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LEON BRIDGES
 
Vergangenes neu reflektiert
Leon Bridges
"Ich hätte nie gedacht, dass meine Musik Menschen in aller Welt gefallen würde. Das ist das Verrückteste an der ganzen Sache für mich", gesteht Leon Bridges im Gaesteliste.de-Interview. Der 25-jährige Texaner ist fraglos die Entdeckung des Jahres und das, obwohl sein Sound alles andere als neu ist. Mit seinem fantastischen Debütalbum "Coming Home" entführt er uns in eine Zeit, die mehr als 50 Jahre zurückliegt, eine Zeit, in der die ganz Großen des Soul ihre Klassiker für die Ewigkeit fabrizierten und einen Sound schufen, der heute genauso intensiv, herzergreifend und mitreißend ist wie damals.
Derzeit weiß Leon Bridges kaum, wo ihm der Kopf steht. Zwischen seinem Auftritt in der legendären "Tonight Show" im amerikanischen Fernsehen, einem umjubelten Konzert am Veröffentlichungstag seines LP-Erstlings im New Yorker Bowery Ballroom und seinem live von der BBC übertragenen Festival-Debüt im englischen Glastonbury lagen gerade einmal fünf Tage. Von Glastonbury ging es dann direkt weiter nach Köln, wo er für einen Auftritt im "ARD Morgenmagazin" noch vor Sonnenaufgang aus den Federn musste, bevor er am Abend für ein begeisterndes Konzert im rappelvollen Stadtgarten in der Domstadt auf der Bühne stand. Zeit zum Durchatmen bleibt da kaum. "Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit zur Reflexion, denn alles ging so schnell", sagt er. Schließlich benötigte er für den Sprung vom Tellerwäscher in Fort Worth zur nächsten großen Hoffnung des Retro-Soul nur wenige Monate. Kaum hatte er erste Aufnahmen bei Soundcloud veröffentlicht, standen bereits die größten Plattenfirmen der Welt bei ihm Schlange, letztlich gab er im Dezember Columbia Records, der Labelheimat von Bob Dylan, Bruce Springsteen, Leonard Cohen und einst auch Billie Holiday, den Zuschlag - und ist verständlicherweise sehr glücklich darüber. "Ich bin dankbar dafür, diese Plattform zu haben", unterstreicht er. "Ich bin gespannt, was als Nächstes passieren wird."

Anders als etwa seine erklärte Retro-Lieblingsband, die Alabama Shakes, die sich großzügig in verschiedenen Epochen und Stilen bedienen, und auch im Gegensatz zu seinem großen Helden Raphael Saadiq, der althergebrachte Tugenden mit modernen Produktionsstandards vereint, geht es Bridges in erster Linie darum, eine klar umrissene Ära so authentisch wie möglich abzubilden, oder wie er selbst sagt: "Ich möchte Musik machen, die das Vergangene für eine neue Generation reflektiert." Das gilt allerdings nicht nur für den Sound. So achtet Bridges bei seinen Texten sehr genau darauf, dass seine Wortwahl der damaligen Zeit angemessen ist und es keine Anachronismen gibt. Mit Klamotten, Schwarz-Weiß-Promofotos und auf alt getrimmten Plattenhüllen setzt er das Vintage-Feeling auch visuell höchst wirkungsvoll um und gibt passend dazu auf der Bühne den gediegenen Crooner. "Ich werde manchmal gefragt, warum ich auf der Bühne nicht herumspringe und herumbrülle", erzählt er. "Ganz einfach: Weil Jessie Belvin und Nat King Cole das auch nicht getan haben!"

Leon Bridges
Hört man "Coming Home", könnte man schnell auf den Gedanken kommen, dass Bridges die klassische Soulmusik praktisch schon mit der Muttermilch aufgesogen hat. Das Gegenteil ist allerdings der Fall. Bis vor wenigen Jahren sagten ihm die Namen der Großen des Genres rein gar nichts. Neben Gospels hatten es ihm stattdessen vor allem zeitgenössische R&B-Acts wie Usher oder Ginuwine angetan. Dann schrieb er "Lisa Sawyer", den Song, der alles veränderte. In der Nummer, die das Leben seiner Mutter als junges Mädchen in den 60ern Revue passieren lässt, glaubte ein Freund eine Hommage an den Sound von Sam Cooke zu erkennen. Neugierig geworden, machte sich Bridges auf musikalische Spurensuche - und war sofort gefangen. Der herrlich raue Soul von vorgestern hatte alles, was ihn an guter Musik begeistert: großartiges Songwriting, gute Melodien und ein untrügliches Gespür für die richtige Phrasierung beim Gesang. "Ich konnte nicht verstehen, warum nicht mehr afroamerikanische Jungs auch heute noch solche Musik machen", erinnert er sich. Fasziniert war er aber nicht nur von der Musik zu Zeiten der Segregation in den USA. "Ich liebe das Gemeinschaftsgefühl der schwarzen Musiker dieser Ära", verrät er. "Sie haben zusammengestanden und großartige Musik gemacht, weil sie inmitten der sozialen Korruption nur einander hatten."

Bridges dagegen fing zunächst allein an, und es war ein weiter Weg von seinen schüchternen Soloauftritten bei den Open-Mic-Abenden seiner Heimatstadt bis zu seinem mit kompletter Band produzierten Majorlabeldebüt. "Das war ein langsamer Prozess", bestätigt er. "Weil mein Hintergrund R&B und Hip-Hop ist, hat es eine Weile gedauert, alles perfekt hinzubekommen - und ich lerne immer noch täglich dazu. Anfangs ist es mir vor allem schwergefallen, die richtigen Akkordfolgen zu finden und meine Stimme dem Stil anzupassen. Ich bin immer noch Anfänger auf der Gitarre, und Songs zu schreiben war zunächst ein richtiger Kampf."

Leon Bridges
Unterstützung fand Bridges bei Austin Jenkins und Josh Block von den ebenfalls aus Texas stammenden Psychedelic-Rockern White Denim, die ihn mit den richtigen Musikern in ein altmodisches, voll analoges Studio verfrachteten, um "Coming Home" wie anno dazumal aufzunehmen. Dass die Songs auch mit der entsprechenden Herangehensweise der Ära eingespielt wurden, trug fraglos zur ungeheuren Authentizität der Aufnahmen bei. Ziel im Studio war es, die ungefilterte Energie des Live-Zusammenspiels der Musiker im Raum einzufangen. "Wenn wir gesagt hätten, der Saxofonist kommt am Montag und der Gitarrist fügt am Dienstag seine Parts hinzu, hätte das nicht funktioniert", ist Bridges überzeugt. Mittlerweile weiß er auch, dass Perfektion nicht alles ist. Schließlich sind es bisweilen genau die kleinen Fehler, die das Besondere einer Platte ausmachen. So landete zum Beispiel seine windschiefe Gitarre bei "Brown Skin Girl" auf der Platte. "Ich war zuerst richtig angefressen, dass sie diese Version genommen hatten", erinnert er sich, "aber letztlich ist sie schön rau." Doch die Konzentration auf einen echten, naturbelassenen Klang ist nicht das alleinige Erfolgsgeheimnis, das sich hinter "Coming Home" verbirgt. "Das Wichtigste", da ist sich Bridges sicher, "ist Songs zu schreiben, die auch deiner Momma gefallen!"
Weitere Infos:
www.leonbriges.com
www.facebook.com/LeonBridgesOfficial
twitter.com/leonbridges
instagram.com/leonbridgesofficial
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Rambo-
Leon Bridges
Aktueller Tonträger:
Coming Home
(Columbia/Sony Music)




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