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FACTORY FLOOR
 
Gegenentwurf zum Üblichen
Factory Floor
"Wir haben einfach gewartet, bis ein neuer Prinz geboren wurde" - so erklären die Londoner Electro-Überflieger Factory Floor am Tag nach der Geburt des jüngsten Sprosses der englischen Königsfamilie augenzwinkernd die Tatsache, dass die Band zwar bereits seit 2009 in der aktuellen Besetzung mit Gabe Gurnsey (Drums, Programming), Dominic Butler (Bass/Synths) und Nik Colk Void (Gitarre) zusammenspielt und genauso lange in aller Munde ist, aber dennoch erst jetzt ihr ausgezeichnetes selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlicht, auf dem die drei sich von den frühen Industrial-Klängen der späten 70er genauso beeinflussen lassen wie vom New Yorker Dance-Underground der frühen 80er und dem Sound aus Manchester der gleichen Zeit. Allerdings hat das Trio die letzten Jahre keinesfalls verschwendet. Kollaborationen mit Stephen Morris von New Order, Chris & Cosey von Throbbing Gristle und etliche hochkarätige Remixaufträge und Festivalauftritte haben für viel Inspiration und Erfahrung gesorgt, was sich letztlich auch positiv auf den mitreißenden, trotz elektronischer Basis betont organischen Sound des Erstlings ausgewirkt hat. "Die letzten zwei Jahre waren ein einziger großer Lernprozess", gestehen Nik und Gabe beim Gaesteliste.de-Interview. Dennoch: Bei aller Liebe für klangliche Experimente und musikalische Zufälle steht fest: Factory Floor wissen, was sie wollen und wie sie dort hinkommen.
GL.de: Wie fühlt man sich als Factory Floor im Jahr 2013?

Nik: Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich ein wenig das Zeitgefühl verloren habe, weil wir in den letzten beiden Jahren so intensiv damit beschäftigt waren, das Album fertigzustellen. Mir ist letztens ein Magazin in die Hände gefallen, für das wir ein Fotoshooting gemacht hatten, und auf dem Cover stand "2011". Ich konnte kaum glauben, wie schnell die Zeit verflogen ist. Ich glaube allerdings, der Zeitpunkt für die Veröffentlichung unseres Albums ist sehr gut, wenn man betrachtet, was musikalisch und generell künstlerisch um uns herum vorgeht.

GL:de: Für die selbst produzierten Aufnahmen eures Debütalbums habt ihr euch ein altes Mischpult von Dave Stewart zugelegt, mit dem schon die Eurythmics gearbeitet haben?

Gabe: Ja, das war allerdings purer Zufall! Das Mischpult wurde auf eBay versteigert und die Auktion lief zu einer absurden Zeit am frühen Morgen aus, und offenbar war niemand so früh schon auf den Beinen, um darauf zu bieten. Außerdem musste es persönlich abgeholt werden - meilenweit entfernt von London. Deshalb hat sich niemand dafür interessiert und wir haben es für einen Spottpreis bekommen. Ich würde sogar sagen, dass es vermutlich das billigste Teil unserer kompletten Studio-Ausstattung war! Letztlich zählt das Ergebnis. Das Equipment muss nicht cool oder neu oder DIY oder sonst wie teuer sein, es muss den Klang erzeugen, der dir vorschwebt. Alles andere ist egal.

GL.de: Ihr sagt, dass ihr es nicht darauf anlegt, oldschool zu sein. Aber ein Demo an "Stephen Morris, Macclesfield" zu adressieren und es per Briefpost auf den Weg zu schicken, ist doch recht altmodisch, oder?

Gabe (lachend): Das lag lediglich daran, dass Stephen übers Internet nicht zu packen war. Es per Post zu versuchen, war natürlich in der Tat ziemlich oldschool, allerdings haben wir seitdem auch nie mehr etwas auf diesem Wege verschickt!

GL.de: Obwohl ihr dadurch mit Stephen in Kontakt gekommen seid, habt ihr für die Album-Aufnahmen letztlich weder ihn noch jemand anders auf den Produzentenstuhl gesetzt...

Nik: Chris und Cosey haben mir erzählt, dass die beschränkten finanziellen Mittel, die sie zur Verfügung hatten, ihre Kreativität beflügelt haben. Chris hat deshalb zum Beispiel seine eigenen Synthesizer bauen müssen. Wir hatten zwar ein wenig Geld für unser Studio und unser Equipment, aber dann hatten wir keins mehr, für den langen Prozess der Entstehung unseres Albums einen Tontechniker oder Produzenten zu bezahlen. Deshalb haben wir es selbst gemacht.

Gl.de: Wie muss man sich die Entstehung eurer Tracks vorstellen?

Nik: Wir haben in unserem Studio unser Live-Set-up aufgebaut und manchmal stundenlang alles mitgeschnitten, was wir ausprobiert haben. Anschließend haben wir uns die Aufnahmen angehört und uns auf die Parts gestürzt, die besonders interessant waren, bei denen alles zusammengepasst hat, und daraus haben wir dann einen Track entwickelt.

GL.de: Schießt ihr dabei manchmal auch über das Ziel hinaus?

Gabe: Ja! Manchmal muss ein Stück erst im Chaos versinken, bevor man zu einem Punkt der Klarheit und Einfachheit gelangt.

GL.de: Eure Musik ist gewissermaßen ein Gegenentwurf zum Üblichen. Wie gelingt euch das?

Nik: Gabe steht zum Beispiel ziemlich auf Dancemusic, und wenn ich in unseren Tracks etwas hörte, das mich zu sehr an klischeehafte Dancemusic erinnerte, dann pfiff ich ihn zurück und sagte: 'Nee, das wollen wir nicht in unserer Musik haben.' Bei mir war es ähnlich. Wenn ich auf der Gitarre zu viel Krach machte, fragten mich die anderen beiden: 'Ist das wirklich nötig?' Gleichzeitig haben wir versucht, uns von all den unterschiedlichen Szenen fernzuhalten, die es in London gibt.

Gabe: Das haben wir getan, weil wir uns nicht selbst in eine bestimmte Schublade stecken wollten, denn das erstickt die Kreativität einer jeden Band. Wir dagegen wollten zu Beginn der Aufnahmen zu unserem Album eine weiße Leinwand haben.

GL.de: Mit dem Sound eures Albums setzt ihr euch bewusst vom betont brachialen Sound eurer frühen Live-Shows ab...

Nik: Bei unseren frühen Konzerten haben wir die Leute einfach mit unglaublicher Lautstärke umgeblasen. Außerdem waren sie ziemlich krachig. Inzwischen sind wir selbstbewusster in unserem Tun und haben unseren Sound etwas vereinfacht, etwas bereinigt. Dadurch ist der tanzbare Aspekt mehr in den Vordergrund gerückt. Unsere Auftritte sind viel freier und lockerer als unser Album. Live geben wir uns nur eine grobe Vorgabe für die Tracks, der Rest ist Improvisation. Manchmal besteht unser Set deshalb nur aus einem einzigen langen Track, genauso gut können es aber auch zwei, drei kürzere sein. Das hängt ganz spontan vom Auftrittsort, vom Publikum oder gar von der Uhrzeit ab. Die Platte sollte fokussierter und disziplinierter sein.

GL.de: Was bedeutet das für die im Oktober anstehenden Konzerte?

Nik: Wenn wir jetzt mit dem Album auf Tour gehen, nehmen die Songs womöglich ein völlig neues Leben an, denn wir werden bei unseren kommenden Konzerten die Tracks der Platte ganz sicher nicht nur reproduzieren - das interessiert uns überhaupt nicht. Live werden wir in Zukunft das Feeling des Albums als Ausgangspunkt nehmen und anfangen, auf der Bühne und vor Publikum zu experimentieren, genau so, wie wir das in den letzten Jahren bereits getan haben.

Weitere Infos:
facebook.com/Factoryfloor
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
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Aktueller Tonträger:
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(DFA/Cooperative Music)




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