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MASHA QRELLA
 
Mehr Masha als je zuvor
Masha Qrella
Neue Adresse, neue Lebensumstände, neue Freiheiten: In den letzten Jahren hat sich eine ganze Menge verändert für Masha Qrella. Zuerst privat, nun aber auch in ihrer Arbeit. War die zumeist introvertiert, ja schüchtern auftretende Berliner Singer/Songwriterin in der Vergangenheit in ihren Bands Mina und Contriva aber auch bei ihren betont kollaborativen Platten als Solistin in erster Linie eine Teamplayerin, macht sie auf ihrem neuen Album "Keys" nun (fast) alles selbst. Zwischen Selbstbewusstsein und Understatement ist Masha mit ihrem fünften Album unter eigenem Namen ein großer Wurf gelungen, ein nahezu perfektes Popkunstwerk, das alte musikalische Stärken und neue, betont persönliche Perspektiven vereint und dabei ihre Einzigartigkeit im hiesigen Indie-Kosmos einmal mehr eindrucksvoll unterstreicht.
Neu auf "Keys" ist, dass die Texte stärker in den Vordergrund rücken, mit denen Masha ungewohnt direkt Abschiede und Neuanfänge thematisiert und sich ihrem Publikum mehr denn je öffnet, ja offenbart. "Die Texte der neuen Platte sind mir sehr wichtig, und wahrscheinlich haben sie deshalb auch im Mix so einen Stellenwert bekommen", überlegt sie bei unserem Treffen vor ihrem Auftritt in der Düsseldorfer Kassette Anfang April. Erzählte sie auf ihren früheren Platten wohlüberlegte, aber oft fiktive Geschichten, sind viele der neuen Texte spürbar näher dran an ihrem Leben und tragen deutlich autobiografische Züge. "Gerade auf der Platte davor gab es Songs, die ich für einen Film geschrieben habe oder für ein Theaterstück, bei denen die Thematik nicht aus meinem Leben gegriffen war, bei denen ich mir einfach Gedanken zu einem bestimmten Thema gemacht habe", erinnert sie sich. "Dieses Mal war das ganz anders."

Wenn sie im umwerfenden Titelstück singt: "I just moved around the corner / and thought that this was brave / to give up what for years and years felt like home / felt like it was safe", und später im gleichen Lied bittet: "Please, don't give me your keys / cause I don't wanna have to give them back again", dann schwingt da ein Hauch von Melancholie und Verletzlichkeit mit. Unglücklich ist Masha aber nicht. "Es liegt ja keine Tragik darin, sondern eher eine Vorsicht", sagt sie. "Tatsächlich entspringen die Texte einer Zeit, in der es mir sehr gut ging. Wenn sich Sachen verändert, liegen das Schöne und die Traurigkeit immer sehr nah beinander. Deshalb haben die Songs eine melancholische Seite, aber der Ursprung waren Veränderungen, die mir sehr wichtig waren und die auch total gut waren." Doch nicht nur ihre Lebensumstände haben sich in den letzten Jahren verändert, auch ihre künstlerischen Ziele.

Musikalisch führt sie auf "Keys" mit Leichtigkeit die Ansätze zusammen, die sie auf ihren drei bisherigen Platten mit Songs aus eigener Feder stets getrennt voneinander verfolgt hatte. Die skizzenhafte Reduziertheit ihres Debüts "Luck" (2002), der elektronische Experimentalismus von "Unsolved Remained" (2005) und die Rückbesinnung auf die Kraft des Songwritings bei "Analogies" (2012) verschmelzen auf "Keys" wunderbar organisch zu einer sparsam und dennoch facettenreich instrumentierten "Disco der Innerlichkeit", wie Mashas Label so schön zum neuen Album schreibt. Starke Songwriting-Momente treffen auf Pop mit dezentem 80er-Jahre-Flair, nüchterne Situationsbeschreibungen paaren sich mit graziler Zerbrechlichkeit. "Mir war schnell klar, dass ich die Gitarre rausschmeißen wollte", sagt Masha über ihre musikalische Herangehensweise. "Ich wollte mit Bass und Beat ein Gerüst bauen, das man nur noch partiell auffüllen muss, bis es steht. Ich wollte die Songs auch wieder ein bisschen leerer haben, weil mir auf dem letzten Album einfach die "leeren Momente" gefehlt haben. Früher habe ich die besser hergestellt, und dieses Mal habe ich gezielt danach gesucht." Diese Suche geht sie heute befreiter und gelassener an als in der Vergangenheit, denn natürlich hat sie in den letzten zwei Jahrzehnten viele Erfahrungen sammeln können. Mit dem bahnbrechenden Schaffen ihrer Bands Mina und Contriva schlug sie eine Brücke vom Postrock zum Clubsound, und auch als Solistin war sie stets wandlungsfähig. "Ich glaube schon, dass ich über ziemlich viele Umwege ein bisschen was gelernt habe", sagt sie lachend. "Ich bin jetzt auch einfach relaxter und hatte dieses Mal ein gutes Gespür dafür, wann es richtig war, die Songs in Ruhe zu lassen, oder die Momente zu erkennen, in denen es gut war, noch etwas daran zu machen."

Wo andere Musiker nach so langer Zeit bisweilen Schwierigkeiten haben, die ausgetrampelten Pfade zu verlassen, und oft zu sehr im eigenen Saft kochen, hat Masha ganz offenbar keine Probleme damit, sich konstant weiterzuentwickeln und sich neue Freiräume zu erarbeiten. "Ich fühle mich heute freier", bestätigt sie. "Früher war ich einfach ein bisschen begrenzt in meinen Fähigkeiten, die Songs aufzunehmen. Ich habe dann oft Fehler benutzt, was ja auch total cool ist. Trotzdem bin ich sehr dankbar dafür, dass ich heute nicht mehr panisch werde, wenn ich eine tolle Skizze hatte und bei den Aufnahmen nicht sofort da hinkomme, wo ich hinwill. Inzwischen habe ich bessere Wege gefunden, die Sachen, die ich mir vorgenommen habe, auch wirklich zu erreichen. Das empfinde ich als Freiheit."

Zu dieser neuen Freiheit gehört auch, dass Masha inzwischen längst einen ganz eigenen, trotz aller Weiterentwicklung unverwechselbaren Sound gefunden hat, der nur noch ganz entfernt an Künstler wie Elliott Smith, Neil Young, Air oder Metronomy erinnert, die das Label als Referenzpunkte zitiert. Das sieht auch Masha so. "Ich glaube, dass ich noch nie Musik geschrieben habe, die durch andere inspiriert war", sagt sie. "Ich habe immer wieder Phasen, in denen ich viel Musik höre, aber dann gibt es auch welche - gerade, wenn ich Songs schreibe -, in denen ich eigentlich gar nichts mehr höre. Ich kann auch mal ein halbes Jahr fast gar keine Musik hören. Aber natürlich haben die Sachen, die man hört und mag, und vor allem die, die man früher mochte, immer Einfluss, weil sie einem im Kopf herumspuken. Das ist dann aber nie die Inspiration für einen Song, die ist eigentlich immer die Begegnung mit Menschen."

Menschen und Orte bilden auch auf der neuen Platte immer wieder Anker für die Songs. Sie erzählt von DJs, die nur eine Platte spielen, entführt uns nach "Bogota" und schreibt über Erlebnisse in "Sicily". Doch entstehen die Songs eigentlich sofort in dem Moment, in dem Masha diese Geschichten erlebt, oder setzt sie sich zu Hause hin und arbeitet das Erlebte Tage, Wochen oder Monate später in Songs auf? "Das passiert selten Monate später, sondern meistens echt in dem Moment", verrät sie. "Die ersten Strophen und ein Refrain sind dann sofort da. Manchmal ändere ich später noch etwas, das ich nicht so gelungen finde, oder füge noch eine weitere Strophe hinzu, aber dieses Mal gab es auch das kaum."

Überhaupt ist "Keys" für Mashas Verhältnisse erstaunlich schnell entstanden. Gerade einmal ein Jahr arbeitete sie in ihrem Heimstudio an den Songs. Geplant war das allerdings nicht unbedingt. "Ich hatte einfach innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums sehr viele starke Songs", erklärt sie. "Deshalb habe ich mir während des Aufnahmeprozesses auch nicht weitere Songs ausdenken müssen. Ich hatte dieses Mal auch nie das Gefühl, dass ich mich verlaufe. Trotzdem gab es mehrere Versionen der Songs. Es war also nicht so, dass ich etwas aufgenommen hätte und alles sofort da saß, wo es sein sollte. Das war ein langsames Herantasten an das, was mir vorschwebte, gerade auch auf der rhythmischen Seite." Vor allem die Schlagzeugparts ihres langjährigen Mitstreiters Robert Kretschmar, der neben Sebastian Nehes, Hannes Lehmann und Chris Imler die Aufnahmen unterstützte, nahmen viel Zeit in Anspruch. "Er hat die Songs so oft gespielt, dass er mir zwischendurch echt leidgetan hat", gesteht Masha. "Ich dachte, hoffentlich kriegt er nicht die Krise, wenn er das Ding noch mal spielen muss und immer wieder anders! Ich war da schon sehr kritisch, denn ich wollte auf jeden Fall das Gefühl vermeiden, dass man hört, dass dort jemand Schlagzeug spielt. Das war schon richtig Arbeit, die mir allerdings nicht schwergefallen ist. Es hat richtig Bock gemacht dieses Mal!"

Deshalb brauchte sie bei der neuen Platte auch keine Rückmeldungen von außen, vom Label oder von einem Co-Produzenten, denn sie fürchtete, das würde sie nur durcheinanderbringen. Kein Wunder also, dass in "Keys" mehr von Masha steckt als je zuvor. Sie spielte nicht nur den Großteil der Instrumente allein, sie produzierte die LP auch selbst und übernahm sogar die Abmischung. "Früher habe ich mich begrenzt gefühlt, weil ich dachte, ich brauche jemanden, um eine Platte fertig zu machen", gesteht sie. "Dass ich es auch allein kann, war für mich eine sehr coole Erkenntnis. Mit jemand anders zu arbeiten, sorgt ja auch für Druck, denn du musst deine Vision verteidigen. Ich bin ja nun kein superdominanter Typ, und deshalb bin ich in der Vergangenheit manchmal nach Hause gekommen und dachte: Aber ich wollte doch etwas ganz anderes, was ist denn da schon wieder passiert? Diese Situation hab ich mir dieses Mal einfach geschenkt."
Weitere Infos:
www.mashaqrella.de
www.facebook.com/mashaqrella
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Claudia Rorarius-
Masha Qrella
Aktueller Tonträger:
Keys
(Morr Music/Indigo)




Masha Qrella

 
 

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