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KEN STRINGFELLOW
 
Der Drang nach Abenteuer
Ken Stringfellow
Man sollte annehmen, dass Platten aufzunehmen für Ken Stringfellow das Natürlichste auf der Welt ist. In den letzten Jahren war der inzwischen 45-jährige Tausendsassa an der Entstehung von Dutzenden Alben beteiligt, produzierte, mischte, arrangierte, sang und spielte und half beim Songwriting auf den Platten anderer aus. Dennoch fiel es dem seit Langem in Paris heimischen Amerikaner nicht leicht, sein viertes Solowerk, "Danzig In The Moonlight", fertigzustellen. Das ausufernde Epos war rund sechs Jahre in der Mache, bevor es im Herbst 2012 endlich das Licht der Welt erblickte. In den 14 Songs der Platte klingt alles an, was Stringfellows Musik im letzten Vierteljahrhundert befeuerte: Auf satter Indierock-Grundlage streckt er sanft die Fühler Richtung Folk, Country und gar Soul aus, hantiert mit modernen Indietronics und lässt bei aller Liebe zur Melodie noch Platz für spleenige Ideen, die auch von Giant Sand-Schlitzohr Howe Gelb oder den Super Furry Animals stammen könnten.
Seit der Veröffentlichung ist Stringfellow gleich mehrfach rund um den Globus getourt, doch bevor er in die Zukunft schaut, lässt er nun den Blick erst einmal zurückschweifen: Praktisch zeitgleich erscheinen dieser Tage die limitierte Vinyl-Only-Live-LP "Paradiso In The Moonlight", auf der eines von gerade einmal zwei Konzerten mit der Allstar-Band der "Danzig..."-Sessions in Amsterdam verewigt ist, und die CD-Compilation "I Never Said I'd Make It Easy", auf der die Highlights seiner drei ersten Solowerke der Jahre 1997 bis 2004, des spartanischen Solodebüts "This Sounds Like Goodbye", des von Mitch Easter produzierten Meisterwerks "Touched" und des vom Klang der 70s-AM-Radios beeinflussten "Soft Commands" sowie ausgesuchte Raritäten vereint sind. Höchste Zeit also, sich einmal mehr mit dem Gründer der Posies und dem langjährigen Sideman von R.E.M. und Big Star zu unterhalten.

GL.de: 25 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten The Posies-Albums darf man guten Gewissens sagen, dass du gekommen bist, um zu bleiben. Gab es einen Wendepunkt, an dem dir klar wurde, dass die Musik für dich ein Lebensinhalt und nicht nur ein Zeitvertreib auf dem Weg zu einem bürgerlichen Job ist?

KS: Seltsamerweise habe ich nie darüber nachgedacht. Als ich aufwuchs, habe ich mich nie gefragt, was Musiker machen, wenn sie nicht gerade auf der Bühne stehen. Ich habe einfach selbst Musik gemacht, bin zur Schule gegangen, habe in den Sommerferien gejobbt und mich auf die Universität vorbereitet. Was ich dort machen wollte, war mir nicht so recht klar. Musik habe ich jedenfalls nicht studiert. Kaum auf der Uni angekommen, wurden The Posies recht erfolgreich und ich kündigte meinen Job und brach mein Studium ab, um mich ganz der Band zu widmen. An Musik als langfristigen Broterwerb dachte ich damals aber trotzdem nicht. Ich folgte einfach meinen Instinkten und wollte das machen, was das Beste für die Band war. Heute ist die Musik einfach Teil von mir, sie beschäftigt mich 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Ich schaue immer noch nicht sehr weit nach vorn, sondern verlasse mich lieber weiterhin auf meine Instinkte und Inspirationen und achte darauf, dass ich immer eine Rechnung stelle.

GL.de: Dein Solo-Erstling entstand zu einer Zeit, als The Posies kurz davor waren, sich (zum ersten Mal) aufzulösen, aber noch nicht ganz Geschichte waren, weshalb du anfänglich den Alleingang gar nicht unbedingt veröffentlichen wolltest. Damals hast du dich offensichtlich noch nicht als Solo-Künstler gesehen?

KS: Definitiv nicht! Als ich 1997 "This Sounds Like Goodbye" veröffentlichte, hatte ich gerade einmal ein halbes Dutzend Soloauftritte absolviert. Ich wusste noch nicht, was es heißt, allein zu performen. Ich sah die Auftritte damals eher als Kursabweichungen von meinem sonstigen Tun. Erst als ich eine Weile mit meinem zweiten Album, "Touched", unterwegs war, entwickelte sich meine Show und mir wurde klarer, was ich rüberbringen wollte und was einzigartig an meiner Präsentation und Philosophie war. Heute betrachte ich meine Soloauftritte als die Essenz dessen, was ich mit meinem Publikum teilen will.

GL.de: Als sich The Posies im Jahr darauf dann wirklich (für immer, wie du vermutlich damals dachtest) trennten, hast du nicht den Soloweg weiterverfolgt, sondern in Seattle eine neue Band namens Saltine gegründet und mit ihr die Songs gespielt, die 2001 dann letztlich auf deinem zweiten Solowerk, "Touched", erschienen sind. Wie kam es dazu, dass "Touched" eine Solo-Platte wurde? War das eine bewusste Entscheidung gegen die Band?

KS: Ich denke, ich gründete Saltine, weil mir nicht in den Sinn gekommen wäre, dass ich als Solist interessant genug sein könnte. "Ken Stringfellow" war für mich kein komplettes künstlerisches Konzept. Vielleicht war es mir auch einfach zu naheliegend, den "Band löst sich auf, Sänger versucht sich solo"-Pfad zu verfolgen. Allerdings führten mir Saltine schnell vor Augen, dass eine neue Band auch eine neue Form der Beschränkung darstellte. Schon bei den Posies hatte es mich bisweilen frustriert, nur eine Hälfte der Platte zu haben, um mich ausdrücken zu können, ganz abgesehen von all den anderen Kompromissen, die man in einer Band machen muss - und die Posies waren nun wirklich keine besonders restriktive Gruppe. Bei Saltine gab es viel mehr Regeln. Blake Wescott, der die Band mit mir gründete, hatte sehr klare Vorstellungen davon, was wir darstellen sollten, vor allem in Bezug auf die Indie-Szene im Ganzen, und ich wollte mich einfach keinen weiteren Restriktionen unterordnen. Die ersten Spannungen ließen nicht lange auf sich warten und mir wurde klar, dass ich meine eigenen Visionen verfolgen musste. Auf der Mastering-Test-CD von "Touched" stand allerdings noch der Name Saltine, deshalb bin ich mir heute gar nicht mehr ganz sicher, wann ich mich dazu entschloss, dass daraus in der Tat ein Ken-Stringfellow-Album werden sollte.

GL.de: Nach der Veröffentlichung von "Danzig In The Moonlight" im Herbst 2012 hast du oft davon gesprochen, dass acht Jahre seit deiner letzten Solo-Veröffentlichung vergangen waren, weil du auf das richtige Timing gewartet hast. Darf man das als versteckten Hinweis darauf verstehen, dass der Vorgänger "Soft Commands" 2004 in einer Phase des Übergangs erschienen ist?

Ken Stringfellow
KS: Nun, es stimmt, dass ich nach meiner Ankunft in Paris 2003/2004 nach lokalen Musikern gesucht habe, um ein neues Projekt auf die Beine zu stellen, und sogar mit einigen Kandidaten ein bisschen gejammt habe, ohne jedoch klare Ziele zu haben. Dann gründete ich The Disciplines in Norwegen und warf mich ganz in die Arbeit mit dieser Band, außerdem veröffentlichten The Posies 2005 und 2010 zwei Alben etc. Die meisten Songs für "Danzig In The Moonlight" sind bereits 2006 geschrieben worden, aber dann kamen einfach andere Dinge dazwischen. Was "Soft Commands" angeht: Die Veröffentlichung fiel in ein kleines Zeitfenster zwischen zwei Tourneen mit R.E.M. und ich hatte nur sehr begrenzt Zeit, solo aufzutreten: zwei Wochen in den USA im Sommer und dann noch einmal zwei Wochen in Europa im Dezember 2004. Als R.E.M. zwei Jahre später zur Ruhe kamen, hatte ich das Gefühl, dass ich etwas nachzuholen hatte, und beginnend mit dem Jahr 2006 spielte ich viele, viele Shows in Europa. Zumindest in meinem Kopf war ich deshalb noch sehr lange auf "Soft Commands"-Tour.

GL.de: Apropos Timing: Ergab sich die Chance zur Veröffentlichung der Compilation "I Never Said I'd Make It Easy" einfach, oder hattest du nach der Veröffentlichung von "Danzig...", diesem besonderen Meilenstein für dich, ein besonderes Bedürfnis, das zuvor Geschehene zusammenzufassen?

KS: Da die Lizenzrechte für meine ersten Solo-Platten frei wurden, ergab sich die Möglichkeit einfach. Allerdings stellt "Danzig..." auch so etwas wie einen Endpunkt dar, das Ende der Reise, zu Ken Stringfellow, dem Solokünstler, zu werden, die mit den ersten zögerlichen Schritten und meinem ersten Album begonnen hat und aus mir den Musiker gemacht hat, der "Danzig..." aufgenommen hat. Mit dem Album habe ich mein Konzept als Solist vervollkommnet: die emotionale Palette, auf die ich zurückgreifen möchte und den Drang nach Abenteuer und Experimenten, Hand in Hand mit der Kunst des Songwritings. Das bedeutet auch, dass ich zwar den Stil, den ich entwickelt habe, nicht verleugnen will, aber dennoch das Gefühl habe, dass mein nächstes Album etwas völlig anderes sein sollte und Ken Stringfellow, den Künstler, neu erfinden oder ihm zumindest neue Dimensionen hinzufügen sollte.

GL.de: Bei den meisten Musikern würde sich eine Compilation wie "I Never Said I'd Make It Easy" praktisch von selbst zusammenstellen, aber bei dir war es etwas komplizierter, oder?

KS: Es war kein einfaches Unterfangen. Ich habe die Compilation letzten Herbst zusammengestellt, und vermutlich, weil der Herbst für mich als Oktober-Kind genau die richtige Jahreszeit ist, hatte ich das Gefühl, dass meine Songschreiberfertigkeiten am besten in den melancholischen, balladesken Nummern zum Ausdruck kommen. Dennoch hab ich versucht, die Zusammenstellung so schnell wie möglich zu erledigen und nicht zu viel darüber nachzudenken - dass ich mich gerne auf meinen Instinkt verlasse, erwähnte ich ja schon.

GL.de: Auf der CD findet sich ein bislang offiziell unveröffentlichter Song, deine feine Version der Replacements-Nummer "Kids Don't Follow", mit der du einen für dich neuen Ansatz verfolgst. Von all deinen Coverversionen entfernt sich diese am weitesten vom Original.

KS: Ich hatte das Gefühl, dass ein melancholischer Song in dem Original steckt. Ich habe Paul Westerberg den Punkrocker nie abgekauft und ich glaube, er tat es selbst auch nicht. In gewisser Weise habe ich mir deshalb versucht vorzustellen, wie der Song beim "wahren" Paul Westerberg geklungen hätte.

GL.de: Wenn du auf deine bisherigen Solojahre zurückblickst: Was bereust du am meisten?

KS: Manchmal finde ich die Gestaltung meiner Albumcover etwas zu simpel. Der Blick fürs Detail und die Kunstfertigkeit des "Danzig..."-Covers haben ein hohes Niveau. Auch zuvor hätte ich mir schon ein bisschen mehr Mühe geben können, mit mehr Leuten zusammenarbeiten können. Ich möchte die Cover der vorherigen Alben nicht schlechtreden, aber ein bisschen mehr Tiefgang hätte ihnen sicherlich nicht geschadet.

GL.de: Trotz der großen Anstrengungen, die du in "Danzig..." investiert hast, hat die Platte nicht ganz das Medienecho hervorgerufen, das du dir gewünscht hast, vielleicht auch, weil heute nur noch wenige die Muße haben, ein betont eklektisches Werk von Anfang bis Ende zu hören. Glaubst du, dass das einen Einfluss auf deine musikalische Zukunft haben wird, oder gehst du weiter deinen Weg, wie der Titel der Compilation nahelegt?

KS: Um ehrlich zu sein - ich habe das Gefühl, dass ich in der Vergangenheit kompliziert genug gewesen bin. Es wäre schön, dem Publikum auf halbem Wege entgegenzukommen. Allerdings war ich wirklich etwas verstimmt, wenn ich Reviews der Platten von Brendan Benson oder John Vanderslice gelesen habe, in denen sie für ihren Mut gelobt wurden, viele verschiedene Stile auf einer Platte zu vereinen. Da dachte ich schon: Hey, warum wurde mir das nicht auch zugestanden?

GL.de: Was kommt als Nächstes für den Solisten Ken Stringfellow?

KS: Bislang sind mir nur einige wenige Ideen durch den Kopf gegangen, zum Beispiel, etwas weniger Wortlastiges zu machen. "Danzig..." war ja sehr auf die Texte konzentriert, was mir durchaus entgegenkam, aber vielleicht habe ich auf dem Gebiet meine Grenzen erreicht oder einfach meine Neugier gestillt, zudem hat meine Arbeit als Produzent auch meine Fertigkeiten auf dem Gebiet der Programmierung und auf dem Feld der elektronisch erzeugten Musik erweitert. Je nachdem, wie der Wind weht, ist alles möglich."

Weitere Infos:
www.kenstringfellow.com
en.wikipedia.org/wiki/Ken_Stringfellow
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Claudia Rorarius-
Ken Stringfellow
Aktueller Tonträger:
I Never Said I'd Make It Easy
(Lojinx/Alive)




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