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THE WEATHER STATION
 
Bewegliche Ziele
The Weather Station
Die traditionelle Folk-Musik von gestern und vorgestern entdecken in letzter Zeit immer mehr junge Künstler für sich - die wenigsten allerdings schaffen es, dem altehrwürdigen Genre neue Seiten abzugewinnen. Auch Tamara Lindeman alias The Weather Station beansprucht nicht für sich, das Rad neu zu erfinden, mit "Loyalty", ihrer umwerfenden dritten LP, ist ihr letztes Jahr dennoch ein großer Wurf gelungen. Auf dem Album glänzt die 31-jährige Singer/Songwriterin und Schauspielerin aus Kanada mit dezenten Bandarrangements und einem zeitgenössischeren, raffinierteren Sound, bei dem die musikalische Direktheit der Vorgängerwerke durch Subtilität und Understatement im Bill Callahan'schen Sinne ersetzt wird, während sie textlich wie einst Joni Mitchell auf langen Reisen Trost und gedankliche Klarheit findet. Im April kommt Tamara mit ihrer Band zurück nach Deutschland, um die von Gaesteliste.de präsentierte Tournee von Damien Jurado zu eröffnen. Vorab stellte sie sich unseren Fragen.
The Weather Station
Seit 2009 hat Tamara mit wechselnden Mitstreitern drei Alben und eine Reihe EPs unter dem Namen The Weather Station veröffentlicht, doch für viele ist die kluge Kanadierin immer noch ein unbeschriebenes Blatt. In gewisser Weise veröffentlicht sie mit "Loyalty" nun ihre dritte Debüt-LP. Nachdem sie mit ihrem Erstling "Line" 2009 ihr näheres Umfeld bezaubert und zwei Jahre später mit "All Of This Was Mine" landesweit für positive Schlagzeilen gesorgt hat, erreicht sie mit ihrem aktuellen Album nun erstmals auch in Europa ein Publikum. Wird es ihr nicht langweilig, von vielen auch nach drei Platten noch als Newcomerin gesehen zu werden? "Nein, denn das bedeutet ja, dass immer mehr Menschen meine Musik entdecken", sagt sie bestimmt. "Das Projekt hat sich über die Jahre ja auch stark verändert. Zu Beginn war es etwas sehr Persönliches, fast schon Privates. Ich habe die Musik ausschließlich für mich selbst gemacht. Dass ich jetzt ständig toure und mehr in der Öffentlichkeit stehe, ist ja noch etwas relativ Neues für mich, und natürlich freue ich mich, wenn mehr Menschen auf meine Musik aufmerksam werden."

Angefangen hatte sie mit dem Songwriting im Alter von 19, um sich ihre Sorgen von der Seele zu schreiben. Jetzt weiß sie, dass es ein Publikum gibt, das ihr zuhört, und das beeinflusst sie auch beim Verfassen ihrer Texte. "Es hat sich so viel verändert, dass es sich für mich wie ein ganz anderes Projekt anfühlt", sagt sie. "Ich bin heute viel selbstbewusster und fühle mich wohler bei dem Gedanken, dass die Menschen meine Songs hören werden. Früher dachte ich mitunter, dass es keine gute Idee ist, wenn jemand anders meine Lieder hört." Sie lacht, als sie das sagt, schließlich haben all ihre Platten bisher fast durchweg positives Feedback von Fans und Presse erhalten. Allerdings waren gute Kritiken nicht das Wichtigste auf dem Weg zu einem stärkeren Selbstbewusstsein. "Viel hat einfach mit dem Älterwerden zu tun", glaubt sie. "Wenn ich heute auf 'All Of This Was Mine' zurückblicke, weiß ich, dass das eine gute Platte war, aber als ich sie aufgenommen habe, war ich mir dessen nicht sicher. Ich denke, mit zunehmendem Alter fällt es mir leichter, mich selbst zu akzeptieren."

The Weather Station
Wenn man die Platten von The Weather Station hört, könnte man schnell auf die Idee kommen, dass Klein-Tamara schon im Grundschulalter zu Hause gesessen und alte Platten von Folk-Heroinen wie Sandy Denny oder Joni Mitchell gehört hat, aber so ganz stimmt das natürlich nicht. "Nein, Joni Mitchell lief bei uns nicht, aber als ich klein war, haben meine Eltern Simon & Garfunkel, Peter, Paul & Mary oder Ian & Sylvia gehört", verrät sie. "Angefangen habe ich also mit sehr geradliniger Folk- Musik, vor allem aus Kanada. Als Teenager habe ich dann eine Menge Schrott gehört, weil ich es nicht besser wusste, aber sobald ich Anfang 20 war, habe ich dann Country und Bluegrass für mich entdeckt, obwohl ich mir das wenige Jahre früher nie hätte vorstellen können." Damals lebte Tamara bereits in Toronto, einem wahren Mekka der Experimentalmusik, und dieser schräge Sound war ständig um sie herum. Das alles begann sich in ihrem Kopf zu vermischen, und als sie anfing, selbst Musik zu machen, war ihr Sound sehr experimentell. "Als ich mich dann den Songs zuwendete, kamen auf ganz natürliche Weise Folk-Lieder dabei heraus, ohne dass ich jemals darauf abgezielt hätte. Das passierte einfach", gesteht sie. Ihr Genre hat also gewissermaßen sie gefunden, anstatt dass sie sich eins ausgewählt hätte. "Ja! Dabei hatte ich diese Phase, in der ich lieber alles andere als eine Folk-Musikerin sein wollte!", erzählt sie lachend. "Ich fand das alles viel zu klischeebeladen und wollte auf gar keinen Fall ein weiteres Mädchen mit einer Gitarre sein! Jetzt bin ich es trotzdem!"

Allerdings ist sie auch mehr. Denn auch wenn vieles auf "Loyalty" dem üblichen Mädchen-mit-Gitarre-Folk-Schema entspricht, fällt bei genauerem Hinhören auf, dass Tamara ihre Beziehungsgeschichten stets aus ungewöhnlichen Blickwinkeln erzählt und so oft geschilderten Situationen neue Seiten abgewinnen kann. "Ich habe über die Jahre so viel wahnsinnig tolle Experimentalmusik gehört und bin mit vielen der Musiker aus diesem Genre befreundet, dass mir sehr bewusst ist, dass alles schon mal dagewesen ist und ich mit meiner Art von Musik nicht mehr viel Neues machen kann. Das Einzige, was ich tun kann, ist, die Dinge textlich so auszudrücken, wie ich es zuvor noch nicht gehört habe. Das ist mein Ziel! Ich bin einfach nicht zufrieden mit einem Lied, wenn die Botschaft ganz schlicht nur 'Ich liebe ich' oder so etwas wäre. Als ich die neue Platte schrieb, schälte sich schnell heraus, dass ich mich in einem altbekannten Rahmen bewegte - konkret: kreuz und quer durch Nordamerika zu fahren und Geschichten davon zu erzählen -, wichtig war mir aber zu überlegen: Was könnte ich darüber hinaus noch sagen, und darüber hinaus und darüber hinaus. Wenn du das lange genug machst, kommt am Ende was völlig anderes heraus. Ganz allgemein gesprochen bin ich allerdings auch ein sehr rastloser Mensch, der viel nachdenkt und viel an den Texten feilt. Deshalb bewegen sich meine Lieder auf ganz natürliche Weise weg von ihrer Ursprungsidee."

Dabei hilft Tamara sicherlich auch, dass es ihr schwerfällt, unterwegs Songs zu schreiben. Folglich notiert sie sich auf Tour lediglich kleine Formulierungen oder Gedanken, um die Emotionen ihrer Roadtrips einzufangen. Manchmal nimmt sie auch zu Hause begonnene Lieder mit auf Tour und beginnt sie auf Reisen in ihrem Kopf zu editieren. Ein Idealzustand ist das für sie allerdings nicht. "Es ist wirklich ein Jammer, dass ich keine Songs auf Tour schreiben kann", sagt sie zerknirscht. "Ich war immer neidisch auf Bands, die in Tourbussen unterwegs sind und so eher die Chance zum Schreiben haben, denn auf Reisen fühle ich mich am stärksten inspiriert und offen - das ist ein sehr guter Bewusstseinszustand zum Songschreiben. So muss ich mich darauf verlassen, dass bestimmte Erlebnisse einer Tournee haften bleiben, sodass ich nach meiner Rückkehr zu Hause darüber schreiben kann." Ihre Erfahrungen auf Tour werden dann zum Hintergrund, vor dem ihre Geschichten spielen, ganz egal, ob sie im Winter von Quebec auf dem Weg nach New Brunswick ("Way It Is Way It Could Be"), vor der seelenlosen Hochhauskulisse von Indianapolis ("Loyalty") oder auf langen Autofahrten nach Kalifornien ("Personal Eclipse") ihren Ursprung haben.

Letztes Jahr erzählte uns Courtney Barnett, dass sie beim Texten oft über das Ziel hinausschießt und ihre Geschichten später editieren muss, damit sie nicht überfrachtet sind. Ein Problem, das Tamara nur zu gut kennt, denn auch ihr fällt es schwer, sofort auf den Punkt zu kommen. "Das geht mir in der Tat ganz genauso", sagt sie. "Ich schreibe für jeden Song einen Riesenhaufen Text - und dann kommt der schwierigste Teil, das Kürzen! Welchen Moment möchte ich darstellen, welche der vielen Strophen, die ich zur Auswahl habe, erzählt die Geschichte am besten, ist aber gleichzeitig verblümt und wohlüberlegt? Ich wünschte, ich könnte mir endlich klar darüber werden, was ein guter Song ist, dann würde ich mich daran halten können! Leider ist die Definition eines guten Songs in gewisser Weise ein bewegliches Ziel."

The Weather Station
Gleichzeitig hilft es ihr auch, nie die gleiche Platte zweimal zu machen. Nachdem sie ihre Folk-Wurzeln auf "Line" in eine atmosphärische Umgebung verfrachtet und sich gemeinsam mit ihrem Mitstreiter Daniel Romano auf "All Of This Was Mine" ganz puristisch auf den Song konzentriert hatte, ist "Loyalty" ein Paradebeispiel dafür, wie man einen in der Vergangenheit verwurzelten, letztlich zeitlosen Sound modern interpretieren kann. Entstanden ist die aktuelle Platte unter der Regie von Afie Jurvanen im La Frette Studio, einer alten Villa vor den Toren von Paris. "Mein ursprüngliches Ziel vor dem Beginn der Aufnahmen war, eine richtig aggressive Platte zu machen", blickt Tamara zurück. "Ich weiß, dass das seltsam klingt, wenn das von mir kommt, aber genau das schwebte mir vor. Als wir dann allerdings im Studio in Frankreich ankamen, änderte sich alles." Auf das Studio in einem Gebäude aus dem aus 19. Jahrhundert war Tamara aufmerksam geworden, weil sie als Backingsängerin von Afies Band Bahamas in Europa auf Tour war und die Gruppe in La Frette einen Beitrag für einen Filmsoundtrack aufgenommen hatte. Der Besitzer war so angetan, dass er die beiden einlud zurückzukommen, wenn das Studio ungenutzt wäre. Eigentlich hatte Tamara gedacht, Afie würde die Zeit nutzen, um eine eigene Platte aufzunehmen, stattdessen schlug er vor, Tamaras LP zu produzieren, auf der nun der besondere Charme des alten Gemäuers förmlich greifbar ist. "La Frette ist die Art von Ort, die es in Nordamerika einfach nicht gibt. Es ist ein Ort, der würdevoll ist. Wenn du das Haus betrittst - und das ist bei vielen alten Häusern in Europa ähnlich -, fühlst du dich sofort viel menschlicher. Das ist etwas vollkommen anderes als das sehr mechanische Verständnis von Raum, das wir in Nordamerika haben. Die Treppen waren drei Meter breit, die Fenster im größten Raum, in dem wir aufgenommen haben, waren unglaublich hoch, es gab Glastüren und bemaltes Fensterglas. Dass dort alles so wunderschön war, diente mir als Ansporn, auch eine wunderschöne Platte machen zu wollen."

Trotzdem heißt das nicht, dass es Tamara in Zukunft an einen ähnlichen Ort ziehen wird, wenn es an die Aufnahmen für ein weiteres Album geht. Kann sie sich wirklich vorstellen, ihre nächste Platte in einem dunklen Keller einzuspielen? "Nun, dafür plane ich etwas vollkommen anderes, und das wird auch nach einer anderen Umgebung während der Aufnahmen verlangen", erklärt sie. "Ich denke im Moment viel darüber nach, ohne bislang genau zu wissen, wo es mich hinziehen wird." Sie hält kurz inne und fügt dann lachend hinzu: "Hoffentlich aber nicht in einen Keller!"

Zunächst einmal stehen eh die Konzerte mit Damien Jurado in Deutschland auf dem Programm, bei dem sich Tamara von einer anderen Seite präsentieren wird als bei den Soloauftritten ihrer Anfangstage. "Dass ich vor einiger Zeit angefangen habe, mit einer Band live aufzutreten, hat sicherlich einiges verändert. Gleichzeitig achten wir aber auch sehr darauf, die leiseste Rock'n'Roll-Band zu sein, die derzeit unterwegs ist. Wir geben uns eine Menge Mühe, dass die Texte immer noch gut zu verstehen sind, was nicht bei vielen Live-Bands der Fall ist." Dabei ist für Tamara der Unterschied zwischen ihren Plattenaufnahmen und ihren Auftritten nicht so groß, wie man vielleicht vermuten dürfte. "Es ist ganz anders und doch wieder gleich", sagt sie lachend. "Das Interessante am Live-Spielen ist, dass du die Songs schon so oft gesungen hast, dass sie eigentlich nicht mehr neu sind, dafür ist aber jedes Konzert neu, die Leute im Publikum sehen es zum ersten Mal. Meine Aufgabe ist es, in diesem Moment für das Publikum präsent zu sein, anstatt nur das abzuspulen, was ich mir vorher zurechtgelegt habe. Inzwischen weiß ich: Es fängt jeden Abend wieder bei null an."

Weitere Infos:
the-weather-station.com
theweatherstation.bandcamp.com
en.wikipedia.org/wiki/The_Weather_Station
www.facebook.com/TheWeatherStn
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Yuula Benivolski-
The Weather Station
Aktueller Tonträger:
Loyalty
(Paradise Of Bachelors/Cargo)




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