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SLEATER-KINNEY
 
"Wenn der Zug in den Bahnhof einfährt, musst du aufspringen!"
Sleater-Kinney
Knapp zehn Jahre nach ihrem letzten Album melden sich Carrie Brownstein, Corin Tucker und Janet Weiss zurück. Mit der gleichen ungeheuren Energie wie zuvor und immer noch mit einem starken politischen Gewissen unterstreichen Sleater-Kinney auf ihrem turbulenten neuen Album, "No Cities To Love", warum der Esquire sie einst die beste Band der Welt nannte: Diese Gruppe klingt wie keine zweite! Die unorthodoxen Riffs, die Carrie herausprügelt, sind genauso unverwechselbar wie die mächtige Stimme Corins mit ihrem leidenschaftlichen Vibrato und das treibende Schlagzeugspiel Janets, der wohl besten weiblichen Drummerin überhaupt. Dazu kommen erfindungsreiche Songs jenseits aller Konventionen, die die Eigenständigkeit der Band unterstreichen. "Ich möchte nicht, dass unsere Musik langweilig ist", erklärte uns Janet kurz vor der vorläufigen Trennung der Band 2006. "Ich möchte nicht, dass die Leute unsere Platte auflegen und am Anfang schon wissen, wie der Song aufhört." Nach dieser Maxime funktionieren auch die Songs von "No Cities To Love", mit denen das Trio aus Portland, Oregon, unbeirrt nach vorn schaut, anstatt den bequemen Weg zu gehen und einfach nur die eigene Legende zu verwalten. Gaesteliste.de traf Carrie und Corin im Dezember in Berlin.
Von außen betrachtet sah es 2005/2006 so aus, als liefe es blendend für Sleater-Kinney. Ihr siebtes Album namens "The Woods" war ein künstlerischer Triumph, mit dem sich das Trio ein gutes Stück von seiner eigenen Vergangenheit distanzierte und dennoch nichts von seiner Einzigartigkeit einbüßte. Die vielen umwerfenden Konzerte rund um den Globus, die der Veröffentlichung folgten, waren fast ausnahmslos ausverkauft, die Kritiken in der Presse überschwänglich bis hymnisch. In der Band allerdings brodelte es. Carrie wurde von Depressionen geplagt und Corin tat sich als junge Mutter schwer damit, ständig auf Tournee zu sein und Abend für Abend das Engagement aufzubringen, dass Sleater-Kinney seinen drei Protagonistinnen abverlangte. Der einzige Ausweg: eine Pause auf unbestimmte Zeit. "Wir sind eng befreundet und haben damals einfach ehrlich über unsere Gefühle gesprochen, denn uns alle hat die Band ziemlich gestresst. Es lief damals schlichtweg nicht besonders gut", erinnert sich Corin. Privat sahen sich die drei weiterhin, und zu Anfang sei es schon etwas seltsam gewesen, dass sie nicht weiter gemeinsam Musik machten, erklärt Carrie: "Irgendwann haben wir uns aber einfach an die neue Situation gewöhnt. Letztlich hat uns die Entscheidung, die Pause einzulegen, eine große Last von den Schultern genommen. Es war sehr befreiend, dass wir einfach miteinander umgehen konnten, ohne dass es stressig wurde." Die Bandpause nutzen die Amerikanerinnen, um sich anderen Projekten zu widmen. Janet spielte viel mit ihrer alten Band Quasi, mit Bright Eyes und bei Stephen Malkmus And The Jicks sowie gemeinsam mit Carrie bei Wild Flag. Carrie feierte zudem mit der satirischen Sketch-Show "Portlandia" Fernseherfolge, während Corin zwei Platten unter eigenem Namen veröffentlichte und sich ihrer Familie widmete.

So richtig weg waren Sleater-Kinney allerdings nie. Denn auch wenn die drei vor fast zehn Jahren ihre gemeinsamen musikalischen Aktivitäten auf Eis legten - der Kult um ihre Band wuchs unvermindert weiter. "Die Band hat sich über die Jahre geradezu verselbstständigt. Wir sind gewissermaßen nur ein Mechanismus in dieser treibenden Kraft. Natürlich haben wir die Band erschaffen, aber mit der Zeit ist sie größer geworden, als wir es sind. In den Jahren unserer Pause existierte sie gewissermaßen in der Stratosphäre und hat die Populärkultur durchdrungen. Abgesehen davon ist sie natürlich immer ein Teil von uns und des Lebens unserer Fans geblieben. Vielleicht fühlt es sich auch deshalb völlig natürlich an, jetzt wieder zusammen zu spielen. Es war fast so, als wäre die Band schlichtweg in unsere Umlaufbahn zurückgehehrt."

Ausgerechnet bei einem privaten Preview des neuen "Portlandia"-Materials in Corins Haus kam bereits vor einigen Jahren erstmals das Gespräch auf eine mögliche Reunion, und es waren Corins Ehemann Lance Bangs und Carries Fernsehpartner Fred Armisen - beide glühende Verehrer der Band -, die dafür sorgten, dass die beiden Damen am Ende davon überzeugt waren, dass es Zeit für die Rückkehr sei. Sobald Janet eingeweiht war, begannen Carrie und Corin, erste Songs zu schreiben. Anders als bei "The Woods", als ein Großteil der Stücke beim gemeinsamen Jammen der drei entstanden war, taten sie dies allerdings zunächst ohne ihre Schlagzeugerin. Leicht haben es sich die Damen dabei nicht gemacht. Erst nach vielen Kürzungen und Änderungen hatten sie am Ende ein Dutzend Songs zusammen, die des Markennamens Sleater-Kinney würdig waren. "Uns ist allen klar, dass die besten Songs entstehen, wenn wir die Ideen ohne Rücksicht auf die Gefühle der Einzelnen bewerten. Dieses Mal waren wir ganz besonders darauf bedacht, das zu tun", sagt Corin über den langwierigen Songwriting-Prozess. Aufgenommen wurde die Platte Anfang 2014 heimlich, still und leise.

Bevor allerdings an die Veröffentlichung von neuem Material gedacht werden konnte, stand erst noch ein anderes Projekt an. Letzten Herbst erschien das Vinyl-Boxset "Start Together", das alle sieben bisherigen Alben Sleater-Kinneys in klanglich überarbeiteten Fassungen enthält. "Start Together" zeichnet die rasante Entwicklung vom halsbrecherischen, selbstbetitelten 22-Minuten-Queercore-Debüt im Jahre 1995 über das zwei Jahre später erschienene, Power und Melodien vereinende Breakthrough-Werk "Dig Me Out" bis zum konzeptionellen, von Dave Fridman produzierten Alternative-Rock-Meilenstein "The Woods" nach, der vor zehn Jahren das vorläufige Ende der Band einläutete.

Corin überwachte für ihre beiden Mitstreiterinnen den kompletten Remastering-Prozess ("Ich habe die alten Platten also gehört, während sie überarbeitet wurden - und zwar nicht in chronologischer Reihenfolge, was ziemlich schräg war", erinnert sie sich lachend). Dabei überraschte sie vor allem die zweite LP von 1996. "Die Platte, die mich in der Rückschau am meisten beeindruckt hat, war 'Call The Doctor'", erinnert sie sich. "Das war ja eines unserer frühesten Werke, und trotzdem kann man eine riesige Entwicklung im Vergleich zu unserem selbstbetitelten Debüt hören." Binnen Jahresfrist hatten Sleater-Kinney nicht nur instrumentell unglaublich viel dazugelernt, auch beim Songwriting machten sie einen Quantensprung. "Das war allerdings auch notwendig, wenn wir als Band weiter bestehen wollten", glaubt Corin heute. "Wir haben damals einen Riesensatz gemacht und hatten plötzlich diese viel besseren Songs."

Ein Grund dafür ist sicherlich, dass es der Band damals noch nicht darum ging, sich mit jedem Album neu zu erfinden, und deshalb alle Energien in die Verbesserung des Status quo fließen konnten. Das sieht auch Carrie so: "Ganz am Anfang willst du natürlich erst einmal eine Leitlinie, gewissermaßen eine Firmenphilosophie festlegen und musst deine klangliche Blaupause finden. Auf 'Call The Doctor' haben wir zum ersten Mal unsere kontrastierenden Stimmen und die Gegenmelodien bei den Gitarren verwendet, und mit 'Dig Me Out' kristallisierte sich das dann in unglaublich wirkungsvoller Weise. Nachdem wir das geschafft hatten, gab es keinen Weg zurück. Insofern hast du recht: 'Call The Doctor' und 'Dig Me Out' waren weit weniger eine Reaktion auf ihre Vorgänger, als das bei unseren späteren Platten der Fall war. Angefangen mit 'Dig Me Out' war praktisch jede neue Platte eine Reaktion auf die vorangegangene."

Dass Sleater-Kinney nach "The Woods" erst einmal die Reißleine zogen, war allerdings nicht allein den eingangs erwähnten persönlichen Gründen geschuldet. Als wir Janet wenige Tage vor der Bekanntgabe der Auszeit im Mai 2006 trafen, gestand sie uns: "Wir haben keine Ahnung, was nach 'The Woods' noch kommen könnte!" Die lange Pause hat dieses Problem für die Band nur bedingt gelöst, denn Carrie beschreibt die Aufnahmen zu "No Cities To Love" als echte Herausforderung. "Ich denke nicht, dass es uns ob der Pause leichter gefallen ist, das neue Album zu machen", sinniert sie. "Allerdings hätte es sicherlich vollkommen anders geklungen, wenn wir es wenige Jahre nach 'The Woods' in Angriff genommen hätten, denn dann wäre es bestimmt viel stärker eine Reaktion darauf gewesen. Nach all den Jahren ist es uns leichter gefallen, einige Elemente von 'The Woods' aufzugreifen, die wir ohne die Pause womöglich verworfen hätten. Das hat es uns vielleicht ein wenig leichter gemacht, aber es war immer noch schwer genug."

Dennoch schließt "No Cities To Love" nicht nahtlos an "The Woods" an, dessen breitwandiger, progressiver Sound damals bei einigen Fans der geradlinigen Frühwerke Sleater-Kinneys ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst hatte. Stattdessen setzte das explosive Trio im Studio auf kurze, knappe, giftige Songs, die bei aller Scharfkantigkeit und Wuchtigkeit so eingängig sind wie die poppigsten Nummern auf dem 2000er-Album "All Hands On The Bad One". Unverändert ist die emotionale Durchschlagskraft, die unnachahmliche Dringlichkeit, die Sleater-Kinney seit jeher auszeichnet. Ein Paradebeispiel dafür ist die Nummer "Surface Envy", die mit ihrem Refrain "We win! We lose! / Only together do we break the rules" gewissermaßen da ansetzt, wo 1997 "Words And Guitar" als Bandmanifest aufhörte, wie Corin bestätigt: "Der Song würdigt die Energie der Band. Ja, sie verlangt uns eine Menge Hingabe ab, aber sie hat auch eine Menge Power. Der Song sagt gewissermaßen: Wenn der Zug in den Bahnhof einfährt, musst du aufspringen, wissend, dass du Teil eines Kollektivs bist, das musikalisch viel erreichen will und auf sozialer Ebene mehr erreichen kann, als jede Einzelne von uns das könnte, ganz einfach, weil die Band die Leute auf verschiedensten Wegen erreicht."

Denn auch wenn der Albumtitel "No Cities To Love" vielleicht etwas anderes vermuten lässt - die Botschaft der aufrührerischen Platte ist ganz klar: "Resignation? Nein, Danke!" Zwar hat sich in der Welt einiges geändert, seit Sleater-Kinney auf ihren ersten Werken feministische Standpunkte vertraten oder auf "One Beat" im Jahre 2003 kein gutes Haar an der damaligen US-Regierung ließen, heiße Eisen gibt es aber dennoch immer noch genug. Konsumsucht, Atom-Tourismus und die zunehmende Gleichgültigkeit der Menschen sind nur drei der Themen, die Carrie, Corin und Janet auf ihrem neuen Album thematisieren. Kein Wunder, dass der Gesang dieses Mal deutlicher im Vordergrund steht als bei "The Woods", als Stimme und Instrumente zu einem gigantischen Weckruf verwoben waren. Am Ende von "No Cities To Love" kredenzen uns Sleater-Kinney mit "Fade" dann noch einen perfekten tonnenschweren Ausklang. "Obwohl der Song so ausgezeichnet ans Ende passt, ist er nicht als Schlussstück konzipiert worden", verrät Carrie. "Erst als wir uns zusammensetzen, um die Reihenfolge festzulegen, wurde uns klar, dass thematisch danach nichts mehr kommen könnte. Obwohl..." Sie kichert und hält kurz inne. "Corin hatte zunächst die Idee, noch einen weiteren Song hinter 'Fade' zu setzen!"

Wenige Wochen nach der Veröffentlichung des neuen Albums startet in Spokane, Washington, die lang ersehnte erste Tour des Trios seit August 2006, im März steht ein einziges Deutschlandkonzert in Berlin auf der Agenda. Vor der Auszeit hatte Janet uns gesagt, dass das Aufnehmen von Platten bei der Band Unbehagen auslöse und dass sie sich erst auf der Bühne wirklich wohlfühle. Hundertprozentig möchte Corin diese Aussage zwar nicht unterschreiben, dennoch sagt sie: "Unsere Band ist fraglos auf die Konzerte orientiert. Wir spielen alle unglaublich gerne live, und die Band verändert sich in dem Moment, in dem wir vor Publikum stehen. Deshalb ist es uns auch so schwergefallen, die neue Platte zu machen, weil wir die Songs - anders als bei früheren Alben - zuvor nie für andere Leute gespielt hatten. Selbst unser Produzent John Goodmanson hat die Lieder im Studio zum ersten Mal gehört. Das war schon eine ziemliche Herausforderung, dass wir dieses Mal nur unsere drei Meinungen hatten, auf die wir vertrauen mussten." Umso mehr freut sie sich auf die kommenden Konzerte: "Die Songs live zu spielen, ist eine echte Erleichterung, denn wir lechzen nach der Verbindung zum Publikum. Wenn das nicht wäre, würden wir das hier alles nicht machen."

Weitere Infos:
wwww.sleater-kinney.com
www.facebook.com/SleaterKinney
www.subpop.com/artists/sleater_kinney
www.electrip.com/sleater-kinney
de.wikipedia.org/wiki/Sleater-Kinney
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Brigitte Sire-
Sleater-Kinney
Aktueller Tonträger:
No Cities To Love
(Sub Pop/Cargo)




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