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CLUTCH
 
"Heute nehme ich alles viel ernster!"

Clutch
"Psychic Warfare" heißt das inzwischen elfte Studioalbum von Clutch, mit dem das Quartett aus Germantown, Maryland, einmal mehr beweist, dass es sich heute den Stühlen inzwischen am wohlsten fühlt. Fast 25 Jahre nach der Bandgründung bedienen sich Neil Fallon (Gitarre, Gesang), Tim Sult (Leadgitarre), Dan Maines (Bass) und John-Paul Gaster (Schlagzeug) auf ihrer neuen Platte bei Stoner Rock, Metal, Blues und Country und formen daraus Songs, die vor Energie nur so sprühen. Anders als viele andere Bands, die schon viele Runden um den Block gedreht haben, ist von Behäbigkeit bei Clutch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Wie schon auf dem erfolgreichen Vorgänger "Earth Rocker" aus dem Jahre 2013 scheinen die Tracks der Amerikaner heute schneller und härter denn je zu sein. Vor der Deutschland-Tour in der letzten Novemberwoche stand Neil Fallon uns für ein kurzes Interview zur Verfügung.
Gaesteliste.de: Wie fühlt es sich an, 2015 in Clutch zu sein, und was ist anders als vor 20, 25 Jahren?

Neil Fallon: Ich schätze mich sehr glücklich, nach all den Jahren immer noch etwas Kreatives zu machen. Heute nehme ich alles viel ernster und bin viel besitzergreifender, wenn es um die Band und alles um sie herum geht. Das ist der größte Unterschied zu unseren frühen Tagen.

Gaesteliste.de: Ihr spielt seit Anfang an in unveränderter Besetzung zusammen. Hat das nur Vorteile oder auch gewisse Nachteile? Viele andere Bands benutzen Veränderungen in der Besetzung, auf dem Produzentenstuhl oder im Management für musikalische Neuausrichtungen, euch gelingt das auch mit personeller Konstanz.

Neil Fallon: Nach wie vor die gleiche Besetzung zu haben, macht es unglaublich leicht, live zu spielen, weil wir uns einfach in- und auswendig kennen - das grenzt manchmal fast an Gedankenübertragung. Neue Songs zu schreiben, kann dagegen eine echte Herausforderung sein, weil wir schnell Gefahr laufen, zu bequem zu werden, eben weil wir uns so gut kennen. Um dem zu begegnen, konfrontiert uns John-Paul manchmal mit einem eigenartigen Beat, zu dem gar kein Riff zu passen scheint, aber dann arbeiten wir so lange daran, bis es trotzdem passt. Bisweilen spiele ich Riffs, die eher Country-Fingerpicking-Style haben und die so gar nichts mit Rock zu tun haben, aber auch da hängen wir uns richtig rein und am Ende steht ein Song.

Gaesteliste.de: Inzwischen tummelt ihr euch vor allem in Heavy Rock-Sphären, eure frühen Punk- und Hardcore-Wurzeln spielen dagegen offenbar keine große Rolle mehr...

Neil Fallon: Wir stellten fest, dass die Emotionen, die in dieser Art von Musik stecken, schnell erschöpft sind. Ich fand heraus, dass es mir viel leichter fällt, Geschichten zu erzählen - und das funktioniert im Umfeld von Country, Blues und Classic Rock einfach viel besser. Inzwischen spiegelt sich das auch in unseren Hörgewohnheiten wider. Wenn ich das Radio einschalte, will ich nicht Hardcore hören, sondern ZZ Top! Meine textlichen Mentoren sind heute Leonard Cohen oder Tom Waits. Sie haben nicht die schönsten Singstimmen, aber sie sind verdammt noch mal großartige Geschichtenerzähler.

Gaesteliste.de: Eure neue Platte ist wie gemacht für die Live-Bühne. Liegt das daran, dass auch ihr heute vor allem von euren Auftritten und weniger von Plattenverkäufen lebt?

Neil Fallon: Wir haben auf die harte Tour gelernt, dass du im Studio Sachen aufnehmen kannst, die sich großartig anhören, sich aber einfach nicht auf die Konzertbühne übertragen lassen. Gerade in Zeiten der digitalen Aufnahmetechnik bist du schnell in der Klemme, weil du Sachen im Studio machen kannst, die sich live nie und nimmer wiederholen lassen. Deshalb sind wir inzwischen dazu übergegangen, die Songs erst mal auf der Bühne zu spielen, bevor wir sie aufnehmen.

Gaesteliste.de: Die Reihenfolge von "Psychic Warfare" ist zweifelsohne mit einer Vinylveröffentlichung im Hinterkopf zusammengestellt worden. Dabei seid ihr ja eine Band, die ihre ersten Platten herausgebracht hat, als praktisch niemand Vinyl gekauft hat.

Neil Fallon: Als wir angefangen haben, konntest du 75 Minuten auf eine CD packen, also haben alle das auch gemacht. Rückblickend habe ich dann aber festgestellt, dass die 40 Minuten einer Vinyl-LP für ein sehr befriedigendes Hörerlebnis sorgen. Sie reichen aus, um dich auf eine Reise mitzunehmen, ohne jedoch Gefahr zu laufen, dass du als Hörer überfordert wirst.

Gaesteliste.de: Bei all den Veränderungen in der Plattenindustrie - was vermisst du am meisten aus der "guten alten Zeit"?

Neil Fallon: Die positivste Veränderung ist, dass wir heute in der Lage sind, unseren Fans die Musik direkt zu verkaufen. Wir waren lange bei Majorlabels unter Vertrag, und wenn wir nach Deutschland kamen, konnten wir froh sein, wenn zehn Leute zu den Konzerten kamen. Inzwischen benötigen wir diese Mittelsmänner nicht mehr, können unsere Platten online verkaufen und wissen dadurch auch gleich, wo es sich lohnt, live zu spielen. Es gibt allerdings auch Dinge, die ich vermisse. In den 70ern hattest du Genres wie Heavy Metal oder Punk, die geradezu kryptisch und vollkommen tabu waren. Heute ist alles nur noch einen Klick entfernt, und dadurch ist viel von der Gefahr und von dem Mysteriösen verloren gegangen, die diese Musik früher umgaben.

Gaesteliste.de: Vermisst du nicht auch manchmal den Filter der traditionellen Plattenindustrie? Früher mussten Bands ja viel höhere Hürden überwinden, bis sie eine Platte machen durften.

Neil Fallon: Ja! Um ganz ehrlich zu sein: Ich möchte nicht in der Haut einer Band stecken, die jetzt gerade anfängt. Das Internet ermöglicht es dir, die Aufmerksamkeit der ganzen Welt zu erlangen, aber das gilt für die anderen 500.000 neuen Bands natürlich genauso. Du musst den ganzen Social-Media-Blödsinn mitmachen, um auf dich aufmerksam zu machen, und nichts davon hat mit Musik zu tun, und das ist wirklich traurig.

Gaesteliste.de: Trotzdem habt auch ihr euer eigenes Label, um eure Musik zu veröffentlichen, und müsst ans Marketing genauso denken wie an die Musik. Wie fühlst du dich dabei?

Neil Fallon: Nun, das ist die Welt, in der wir heute leben, und daran kann man nichts ändern. Es ist manchmal schon etwas schizophren. Eigentlich wollten wir nur in einer Band sein, um Musik zu machen, aber nun sitzen wir auch hin und wieder zusammen und beratschlagen, wie man die Leute dazu kriegt, über unsere neue Platte zu reden. Über Marketingstrategien zu diskutieren, kommt uns schon sehr seltsam vor, aber das müssen wir tun, wenn uns unsere Musik wichtig ist. Denn all den anderen Bands ist ihre Musik wichtig genug, das auch zu tun.

Gaesteliste.de: Wenn du auf all das zurückblickst, was ihr in den letzten rund 25 Jahren erreicht habt - was kommt dir da als Erstes in den Sinn?

Neil Fallon: Vor einigen Jahren sind wir zum ersten Mal in Griechenland, in Athen, aufgetreten. Wir waren noch nie zuvor dort gewesen und trotzdem war es vermutlich die größte Headlining-Show unserer gesamten Karriere. Wir spielten vor 3000 Zuschauern, die jede einzelne Zeile der Songs kannten. Dass die Leute auf der anderen Seite des Globus die Texte gesungen haben, die ich mutterseelenallein in meinem Keller geschrieben hatte, das war einfach unglaublich! Das bedeutete mir viel mehr als irgendwelche Auszeichnungen oder Kohle auf der Bank!

Weitere Infos:
www.pro-rock.com
www.facebook.com/Clutchband
Interview: -Simon Mahler-
Foto: -Pressefreigabe-
Clutch
Aktueller Tonträger:
Psychic Warfare
(Weathermaker/Rough Trade)




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