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TEENAGE FANCLUB
 
"Im Studio geht es nur selten darum, den absolut perfekten Sound zu finden"
Teenage Fanclub
"Ich werde oft gefragt, was ich mache, wenn ich nicht mit der Band auftrete", erzählt Norman Blake, als er kürzlich gemeinsam mit Raymond McGinley in Berlin Station macht, um über das just veröffentlichte neue Teenage Fanclub-Album namens "Here" zu sprechen. "Die Antwort ist: Ich spiele gerne Gitarre! Auch die meisten anderen Sachen, die ich außerhalb von Teenage Fanclub mag, haben mit Musik zu tun!" Kein Wunder also, dass das zehnte Album der schottischen Indie-Institution wieder ein Album von Musikfans für Musikfans geworden ist - ohne großartige Überraschungen, aber mit viel Seele in einer Qualität, die man bei kaum einer anderen bereits seit über einem Vierteljahrhundert aktiven Band finden wird.
Sechs Jahre sind seit dem letzten LP-Lebenszeichen der fünf Sympathieträger vergangen, doch auch auf "Here" gibt es zeitlos schöne Gitarrenpop-Nummern über das Leben und die Liebe, mit warmem Gesang, butterweichen Harmoniestimmen und Musik, die vollkommen mühelos gleißende Gitarren, melodiös nach vorne spielende Basslinien, unterschwellige Orgelklänge und bisweilen geradezu metronomisches Drumming vereint. Die Kontinuität ist nicht weiter verwunderlich, denn eigentlich hat sich in all den Jahren nicht viel verändert für die drei Sänger und Songwriter Norman Blake, Raymond McGinley und Gerard Love und ihre langjährigen Mitstreiter Francis Macdonald und Dave McGowan an Schlagzeug und Tasten. Sicherlich, inzwischen sind die Haare kürzer und die Schläfen ergraut, die schlabbernden Karohemden gegen gemütliche Pullover eingetauscht, doch musikalisch sind sie ihren alten Idealen treu geblieben. "Das stimmt. Damals wie heute geht es uns in erster Linie um originelle Melodien", bestätigt Blake. "Manche Songwriter setzen sich hin und schrauben aus Teilen existierender Lieder neue zusammen, aber uns würde das nicht befriedigen. Wir würden nie etwas plagiieren, zumindest nicht Absicht - und bisher sind wir auch noch nicht verklagt worden!"

Auch auf "Here" steuern Blake, Love und McGinley wieder je vier Songs bei, oder anders gesagt: Kein Wunder, dass die Lieder so gut sind, wenn die drei für jedes Lied anderthalb Jahre Zeit hatten! Die Tatsache, dass das Songwriting nicht auf den Schultern eines Einzelnen lastet, hatte Blake schon im letzten Gaesteliste.de-Interview als heimliches Erfolgsgeheimnis der Band identifiziert. Schließlich ist es praktisch unmöglich, für zehn Alben 120 großartige Songs zu schreiben. Vier Stücke in sechs Jahren sind dagegen ganz offensichtlich ein Kinderspiel, wie "Here" beweist. "Über die Jahre sammeln sich natürlich eine Menge Fragmente an, aber instinktiv merkst du sehr schnell, welche davon das meiste Potenzial haben, und die verfolgst du dann weiter", sagt Blake über die Herangehensweise an ein neues Album. "Irgendwann treffen wir uns dann alle und spielen uns gegenseitig unsere neuen Ideen vor. Zu diesem Zeitpunkt hat es dann jeder auf fünf oder sechs eingegrenzt. Dabei haben wir natürlich immer im Hinterkopf: Passt dieses Lied zu der Art und Weise, wie Teenage Fanclub spielen und aufnehmen? Deshalb haben wir inzwischen ja auch andere Projekte. Gerrys Lightships-Album ist zum Beispiel deshalb entstanden, weil er die Songs veröffentlichen wollte, aber wusste, dass sie nicht zu Teenage Fanclub passen würden. Ich habe letztes Jahr eine Platte mit Jad Fair gemacht und konnte dort einige meiner überzähligen Ideen unterbringen, denn Jad kann ja einfach alles singen!"

25 Jahre ist es inzwischen her, dass Teenage Fanclub mit dem Album "Bandwagonesque" die Indierock-Welt im Sturm eroberten, die LP vom einflussreichen amerikanischen Spin Magazine noch vor Nirvana, Primal Scream und My Bloody Valentine zum Album des Jahres gekürt wurde und Kurt Cobain die Schotten zur besten Band der Welt erklärte, bevor sie ihren Siegeszug mit Meilensteinen wie "Grand Prix" (1995) oder "Songs From Northern Britain" (1998) fortsetzten. In diesem Jahrtausend wurden die Pausen zwischen neuen Platten dann immer länger, die Herangehensweise ans Songwriting ein wenig akademischer. Seit "Howdy" aus dem Jahr 2000 merkt man den Liedern an, dass sie wohlbedacht zu Hause geschrieben wurden und in Ruhe gereift sind, anstatt auf Tour eilig auf Hotelbriefpapier gekritzelt worden zu sein, weil die nächste Aufnahmesession im ewigen Tour-Platte-Tour-Zirkel bevorstand. Die Jugendlichkeit der Frühwerke ging damit zwar ein wenig verloren, aber die typische Band-Gang, bei der alle Musiker womöglich sogar zusammen in einer Wohnung hausen und mit Tunnelblick nur auf die eigene Karriere fokussiert sind, waren Teenage Fanclub eh nie. "Die Gang-Mentalität hat bei uns nicht lange gehalten. Eine echte Gang waren wir eigentlich nur ein paar Monate", erklärt Blake. "Heute treffen wir uns, nehmen eine Platte auf, machen eine Tour und gehen dann wieder unsere eigenen Wege. Natürlich stehen wir immer in Kontakt, aber wir hängen nicht ständig zusammen rum. Wir wissen aber, dass wir gemeinsam eine tolle Dynamik haben, und das bedeutet, dass wann immer wir zusammenkommen, gute Musik dabei herauskommen wird.

Teenage Fanclub
Trotzdem betrachten die Musiker, inzwischen alle um die 50, ihre Band nicht als Selbstverständlichkeit. Auch wenn sie noch nie so lange Zeit zwischen zwei Platten verstreichen ließen wie zwischen "Schadows" (2010) und "Here", ist die Studioarbeit nach wie vor essenziell für das Quintett. "Die Art von Band, die auf Tour geht, nur weil man damit ein paar Mäuse einsacken kann, werden wir wohl nie sein. Wir haben Teenage Fanclub gegründet, um Platten zu machen, und das ist ein wichtiger Eckpfeiler unserer Identität", unterstreicht Blake. "Wenn wir mit dem neuen Album nicht zufrieden gewesen wären, hätten wir es nicht veröffentlicht und die Band wäre vermutlich Geschichte gewesen, aber solange wir Platten machen, an die wir selbst glauben können, werden wir weitermachen."

Wie schon in der Vergangenheit suchten Teenage Fanclub auch dieses Mal wieder nach einem ungewöhnlichen Ort, um neue Inspiration zu finden und ihr neues Album abseits aller Versuchungen des Alltags einspielen zu können. Den Löwenanteil nahmen sie in einem kleinen Studio in Südfrankreich auf, Gesang und Overdubs daheim bei McGinley, und abgemischt wurde im Clouds Hill Studio im Herzen von Hamburg. Vorgeschlagen wurden die Locations von McGinley, doch wonach schaut er zuerst, wenn er sich auf die Suche macht? "Das ist schwer in Worte zu fassen, aber ich denke, zuerst schaue ich nach dem Zuschnitt, der räumlichen Anordnung des Studios, und frage mich: Können wir in dem Raum das tun, was nötig ist, und würden wir uns dort musikalisch wohlfühlen?", erklärt er. "Wir spielen gerne auf Risiko und nehmen gerne in Studios auf, die wir nicht kennen. Jahrelang hörten wir von allen Seiten, dass wir unbedingt mal in den Rockfield Studios in Wales aufnehmen sollten, aber all das Lob hat uns letztlich eher abgeschreckt. Eines Tages habe ich mir dann das Studio dennoch angeschaut und sofort gedacht: Oh, hier würde es mir wirklich gut gefallen. Dass es unglaublich angesagt war zu der Zeit, war eher zweitrangig."
Genauso spielte es für die Band keine Rolle, dass im Clouds Hill Studio in Hamburg, wo "Here" abgemischt wurde, die letzten fantastischen Platten von Gallon Drunk entstanden sind. Auch hier war es Raymond wichtiger, das Studio zu sehen, als die Platten zu hören, die dort aufgenommen worden waren. "Wir vermeiden es, unsere Entscheidung aufgrund des Klangs der Platten anderer Bands zu treffen", erklärt Raymond. "Schließlich weißt du nie, was genau sie gemacht haben, um zu den Ergebnissen zu kommen. Ein gutes Studio ist schließlich kein Garant für eine gute Platte."

Denn auch wenn McGinley unumwunden zugibt, dass er und seine Kollegen eine echte Schwäche für alle Arten von Equipment - Gitarren, Verstärker, Effektpedale - haben, sind sie im Studio keine Bastler, wie wochenlang mit verschiedenen Instrumenten experimentieren, um den Sound für jede einzelne Nummer absolut zu perfektionieren. "Im Studio geht es nur selten darum, den absolut perfekten Sound zu finden", ist McGinley überzeugt. "Was du spielst und wie ist viel wichtiger als die Werkzeuge, die du benutzt. Schau dir doch nur mal die Beatles an. Sie haben jahrelang das gleiche Equipment benutzt, und trotzdem klangen ihre Platten immer anders. Das zeigt doch, dass es die Menschen sind, die für die Veränderung sorgen. Es bringt nichts, sich ewig zu fragen, welche Gitarre wohl die richtige für einen Song wäre. Wir stöpseln einfach ein und folgen unseren Instinkten."

Wie John, Paul, George und Ringo vor ihnen setzen Teenage Fanclub deshalb auch bei der Wahl ihrer Instrumente auf Kontinuität. "Meine Fender-Jaguar-Gitarre habe ich mir mit 18 oder 19 gekauft und ein, zwei Jahre später legte ich mir in Glasgow eine Epiphone Casino zu. Das sind die Gitarren, die Norman und ich schon bei den Boy Hairdressers benutzt haben, und auch bei Teenage Fanclub spielen wir sie bis heute", erzählt er. "Heute benutzt Norman vor allem eine 335er, aber auch die haben wir schon seit 1992! Es ist einfach schön, etwas in den Händen zu halten, von dem du weißt, es funktioniert und hilft dir, dich auszudrücken. Ganz abgesehen davon gefällt mir auch der Gedanke, dass wir uns diese Gitarren gekauft haben, als wir noch kein Geld hatten!"

Weitere Infos:
www.teenagefanclub.com
www.facebook.com/teenagefanclub.music
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Donald Milne-
Teenage Fanclub
Aktueller Tonträger:
Here
(PeMa/Rough Trade)




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