Gaesteliste.de Internet-Musikmagazin



SUCHE:

 
 
Gaesteliste.de Facebook RSS-Feeds
 
Interview-Archiv

Stichwort:





 
DAMIEN JURADO
 
"Ich mache jetzt einfach mein eigenes Ding"
Damien Jurado
"15 von 17 Jahren wusste ich nicht, was ich tue" ist ein Satz, den man von Damien Jurado derzeit öfter hört. Natürlich kann man die Aussage als typische Musiker-Rhetorik abtun, denn schließlich ist die neueste bekanntlich immer die beste Platte, doch für den so herrlich gelassen wirkenden Kauz aus Seattle, der sich Anfang des neuen Jahrtausends als brillanter Folkie einen Namen machte, aber doch eigentlich etwas ganz anderes sein wollte, ist die Aussage nicht nur eine Floskel. Mehr als einmal hat der Amerikaner seit der Veröffentlichung seines Debüts "Waters Ave S" im Jahre 1997 daran gedacht, alles hinzuwerfen - bis ihm vor einigen Jahren mit dem Produzenten Richard Swift ein echter Seelenverwandter begegnete, mit dem er seine allenthalben hochgelobten (und ganz nebenbei auch noch sehr gut verkauften) letzten drei Alben - "Saint Bartlett", "Maraqopa" und das vor wenigen Wochen veröffentlichte "Brothers And Sisters Of The Eternal Son" - gemeinsam austüftelte und der ihm half, einen Bogen vom Folk zum angenehm spleenigen Retro-Pop zu schlagen. Auf seiner neuen Platte führt Damien textlich den auf "Maraqopa" begonnenen, mit spirituell-religiösen Metaphern durchsetzten Traum fort, der - ganz stark verkürzt gesagt - von einem Mann handelt, der auf der Suche nach sich selbst durch die Wüste wandert und dabei auf verschiedene Personen trifft, die ihm auf seinem Weg zur Selbsterkenntnis helfen. Wir trafen Damien in Köln und sprachen mit ihm über seine eigene Sinnsuche.
GL.de: "Brothers And Sisters Of The Eternal Son" ist bereits das dritte Album in Folge, das du gemeinsam mit Richard Swift aufgenommen hast. Wann wurde dir klar, dass aus der Zusammenarbeit eine langfristige und zudem so ungemein fruchtbare Partnerschaft werden würde?

Damien: Schon während der ersten Stunden unserer Zusammenarbeit war mir klar, dass wir noch viel gemeinsam machen würden - und ein Ende ist auch jetzt noch nicht in Sicht, denn es fällt uns einfach sehr leicht, uns gegenseitig Ideen zuzuwerfen. Richard war es auch, der mir geraten hat, mehr auf meine Einflüsse zurückzugreifen, was ich zuvor immer abgelehnt hatte, weil sie so zahlreich waren. Richard hat dann einen Weg gefunden, der mir das inzwischen ermöglicht. Zuvor habe ich lange Jahre damit verbracht, etwas zu sein, was ich eigentlich nicht bin. Ich war unsicher und hatte Angst davor, mein wahres Ich zu zeigen. Also ließ ich mich in bestimmte Schubladen stecken, die mir überhaupt nicht behagten, und das hat nicht besonders gut funktioniert. Blendend funktioniert dagegen, mein wahres Ich zu zeigen. Das hätte ich schon viel früher tun sollen!

GL.de: Bereust du also, diesen Schritt nicht schon früher gemacht zu haben?

Damien: Ja! Ganz am Anfang war ich ja noch ich selbst. Meine erste Platte und meine neue haben daher viele Gemeinsamkeiten. Beide sind ziemlich querbeet. Der Unterschied ist nur, dass meine erste Platte von allen gehasst wurde. Außerhalb meines Freundeskreises kenne ich nicht eine einzige Person, die das Album mag. In den meisten Reviews beschwerten sich die Schreiber darüber, dass ich mich nicht festlege. Sie erwarteten, dass ich mir ein klar abgestecktes Genre aussuche und mich daran halte - und das wollte ich nicht. Weil ich für das erste Album so runtergeputzt wurde, habe ich danach begonnen, mich an die Schubladen zu halten. Das habe ich sehr lange gemacht, aber es hat mich todunglücklich werden lassen.

GL.de: Ist der facettenreiche Sound deiner letzten Alben also mehr eine Flucht vor der Vergangenheit als der Wunsch, neue Dinge auszuprobieren?

Damien: Ja, es geht einzig und allein um die Flucht. Ich sehe es einfach nicht ein, mir Daumenschrauben anlegen zu lassen von irgendwelchen Kritikern oder Fans, die von mir ganz bestimmte Dinge erwarten. Ich mache jetzt einfach mein eigenes Ding. Wenn das jemandem nicht gefällt, hat er Pech gehabt. Das kann ich dann auch nicht ändern.

GL.de: Hat folglich die Tatsache, dass deine letzten beiden Platten auch textlich einen größeren Bogen schlagen, damit zu tun, dass du es leid warst, deine Geschichten in dreiminütigen Songs zu Ende erzählen zu müssen?

Damien: Hmm, ich weiß nicht so recht. Nein, das würde ich nicht sagen. Das war einfach eine andere Situation, weil die Geschichte, die ich erzählen wollte, länger war. Allerdings ist nicht nur die Story in die Länge gezogen, gleichzeitig sind meine Texte auch ein wenig abstrakter geworden. Das finde ich gut, wenngleich ich das nicht absichtlich gemacht habe. Das ist eher eine schleichende Entwicklung, die sicherlich auch damit zu tun hat, dass manche Menschen meine Texte zuvor etwas zu wörtlich genommen haben.

GL.de: War dir von Anfang an klar, dass die Traumwelt, in die du dich mit deinen Texten auf deinen letzten beiden Platten begibst, eine ideale Spielwiese für dich sein würde?

Damien: Nein, überhaupt nicht. Ich hätte nie gedacht, dass das funktionieren könnte. Offenbar lag ich mit dieser Einschätzung aber falsch!

GL.de: Eigentlich wolltest du die auf "Maraqopa" begonnene Geschichte ja gar nicht weitererzählen. Bevor "Brothers And Sisters Of The Eternal Son" entstand, hast du Material für eine komplette weitere Platte geschrieben und letztlich verworfen. Was geschieht nun mit diesen Songs?

Damien: Ich weiß es noch nicht. Vermutlich werde ich sie lediglich live spielen, und das war's dann. Ich fänd es unsinnig, eine ganze Platte mit Songs aufzunehmen, die mich einfach nicht mehr widerspiegeln. Es sind gute Nummern, aber sie sind nicht ehrlich. Sie sind das, was ich zweckorientierte Songs nenne. Ich habe mich hingesetzt und mich gefragt, welche meiner alten Songs meine populärsten sind, und dann habe ich Material für eine ganze Platte geschrieben, die genauso sind. Das war ziemlich billig.

GL.de: All deine Platten, selbst die akribisch ausstaffierten letzten, entstehen innerhalb weniger Tage. In den 60er-Jahren war es ja gang und gäbe, ganze Alben in ein, zwei Tagen einzuspielen, irgendwann ging diese Tradition dann allerdings verloren, bis sie nun gewissermaßen mit Musikern wie dir eine Renaissance erlebt. Wie kannst du so schnell arbeiten? Was ist dein Geheimnis?

Damien: Es steckt kein Geheimnis dahinter! Es geht einzig und allein darum, nicht das perfektionieren zu wollen, was bereits in der ursprünglichen Version perfekt ist. Wenn ich aufnehme, spiele ich immer live. So etwas wie zweite Versuche gibt es bei mir nicht. Auf der neuen Platte gibt es genau einen Song, den ich zweimal gespielt habe - und das auch nur, weil ich einen Texthänger hatte. Bei "Museum Of Flight" (von "Maraqopa") gab es sogar noch nicht einmal einen Probedurchlauf. Auf der Platte hört man, wie ich den Song zum allerersten Mal überhaupt spiele. Ich habe das Stück zehn Minuten nach dem Aufstehen, um 7.00 Uhr morgens aufgenommen. So etwas lässt sich einfach nicht duplizieren - und auch nicht perfektionieren."

GL.de: Wie viele der Arrangementideen, die inzwischen ein wichtiger Teil deiner Platten sind, hast du schon im Kopf, wenn nur die nackte Akustikversion existiert?

Damien: Keine, null! Erst nachdem ich Gitarre und Stimme live eingespielt habe - und bei allen Platten, die ich mit Richard aufgenommen habe, benötigten wir dafür nie mehr als eine Stunde! -, setzen sich Richard und ich hin und überlegen, was wir den Songs noch hinzufügen können. Das ist der Punkt, an dem für mich der Spaß beginnt.

GL.de: Wie sprecht ihr denn über Musik? Man hört ja immer wieder von Künstlern, die mit ihren Produzenten unbewusst eine Art Geheimsprache entwickeln, die Außenstehende ein Rätsel bleibt. Oder nehmt ihr einfach die Platten anderer als Referenzen?

Damien: Oh ja! Richard und ich mögen die gleiche Musik, und deshalb kann er Sachen sagen wie: "Erinnerst du dich an den Schlagzeugsound beim dritten Lied der ersten LP der Westcoast Experimental Pop Band?" Dabei geht es natürlich nie darum, etwas zu kopieren, sondern nur darum, sich von etwas inspirieren zu lassen. Denn selbst wenn wir uns die Platte dann noch mal gemeinsam anhören, haben wir natürlich keinen blassen Schimmer, wie sie das Schlagzeug damals aufgenommen haben. Also experimentieren wir einfach mit Mikrofonpositionen und Hall, bis wir etwas haben, das uns gefällt.

GL.de: Bei der neuen Platte hattest du zudem die Chance, viele Songs noch in einer zweiten Version für das der Erstauflage beiliegende Limited-Edition-Album "Sisters" aufzunehmen. Wie kam es zu den ungewöhnlichen Chor-Arrangements?

Damien: Das "Sisters"-Album ist durch drei Dinge inspiriert. Zunächst einmal ist da Ray Conniff, der mit seiner Herangehensweise nicht weit von Phil Spectors Wall of Sound entfernt war. Ich bin allerdings der Meinung, dass Spector zu viel Anerkennung für sein Tun bekommt. Ray Conniff und seine Produzenten und die Leute, die mit Frank Sinatra gearbeitet haben - das sind diejenigen, die den echten Wall of Sound erfunden haben. In meinen Augen hat Phil Spector nicht mehr gemacht, als die Produktionstechniken von Platten zu kopieren, die sich niemand angehört hat. Ich finde, es ist ein Witz, dass ihn nicht mehr Musiker deswegen zur Rede gestellt haben. Das heißt überhaupt nicht, dass ich seine Werke abwerten will, er bekommt nur einfach viel zu viel Anerkennung dafür.
Um auf "Sisters" zurückzukommen: Der Einfluss, den Ray Conniff auf mich hatte, war riesig. Ähnlich wie Phil Spector drei Gitarren gleichzeitig benutzt hat, hat Ray 30 weibliche Sängerinnen eingesetzt. Zehn sangen die hohen, zehn die mittleren und zehn die tiefen Töne. Dazu kamen noch einmal 30 Männer nach dem gleichen Muster und dann noch ein ganzes Orchester obendrauf, noch dazu mit viel Schlagwerk, geradezu riesigen Pauken, die klangen, als wären sie nicht von dieser Welt.
Der nächste wichtige Einfluss war die Gospel-Gruppe God Unlimited, die meines Wissens insgesamt fünf Alben aufgenommen hat. Zusammengestellt wurde die Gruppe in den 60ern von einem Pastor namens Tom Belt aus Phoenix, Arizona, der einfach ein paar Teenagern Instrumente in die Hand drückte und sie unisono singen ließ. Aufgenommen wurden die Platten in einer Turnhalle, deshalb haben sie auch diesen weiten Klang.
Diese Platten und die von Ray Conniff zu hören, war die Inspiration für "Sisters". Ich fragte mich: Warum nimmt niemand mehr Platten auf, die so klingen? Wenn man mal das Aufbauen der Mikrofone und so weiter außen vor lässt, wurde "Sisters" in weniger als einer Stunde aufgenommen, denn alles wurde live in einer alten Kirche mitgeschnitten. Die Mädels standen auf der einen Seite, ich auf der anderen, ihnen zugewandt. Zwischen uns standen gerade einmal drei oder vier Mikrofone, und das war schon alles. Das Witzige dabei ist: Auf keine meiner vielen Platten bin ich so stolz wie auf "Sisters" - ganz einfach, weil es derzeit keine Platten gibt, die auch nur annähernd ähnlich klingen.

GL.de: Als jemand, der einen weiten Weg gekommen ist, bevor er als Musiker wirklich glücklich war: Was würdest du aufstrebenden Nachwuchskräften raten?

Damien: Ich könnte jetzt natürlich vieles nennen, aber ich beschränke mich auf zwei, nein, drei Dinge: 1. Vergesse nie, dass die Musik in erster Linie für dich ist. Du darfst nie versuchen, einen Song mit einem Publikum im Hinterkopf zu schreiben. 2. Lebe im Jetzt, aber fokussiere dich nicht auf die Gegenwart. Richte deinen Blick darauf, wo du in zehn, 15, 20 Jahren sein könntest. Denke langfristig! 3. Nimm dich selbst nicht zu ernst. Das ist sehr wichtig! Strebe nicht nach Perfektion, sonst riskierst du, auf dem Weg verloren zu gehen.

Weitere Infos:
damienjurado.com
www.facebook.com/jurado.damien
en.wikipedia.org/wiki/Damien_Jurado
secretlycanadian.com/artist.php?name=juradodamien
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Steve Gullick-
Damien Jurado
Aktueller Tonträger:
Brothers And Sisters Of The Eternal Son
(Secretly Canadian/Cargo)




Damien Jurado

 
 

Copyright © 1999 - 2017 Gaesteliste.de

 powered by
Expeedo Ecommerce Dienstleister

Expeedo Ecommerce Dienstleister