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KRISTINA JUNG
 
Schwermut, federleicht
Kristina Jung
Kristina Jung ist noch gar nicht so lange in Folk-Zirkeln unterwegs, aber mit den willkommen unorthodoxen Songs ihrer ersten EP "Into The Light That I Have Known" auf dem deutsch-britischen Label Woodland Recordings hat die viel gereiste, inzwischen im baden-württembergischen Singen heimische Sängerin, Gitarristin und Songwriterin bereits einigen Staub aufgewirbelt. 2014 arbeitete die Dame mit der eindrucksvollen Stimme als Auftragskomponistin an der Colgate University in Upstate New York, diesen Sommer trat sie beim dänischen Fanø Free Folk Festival auf und im November wird sie am Songwriter-Projekt des Groninger Museums in Holland mitwirken. Auf ihrem Erstling findet sie zwischen Sibylle Baier, Nico und Karen Dalton stets ihren eigenen Weg, wenn es darum geht, Schwermut in Songs zu verpacken, die trotzdem sanft und leichtfüßig anmuten, und dabei ihr vertontes Unbehagen in immer wieder neue Bahnen zu lenken. Im Oktober ist sie allein und auch zusammen mit dem großartigen Ryan Lee Crosby auf Tournee, wir trafen sie nach ihrem feinen Konzert in Oberhausen Ende September.
Als Singer/Songwriterin mag Kristina eine Newcomerin sein, die Musik begleitet sie aber natürlich schon länger. Angefangen hat sie mit Klavier und Gesang, wenngleich sie schon immer Gitarre spielen wollte. Auf ihrem Weg zum Folk spielte auch die unerreichte Joni Mitchell eine Rolle, wenngleich auf eine etwas andere Art, als man das vielleicht im ersten Moment vermuten würde. "Als ich noch klassisch gesungen habe, hatte ich immer so ein wenig das Gefühl: Das ist etwas, das würde ich auch können", erinnert sie sich beim Treffen mit Gaesteliste.de. "Manches konnte ich damals nicht, weil ein bestimmtes Stimmtraining auch Sachen ausschließt, aber bei Joni Mitchell dachte ich mir: 'Das kann ich auch!' Ich habe immer sehr gerne klassisch gesungen, aber irgendwann war mir das alles zu steif und ich musste da raus." Den Absprung schaffte sie, als sie 2011 für eine Weile in die USA ging und dort, wie sie selbst sagt, "ein bisschen Narrenfreiheit" genoss. "Ich hatte einen Job, der nicht besonders anstrengend war, genug Geld, um mir eine Gitarre zu kaufen, und genug Zeit, um echt extrem viel zu üben. Ich habe damals fünf, sechs Stunden am Tag gespielt", erzählt sie. Nach etwa einem Jahr habe ich mich dann erstmals bei einem Open-Mic auf die Bühne gewagt - das ging natürlich schief, aber was soll's!" Trotz einiger Rückschläge war Kristina bald klar, dass sie auf dem richtigen Weg war. "Ich merkte schnell, dass die Gitarre viel mehr mein Instrument war als das Klavier, weil man stärker mit der Tonfarbe spielen kann", erklärt sie. "Ich stelle immer wieder fest, dass ich mit auf dem Klavier geschriebenen Liedern nicht so wahnsinnig viel anfangen kann. Die meisten Sachen, die ich mag, haben eine Blues- oder Folk-Färbung, und da ist die Gitarre dann auch das richtige Schreibinstrument. Als ich die Gitarre dann hatte, hat es echt auch nicht lange gedauert, bis ich das Bedürfnis hatte, eigene Lieder zu schreiben."

Anders als viele seelenverwandte Künstlerinnen vertont sie in ihren Songs allerdings nicht nur traumatische Erlebnisse aus ihrem eigenen Leben. Als studierte Literaturwissenschaftlerin, die gerade an ihrer Doktorarbeit in Germanistik sitzt, liest sie viel und findet oft in Büchern Inspiration für fiktive Charaktere, deren Geschichten sie in ihren Songs lebendig werden lässt. "Ich lebe mein Leben sehr viel mit Geschichten und Filmen", verrät sie. "Das ist auch eng verwoben mit der Art und Weise, wie ich mir selbst meine Biografie erzähle, etwa so: 'Das war die Phase, als ich David Lynch entdeckt habe, mit 16, der Winter, in dem ich zum ersten Mal 'Twin Peaks' gesehen habe.'" Doch obwohl ich viel mit Geschichten lebe, habe ich früher nie groß versucht, selber welche zu schreiben."

Vielleicht auch bedingt durch ihre frühere Tätigkeit als Junior-Dramaturgin am Theater hat Kristina nicht nur ein Faible für ungewöhnliche Figuren, auch in puncto Songstrukturen bewegt sie sich mit den meisten Stücken ihrer ersten EP abseits der ausgetrampelten Pfade und verzichtet größtenteils auf das traditionelle Strophe-Refrain-Schema. "Als ich angefangen habe zu schreiben, war mein Wunsch, mich extrem abzugrenzen, größer als heute", gesteht sie. "Mittlerweile finde ich es durchaus in Ordnung, wenn ein Lied Strophe und Refrain hat. Allerdings wird mir nach wie vor unwohl, wenn es dann nicht irgendeinen Twist hat, eine Bridge, die aus dem Zusammenhang fällt, oder eine Coda, die noch einmal eine andere Farbe ins Lied reinbringt. Das ist mir nach wie vor sehr wichtig. Ich glaube aber auch, dass die Lieder durch mehr Schreiberfahrung auf eine gewisse Art homogener werden - und das ist ja nicht nur schlecht." Gleichzeitig merkt Kristina auch, wie sich die in den letzten Jahren gewonnene Bühnenerfahrung auf ihre neuen Songs auswirkt, nachdem ihre ersten Stücke entstanden waren, bevor sie (regelmäßig) Konzerte spielte. "Heute merke ich sehr schnell, was funktioniert und was nicht - für das Publikum und auch für mich selbst", ist sie überzeugt. "Trotzdem bin ich auch weiterhin eine Freundin des Schreibens gegen den Strich."

Obwohl Kristina in erster Linie in der Tradition der großen Folk-Solistinnen auf beiden Seiten des Atlantiks steht, lässt sie sich hier und da auch musikalisch unterstützen. Der Grund dafür ist denkbar einfach. "Wenn du allein auf der Bühne stehst und verkackst, dann hört die Musik auf", sagt sie lachend. "Außerdem ist es auch schöner, das ganze Abenteuer eines Konzerts, einer Tournee zu teilen. Der Zug fährt dir vor der Nase weg, du stehst im Stau - da ist es schön, nicht allein zu sein." Bislang fand Kristina ihre Mitstreiter stets auf ganz organische Art und Weise in ihrem Umfeld, so begleitet sie ihr Ehemann Eryk Pawlik bei Konzerten an der Stromgitarre und im Studio griff ihr Produzent Markus Heinzel zum Kontrabass. Für die Zukunft wünscht sie sich allerdings dennoch, stärker mit anderen Musikern und Produzenten zu kooperieren, sodass weniger spartanische Arrangements auf den nächsten Veröffentlichungen zumindest nicht ausgeschlossen sind. "Als ich angefangen habe zu schreiben, fand ich das Lineare total spannend, also die Horizontale im Lied. Derzeit ist es mehr die Textur", erklärt sie. Ihr Interesse an Produktion verändert inzwischen auch ihre Hörgewohnheiten. "Ich höre Platten im Moment extrem danach, wie sie produziert sind", ergänzt sie. "Das ist nicht superneu, auch früher ist mir natürlich aufgefallen, wenn eine Platte grottig produziert war, aber dass ich ein richtiges Ohr für Textur und Arrangements entwickele, das kommt erst jetzt."

Zum einen spiegelt das sicherlich die wachsenden Fähigkeiten Kristinas als Musikerin in ihrem Genre wider, zum anderen ist es aber auch einfach der Spaß am Entdecken der Möglichkeiten, der sie antreibt. "Ein Stück weit ist das auch eine Suche nach etwas Neuem", bestätigt sie und hat zur Verdeutlichung auch gleich noch eine Anekdote parat: "Ich habe mal ein Musikwissenschaftstutorat unterrichtet, in dem es um Haydn ging. Er hat zunächst unheimlich viele Dur-Symphonien geschrieben, aber irgendwann hat er damit aufgehört und angefangen, in Moll zu schreiben. Ich habe dann die Studierenden nach dem Grund dafür gefragt. Einer meinte: 'Sein Vater ist gestorben und er war traurig', nee, dem war langweilig! Er hatte Lust, mal was in Moll zu schreiben. Ich denke, bei mir ist das ähnlich. Am Anfang musste ich mich ja erst mal beweisen und es erst einmal hinkriegen, ein Lied von Anfang bis Ende zu schreiben, das irgendeinen Zusammenhang hat. Jetzt habe ich eher das Gefühl, dass ich mich an der Horizontalen, an der Textur des Ganzen abarbeiten kann. Was das für die nächste EP bedeutet? Mal gucken!" Ihre Suche nach einer neuen Folk-Musik für das Hier und Jetzt geht jedenfalls weiter.

Nachdem ihre ersten Gehversuche als Songwriterin von Alela Diane, Laura Marling und Bonnie "Prince" Billy inspiriert waren, hört sie derzeit das neue Album von Lana Del Rey rauf und runter und begeistert sich für das neue Werk von Marika Hackman, die ihre Folk-Songs von Alt-J-Produzent Charlie Andrew in Szene setzen ließ. "Die Sachen haben eine elektronische Form der Produktion, die gleichzeitig aber sehr organisch und warm ist. Die Mischung aus akustisch und elektronisch ist etwas, das mich gerade total interessiert." Auf ihrer nächsten Veröffentlichung will Kristina diesen Brückenschlag dann auch selbst umsetzen. "Anfang nächsten Jahres würde ich sehr gerne wieder ins Studio gehen und zumindest ein paar Singles aufnehmen. Da will ich mit einer superjungen, 19-jährigen Produzentin zusammenarbeiten, die Organic-Electronic-Produktionen macht, die aber auch düster sind, denn düster ist immer sehr wichtig!", sagt sie und muss lachen. Danach könnte es dann im kommenden Frühjahr zu einer gemeinsamen Tournee mit ihrer Seelenverwandten Allysen Callery aus Rhode Island kommen, doch das ist noch Zukunftsmusik. "Ich muss einfach meine Doktorarbeit durchkriegen", sagt sie bestimmt. "Ich arbeite da jetzt noch nicht so lange dran, dass es besorgniserregend wäre. Aber irgendwann muss man das Ding ja auch mal weghaben."

Weitere Infos:
www.facebook.com/kristinajungmusic
soundcloud.com/kristina-jung
kristinajung.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Linda Marx-
Kristina Jung
Aktueller Tonträger:
Into The Light That I Have Known
(Woodland Recordings)


Kristina Jung

 
 

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