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JIM WAYNE REVISITED
 
Grüße von der Seele
Jim Wayne Revisited
Seit mehr als 15 Jahren steht der Name Jim Wayne für feine, abwechslungsreiche Americana-Klänge aus deutschen Landen. Nach dem Jim Wayne Swingtett und den Sons Of Jim Wayne heißt es nun Jim Wayne Revisited. Stefan Kullik und sein neuer Partner-in-Crime Oliver Sorge setzen dabei weiterhin auf klassisch-akustisches Singer/Songwritertum zwischen Country, Bluegrass und Blues. "Black Sun" heißt ihr erstes Album, das aktuell nur bei den Konzerten des Duos oder über die bandeigene Facebook-Seite erhältlich ist. Ob und bei welchem Label es letztendlich erscheinen soll, ist derzeit noch nicht klar, aber wer die Band über ihre Seite kontaktiert, bekommt die neuen Songs direkt nach Hause. Im Interview mit Gaesteliste.de spricht Stefan über seine musikalische Sozialisation, die Besonderheiten von Jim Wayne Revisited und Fehler mit Leidenschaft.
GL.de: Stefan, wärest du willens und in der Lage, uns die Meilensteine in der Entwicklung deiner musikalischen Sozialisation zu verraten? Platten, Konzerte, musikalische Ereignisse, die dich geformt haben? Du kommst ja aus einer ganz anderen musikalischen Ecke als der, in der du dich heute tummelst!

Stefan Kullik: Der erste beeindruckende Moment war wohl der, als der Leiter einer Feriengruppe irgendwelche Lagerfeuerklassiker vortrug. Danach erinnere ich mich an die Zeit mit meinem Vater, der leidenschaftlicher Plattensammler war - in Dortmund in die Plattenläden und eine Platte für mich als Schweigegeld gegenüber meiner Mutter für seinen geheimen überteuerten Einkauf. Erste Scheibe: Suzi Quatro. Mit 14 das erste große Konzert: AC/DC. Top! Vom Metal dann auf Indie und dann die erste Band Whoa!, die man heute als Grunge bezeichnen würde. Danach Deutsch-"Punk" (Jim Wayne Quartett). Fließender Übergang ins Countryeske durch einen exzessiven Hank Williams-Konsum und sanften Druck eines Bandmitglieds. Mit dem nächsten Jim Wayne-Projekt kam mit Bernd Uebelhöde (Ferryboat Bill) ein echter Tempomacher als Einfluss und Freund. Über all die Jahre ziehen sich die akustische Gitarre und Harmonie durch die musikalische Reise. Die ist im Singer/Songwriter-Dasein am offensichtlichsten. Vielleicht bin ich deswegen dort gelandet.

GL.de: Inwiefern färbt deine musikalische Vergangenheit auf das ab, was du heute machst?

Stefan Kullik: Alles, was man hört und gut findet, hinterlässt Spuren im musikalischen Gedächtnis. Ich habe in viele Genres reingerochen und überall auch gute Platten entdeckt. Je nach Stimmung greift man darauf zurück. Dazu kommt das Spielen mit anderen Musikern und zu verstehen was sie in einem Song sehen. Von vielen hab ich gelernt. Die Phasen einer Band und welche Auswirkungen dies fürs Songwriting hat, ist rückblickend auch ein Gewinn für die musikalische Entwicklung. Alle Jim Wayne-Formationen haben mich geprägt. Rotz, Harmonie, Tempo, Aufeinander-Miteinander- Reagieren. Dynamik. Alles Erfahrungen, die man nur in einer Band machen kann.

GL.de: Jim Wayne Swingett, Sons Of Jim Wayne und nun Jim Wayne Revisited - alle Bands haben den gleichen Ursprung, aber dennoch klingen sie keinesfalls gleich. Wo siehst du selbst die Gemeinsamkeiten - und die Unterschiede?

Stefan Kullik: Das Swingtett war absurd, schön, scheußlich und warm. Wir haben gelernt, als Team vor die Menschen zu treten und die Bereitschaft zu scheitern zur Passion zu machen. Die Sons waren ein geiler Ritt in irrem Tempo. Platte-Tour-Platte-Tour. Das Ganze über sechs Jahre mit vier Platten und zig Auftritten. Der Geschmack der Straße ging ins Songwriting über. Jim Wayne Revisited hatten einen soften Start. Erst Oli als reine Begleitung. Dann kamen seine Songs ins Programm. Dann wurde es uns zu blöd, dass wir kein gemeinsames Material hatten, und wir entschlossen uns, zusammen aufzunehmen: der letzte Schritt, um sich als Band zu bezeichnen. Auch dieses Mal lerne ich von einem begnadeten Songschreiber mit den wohl besten musikalischen Fähigkeiten, die mir bis dato untergekommen sind. Mit ihm kommen auch neue Einflüsse vom Blues und dem Metal ins schöpferische Feld. Dieses große Spektrum in minimalster Form vorzutragen, ist eine Gemeinsamkeit, die uns die Richtung vorgibt. Die etwas filigranere Form der Sons, die noch viel Punkattitüde verkörperten.

GL.de: Du hast es gerade schon angesprochen: Bei den Sons kamen die Veröffentlichungen Schlag auf Schlag. JWR ist eher ein "slow burner". Ist das einfach euren Lebensumständen geschuldet, oder seht ihr durchaus Vorteile darin, euch alle Zeit der Welt zu lassen?

Stefan Kullik: Mit Jim Wayne Revisited sind wir extrem entspannt. Wir wissen, dass man vom Musizieren nur schwerlich leben kann, und schon gar nicht von Plattenverkäufen. Wir lieben es, live zu spielen. Die Aufnahmen sind dazu da, dass die Zuschauer uns mit nach Hause nehmen können und uns nicht vergessen. Die gewonnenen Erfahrungen machen einen gelassener. Da wir aus Leidenschaft und nicht aus beruflichen Gründen musizieren, nehmen wir Songs auf, wann wir wollen, und nicht, wenn wir müssen. Dieser Fakt lässt uns Zeit, die Songs richtig auszuwählen, zu verbessern und zu verinnerlichen. Manchmal sind es auch alte Songideen, die mit dem neuen Verständnis ein anderes Gesicht bekommen. Die Fertigstellung von "Black Sun" hat aber auch schon die Lust auf mehr oder das "Was machen wir als Nächstes" geweckt. Ein gutes Zeichen.

GL.de: Ihr kennt auch noch die Zeiten, in denen man ein richtiges Studio brauchte, um Platten aufzunehmen. Sind Homerecordings die perfekte Umgebung für ein Projekt wie JWR, oder würdet ihr lieber in Abbey Road aufnehmen, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

Stefan Kullik: Aktuell passt das Homerecording gut zu uns, zu unserer Zeit und zu den Stimmungen der Songs. Es ist eine Art von rudimentärem, rohem Sadcore mit einem Schuss Positivismus. Die aktuellen Möglichkeiten, mit geringen Mitteln qualitativ sehr gute Ergebnisse zu erzielen, sind heute besser als in den 4-Spur-Lo-Fi-Zeiten. Wir sind keine hippe Rockband, die ihre Versionen aufpumpen muss, bis der Kompressor dampft. Wir geben unserer Musik Raum und lassen sie klingen. Wir scheißen auf den Click, weil uns Dynamik wichtiger ist. Das muss jedoch nicht immer so sein. In unseren Hirnen sind auch größere Ideen, die sich sicherlich in einem guten Studio verwirklichen lassen. Schade eigentlich, dass wir vom Punkt, an dem Geld keine Rolle spielt, noch weit weg sind. Investoren, bitte melden!

GL.de: Immer mehr Künstler setzen heute bei Ihren Platten auf einen echten, unverfälschten "Live-Sound", weil sie merken, dass das Publikum manchmal auf die kleinen Fehler stärker anspricht als auf klinische Perfektion. Was waren für dich bei der Produktion von "Black Sun" die wichtigsten Aspekte, die wichtigsten Stichworte in puncto Sound und Atmosphäre?

Stefan Kullik: Als Musiker muss man die Angst vorm Scheitern überwinden. Bands verdienen ihr Geld auf der Bühne und nicht mehr in den Plattenläden. Entsprechend muss man auch seine Songs live möglichst eins zu eins umsetzen können. Wer das nicht schafft, dem läuft das Publikum weg. Authentizität wird in diesen Tagen großgeschrieben. Das wirkt sich natürlich auch auf die Produktionen aus. Ich finde diesen Zeitgeist sehr schön. In Fehlern, die mit Leidenschaft gemacht werden, kann man sich verlieren. Wenn die Stimme bricht, ist das absoluter Einsatz und ein Gruß der Seele.

GL.de: Bei den Sons Of Jim Wayne gab es immer reichlich Gäste auf den Platten. Wie war das dieses Mal?

Stefan Kullik: Keinerlei Gäste. Ein ganz bewusster Schritt. Die Aufnahmen stellen uns dar. So sind wir. Einfach und ehrlich. Bei dem ein oder anderen Song schwebten uns Gäste vor, aber wir wollten die Songs eben nicht größer machen, sondern sie in ihrer ursprünglichen Form vorstellen. Es ist nicht so, dass wir es für immer ausschließen, aber aktuell sind wir einfach zu zweit - und das ist gut so.

GL.de: Songschreiben, Arrangieren, Spielen, Singen, Produzieren - in welchem Feld, denkst du, hast du seit den Swingtett-Anfängen die größten Fortschritte gemacht - und woran möchtest du gerne in Zukunft noch besonders arbeiten?

Stefan Kullik: Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, meinen Mitmusikern intensiver zuzuhören, ihr Songverständnis zu verinnerlichen und dann dem Song zu dienen. Dadurch habe ich z.B. bei Songs mitgesungen, die aus Genres kamen, die ich sonst eigentlich nicht höre. Aber gerade in diesen Momenten kann man viel mitnehmen. Auch die Erkenntnis, dass es Musikrichtungen gibt, in die ich nicht gehen will, ist eine Erfahrung, die der Entwicklung nicht schadet, weil man sich dann aufs Wesentliche konzentrieren kann. Ob ich gesanglich oder an der Gitarre besser geworden bin? Vermutlich ja, aber ich würde es lieber als "anders" bezeichnen. Im Laufe der Jahre knallt einem das Leben ins Hirn, und wenn man Songs schreibt, fließt es darin ein. Nicht zwingend textlich, aber von der Stimmung her. Deshalb arbeite ich auch daran, zukünftige Lebenseinflüsse noch intensiver auf die Musik zu übertragen.

GL.de: Besonders fröhlich mutet der Albumtitel nicht an. Was erwartet uns textlich auf "Black Sun"?

Stefan Kullik: Es dreht sich oft um allgemeine Dinge. Bei "Holidays" geht es darum, dass man Urlaub braucht, wenn man viel arbeitet. "Words" handelt von einem missverstandenen Musiker, "Sweetest Heart" ist simpler ein Love Song. Aus Olis Song und einem Foto (das jetzt als Cover dient) ergab sich puzzleartig der Namen des Albums. Insgesamt ist es wohl stimmungstechnisch das fröhlichste, an dem ich bis dato gearbeitet habe, Es sind darke, spookige, traurige Tracks dabei, aber genauso findet man Nummern, die zu einem barfüßigen Wiesenlauf als Soundtrack dienen könnten. Möglicherweise ist der Titel irreführend, aber wir sind keine Marketingmonster, sondern folgen unserem Instinkt. Das ist vielleicht nicht immer clever, aber auf Dauer besser fürs Gemüt. Wenn man einen Fehler macht, macht man ihn selbst und muss sich nicht ärgern, auf den Falschen gehört zu haben. So bleibt man sich und seiner Musik treu.

GL.de: Die goldenen Zeiten des Musikbusiness sind lange vorbei. Bist du trotzdem gerne im Hier und Jetzt Musiker? Anders gefragt: Wenn du eine Zeitmaschine in die Finger kriegen würdest, in welche musikalische Epoche würdest du gerne zurückreisen - und warum?

Stefan Kullik: Die Abwertung von Musik macht mir schon zu schaffen. Wenn man mitbekommt, wie viel Mühe sich Bands geben, um gute Produktionen abzuliefern, und die viele Arbeit dann später aus Handyboxen tropfen, ist dies schon irgendwie traurig. Zudem will niemand mehr was für Tonträger ausgeben und die Qualität wird dem Speicherplatz geopfert. Das ist die traurige Seite. Die positive Seite ist, dass Künstler - egal ob bekannt oder nicht - sich nicht auf ihren Plattenverkäufen ausruhen können, sondern auch live wirklich gut sein müssen. Dieser Back-to-the-roots-Effekt bringt die Musik letztendlich weiter. Mittlerweile kann man auch mit wenigen Mitteln Songs aufnehmen und der Welt per Mausklick präsentieren. Das hat was Punkiges. Falls ich mich in eine musikalische Zeitmaschine setzen könnte, würde ich mich wohl in die Zeit von Harry Smith beamen und ihn bei seinen Aufnahmereisen in den 20er-, 30er-Jahren begleiten. Einfach nur zuhören und dabei gerne eine Wurst und ein Bier. Damals hängte man ein rotes Handtuch aus dem Fenster, um zu zeigen, dass es abends ein Wohnzimmerkonzert gab. Das klingt für mich sehr gemütlich.

Weitere Infos:
www.facebook.com/pages/JIM-WAYNE-Revisited/135441359959396
www.sonsofjimwayne.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Jim Wayne Revisited
Aktueller Tonträger:
Black Sun
(Eigenveröffentlichung)


Jim Wayne Revisited

 
 

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