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SWEARIN'
 
Wut im Bauch und ungewöhnliche Perspektiven
Swearin'
Ein Zwilling kommt selten allein, so heißt es. Eine Floskel, die sich nun bei Katie und Allison Crutchfield bewahrheitet. Nachdem Katie mit "Cerulean Salt", dem famosen zweiten Album ihrer Band Waxahatchee, diesen Sommer auch hierzulande für Furore sorgte, macht sich nun ihre Schwester Allison auf, unsere Herzen mit dem ultra-eingängigen Pop-Punk und dem herrlich störrischen Retro-Indierock ihrer Band Swearin' im Sturm zu erobern. Dieser Tage veröffentlicht das britische Connaisseur-Label Wichita Recordings zeitgleich die ersten beiden Platten der Band, "Swearin'" und "Surfing Strange". Gaesteliste.de traf Allison und ihre Mitstreiter Kyle Gilbride, Jeff Bolt und Keith Spencer Anfang Oktober während ihrer ersten Deutschland-Tournee in Hamburg.
Katie und Allison hätten es zusammen durchaus zu etwas bringen können. Ihre gemeinsame, vom Riot-Grrrl-Geist beseelte Underground-Punk-Band P.S. Eliot stand nach den beiden großartigen Platten "Introverted Romance In Our Troubled Minds" und "Sadie" kurz vor dem großen Sprung, als die beiden beschlossen, musikalisch getrennte Wege zu gehen. Dass P.S. Eliot vor zwei Jahren das Zeitliche segneten, lag laut Katie nicht zuletzt daran, dass sie als alleinige Songschreiberin der Band die Ambitionen ihrer Schwester, mehr sein zu wollen als nur die Schlagzeugerin, unterschätzt hatte. "Ich denke, dass ich schon immer Songs schreiben, aber nicht unbedingt Gitarre spielen wollte", erwidert Allison darauf angesprochen. "Ich habe mit 14 begonnen, Schlagzeug zu spielen, weil wir eine Band gründen wollten und keine Drummer kannten. Als ich dann älter wurde, bekam ich eine Gitarre und fing an, selbst Songs zu schreiben." Der Grundstein für Swearin' war gelegt.

Nachdem Allison ihrer Heimat Alabama den Rücken gekehrt und über den Umweg Brooklyn in Philadelphia gelandet war, rekrutierte sie dort die Musiker für ihre neue Band in ihrem direkten Umfeld: Ihr Boyfriend Kyle, mit dem sie sich bei Swearin' Gesang und Gitarre teilt, hatte schon bei P.S. Eliot mitgemischt. Bassist Keith Spencer ist der Herzbube ihrer Schwester und Schlagzeuger bei Waxahatchee, ob seiner Vielseitigkeit so etwas wie der stille Trumpf der Band, der mehr tut, als man auf den ersten Blick sieht - wenngleich er natürlich zu bescheiden ist, das zu bestätigen. "Ich schalte mich ein, wo immer ich es kann, und versuche einfach, eine ungewöhnliche Perspektive beizusteuern", umreißt er knapp seine Position in der Band. Drummer Jeff wohnte derweil nicht weit entfernt von dem heruntergekommenen Haus aus dem 19. Jahrhundert, das der neu gegründeten DIY-Band als Heim, Proberaum und Tonstudio gleichermaßen diente. "Ich war gerade von Michigan nach Philadelphia gezogen. Zuvor hatte ich immer in Bands gespielt und wurde fast verrückt, dass ich dort zunächst niemand finden konnte", erinnert er sich. "Eines Tages traf ich Katie - mit ihr bin ich zusammen in einer Band gewesen, die nur eine einzige Show gespielt hat -, und sie erzählte mir, dass Allison und Kyle eine neue Band gründen wollten, aber noch einen Schlagzeuger suchten. Also hab ich ihnen einfach eine eMail geschrieben: 'Ich habe gehört, dass ihr einen Schlagzeuger sucht, und möchte mir erlauben, meinen Namen ins Spiel zu bringen!' Mehr war nicht nötig!"

Dass sich bei Swearin' das Geschlechterverhältnis umgekehrt hat - P.S. Eliot bestanden aus drei Frauen und einem Mann - ist laut Allison trotz der gerade auf der Bühne spürbar anderen Dynamik keine große Sache. Wichtiger ist da schon, dass sich Swearin' als echte Band mit demokratischen Strukturen verstehen - mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. "Das ist das Beste und das Schlechteste an der Band", gesteht Kyle lachend. "Wir verbringen sehr viel Zeit mit Diskutieren und es gibt eine Menge Hin und Her."

Nicht zuletzt, weil zwischen der Bandgründung 2011 und der in den USA bereits letztes Jahr veröffentlichten ersten LP nicht viel Zeit lag, einigte sich das Quartett für sein selbstbetiteltes Debüt auf altbewährte Pop-Punk-Tugenden: "Wenn du dir all die Bands anhörst, in denen wir vor Swearin' gespielt haben, dann wirst du feststellen, dass sie allesamt so ähnlich wie unsere erste Platte klangen", erklärt Jeff. "Für uns war es einfach natürlich, mit unserem Erstling soundtechnisch dort anzuknüpfen. Jetzt, wo wir uns etwas länger kennen und nicht nur beim Musikmachen gerne zusammen sind, fühlen wir uns wohler dabei, auch mal etwas in die Runde zu werfen, das in eine andere Richtung geht, und mal zu sagen: 'Hey, wie wär's denn damit?'"

Das hinzugewonnene Selbstvertrauen kann man dem ausgezeichneten neuen Album deutlich anhören. Mit "Surfing Strange" schlagen die Amerikaner einen hörbar anderen Weg ein als mit der heruntergebolzten ersten LP und nähern sich dabei - bewusst oder unbewusst - ein Stück weit dem Sound von Waxahatchee. Vieles deutet nun eher in Richtung 90er-Jahre-Indierock im Allgemeinen und Grunge im Speziellen: The Breeders, Pavement, Dinosaur Jr. - sie alle hallen auf "Surfing Strange" wider. Auf der neuen Platte drosseln Swearin' allerdings nicht nur des Öfteren das Tempo, sie lassen auch viel Platz für Ausreißer wie die Lo-Fi-Psychedelic-Nummer "Glare Of The Sun" oder Allisons Solo "Loretta's Flowers".

Diese musikalische Öffnung geht nicht zuletzt auf ein ungewöhnliches Faible Kyles zurück. "Mir gefällt es, Musik mal eine Chance zu geben, die mich im ersten Moment nicht anspricht", verrät er. "Ich beschäftige mich gerne mit Musik, die ich nicht mag, um zu sehen, ob ich nicht doch etwas für mich daraus ziehen kann." Auch textlich hat er eher ungewöhnliche Inspirationsquellen. Oft nimmt er einfach ein Wort, das ihm besonders gut gefällt und das für ihn heraussticht, als Ausgangspunkt. Folglich sind seine Texte zumeist eher Wortcollagen. "Die wenigsten meiner Songs erzählen Geschichten und handeln von mehreren Dingen gleichzeitig", bestätigt er. Allison dagegen hat eine in erster Linie emotionale Herangehensweise. "Ich werde von allem Möglichen inspiriert, aber in der Regel steckt eine Menge Wut dahinter", erklärt sie abschließend. "Ich bin selten zufrieden, das gibt mir eine Menge Stoff zum Schreiben."

Weitere Infos:
swearinnyc.tumblr.com
www.facebook.com/pages/Swearin/250793881642442
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Lance Nelson-
Swearin'
Aktueller Tonträger:
Surfing Strange
(Wichita Recordings/Pias Cooperative/Rough Trade)




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