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BOB MOULD
 
Auf die altmodische Tour
Bob Mould
Eigentlich hätte Bob Mould in den letzten Jahren der glücklichste Mensch der Welt sein müssen. Seit er 2012 sein Album "Silver Age" veröffentlicht hat, wird der inzwischen 55-jährige Amerikaner von Fans und Presse gleichermaßen gefeiert, wie seit seinen Zeiten bei Hüsker Dü (mit denen er in den 80er-Jahren dem Alternative-Rock-Boom den Weg ebnete) und Sugar (mit denen er in den 90ern die verdienten Lorbeeren für sein Tun einfuhr) nicht mehr. Doch persönliche Rückschläge warfen in den letzten Jahren immer wieder Schatten auf das eindrucksvolle dritte Comeback dieses mit zunehmendem Alter immer sympathischer und umgänglicher werdenden Pioniers und Survivors. Jetzt erscheint sein zwölftes Solowerk, "Patch The Sky", auf dem er gemeinsam mit seinen Mitstreitern Jason Narducy (Bass) und Jon Wurster (Schlagzeug) den Faden von "Silver Age" und dem 2014er Nachfolger "Beauty & Ruin" weiterspinnt, ohne sich nur zu wiederholen. Auf der neuen LP setzt er musikalisch auf unbedingte Eingängigkeit, lässt textlich aber in die dunkelsten Ecken seines Innenlebens blicken. Anfang Februar stellte er sich in Berlin den Fragen von Gaesteliste.de.
GL.de: Bob, willkommen zurück in Berlin. Du bist erst vergangenen November hier gewesen, wenn wir einigen Foo Fighters-Videos auf YouTube glauben dürfen?

Bob Mould: Ja, ich war für drei Wochen hier, hab einfach ein bisschen abgehangen, Museen und Galerien besucht und gutes Essen genossen, und siehe da, die Foo Fighters waren zur gleichen Zeit auch in der Stadt! Das wusste ich nicht, als ich meine Reise geplant habe, aber es hat natürlich prima gepasst.

GL.de: Bei deinem Gastauftritt hast du gemeinsam mit den Foo Fighters "Detroit Rock City" von Kiss gespielt - wie seid ihr darauf gekommen?

Bob Mould: Ich bin mit den Jungs ja schon des Öfteren aufgetreten und für gewöhnlich haben wir die Tom Petty-Nummer "Breakdown" gespielt, neben unserem gemeinsam aufgenommenen Song "Dear Rosemary", der immer im Programm war. In Berlin sagte Dave (Grohl) dann: Wir sollten zwei Lieder zusammen spielen, woraufhin ich den Petty-Song ins Gespräch brachte, aber er meinte nur: "Nö!" Taylor (Hawkins) fing dann an, all diese Queen-Stücke aufzulisten. Ich liebe Queen, aber ich habe keine Ahnung, wie man die Lieder spielt! Dann fragte Dave: "Aber was von Kiss kannste, oder?" - "Jau!" So einfach war das!

GL.de: Genug von den Foo Fighters. Gibt es irgendetwas, das mehr Menschen von dir wissen sollten?

Bob Mould: Ja, dass ich ziemlich humorvoll sein kann, wenn ich will! Das öffentliche Bild von mir ist im Großen und Ganzen schon recht zutreffend, aber einige Teile werden dabei gerne ausgeblendet, und eines davon ist, dass ich auch ziemlich lustig und skurril sein kann, wenn mir danach ist (lacht).

GL.de: Bei unserem letzten Treffen hast du gesagt, dass du dir als nächstes Projekt einen Soundtrack oder ein längeres musikalisches Werk vorstellen könntest, nun ist "Patch The Sky" keins von beidem. Kann man sagen, dass dich die neue Platte einfach "gefunden" hat, wegen bestimmter Ereignisse in deinem Leben?

Bob Mould: 2014 war ein ziemlich hartes Jahr für mich. Ich habe inzwischen beide Eltern verloren, andere Menschen, die mir sehr nahestanden, sind gestorben - es gibt einfach einen guten Weg, da Songs "drum herum" zu schreiben, wenn du weißt, was ich meine. All das passierte und das war die Stimmung, in der ich mich wiederfand. Ich wollte zu dem Zeitpunkt niemandem meine Gesellschaft zumuten. Als ich Ende 2014 mit der Band hier in Europa auf Tour war, war ich ziemlich grantig. Nichts Weltbewegendes, einfach so eine Phase, die wir alle mal haben, aber ich wollte einfach raus aus dem Blick der Öffentlichkeit. Also schrieb ich ganz allein sechs Monate lang Lieder, auf der Suche nach etwas - auch wenn ich nicht weiß, wonach ich eigentlich suchte. Am Ende hatte ich einen ganzen Haufen Songs. Danach hab ich dann Jason, Jon und unseren Tontechniker zusammengetrommelt und wir haben in Chicago das neue Album eingespielt.

GL.de: Ihr habt wieder bei Steve Albini aufgenommen, richtig?

Bob Mould: Ja! Dieses Mal waren wir aber im A-Room, dem viel größeren Aufnahmesaal in der unteren Etage. Wir haben uns dort einfach zweieinhalb Wochen eingenistet, bis alles fertig war, und dann bin ich mit einem Tontechniker zurück nach San Francisco und wir haben die Platte dort in zwei Wochen gemischt. Am Ende haben wir es auf die ganz altmodische Tour gemacht, und in knapp sechs Wochen war die Platte fertig.

GL.de: Du hast gerade die Einsamkeit des Schreibprozesses erwähnt. War das etwas Besonderes für dich?

Bob Mould: Was diese Platte besonders gemacht hat, war die Zeit, die ich mir dafür nehmen konnte. Ich betrachte die letzten drei Platten als einen zusammenhängenden Zeitabschnitt. "Silver Age" entstand sehr schnell, nachdem ich meine Autobiografie geschrieben hatte, "Beauty & Ruin" habe ich sehr schnell in einer kurzen Tourneepause geschrieben, und nachdem wir aus Südamerika zurück waren, sind wir dann sofort ins Studio gegangen. Dieses Mal hatte ich sechs Monate Zeit ohne große Verpflichtungen. Es gab zwei Konzerte und einen TV-Auftritt - sonst war mein Terminkalender leer, was ein großer Luxus war, weil ich so Musik für 50 Songs schreiben konnte und 20 Texte, aus denen sich dann sehr schnell die richtigen für die Platte herausschälten. Die meisten Lieder sind auf trügerische Weise sehr einfach gestrickt. So einfach sogar, dass ich zwischenzeitlich einige
Bedenken hatte, sie könnten zu simpel sein.

GL.de: Auffällig ist auch der Klang des Albums. Die meisten denken bei dir ja an den Gitarrensound, aber auf der neuen Platte springt einen der Schlagzeugsound förmlich an...

Bob Mould: Oh ja! Du hast vollkommen recht. Die neue Platte hat einen viel tiefgründigeren Sound, der Klang des Schlagzeugs ist viel dichter. In technischer Hinsicht habe ich die Mikrofone viel weiter von den Verstärkern entfernt aufgebaut. Sie standen drei Meter weit im Raum. Auf der Platte wurde der Raumklang als solcher viel stärker eingefangen.

GL.de: Schwebten dir die Änderungen bereits beim Schreiben vor oder habt ihr einfach viel im Studio herumprobiert, um einen etwas anderen Sound zu erzielen?

Bob Mould: Mit der Idee eines expansiveren Gitarrensounds hatte ich bereits zuvor zu Hause gespielt. Ich habe einige der Mikros, mit denen ich meine Gitarren zu Hause aufnehme, mit ins Studio gebracht. Ich habe allerdings auch dort deutlich mehr mit den Mikropositionen experimentiert als sonst üblich. Für gewöhnlich stelle ich die Mikros einfach so nah an die Verstärkerbox wie möglich. Mit den Versuchen habe ich zu Hause angefangen, mein Tontechniker hörte das, und sobald wir im Studio waren, sagte er: "Wir sollten genau da weitermachen, wo du daheim angefangen hast." Ich sagte nur: "Klar, lass uns das machen!"

GL.de: Ehrlich gesagt hatten wir eigentlich eine andere Platte erwartet, nachdem es in der Vorankündigung hieß, "Patch The Sky" sei ein düsteres Album und keine Punkrock-Platte. Das las sich fast so, als würde uns etwas wie dein akustisches Solodebüt "Workbook" erwarten. Hattest du jemals im Sinn, das Album anders klingen zu lassen, bevor es gewissermaßen der letzte Teil der bereits erwähnten Trilogie wurde?

Bob Mould: Nein! Meiner Ansicht nach ist die Platte in der Tat gar nicht so weit weg von "Workbook", aber offensichtlich ist das Ansichtssache (lacht).

GL.de: Was die Stimmung und die Texte angeht, auf jeden Fall, klanglich hat sie in unseren Ohren allerdings mehr von "Beaster", dem krachenden zweiten Sugar-Album!

Bob Mould: Da hast du wohl recht (lacht)! Aber nein, es gab keine Überlegung, den Sound total zurückzufahren. Die Art, wie die Platte jetzt produziert ist - das war meine Vision von Anfang an.

GL.de: Offensichtlich scheinen persönliche Rückschläge ja auch bei dir textlich ein wichtiger Motor zu sein. Bist du einer der Künstler, die zu Höchstform auflaufen, wenn es ihnen nicht so gut geht?

Bob Mould: Wenn du mich das vor Jahren gefragt hättest, wäre meine Antwort "Ja" gewesen, aber inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Mir ging es zum Beispiel wirklich prima, als ich "Silver Age" geschrieben habe. Ist Kummer gut für die Kunst? Ich weiß nicht, ob man das so verallgemeinern kann. Mein Antrieb bei dieser Platte war wirklich die Abgeschiedenheit und die Chance, meinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf zu lassen. "Hands Are Tied" und "Wasting Time" sind krachende Zwei-Minuten-Songs, aber dann gibt es auch "The End Of Things", "You Are You" oder "Pray For Rain" - ich liebe diese schnelleren Midtempo-Nummern! Meine Band klingt einfach großartig bei dieser Art von Stück.

GL.de: Dann gibt es allerdings auch einige unerwartete Schlenker wie "Losing Sleep"?

Bob Mould: Ha! Jeder Gesprächspartner heute hat mich darauf angesprochen!

GL.de: Überrascht dich das? Hattest du gedacht, du könntest die Nummer aufs Album mogeln, ohne dass es jemand merkt?

Bob Mould: Ganz ehrlich: Ich hatte mit dem Stück nicht viel zu tun (lacht)! Die Nummer hat ihren Ursprung in der Bassfigur. Dann steuerte ich ein paar dahingeworfene Zeilen und ähnlich dahingeworfene Gitarrenspuren bei, und als wir dann ins Studio gingen, hatte Jon alle möglichen Ideen für Percussions, also gab ich ihm alle Freiheiten, und anschließend hatte Jason noch ein paar Einfälle, wie man die Bassspur aufpeppen könnte. Beim Mixing hatten wir dann diesen Wust an Möglichkeiten und ich wusste nicht so recht, was ich damit tun sollte. Weil ich eh noch an Texten arbeiten musste, hab ich mich ins Nebenzimmer verzogen und meinen Tontechniker einfach machen lassen. Fünf Stunden später kam er zu mir und sagte: "Ich glaube, ich hab's!"

GL.de: Ein wenig klingt das neue Album aber auch wie das Ende von etwas. Ganz abgesehen davon, dass die Zahl drei ja schon immer eine besondere Bedeutung für dich hatte, schließt "Patch The Sky" die mit "Silver Age" begonnene Trilogie ab, und wenn man ein wenig tiefer gräbt, finden sich auch noch weitere Parallelen zu "F.U.E.L.", dem dritten und letzten Album von Sugar. Ist da was dran?

Bob Mould: Deine Theorie ist gut, trotzdem hoffe ich, dass sie sich nicht bewahrheitet, weil Jason, Jon und ich so gerne zusammenarbeiten (lacht). Trotzdem hat natürlich alles irgendwann ein Ende. Für den Moment freue ich mich aber auf unsere Tour und erwarte mir davon nichts außer Riesenspaß!

GL.de: Uns ist aufgefallen, dass du heute ausschließlich Songs der ersten zehn, zwölf Jahre deiner Karriere spielst und dann natürlich die Lieder der letzten drei Platten. Die 20 Jahre dazwischen blendest du praktisch komplett aus. Warum?

Bob Mould: Wir haben ja vorhin davon gesprochen, dass ich heute mehr mit mir im Reinen bin. Ich mag alle Songs, die ich geschrieben habe. Aber dann schaue ich mir meine Band an und überlege mir, wo unsere Stärken liegen, und das hat viel mit der Songauswahl zu tun. Es ist kein Geheimnis, dass wir richtig gut klingen, wenn wir die schnellen, aggressiven Pop-Punk-Nummern spielen. Ich liebe es, diese Lieder zu spielen, die Jungs genauso, und wenn ich ins Publikum schaue, sehe ich Menschen, die vollends begeistert sind. Alle sind zufrieden - warum sollte ich etwas ändern, nur um es mir schwer zu machen? Das habe ich weiß Gott schon oft genug getan! Es geht nicht darum, dem Publikum das zu geben, was es will. Wir haben irgendwann einfach das gemacht, was wir wollten, und hatten Glück, dass es den Leuten vor der Bühne gefallen hat. Warum damit nicht weitermachen?

Weitere Infos:
www.bobmould.com
www.facebook.com/bobmouldmusic
www.mergerecords.com/bob-mould
en.wikipedia.org/wiki/Bob_Mould
Interview: -Simon Mahler-
Foto: -Alicia J. Rose-
Bob Mould
Aktueller Tonträger:
Patch The Sky
(Merge Records/Cargo)




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