ich an den Punkt kommen, an dem ich mir sage: 'Okay, Schluss mit lustig, jetzt wird ein paar Wochen ernsthaft gearbeitet!'"
Weitere Infos:
www.pierredereeder.com
www.rilokiley.com
Interview: -Simon Mahler-
Fotos: -Pressefreigaben-
Pierre de Reeder / Rilo Kiley
Aktueller Tonträger:
Rkives
(Little Record Company/Cargo)




Pierre de Reeder / Rilo Kiley

 
 

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