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CANDELILLA
 
Mittendrin in der Veränderung
Candelilla
Besser spät als nie: Letztes Jahr haben wir Candelilla trotz einer Vielzahl Chancen und Veröffentlichungen - vor etwas mehr als einem Jahr erschien das dritte Album des Münchner Damen-Quartetts, "Heart Mutter", auf dem renommierten Zick-Zack-Label, letzten Herbst gab es die großartig betitelte Split-Single "Fick dich Alter" gemeinsam mit Die Nerven und kurz darauf auch noch einen nur auf Tape erhältlichen Konzertmitschnitt aus dem Kulturausbesserungswerk in Leverkusen - schändlicherweise komplett ignoriert. Jetzt gibt uns die bisweilen herrlich sperrige Diskus-Band mit dem unlängst veröffentlichten Remixalbum "Herz Mother" und einem Samplerbeitrag auf der just erschienenen "Keine Bewegung"-Compilation neue Aufhänger, uns mit ihr zu beschäftigen.
Candelilla sind in Deutschland vielleicht nicht einzigartig, aber dennoch etwas Besonderes. Die Einflüsse von Bassistin Mira Mann, Schlagzeugerin Sandra Hilpold, Pianistin Rita Argauer und Gitarristin Lina Seybold reichen von Indierock über Noise und Punk bis zur Wucht der Riot Grrrls, und der in diesem Umfeld nicht gerade alltägliche Klaviereinsatz fügt dem Ganzen noch einen Hauch Amanda Palmer'schen Wahnsinns hinzu. Doch bei aller Liebe zum Lärm haben viele der schlicht mit Nummern betitelten Songs der vier Damen auch einen unwiderstehlichen Groove. Wie sie auch inhaltlich gerne auf Slogans setzen und so ihre Texte auf das Wesentliche reduzieren, möchten Candelilla auch musikalisch zum Kern der Dinge vordringen und verzichten deshalb auf unnötiges Füllmaterial.

Seit 13 Jahren tummeln sich die vier Musikerinnen bereits im experimentellen Untergrund, veröffentlichten im Frühjahr 2008 ihr Debüt "Don't Rely On What Others Say" und anderthalb Jahre später das Zweitwerk "Reasonreasonreason", bevor sie letztes Jahr mit "Heart Mutter" künstlerisch einen großen Wurf gelandet haben. Finanziell macht die Gruppe allerdings auch weiterhin keine großen Sprünge. "Seit es die Band gibt, werden die Gagen gemeinsam gespart", verrät Mira Mann im Gaesteliste.de-Interview. "Seit Neuestem erhalten wir regelmäßige GEMA-Auszahlungen. Von der letzten gab's für mich ein neues Fahrrad."

Immerhin hat das Quartett inzwischen keine Probleme mehr damit, Konzerte im In- und Ausland zu bekommen. Dutzende Auftritte haben Candelilla in den letzten zwölf Monaten europaweit absolviert, weitere werden in den kommenden Monaten folgen. Wie dicht dabei Erfolg und Niederlage beisammenliegen, zeigt die Geschichte des ersten London-Auftritts der Band. "Noch vor dem Release von 'Heart Mutter' wollten wir unbedingt raus aus Deutschland, also möglichst viele Konzerte in anderen Ländern spielen", erklärt Mira. "Das hat vor der Veröffentlichung noch nicht so gut funktioniert. Wir haben uns mit Ach und Krach eine Show in London gebucht, sind auf eigene Kosten dorthin gereist und haben vor 20 mehr oder weniger desinteressierten Leuten gespielt. Niemand hat so recht zur Kenntnis genommen, dass wir da waren. Das einzig Schöne an dem Aufenthalt war die Unterkunft: Wir haben in dem Squad von der Posse von Ghostpoet übernachtet. Man musste über eine Leiter an der Hauswand in den zweiten Stock einsteigen, alles war selbst gemacht und die Badewanne war golden und auf einer Art Sockel. Ich denke, das war irgendwie eine wichtige Erfahrung, aber wie eine ordentliche Niederlage hat es sich doch angefühlt. Ich bin sehr froh, dass es dann letztes Jahr doch so gut mit den Konzerten außerhalb von Deutschland geklappt hat."

Doch nicht nur konzerttechnisch ist die Band inzwischen international unterwegs. Eingespielt wurde "Heart Mutter" schließlich in Chicago, mit keinem Geringeren als Steve Albini am Mischpult. Aus der Schnapsidee, mit der Produzentenlegende zusammenzuarbeiten, wurde schnell Ernst, als Albini die simple E-Mail-Anfrage Candelillas nicht nur umgehend beantwortete, sondern auch für eine Zusammenarbeit offen war. Das war bereits im Herbst 2011. Doch trotz der prominenten Unterstützung sagt Mira: "Soweit ich das heute sehe, waren wir uns damals schon selbst der größte Einfluss. Wir haben zwar schon immer sehr intensiv und intim zusammengearbeitet, bei der Vorbereitung und Aufnahme dieses Albums wurde diese Vorgehensweise dann aber zum ersten Mal zum Werkzeug, das wir eingesetzt haben, um Songs zu schreiben und zu produzieren." Entstanden ist dabei ein Werk, das allenthalben viel positive Resonanz erhielt. "'Heart Mutter' ist in meinen Augen ein minimalistisches und zartes Album geworden", sagt Mira selbst über die Platte. "Man hört vier Frauen dabei zu, wie sie von sich selbst erzählen. In englischer und deutscher Sprache, Kunstsprache, AhOh-Kauderwelsch, durch verzerrte Gitarren, Drumpatterns, Klaviereinbrüche, Bassfahnen, durch das Arrangement, das Übereinander- und Hintereinanderlegen, das Gegeneinanderstoßen, das Ineinanderverschmelzen: 'Take whatever is in your head and make a rhyme.' Ein fast manisches Suchen nach diesem authentischen "Reim" durchzieht das ganze Album. In manchen Momenten erzielen wir die volle Punktzahl, manchmal scheitern wir und manchmal ist es irgendwas dazwischen. Diese Bewegungen zu verfolgen, kann schon interessant sein."

Mit "Herz Mother", dem zweiten Remixalbum der Bandgeschichte, an dem u.a. Le Tigre/MENs JD Samson, Slut und Tubbe mitwirken, schließt sich unter dem Motto "Wieder: Ordentlich Abschied nehmen, bevor man Neues beginnt" nun der Kreis und Candelilla können sich ihren Zukunftsplänen und -träumen widmen. "Was wir zusammen haben und erleben dürfen, ist schon recht traumhaft. Aber da geht schon auch noch mehr: Zum Beispiel mal ein Album zu produzieren, ohne dabei in derartige finanzielle Bedrängnisse zu kommen, wäre schon ein Traum", erklärt Mira. Derzeit stecken die Damen in der Experimentierphase, schließlich spielen sie keine Musik, sie forschen nach Musik. Kein Wunder also, dass sie die Besucher ihrer derzeitigen Konzerte im Band-Newsletter dezent "vorwarnen": "Für uns ist das mehr Experimentierfeld als Konzert, wir freuen uns aber dennoch über Zuschauer", heißt es dort. Mira präzisiert: "Ich glaube, dass zum Songwriting schon auch dazugehört, dass man sich ein Stück weit aussetzt. Dieses Aussetzen kann auf verschiedensten Ebenen passieren. Zum Beispiel im Formulieren von Text, der ja in der Popmusik sehr nah am Sprecher/Sänger angesiedelt ist, oder im Suchen nach spannenden Klangbildern und Arrangementmöglichkeiten. Die Songs in einem frühen Stadium einem Publikum zu zeigen, ist eben eine weitere Ebene des Aussetzens und gehört für uns zu den Experimenten zum neuen Album."

Was uns genau auf dem nächsten Album der Süddeutschen erwartet, kann Mira allerdings noch nicht konkret sagen. "Wir stecken mittendrin in der Veränderung, und wie es sich für eine ordentliche Veränderung gehört, habe ich die Orientierung verloren", sagt sie. "Ich hoffe, es wird vielleicht etwas schärfer." Versuchen wir es also anders und fragen die Bassistin, was sie unter guter Musik versteht. "Gute Musik kann schon irgendwie jede Musik sein", antwortet sie zunächst mal recht vage. "Manchmal ist sehr progressive, moderne Musik geil, manchmal ist alte, nostalgische Musik geil, manchmal ist Popappeal sexy und manchmal die Sperrigkeit und Verweigerung, manchmal sind gute Texte bezaubernd und manchmal haben schlechte einen größeren Reiz, manchmal ist es die Pose und das Zitat, das interessiert, manchmal der Versuch, etwas zu erfinden… Dass sie so variabel ist, ist ja eine der besonderen Schönheiten der Popmusik. Bei uns im Probenraum gilt gerade als gut: fließend, brachial, einfach und sprechend."

Spannend wird es eh, schließlich beschreiben sich Candelilla selbst als "ernsthaft, überdimensioniert und größenwahnsinnig". Das wirft zum Schluss natürlich die Frage auf, welches das "größenwahnsinnigste" Ziel ist, das die vier in Zukunft gerne erreichen möchten. Miras Antwort: "Ich denke, diese Platte, die wir dieses Jahr zusammen machen wollen, ist schon ein sehr größenwahnsinniges Projekt!"

Weitere Infos:
www.candelilla.de
www.candelilla.de/band.html
de-de.facebook.com/gruppecandelilla
Interview: -Simon Mahler-
Foto: -Pressefreigabe-
Candelilla
Aktueller Tonträger:
Herz Mother
(Zick Zack/Rough Trade)


Candelilla

 
 

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