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WAXAHATCHEE
 
"Lasst uns das mal ausprobieren!"
Waxahatchee
Mit dem Erfolg ist das so eine Sache. Natürlich streben praktisch alle Künstler danach, aber kreativ zu sein wird definitiv nicht leichter, wenn plötzlich Fans, Medien und Plattenfirmen große Erwartungen hegen. Da ist schnell die Versuchung groß, mehr Geld und Aufwand in die nächste Albumproduktion zu stecken, und am Ende kommen dann Platten dabei heraus, die so klingen, als seien sie auf "Durchbruch" getrimmt. Das großartige neue Album von Waxahatchee ist da zum Glück ganz anders. Fast komplett und mit charmantem Understatement in den eigenen vier Wänden aufgenommen, ist "Ivy Tripp" ein erfreulich experimentierfreudiges Album, mit dem sich Mastermind Katie Crutchfield weiterentwickelt, ohne dabei die eigene Linie aus den Augen zu verlieren.
Die Melodien kennzeichnen auch die neue Platte der 25-jährigen Amerikanerin sofort als Waxahatchee-Werk, klanglich dagegen stellt sie sich deutlich breiter auf als auf den beiden hervorragenden Vorgängern "American Weekend" (2012) und "Cerulean Salt" (2013). Zu Bedroom-Folk und von den 90er-Jahren inspiriertem Indierock gesellen sich auf "Ivy Tripp" viele herrlich gelassen vorgetragene Nummern, bei denen Piano, Synthesizer und ein Hauch von Pop neue Türen aufstoßen, ohne alte zuzuschlagen, und hier und da scheint selbst ihre Liebe zum Riot-Grrrl-Sound und zum herrlich ruppigen DIY-Punk-Sound ihrer alten Band P.S. Eliot durch, die sie als Teenager gemeinsam mit ihrer Zwillingschwester Allison (heute Frontfrau von Swearin') gegründet hatte. Die Unmittelbarkeit des Punk mit ihren innersten Gefühlen zu verbinden, war schließlich schon immer ein Faible der jungen Musikerin, die in Alabama unweit des Flüsschens, das ihrem Projekt den Namen gab, aufgewachsen ist und nach einem Zwischenstopp in Philadelphia heute Long Island ihr Zuhause nennt. So ist auch "Ivy Tripp" ein Schnappschuss eines Abschnitts in ihrem Leben, ohne deshalb in "Liebes Tagebuch"-Klischees zu verfallen.

Wie wandelbar Katie ist, zeigt sich aber nicht nur auf ihren Platten. Im Mai und Juni kehrt sie mit fünfköpfiger Band auf deutsche Bühnen zurück, um die Nuancen der Studioaufnahmen erstmals auch live komplett reproduzieren zu können, im Januar fiel es ihr auf einer kurzen Solo-Tournee aber auch unglaublich leicht, ihr Publikum ganz allein zu fesseln. Gaesteliste.de traf sie vor ihrem feinen Auftritt im Brüsseler Botanique.

GL.de: Wie fühlst es sich an, im Jahr 2015 Katie Crutchfield zu sein?

Katie: Alles ist ein bisschen verrückter als beim letzten Mal, dass wir uns gesprochen haben. Ich habe in der Zwischenzeit eine lange Pause eingelegt. Jetzt beginnen sich die Dinge wieder zu bewegen, und damit verändert sich auch die Geschwindigkeit meines Lebens von "sehr, sehr langsam und einfach" hin zu "ziemlich hektisch". Das finde ich allerdings sehr aufregend. Ich bin mit der neuen Platte superzufrieden, weil alles sich auf ganz natürliche Weise ergab, und ich freue mich darauf, dass die Leute sie nun endlich hören können.

GL.de: Im Presseinfo sagst du, dass sich dein Leben in den letzten zwei Jahren sehr verändert hat. Wie genau?

Katie: Ich hätte gedacht, dass es mir schwerer fallen würde, die neue Platte zu machen, weil ich zum ersten Mal ein Album aufgenommen habe, von dem ich wusste, dass es ein Publikum dafür gibt. Als ich "Cerulean Salt" eingespielt habe, hatte ich keinen blassen Schimmer, dass die Platte so vielen Menschen so wichtig sein würde. Natürlich gab es auch zuvor für meine Alben ein kleines Publikum, aber "Cerulean Salt" explodierte in einer Art und Weise, die nicht vorhersehbar war. Ich hatte ehrlich gesagt ein bisschen Angst, dass mich das beeinflussen würde, aber letztlich fiel es mir erstaunlich leicht, das auszublenden. Geholfen hat dabei sicherlich, dass ich während der Aufnahmen kein Label in Amerika hatte und die europäische Plattenfirma einfach unglaublich weit weg war. Ich habe die Platte vollkommen isoliert zu Hause aufgenommen, und deshalb fiel es mir sehr leicht, mich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Das war eine große Erleichterung!

GL.de: Du sagst auch, dass es dir mit der neuen Platte darum gegangen sei, auf unsicherem Terrain Fuß zu fassen. Der Schreiber dieser Zeilen kann sich da sehr gut einfühlen, denn er hat im letzten Jahr einen neuen Job angefangen, der einen echten Neuanfang bedeutete. Du dagegen hast ja nicht den Beruf gewechselt...

Katie: Ja, das stimmt, trotzdem ist vieles anders, da geht es mir genauso wie dir. Ich bin jetzt viel mehr Menschen Rechenschaft schuldig und viel mehr Leute schauen mir auf die Finger. Manchmal musst du einfach nach Halt suchen, weil alles ganz neu und verrückt ist.

GL.de: Gibt es denn bestimmte Dinge, von denen du dich überfordert fühlst?

Katie: Manchmal schon. Ich habe keinen Manager, während die meisten Bands in meinem Umfeld, die sich in den gleichen Kreisen bewegen wie ich, einen haben. Da habe ich bisweilen schon das Gefühl, dass mir die Dinge über den Kopf wachsen. Gleichzeitig bin ich allerdings auch ein ziemlicher Kontrollfreak. Ich habe so lange in Punk-Bands gespielt, meine eigenen Tourneen gebucht und überhaupt alles allein gemacht, dass es mir nun praktisch unmöglich ist, diese Kontrolle aus der Hand zu geben, ohne durchzudrehen. Das Ganze ist ein zweischneidiges Schwert.

GL.de: Wenden wir uns deinem fantastischen neuen Album "Ivy Tripp" zu, auf dem du musikalisch hörbar neue Wege gehst. Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, hast du erzählt, dass du dir ein Klavier gekauft hast - und das kann man auf der neuen Platte auch hören!

Katie (lachend): Ich habe mir sogar gleich mehrere Pianos gekauft, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben! Wir haben einen Teil des Geldes, das wir auf Tour verdient haben, sofort wieder für verrückte Instrumente ausgegeben. Ich habe mir einen Moog gekauft - nicht vintage, aber analog -, der auf der Platte viel zu hören ist, und ein Rhodes-Piano. Wir haben uns auch eine Menge neuer Gitarren zugelegt, G&L sind derzeit unsere Favoriten. Überhaupt haben wir inzwischen einfach eine Menge Zeug angehäuft, das wir ausprobieren konnten. Das hat großen Spaß gemacht.

GL.de: Bei deinen ersten beiden Platten schien es in erster Linie um die Songs und die Performance zu gehen. Was du gerade gesagt hast, klingt eher nach einem Kind im Spielzeugladen...

Katie (lachend): Ein bisschen fokussierter war das Ganze schon...

GL.de: Du hast gerade schon das "Wir" angesprochen. Waxahatchee ist dein Projekt, allerdings haben dich Keith Spencer und Kyle Gilbride (Swearin')auch dieses Mal wieder als Musiker und Co-Produzenten unterstützt.

Katie: Ja! Die Zusammenarbeit mit Kyle und Keith war wie ein Think Tank, wir haben einfach alle möglichen Ideen ausprobiert. Das ist das Tolle daran, dass wir nicht in einem regulären Tonstudio aufgenommen haben, weil wir nicht ständig auf die Uhr schauen und Angst haben mussten, zu viel Geld auszugeben. Wir hatten alle Zeit der Welt. Deshalb konnten wir einfach alle Möglichkeiten ausloten und sehen, was funktioniert.

GL.de: Wir sprechen allerdings auch oft mit Bands, die geradezu froh sind, dass jemand ihnen wegen des Budgets auf die Zehen tritt, weil sie sonst kein Ende finden würden. Deshalb heißt es ja auch, dass Musiker Platten nicht fertigstellen, sondern irgendwann einfach die Arbeit daran einstellen.

Katie: Das stimmt! Deshalb haben wir uns bei den Aufnahmen einen groben Zeitrahmen gegeben. Ich hatte ja auch bereits die letzte Platte mit den gleichen Leuten aufgenommen und wir wussten, dass wir gut zusammenarbeiten können, und die Aufnahmen waren einfach eine wunderbare Erfahrung. Es fühlte sich einfach alles richtig an. Das war früher nicht immer so. Bei meiner alten Band P.S. Eliot gab es ständig Machtkämpfe, vor allem zwischen meiner Schwester und mir. Waxahatchee dagegen ist ganz mein Ding, und ich habe diese zwei Mitstreiter, die mich unterstützen und mir Vorschläge machen, weil sie einen objektiveren Blick haben.

GL.de: Sind so etwa die twangy Gitarrenklänge auf "Dirt" zustande gekommen, die man so von dir zuvor noch nicht gehört hat?

Katie: Einige der Songs der Platte erinnern mich an die poppigen Rock-Songs, die ich für P.S. Eliot geschrieben habe, und "Dirt" ist definitiv einer davon. Bei dem twangy Gitarrenpart war es in der Tat so, dass einer von uns sagte: "Ich höre da diese Gitarre - lasst uns das mal ausprobieren!"

GL.de: Ganz anders, nämlich solo und akustisch, aber ein besonderes Highlight ist auch "Summer Of Love", das so klingt, als hättet ihr es an einem warmen Sommertag bei offenen Fenstern aufgenommen, Hundegebell inklusive...

Katie: Das Stück wurde wirklich an einem warmen Sommertag aufgenommen - allerdings draußen! Der Hund, den man hört, gehört meinem Nachbarn, und glücklicherweise fing er erst an zu bellen, als wir fertig waren. Da war sofort klar: Das bleibt drin!

GL.de: Die neue Platte fällt musikalisch deutlich opulenter aus als die betont schlichten Vorgänger. Vor allem beim ersten Hören kann man deshalb ein wenig das Gefühl bekommen, dass die Musik auf "Ivy Tripp" wichtiger ist als die Texte. Auch wenn du das sicher anders siehst - woran könnte das wohl liegen?

Katie: Nun, die erste Platte, "American Weekend", handelt von einer Trennung, einem Gefühl, das jeder kennt. Die zweite, "Cerulean Salt", handelt vor allem von Familienangelegenheiten, also auch von etwas, mit dem sich viele identifizieren können. "Ivy Tripp" dagegen handelt von Depressionen und Grauzonen. Auch da fühlen sich sicher viele angesprochen, aber deshalb ist sie etwas schwerer zu definieren, und vielleicht fühlt sich nicht jeder so direkt angesprochen wie bei den Vorgängern.

GL.de: Doch nicht nur die Texte sind anders, auch der Gesang hat sich verändert. Viele der neuen Songs singst du in einer höheren Stimmlage, als wolltest du die herrlich raue Tonlage deiner ersten beiden Alben absichtlich hinter dir lassen...

Katie: Mir geht es einfach nur darum, mich selbst herauszufordern. Ich möchte, dass mein Stimmumfang im Laufe der Platte wahrnehmbar wird. Das war eine bewusste Entscheidung. Dabei geht es mir nicht darum, anzugeben, aber dass es Songs gibt, bei denen ich hoch singe, und andere, die tiefer sind - das ist Absicht. Das macht mir auch einfach Spaß. Ganz abgesehen davon: Wenn du dir all die Platten anhörst, die ich über die Jahre gemacht habe - meine Stimme verändert sich ständig. Das ist das Schöne daran, eine Sängerin zu sein. Du veränderst dich fortwährend und entwickelst dich weiter.

GL.de: Ein echter Hingucker ist auch das Cover der neuen Platte. Das Foto von dir im Wald hat fast ein bisschen etwas von William Eggleston...

Katie: Oh, Danke! Das Foto stammt von meiner Freundin Jesse Riggins. Ich hatte von Anfang an geplant, dass sie die Coverfotos macht, denn ihre Bilder sind einfach sehr gut. Sie nimmt sich als Fotografin nicht besonders ernst, aber wenn ich mir ihre Bilder anschaue, bin ich hin und weg. Sie benutzt Kompaktkameras und 35-Millimeter-Film und macht eine Menge Fotos von mir und meinen Freunden in allen möglichen verrückten Situationen. Sie macht ständig Fotos von mir, deshalb wusste ich, dass es Spaß machen würde, die Bilder mit ihr zu machen. Ich hatte ein paar Ideen im Kopf, die wir ausprobiert haben, und eines Tages sind wir in diesem Park in Long Island gewesen, und dort ist dann das Coverfoto entstanden. Die Gestaltung stammt von Maggie Fost, die Art Director bei meinem neuen Label Merge Records ist. Ihr Auge fürs Detail ist umwerfend!

GL.de: Du bist jemand, der sofort nach dem Abschluss eines Projekts an das nächste denkt. Auch wenn das neue Album noch gar nicht veröffentlicht ist: Wie stellst du dir den Nachfolger von "Ivy Tripp" vor?

Katie: Tief im Hinterkopf habe ich bereits Pläne. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich eine weitere Platte mache, die hauptsächlich solo und akustisch ist. Das letzte Sun-Kil-Moon-Album, "Benji", mochte ich wirklich sehr, und das hat mich auf die Idee gebracht. Für gewöhnlich würde ich zum jetzigen Zeitpunkt bereits die nächste Platte halb fertig geschrieben haben, aber dieses Mal ist es etwas anders, weil ich so beschäftigt war.

GL.de: Ganz zum Schluss: Was macht dich als Musikerin derzeit am glücklichsten?

Katie: Das Unterwegssein! Ich war lange nicht auf Tournee und bin nicht gereist, weil ich es irgendwann einfach leid war und einfach ausspannen und eine neue Platte machen wollte. Sobald mir das gelungen war, merkte ich dann aber, wie sehr ich wieder auf Tour gehen wollte. Diese kleine Solo-Tournee ist meine erste Konzertreise seit langer Zeit, und ich bin einfach sehr glücklich, wieder unterwegs sein zu können!

Weitere Infos:
www.waxahatcheemusic.com
www.facebook.com/waxahatchee
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Waxahatchee
Aktueller Tonträger:
Ivy Tripp
(Wichita Recordings/Pias/Rough Trade)




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