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JULIEN BAKER
 
Echte Emotionen, wahre Hingabe
Julien Baker
Julien Baker kennt die Dunkelheit. Auf ihrem umwerfenden Solodebüt "Sprained Ankle" singt die zerbrechlich wirkende junge Amerikanerin mit unglaublicher Präsenz leidenschaftlich traurige Songs - und findet dabei stets die richtige Balance zwischen herzerweichend und kathartisch. Das tut die Singer/Songwriterin aus Memphis, Tennessee, mit einer künstlerischen Reife und performerischen Vollendung, dass man kaum glauben mag, dass sie gerade einmal 19 Jahre alt war, als sie das Album letztes Jahr fertigstellte. Kopfüber stürzt sie sich und ihre Hörer in ein Wechselbad der Gefühle. Auch wenn sie ihre zutiefst autobiografischen Songs mit bisweilen fast schon schmerzhafter Offenheit erzählt, findet sie bei ihrem intimen Blick zurück auf ihre wilde Teenagerzeit immer wieder Wege, ungefilterte Emotionen mit wunderbar poetischen Formulierungen zu verschmelzen, etwa, wenn sie in "Good News" singt: "In the thin air my ribs creak / Like wooden dining chairs when you see me / Always scared that every situation ends the same / With a blank stare." Ihre unfassbar eindringliche Stimme ist dabei so rein, so voller Sehnsucht, dass ihre Lieder stets liebenswert und eingängig klingen anstatt nur düster oder gar depressiv.
Dennoch ist Traurigkeit ein wiederkehrendes Thema auf "Sprained Ankle". Im Titelsong singt Baker sogar "I wish I could write songs about anything other than death", allerdings tut sie letztlich genau das Gegenteil, denn in ihren Geschichten über Sucht, Einsamkeit, ein gebrochenes Herz, ihre Beziehung zu Gott und die eigene Sterblichkeit steckt immer etwas betont Lebensbejahendes. Mit ihren sparsam instrumentierten Songs - mehr Begleitung als eine Stromgitarre und viel Hall benötigt sie zumeist nicht - erinnert Baker bisweilen an das Frühwerk von Sharon Van Etten, an Torres oder Waxahatchees brillanten Erstling "American Weekend", ist dabei allerdings noch viel, viel packender. Solch eine emotionale Durchschlagskraft wie "Sprained Ankle" hatte in den vergangenen Jahrzehnten sonst eigentlich nur noch Elliott Smiths Meisterwerk "Either/Or".

Dass für Bakers Erstling kein Superlativ zu hoch gegriffen ist, beweisen auch die Reaktionen weltweit: "Sprained Ankle" tauchte nach seiner Veröffentlichung im letzten Oktober auf praktisch jeder Endjahresbestenliste der führenden US-Publikationen auf, und vom Rolling Stone bis hin zur New York Times übertrafen sich die Medienvertreter gegenseitig mit ihren Lobeshymnen. Dabei ist Baker beileibe kein reiner Presseliebling. Fanden ihre Auftritte letzten Herbst noch vor ein paar Dutzend Zuschauern statt, spielte sie vor wenigen Wochen in New York vor 700 Menschen, während es in Los Angeles sogar 900 waren. Die Nachfrage nach ihrem Album ist derweil sogar so groß, dass die Vinyl-LP zwischenzeitlich für dreistellige Beträge die Besitzer wechselte, weil das kleine Label 6131 Records mit dem Nachpressen nicht nachkam.

Trotz des ganzen Rummels macht Baker nicht den Eindruck, dass ihr der Erfolg zu Kopf steigt, als wir sie vor einigen Wochen in einer ihrer wenigen Tourneepausen daheim erwischen. "Mein Leben ist derzeit so verrückt, dass ich nach Normalität lechze, wenn ich von einer Tournee zurückkehre", gesteht sie. "Wenn ich zu Hause bin, versuche ich, alles nach einer bestimmten Routine zu machen. Ich stehe immer zur gleichen Zeit auf, geh dann erst mal raus zum Laufen, esse täglich das Gleiche zum Frühstück und versuche alles so ruhig und normal wie möglich anzugehen, denn wenn ich unterwegs bin, fühlt sich alles so surreal an. Ich hätte nie gedacht, dass ich auch nur einen Bruchteil dessen schaffe, was ich jetzt schon erreicht habe." Dabei sind es nicht nur die ständig steigenden Besucherzahlen, die Baker ungläubig mit dem Kopf schütteln lassen. In den USA besuchten auch immer wieder erklärte Lieblingskünstler Bakers die Konzerte und kamen anschließend auf sie zu. Mit einigen gab es danach sogar gemeinsame Auftritte. "Ich hab mit The National gespielt - wer kann das schon von sich sagen?", fragt sie rhetorisch mit einer Mischung aus Verwunderung und Begeisterung.

Julien Baker
Für viele kam Baker praktisch aus dem Nichts. Doch trotz ihres jungen Alters ist die Senkrechtstarterin, die abseits der Bühne weit weniger schüchtern wirkt als bei ihren Konzerten, keinesfalls eine Novizin. Schon früh trat sie in Coffeeshops auf, in der Highschool gründete sie dann ihre auf den Spuren von Explosions In The Sky wandelnde Band The Star Killers, die sich inzwischen Forrister nennt und pausiert, während Baker solo durch die Welt tourt. "Wir haben die ganze Highschool-Zeit über gespielt und sind an allen erdenklichen Orten aufgetreten: in Wohnungen, Kellern oder Kirchen. Jedes Wochenende hatten wir Proben und Auftritte", verrät sie. Oft mussten die minderjährigen Musiker zu den Konzerten mit dem Bus anreisen, aber auch kleine Tourneen durch den Norden, Süden und Mittelwesten der USA absolvierte die Band. "Nach gleichem Vorbild ging ich danach mit meinem Freund Ryan Azada auf eine Solotour. Wir sind in einem kleinen Acura herumgefahren und haben überall gespielt, wo sich die Möglichkeit bot", erinnert sich Baker. Zu diesem Zeitpunkt gab es "Sprained Ankle" nur als Download über ihre eigene Bandcamp-Seite. "Dann veröffentlichte 6131 Records das Album und ich fing an, in größeren Läden aufzutreten. Daran habe ich mich immer noch nicht so richtig gewöhnt." Das ist durchaus verständlich, denn ab einer bestimmten Größe wird es natürlich schwierig, die Intimität der Songs für alle Zuschauer greifbar zu machen. "Ich fühle mich am wohlsten, wenn die Zuschauer eine Armlänge entfernt sind und ich ihre lachenden Gesichter sehen kann, wenn ich mal einen Witz mache", erklärt sie. "Auf meiner letzten Tournee habe ich eine ganze Reihe Konzerte gespielt, bei denen ich auf echten Bühnen gestanden habe. Das war irgendwie seltsam. Man sagt ja, man soll Künstler nicht auf ein Podest stellen - und genau das haben sie buchstäblich mit mir gemacht!" Sie lacht und fügt an: "Dabei wollte ich viel lieber auf dem Boden stehen."

Während für viele andere Künstler bei den Konzertbesucherzahlen das Motto "Je mehr, desto besser" gilt, macht es für Baker keinen großen Unterschied, ob sie in einer Punkrock-Bar oder einem renommierten Konzertsaal auftritt. "Als wir in der Highschool waren, hat mir unser Schlagzeuger etwas gesagt, das bei mir sehr großen Eindruck hinterlassen hat. Er sagte: 'Auch wenn nur drei Leute zum Konzert kommen, die drei müssen wir umhauen!' Wir müssen immer alles geben, egal, ob nur ein Typ vor der Bühne steht, mit dem wir befreundet sind und der nur aus Mitleid gekommen ist, oder ob tausend Menschen dort sind. Speziell Hauskonzerte sind einfach etwas Besonderes für jemanden wie mich, der in der Punk-Szene aufgewachsen ist. Sie haben etwas sehr Familiäres. Die Leute spenden keinen Beifall, weil du so großartig an deinem Instrument bist (und vielleicht bist du es), nein, sie tun es, weil sie die echten Emotionen und deine wahre Hingabe für die Musik erkennen. Es geht nicht darum, der Coolste oder Beste zu sein - du meinst es ernst!"

Zudem realisieren heute auch immer mehr Konzertbesucher, dass es oft nicht makellose Perfektion ist, die sie anzieht, sondern dass es die kleinen Unebenheiten, die kleinen Fehler sind, die Auftritte einzigartig und damit unvergesslich machen. "Genau", stimmt Baker zu. "Ich habe einen Freund, der mir nach einer Show sagte: 'Das war auf perfekte Weise unperfekt'. Das fand ich toll. Ich hab kürzlich ein Interview gelesen, das Matt von The National gegeben hat. Er sagte: 'Auftreten heißt, willens zu sein, sich für die Kunst zum Gespött zu machen.' Es bedeutet zu wissen, dass du auch mal danebengreifst, aber dass es okay ist, weil wir da alle zusammen drinstecken. Die Zuschauer haben Eintritt gezahlt, weil es sie interessiert, was du zu sagen hast. Du musst einfach dein Bestes geben und verstehen, dass du mit dem Publikum eine Gemeinschaft bildest, anstatt den Künstler und die Besucher als unabhängige Einheiten wahrzunehmen. Es geht darum, dass sich alle Anwesenden zusammen an der Kunst erfreuen." Sie hält kurz inne und fügt lachend hinzu: "So hab ich mir das zumindest in meinem Kopf zurechtgerückt!"

Deshalb ist es ihr auch wichtig, nicht zwischen der Künstlerin und der Privatperson Julien Baker zu unterscheiden. Zwar trennt sie in den sozialen Medien private Accounts und Fanseiten, um sich ein gewisses Maß an Anonymität zu bewahren, aber ansonsten will sie mit ihren Hörern auf Augenhöhe sein. "Ich möchte nicht mit meinem Privatleben hausieren gehen und das dann 'authentisch' nennen", sagt sie bestimmt. "Allerdings möchte ich mich auch nicht auf die Bühne stellen und sagen: 'In diesen Songs geht es darum, dass das Leben manchmal ätzend ist, aber es wird besser', und dann im richtigen Leben total negativ eingestellt sein. Ich möchte auch nicht fromm und auf meinen Glauben stolz sein und das dann in Interviews unter den Tisch kehren. Das ist eine große Sache in meinem Leben, natürlich will ich darüber sprechen!"

Dabei war ihr Verhältnis zur Kirche und zu Gott nicht immer einfach. Als Kind ging sie, wie so viele Menschen im Süden der USA, regelmäßig mit ihren Eltern in die Kirche. Als Teenager entwickelte sie sich dann allerdings immer mehr zur Querulantin, Drogen und Alkohol spielten eine immer größere Rolle für sie, und lesbisch zu sein half ganz sicher auch nicht, sie der Welt der organisierten Religion wieder näherzubringen. "Wenn du mit der Gegenkultur der alternativen Musik ganz allgemein und Punk im Speziellen aufwächst, dann stellen sich dir viele Fragen, die von der Kirche nicht beantwortet werden, oder dir wird gesagt, dass bestimmte Dinge schlichtweg falsch sind, ohne dass du verstehst, warum", sagt sie rückblickend. "In meinen frühen Teenagerjahren war ich deshalb von der Kirche ziemlich desillusioniert und habe mich von der Religion komplett abgewandt. Dann allerdings kam ich durch Freunde in Kontakt mit einer sehr unkonventionellen Gruppe aus einer kleinen Gemeinde, die ein Leben voller Würde, Güte und Liebe lebten, was mir anfangs vollkommen bizarr vorkam. Ich hing ein wenig mit ihnen rum, und sie ließen mich ihre Liebe spüren und waren unglaublich geduldig mit mir, obwohl sie wussten, dass ich dieses verrückte Leben führte. Zuerst konnte ich nicht verstehen, warum, aber irgendwann luden sie mich dann zum Gottesdienst ein und ich begann, eine andere Seite des Ganzen zu sehen. Das war plötzlich nicht mehr 'Sonntagmorgen, gestärkte weiße Bluse', das war einfach ein Haufen verkorkster Typen, die ihr Möglichstes taten, um sich gegenseitig zu helfen. Denn das ist doch das, was du tun solltest!" Diesen Abschnitt ihres Lebens verarbeitete sie in "Rejoice", dem fraglos eindringlichsten Song auf ihrem Debüt. Trotz aller anfänglichen Zweifel kommt sie zu dem Schluss: "But I think there's a god and he hears either way when I rejoice and complain."

Doch so nah sie mit den Texten auf "Sprained Ankle" an ihrem Leben als Teenager in Memphis dran ist - musikalisch kann man den Einfluss der bis heute so ungemein lebendigen Südstaaten-Musikmetropole auf dem Album nur sehr bedingt hören. Da waren The Star Killers wesentlich dichter an dem Sound orientiert, den man als Außenstehender gemeinhin mit Memphis verbindet. "Ich werde oft gefragt: 'Wie sehr bist du vom Blues beeinflusst?', also der Musik, die ich als Memphiskanon bezeichnen würde, und ich muss zugeben: 'Sehr sogar!' Jeder hier wächst mit dieser Musik auf, du hörst die Platten deiner Eltern, und das ist sozusagen dein erstes Standbein. Dann gab es allerdings eine zweite Welle, mit Memphis-Punk-Bands wie Pezz, Wicker und all den Bands, die in diesem alten Schuppen namens Antenna oder im Crosstown Arts gespielt haben. Diese Konzerte zu sehen bedeutete für mich, dass sich auch ein zeitgenössisches Element dazugesellt hat. Was in unseren Highschool-Zirkeln herauskam, als der alte Blues-Rock auf die Punk-Szene traf, waren die Star Killers."

Dass sie als Solistin klanglich einen anderen Weg einschlägt, geschah allerdings nicht mit Vorsatz, denn ein Soloalbum aufzunehmen, stand für sie eigentlich nie zur Debatte. Doch weil sie in den letzten Jahren an der Universität von Murfreesboro studierte, blieb für die Band immer weniger Raum. An der Uni dagegen hatte sie genug Zeit, Songs zu schreiben. Ohne den Input ihrer Bandkollegen gerieten diese Stücke musikalisch sanfter und langsamer im Tempo, textlich dagegen so persönlich wie nie zuvor, noch dazu waren sie vollgestopft mit poetischen Zeilen. Hat Baker die blumigen Bilder bereits im Kopf, während sie die in den Songs festgehaltenen Situationen erlebt, oder setzt sie sich irgendwann hin und verwandelt grauen Alltag in Poesie? "Das menschliche Gehirn beobachtet Dinge auf sehr poetische Weise", ist sie überzeugt. "Manchmal spricht jemand das dann laut aus und du denkst: 'Das klingt wie eine Zeile aus einem Film oder einem Song!' Jeder Tag hat das Potenzial, poetisch zu sein. Du musst es nur bemerken und festhalten. Nimm zum Beispiel mal den Titelsong, 'Sprained Ankle', in dem es darum geht, dass emotionale Schmerzen wie ein verstauchter Fuß sind, mit dem du laufen musst. Sobald mir eine Metapher wie diese einfällt, lasse ich einfach meinen Gedanken freien Lauf, lasse sie durch verschiedene Textzeilen mäandern. Songs, die ich erzwingen muss, verfolge ich dabei gar nicht erst weiter, denn daraus kann nie etwas Gutes werden. Wenn ich die Symbolik aus den Zeilen erst rausquetschen muss, lasse ich lieber die Finger davon."

Den Entschluss, die Lieder auch tatsächlich aufzunehmen, fasste sie, als sie über einen Freund kostenlose Studiozeit in den renommierten Spacebomb Studios in Virginia angeboten bekam, wo zuvor Natalie Prass oder Matthew E. White gefeierte Platten aufgenommen hatten. Eigentlich wollte sie Forrister einladen - aber für ihre Mitstreiter war die vielstündige Autofahrt zu weit. "Ich wollte die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, also sagte ich mir: 'Ich versuche einfach, meine eigenen Songs aufzunehmen, und schaue mal, was ich ganz allein hinbekomme'", erzählt sie. "Das waren die Songs für 'Sprained Ankle'."

Eingespielt wurden die Lieder innerhalb weniger Tage mit einem betont trockenen Sound, der dem Hörer oft das Gefühl vermittelt, er stünde gleich neben ihr im Studio. Als sie die fertigen Aufnahmen hörte, war sie selbst ein wenig überrascht von der ungefilterten Ehrlichkeit, die die Lieder verströmen. "Wenn du gemeinschaftlich schreibst, sind die Ergebnisse viel konzeptioneller und auch die Texte werden in der Gruppe ausgearbeitet", überlegt sie. "Ich bin nie mit einem komplett fertigen Song zu einer Bandprobe gekommen. Alle Songs wurden von uns zusammen geschrieben, und deshalb waren sie am Ende ausgefeilter. Die Songs auf meinem Soloalbum habe ich geschrieben und so gelassen, wie sie herauskamen. Dass sie direkt und simplifiziert sind, ist das Ergebnis dieser künstlerischen Freiheit, denn ich verspürte nicht den Drang, an ihnen zu feilen."

Diese Songs zu schreiben, war und ist für sie Teil der Selbsttherapie, ein Ausweg aus der Sucht. "Der einzige Weg, dieses ungeheuer belastende Gewicht aus dem Kopf zu kriegen, ist, es zu Papier zu bringen", sagt sie selbst über die Zeit, die hinter ihr liegt. Inzwischen hält sie sich von jeglichen illegalen Rauschmitteln fern, hat das Trinken aufgegeben (dabei ist sie nicht einmal 21!) und sogar das Rauchen. Ihr einziges Laster ist nun der Kaffee von Dunkin' Donuts. Den schwierigen Schritt, mit ihren so ungemein persönlichen Songs vor ein Publikum zu treten, erleichtert ihr das rundum positive Feedback von Menschen, die sich tief berührt und von Baker verstanden fühlen. "Wenn ich nach dem Konzert am Merch-Stand stehe und mit den Zuschauern spreche, wenn ich individuell mit ihnen interagiere und jemand mir sagt, wie viel ihm oder ihr ein Song bedeutet hat - das wiegt alles auf. Jeder Zweifel, jedes Unbehagen oder jede Angst, die ich verspüre, wenn ich diese Seite von mir offenbare, verfliegt, wenn jemand anders dadurch glücklicher wird", ist sie überzeugt.

Julien Baker
Inzwischen gilt Bakers Hauptaugenmerk der Musik, doch anders als viele Musiker, die in Ermangelung anderer Karrierechancen auf Tour gehen, hatte sie von Anfang an einen Plan B. "Musik ist meine Leidenschaft, aber wer würde schon alles auf eine Karte, all seine Hoffnungen in eine Karriere als Musiker setzen? Das wäre doch wirklich nicht besonders verantwortungsvoll", sagt sie lachend. "In unserer heutigen Gesellschaft ist es wichtig, einen vermarktbaren Abschluss zu haben. Ich wollte aber etwas mit Musik machen. Ich war gut darin, Verstärker zu reparieren und an Gitarren herumzuschrauben, und ich hatte Sound in verschiedenen lokalen Venues gemacht. Deshalb dachte ich, ein Abschluss in Tontechnik wäre ein guter Weg, um irgendwie der Musik erhalten zu bleiben, das zu tun, was ich möchte, und trotzdem einen festen Job zu haben. Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr stellte ich fest, dass das Ganze etwas kommerzieller war, als mir das lieb war. In den ersten zwei Jahren habe ich eine Menge handwerklicher Fähigkeiten erlernt, aber dann wollte ich den nächsten Schritt nicht mehr mitmachen, bei dem du die Leiter nach oben kletterst, indem du Seminare und Konferenzen besuchst, um all die richtigen Leute kennenzulernen. Ich sagte mir einfach, dass ich weiter Musik machen würde, und wenn ich nur in Kellern und Bars auftreten würde, dann wäre das schon in Ordnung."

Zur gleichen Zeit besuchte Baker allerdings aus reinem Spaß an der Freude auch einige Literaturkurse an der Uni, und das brachte sie auf den Geschmack. "Ich sagte mir: 'Ich will Kurse besuchen, an denen ich freiwillig gerne teilnehmen möchte und in die ich mich einbringen möchte!" Deshalb schrieb ich mich für ein Hauptfach ein, bei dem ich genau das tun konnte, in dem ich die Bücher der Literarturliste wirklich lesen und darüber sprechen wollte. So bin ich bei Englischer Literatur gelandet. Die Idee war: Wenn es mit der Musik nicht klappt, ist mein Notfallplan, Lehrerin zu werden, denn die Organisationen, mit denen ich in Memphis gearbeitet hatte, waren immer sehr eng mit der Jugendarbeit verbunden, und das gefiel mir sehr. Ich finde, das Wichtigste, das man tun kann, ist, in junge Menschen zu investieren. Das klingt kitschig, ist aber wahr. Wenn sich niemand um mich gekümmert hätte, wenn mir damals niemand gesagt hätte: 'Es gibt auch ein gesünderes Ventil für deine Gefühle', dann weiß ich nicht, wo ich gelandet wäre. Deshalb wollte ich mich in diese Richtung orientieren, bis sich plötzlich die Chance bot, Vollzeit zu touren und mich ganz der Musik zu widmen. Die Berater an der Uni sagten mir alle: 'Mach das! Die Uni läuft dir nicht weg, aber du musst jetzt da rausgehen und Erfahrungen sammeln. Geh raus in die Welt!' Genau das habe ich getan und ich bin froh, dass ich mich so entschieden habe. Aber ich liebe es zu lernen, und wenn es in ein paar Jahren mit dem Touren weniger wird, will ich auf jeden Fall zurück an die Uni, denn ich liebe die akademische Welt."

Bakers Wunsch, Lehrerin zu werden, ist bei ihrer Vorgeschichte natürlich nur allzu verständlich. Doch weshalb glaubt sie, für den Job geeignet zu sein? "Nun, ich denke, all meine Lieblingslehrer hatten eine gewisse Leidenschaft für ihr Thema gemeinsam, sie haben sich wirklich um ihre Schüler gesorgt. Sich aufrichtig für die Arbeit mit Kindern zu interessieren, ist Voraussetzung, um ein guter Lehrer zu sein. Ich habe die Arbeit mit Kindern immer geliebt, zum Beispiel, als ich Beraterin in einem Kunstcamp in Memphis war. Das Problem einiger Lehrer, die ich hatte, war, dass sie brillant waren, aber sich nicht für ihre Schüler interessiert haben. Ihnen war nur wichtig, was sie selbst zu sagen hatten. Ich finde, dann sollten sie lieber ein Buch schreiben oder sich der Forschung widmen, aber sie sollten nicht auf Kinder losgelassen werden. Wenn du mit den Kids arbeitest, geht es um die Frage 'Wie kann ich dazu beitragen, dass sich die Kinder in ein Thema verlieben?' Dabei ist es ganz egal, ob es Liteartur, Biologie oder Mathe ist." Sie lacht. "Wie kann ich einem Kind helfen, sich auch nur ein bisschen für Bio zu interessieren und zu begreifen, dass das wichtig und bedeutungsvoll ist? Ich glaube schon, dass mir all das, was ich in jungen Jahren durchgemacht habe, dabei helfen würde, mich einem Kind mit einer problematischen Kindheit anzunähern, aber letztlich hatten wir alle unsere schwierigen Phasen. Jeder von uns brauchte als Kind mal ein bisschen Geduld, einen Schubs in die richtige Richtung, jemanden, der dich auf den Weg bringt. Ich bin mir sicher, sie machen das nicht mit Absicht, aber ich sehe oft Erwachsene, die schnell frustriert sind, wenn ihre Kinder nicht gehorchen, anstatt einfach ein bisschen geduldiger zu sei." Dass ihre eigene wilde Phase sie besonders für die Tätigkeit qualifiziert, glaubt sie indes nicht. "Ich denke nicht, dass man Schlimmes erlebt haben muss, um sich richtig auf seine Schüler einlassen zu können", sagt sie. "Natürlich, wenn mir ein Kind begegnen würde, das eine richtig harte Zeit durchgemacht hat, wäre ich da vielleicht näher dran als jemand, der so etwas nie am eigenen Leib erlebt hat, aber letztlich geht es darum, Prioritäten zu setzen. Ist der Vorteil der Schüler dein oberstes Ziel? Willst du, dass sie etwas mitnehmen? Schließlich geht es um ihr Wohlergehen, nicht deins!"

Obwohl sie zuletzt für Englische Literatur eingeschrieben war, ist Baker auch ein bekennender Fan deutschsprachiger Literatur-Klassiker. In Interviews - mit amerikanischen Magazinen, wohlgemerkt - spricht sie immer wieder von ihrer Liebe zu Goethe und Rilke. "Ich liebe Weltliteartur", bestätigt sie. "Deshalb schrieb ich mich für einen Kurs Moderne europäische Literatur ein. Ich hatte Goethes 'Faust' bereits einmal für mich selbst gelesen und war völlig begeistert, aber als wir ihn dann im Kurs besprochen haben, im Tandem mit seinen Gedichten und seinen anderen Arbeiten, dachte ich nur: 'Oh mein Gott, wie brillant!' Ich liebe 'Faust'! Das ist eines der Bücher - eigentlich ist es ja ein episches Gedicht, ein Schauspiel, das als narratives Gedicht erzählt wird - das mich am meisten angesprochen hat. Ich mag auch Rilke. Gerade erst habe ich einem Freund 'Briefe an einen jungen Dichter' empfohlen, weil es einfach toll ist, und ich erwähnte auch die 'Duineser Elegien', von denen Rilke behauptet hat, er habe sie innerhalb von nur drei Tagen geschrieben, ohne zu essen oder zu schlafen. Er hat einfach die Zeilen aufs Papier gekotzt. Das ist unglaublich. Ich wünschte, ich könnte Deutsch sprechen! Spanisch spreche ich fließend, und deshalb mag ich spanische Literatur auch so. Ich habe sogar Tattoos von einem spanischen Autor, Marquez. Spanisch ist zwar eine Fremdsprache für mich, aber wenn ich spanische Literatur lese, kann ich sie mit dem Original vergleichen und sehen, was in der Übersetzung verloren gegangen ist. Ich wünschte, das könnte ich auch bei deutschen Werken tun. Ich denke, das würde sich lohnen!"

Vielleicht hat Baker ja im Juni Gelegenheit, ein bisschen Deutsch zu lernen, wenn sie auf ihrer stolz von Gaesteliste.de präsentierten ersten Deutschlandtournee in Mannheim, München, Frankfurt, Dortmund, Köln, Jena und Berlin Station macht. Die Vorfreude bei ihr ist jedenfalls riesig, schließlich ist sie zum allerersten Mal überhaupt in Europa. "Ich habe über Europa nur Gutes gehört", sagt sie. "Ich bin noch nie aus den USA rausgekommen, obwohl ich schon mehrfach Studienreisen ins Ausland geplant hatte. Sie wurden aber immer abgesagt oder mir fehlte das nötige Geld. Nun, ein paar Jahre später, bringt mich die Musik nach Europa! Was für ein unglaublicher Segen!" Anders als in den USA will sie, nicht zuletzt wegen der Sprachbarriere, mehr ihre Musik für sich wirken lassen und die Ansagen auf ein Minimum beschränken. "Ich habe von verschiedenen Seiten gehört, dass es den Europäern um die Musik, nicht um die Musikszene geht. Das ist eine tolle Sichtweise!", sagt sie begeistert. "Das bedeutet für mich, dass ich mir weniger Sorgen darüber machen muss, ein Image aufzubauen, denn ich habe das Gefühl, es geht nur um die Musik!"

Weitere Infos:
www.facebook.com/julienrbaker
twitter.com/julienrbaker
julienbaker.bandcamp.com/album/sprained-ankle-3
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Jake Cunningham-
Julien Baker
Aktueller Tonträger:
Sprained Ankle
(6131/Import)




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