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GRANT HART
 
Das verlorene Paradies
Grant Hart
Rund sieben Jahre lang arbeitete der britische Dichter John Milton an seinem epischen Gedicht "Paradise Lost". 1667 veröffentlicht, umfasst es zwölf Bücher mit jeweils 640 bis 1200 Zeilen, in denen die Geschichte des Höllensturzes der gefallenen Engel, der Versuchung von Adam und Eva durch Satan, des Sündenfalls und der Vertreibung aus dem Garten Eden geschildert wird. Ebenfalls sieben Jahre brauchte der frühere Hüsker-Dü- und Nova-Mob-Vordenker Grant Hart, um seine eigene Version des Epos in 20 Songs zu hüllen, die nun auf dem ambitionierten Doppel-Album "The Argument" erscheinen. Gaesteliste.de hatte die Gelegenheit, einen ganzen Tag mit Grant zu verbringen und mit ihm über viele Dinge zu sprechen: Sein Faible für die Krupp-Dynastie, sein Interesse an den Methoden Albert Speers, den Einfluss seiner Eltern auf sein Wirken, die schwierige Beziehung zu den Musikern von Hüsker Dü und sein Misstrauen gegenüber der Plattenindustrie sind nur einige dieser Themen. An dieser Stelle soll es dennoch ausschließlich um seine neue Platte gehen.
"Die Idee für 'The Argument' reicht zurück bis zum Sommer des Jahres 2007", verrät Grant bei unserem Gespräch. "Damals besuchte ich meinen Freund James Grauerholz in Kansas, der zuvor als persönlicher Sekretär für William Burroughs gearbeitet hatte. Zusammen sind wir einige der unveröffentlichten Schriften durchgegangen, die William hinterlassen hat, darunter auch ein dreiseitiges Manuskript seiner Version von 'Paradise Lost'. Der Grund dafür war ein geplanter Nachfolger für das von Burroughs getextete Musiktheaterstück 'The Black Rider', zu dem ja Tom Waits die Musik geschrieben hatte. Als James dann vorschlug, dass dieses Mal Rufus Wainwright die Musik schreiben sollte, wollte mir das einfach nicht in den Kopf. Gleichzeitig war ich auf der Suche nach einem neuen Projekt, mit dem ich meine Live-Performance würde ausweiten können. Ich hoffe, dass meine Bearbeitung in den nächsten zehn Jahren auf verschiedenen Bühnen, mit verschiedenen Ensembles - zum Beispiel bestehend aus Musikstudenten - aufgeführt wird. Auf jeden Fall möchte ich mit diesem Projekt einen Schritt über die üblichen Clubs und Bars hinaus machen."

Doch auch wenn Hart unter "The Argument" mehr versteht als nur seine nächste Platte, heißt das nicht, dass die Veröffentlichung als solche deshalb weniger Gewicht hat. "Ich wünsche mir, dass die Version des Werks auf der Platte als Vorlage für alle Versionen dient, die danach noch folgen mögen", sagt er. "Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es eines Tages Veröffentlichungen mit anderen, mit größerem Ensemble produzierten Versionen gibt. Das ist allerdings natürlich Zukunftsmusik. Zunächst einmal habe ich ja begonnen, einige der Songs solo zu spielen, der nächste Schritt ist, sie mit drei oder vier anderen Musikern zu performen, und danach kann man sich dann Gedanken über Arrangements machen, bei denen Parts, die im Original von einem einzelnen Instrument übernommen werden, von einem kompletten Streichquartett gespielt werden."

Die Idee, über die Entstehung von "The Argument", genauer gesagt, über das Schreiben von Musik zu einem bestehenden Manuskript Vorträge und / oder Vorlesungen zu halten, hat Grant bereits in die Tat umgesetzt: Beim 2012er SXSW-Festival in Austin war er als Gastredner geladen. "Das ist für mich ein Zeichen, dass das, was mir für dieses Projekt vorschwebt, auch tatsächlich in die Tat umgesetzt werden kann", freut er sich. "In mir steckt zweifelsohne ein Pädagoge. Mein Vater war Lehrer, und das hat fraglos auch auf mich abgefärbt. Ein Weg, die Menschen davon zu überzeugen, dass du klug bist, ist schließlich, ihnen etwas beizubringen."

Das Burroughs-Manuskript war die Initialzündung für "The Argument", doch bevor es an seine eigene Version ging, machte Grant noch weitere Recherchen. "Angefangen habe ich mit der dreiseitigen Burroughs-Version, anschließend habe ich mir dann Werke anderer Autoren zu Gemüte geführt, die auf 'Paradise Lost' basieren. Viele dieser Arbeiten sind ziemlich Anfangs-lastig. Die ersten drei Bücher werden immer berücksichtigt, vieles vom Rest wurde oft ohne jegliche Erwähnung übergangen", erklärt er. Doch auch "The Argument" ist (natürlich) keine umfassende Vertonung der Milton'sche Vorlage, dafür, da ist Grant sich sicher, hätte es mindestens eines Vierfach-Albums bedurft. "Letztlich findet sich Miltons Story also nicht in Gänze auf der Platte wieder, trotzdem wird auf dem Album eine geschlossene Geschichte erzählt", verrät er. "Ein großer Teil des ursprünglichen Gedichts ist eine ausführliche Neufassung des Alten Testaments, die für meine Version nicht vonnöten war. Ich habe auch einige Charaktere gestrichen und viele Inhalte eher allegorisch verwoben. Zu Beginn bin ich auch ziemlich zynisch mit den christlichen Aspekten der Geschichte umgegangen - ich bin kein Ungläubiger, aber organisierte Religion ist für mich ein Witz -, aber später habe ich diese Facette der Story mit mehr Respekt behandelt."

Dass Grant das Straffen der umfangreichen Story relativ leicht fiel, lag nicht zuletzt an der sprachlichen Brillanz der Vorlage. "In 'Paradise Lost' kann man auf jeder zweiten Seite gewissermaßen einen Song finden oder zumindest eine Formulierung, die sich gut als Refrain für ein Lied eignen würde", weiß Grant. "Natürlich kann man keinen Song schreiben, der neun Tage dauert, um den Fall der Engel darzustellen, aber es gibt Mittel und Wege, diese Zeitspanne abzubilden. Die Ideen sprangen mich geradezu an. Mir wurde auch schnell klar, dass ich das Ganze nicht chronologisch angehen könnte. Deshalb bin ich hin und her gesprungen. Nachdem ich 20 Songs zusammenhatte, habe ich sie in eine Reihenfolge gebracht und dann geschaut, welche Teile der Geschichte noch deutlicher herausgearbeitet werden mussten."

Dass die Fertigstellung von "The Argument" letztlich doch so lange auf sich warten ließ, ist auf Grants Sorgfalt zurückzuführen. Die meiste Zeit verwendete er auf Texte und Gesang. "Natürlich war mir bewusst, dass die Menschen bei einer Platte, die auf Miltons 'Paradise Lost' basiert, ein besonderes Augenmerk auf die Erzählweise richten würden", sagt er. "Ich habe kürzlich ein Interview gegeben, bei dem der Schreiber eine Menge unglaublich detaillierter Fragen nicht nur zur Musik, sondern auch zu den Texten gestellt hat. Da wurde mir wieder bewusst, dass die Leute sich auch auf die kleinen Details in meiner Arbeit stürzen."

Weitere Infos:
www.granthart.com
www.facebook.com/pages/Grant-Hart/356067441965
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Andrew Moxom-
Grant Hart
Aktueller Tonträger:
The Argument
(Domino Records/GoodToGo)




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