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MINOR ALPS
 
Seelenverwandte
Minor Alps
"Da hätten die beiden aber auch schon eher drauf kommen können!", wird sicherlich so mancher denken, der dieser Tage "Get There", das hervorragende Debütalbum von Minor Alps, hört. Hinter dem kryptischen neuen Namen verbergen sich zwei lieb gewonnene alte Helden aus dem amerikanischen Indierock-Universum, Juliana Hatfield und Matthew Caws. Die eine stand nach ihrem Hit "My Sister" 1993 kurz vor dem Aufstieg zum Postergirl und mischte auch bei den Blake Babies und den Lemonheads mit, der andere schrieb für seine Band Nada Surf mit "Popular" schon 1995 einen Hit für die Ewigkeit. Gemein ist den beiden mit den weniger schönen Seiten des Lebens bestens vertrauten Außenseitern allerdings nicht nur ein Gespür für eingängige Melodien und feinsinnige Texte, sondern nicht zuletzt auch ein langer Atem. Auch rund 20 Jahre nach ihren größten Hits machen sie mit bewundernswerter Konstanz regelmäßig hervorragende Platten. Mit Minor Alps kommt jetzt zusammen, was im Geiste schon lange zusammengehört. Dennoch ist "Get There" keinesfalls ein bloßer Abklatsch der sonstigen Ergüsse von Juliana und Matthew. Zeilen wie "The couch is an island/A desert oasis/The room is a spaceship/And you're an undiscovered planet" unterstreichen zwar, dass sie textlich von ihren anderen Werken bekannte Themen aufgreifen, musikalisch entpuppt sich das Album dagegen über weite Strecken als betont relaxtes DIY-Projekt. Die Protagonisten haben nicht nur fast sämtliche Instrumente allein eingespielt und harmonieren gesanglich fantastisch, sondern schaffen mit oft wirkungsvoll eingesetzten Keyboards und Beats aus der Konserve auch eine stimmungsvoll-intime Atmosphäre, die sich bei aller musikalischen Vertrautheit hörbar vom sonstigen Wirken der zwei unterscheidet. Gaesteliste.de erwischte Matthew in seiner zweiten Heimat England, um über die Hintergründe der Entstehung des Duos und einiges mehr zu plaudern.
GL.de: Matthew, warum Juliana?

Matthew: Nun, ich war ein großer Fan der Blake Babies und ganz besonders ihres Albums "Sunburn". Ich war im College, als die Platte rauskam. Ich hörte sie im College-Radio und fand sie großartig. Seitdem habe ich Julianas Tun verfolgt, wenngleich nicht ständig. Aber immer, wenn ich mal wieder auf sie stieß, war ich richtig von den Socken. Ich hab das bereits in einem anderen Interview erwähnt und es tut mir leid, dass ich es hier nun wiederhole, aber es trifft einfach meine Gefühle am besten: Wenn ich ihre Melodien hören, spüre ich, dass wir Vorfahren aus der gleichen Stadt haben - sie kommen mir so ungeheuer vertraut vor und ergeben für mich so viel Sinn! Als wir zu ersten Mal zusammen gesungen haben - bei "Such A Beautiful Girl" auf ihrem Album "How To Walk Away"(2008) -, herrschte einfach eine besondere Atmosphäre im Studio. Zum einen lag das sicherlich daran, dass ich schon so lange an ihr interessiert war, zum anderen aber auch daran, wie sie auf das reagierte, was ich tat, und welche künstlerischen Entscheidungen sie traf. Ich erinnere mich, dass ich bereits damals dachte: "Wow, sie ist wirklich eine Selenverwandte."

GL.de: Nun ist es ja so, dass es solche Situationen des Öfteren gibt und dann gerne schnell bei ein paar Drinks über eine gemeinsame Platte nachgedacht wird, wenngleich diese Pläne aber zumeist im Sande verlaufen...

Matthew: Da gebe ich dir recht - und genau das hätte Juliana und mir auch passieren können! Warum es anders kam? Ich weiß es nicht! Ich denke, ich war einfach neugierig darauf, was wir zusammen würden machen können, und ihr ging es genauso. Deshalb lud ich sie ein, bei einem Nada Surf-Song ("I Wanna Take You Home") mitzusingen, und ich wiederum gastierte dann auch auf ihrem Album mit Coverversionen ("Juliana Hatfield"), und natürlich haben wir uns auch gesehen, wenn Nada Surf in Boston spielten. Einer von uns brachte dabei immer wieder eine gemeinsame Platte ins Gespräch - allerdings immer abwechselnd. Einer von uns wollte sie unbedingt sofort machen und der andere sagte: "Sehr gerne, aber im Moment passt es nicht." Nun stimmte einfach das Timing. Es war klar, dass Nada Surf eine kleine Pause einlegen würden, und als ich Juliana dieses Mal fragte, sagte sie Ja!

GL.de: Ein paar gegenseitige Gastauftritte sind eine Sache, sich nach 20 Jahren einen neuen Songwriting-Partner zu suchen, muss sich letztlich aber doch so etwa wie ein erstes Date nach einer Scheidung anfühlen, oder?

Matthew: Das wäre eine tolle Analogie, wenn ich vor meiner Heirat viele Dates gehabt hätte, hahaha. Nein, im Ernst: Das Ganze hat schon etwas von einem ersten Kuss. Juliana schlug deshalb vor, dass wir eine "geistige Verschmelzung" anstreben sollten, sprich: Wir haben uns einfach in mein Apartment gesetzt und geredet, geredet und noch mehr geredet, bis wir das Gefühl hatten, uns gut genug zu kennen, um uns gegenseitig Textvorschläge zu unterbreiten. Das ist ja immer eine peinliche Situation. Nicht nur, dass du dich jemandem offenbaren musst, die Situation muss auch behaglich genug sein, dass du dich traust, Vorschläge deines Gegenübers abzulehnen. Für mich ist das ziemlich beängstigend gewesen, denn für gewöhnlich versuche ich durchs Leben zu gehen, ohne irgendjemanden für irgendetwas zu kritisieren. In den ersten Wochen haben wir jedem Vorschlag so etwas wie "Das hier ist vermutlich kompletter Blödsinn, aber..." vorangestellt, um uns keine Blöße zu geben.

GL.de: Was hat dir an eurer Zusammenarbeit besonders gefallen?

Matthew: Das Tolle an diesem Projekt war, dass wir vollkommen identische Aufgaben hatten, es gab keine echte Arbeitsteilung. So konnten wir gewissermaßen zum Lektor des jeweils anderen werden, was viel leichter ist, als diese Aufgabe bei deinen eigenen Sachen selbst zu übernehmen. Ohne fremde Hilfe haust du, wenn du einen schlechten Tag hast, womöglich viele gute Ideen in die Tonne, während du, wenn es dir blendend geht, vielleicht ein paar Schnitzer durchwinkst. Wenn du dich mit dem Zeug von jemand anders auseinandersetzt, ist deine persönliche Stimmung weniger entscheidend. Nach einer Weile haben wir uns gegenseitig vollkommen vertraut, und das hat dazu beigetragen, dass diese Platte viel schneller aufgenommen wurde, als das mit Nada Surf möglich gewesen wäre.

GL.de: Das klingt so, als hättet ihr schnell festgestellt, dass ihr euch nicht nur musikalisch ähnlich seid.

Matthew: Sagen wir mal so: Die Vermutung, dass wir uns auch menschlich ähnlich sind, wurde schnell bestätigt. Das konnte man ja gewissermaßen schon aus unserer Musik ableiten. Die Texte, die wir in der Vergangenheit geschrieben haben, aber auch die Melodien, die wir verwendet haben, deuten auf Menschen hin, die nicht besonders glücklich sind, es aber gerne werden würden, sprich, die nicht in Selbstmitleid baden.

GL.de: Allerdings seid ihr euch nicht nur beim Songwriting, sondern vor allem auch gesanglich nah. Juliana ist aufgefallen, dass man an einigen Stellen eures Albums eure beiden Stimmen kaum auseinanderhalten kann. Bei euren vorangegangenen Duetten war das dagegen nicht so deutlich zu hören. War das für euch selbst eine Überraschung bei den Aufnahmen?

Matthew: Uns war bereits vorher klar, dass wir gut zusammenpassen. Ich stimme dir zwar zu, dass es auf den vorangegangenen Aufnahmen nicht so offensichtlich war, aber es gab da eine Situation vor einigen Jahren in New York, als Juliana mich bat, bei einem ihrer Konzerte zu gastieren. Zur Probe sangen und spielten wir die Songs in einem Treppenhaus mit zwei unverstärkten elektrischen Gitarren und stellten dabei fest, wie leicht es uns fiel, zusammen zu singen, und wie unsere Stimmen ineinander verschwanden. Das empfand ich als großen Gewinn, weil ich vom Doubletracking besessen bin, und jetzt sind wir in der Lage, zu mogeln: Anstatt meine Stimme doppelt aufzunehmen, singe ich einfach mit Juliana - Live-Doubletracking, gewissermaßen.

GL.de: Auffällig ist auch die entspannte Atmosphäre der meisten Songs. Rocksongs wie "I Don't Know What To Do With My Hands" bleiben die Ausnahme. War das geplant?

Matthew: Nein, ein Plan steckte nicht dahinter. Auch bei Nada Surf werden die meisten Songs auf der Akustikgitarre geschrieben, allerdings in dem Wissen, dass wir sie in der Regel später gemeinsam zu Rocksongs aufblasen werden. Juliana und ich wollten dagegen alles ganz simpel gestalten. Obwohl wir letzten Endes zwei tolle Schlagzeuger auf der Platte haben, kamen wir erst sehr spät auf den Gedanken, überhaupt Schlagzeug zu verwenden. Es gab aber noch einen anderen Grund, der womöglich auch die nächste Nada Surf-Platte beeinflussen könnte, wenngleich ich hoffe, dass das nicht geschieht: Wo ich hier in England wohne, können die Nachbarn mich gut hören. Deshalb spiele ich nie besonders laut und nie nach acht oder neun Uhr abends. Einige der Songs entstanden hier, und deshalb sind sie etwas zurückhaltender. Die lauteren Songs der Platte wie "Mixed Feelings" entstanden dagegen in Brooklyn, wo ich so viel Krach machen kann, wie ich will, ohne dass sich jemand daran stört. Doch auch wenn wir nicht vorhatten, ein lautes Album aufzunehmen, wollten wir dennoch keine super-entspannte Folk-Platte machen. Zwischenzeitlich gab es deshalb den Plan, alle Songs zweimal aufzunehmen, einmal mit Parker Kindred und Chris Egan am Schlagzeug und einmal nur mit Chris an der Drummachine. Aber auch die Songs, die kein echtes Schlagzeug haben, sind übrigens nicht programmiert. Wir haben eine alte Roland TR-909 aus den 80ern benutzt. Das war eine so tolle Arbeitsweise, dass ich hoffe, das in Zukunft zu wiederholen. Wir haben die Songs nämlich einfach auf Akustikgitarren gespielt, und gleichzeitig saß Chris an dieser riesigen Drummachine und hat sich einen Rhythmus einfallen lassen. Sobald wir etwas hatten, das uns gefiel, haben wir einfach aufgenommen - ohne Clicktrack, ohne Computer. Wir wollten ein paar Rhythmen aus der Konserve, weil sie so schön kalt sind. Das gefällt Juliana und mir: Der Kontrast zwischen wohlig-warmen Gefühlen bzw. Melodien und kühlen Texturen. Die Idee, parallel zwei Platten zu machen, mussten wir leider fallen lassen, weil es Parker nicht gut ging und er nur ein paar Tage ins Studio kommen konnte.

GL.de: Interessant ist auch, dass bei einigen Stücken eure Einflüsse stärker durchscheinen, als das für gewöhnlich bei Nada Surf oder auch Julianas Solowerken der Fall ist: Hier ein bisschen R.E.M. oder The Smiths, dort vielleicht ein Hauch von Big Star. War das Absicht, weil Minor Alps ja "nur" ein Seitenprojekt sind?

Matthew: Ich weiß, was du meinst, aber Absicht war das sicher nicht. Ich denke, das ist einfach darauf zurückzuführen, dass es weniger Filter gab und natürlich auch weniger Druck, Erwartungen gerecht zu werden. Außerdem liegt es sicherlich daran, dass Juliana und ich in puncto musikalische Sozialisation einen ähnlicheren Background haben, als das bei Nada Surf der Fall ist. Dort treffen völlig verschiedene Vorlieben aufeinander und ich hoffe, dass gerade das uns zu etwas Besonderem macht.

GL.de: Wäre dies ein Nada Surf-Interview, würden wir uns vermutlich die Frage nach der Zukunft der Band verkneifen, in diesem Falle sei sie aber erlaubt. Siehst du eine Zukunft für Minor Alps über die anstehenden Konzerte in den USA hinaus?

Matthew: Das Einzige, was ich im Moment weiß, ist, dass mein nächstes Projekt nach Weihnachten eine weitere Nada Surf-Platte sein wird. Weiter schaue ich momentan nicht. Allerdings haben Minor Alps so etwas wie eine Bandidentität entwickelt und ich bin gespannt, ob Juliana und ich irgendwann im kommende Jahr einen Song schreiben werden und denken: "Moment mal, der wäre ideal für Minor Alps!" Wir werden sehen.

GL.de: Außerdem müsstest ihr dann auch erst einmal ein weiteres Zeitfenster finden.

Matthew: Genau! Eine so perfekte Gelegenheit wie dieses Jahr wird so schnell nicht wiederkommen. Das passiert nur einmal alle 20 Jahre!

Weitere Infos:
minoralps.tumblr.com
www.facebook.com/minoralps
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Brad Walsh-
Minor Alps
Aktueller Tonträger:
Get There
(Ye Olde/Alive)




Minor Alps

 
 

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