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THE SLOW SHOW
 
Hoffnung für Europa
The Slow Show
Zum Zeitpunkt des Gespräches mit Frontmann Rob Goodwin ist das aktuelle Album "Dream Darling" der Band aus Manchester (die sich übrigens entgegen eines festgefahrenen Gerüchtes nicht nach einem Song von The National "The Slow Show" genannt hat, sondern einfach, weil sie langsame Musik bevorzugt) noch so "frisch", dass sich die Band mit einer Reihe kurzfristig angesetzter Überraschungsshows selbst noch mit dem neuen Material vertraut machen muss, bevor sie damit im Spätherbst auf Tour gehen wird. In der Tat ist es so, dass die Band - nach dem überraschend durchschlagenden Erfolg ihres Debütalbums "The White Wall" - härter als je zuvor arbeiten musste, um "Dream Darling" realisieren zu können. Und das liegt nicht nur daran, dass die Band hier ein zwar nach wie vor melancholisch anmutendes, aber auch hoffnungsvolles Album zum Thema "Veränderung" anstrebte, wie Rob berichtet. "Ja, das liegt daran, dass wir bei 'White Wall' einfach keine Beschränkungen hatten und sozusagen unser ganzes bisheriges Leben als Inspirationsquelle heranziehen konnten. An 'Dream Darling' mussten wir schneller arbeiten und das bedeutete auch, dass wir härter arbeiten mussten. Das war aber für die Scheibe eine ganz gute Sache, denn so haben wir mehr Zeit als Band verbracht, weil wir Wochen zusammen im Studio verbracht und zusammen geschrieben und aufgenommen haben."
War es denn unter diesem Geschichtspunkt schwieriger, Themen für neue Songs zu finden? "Nein", meint Rob, "das hatten wir zwar zunächst befürchtet, aber dann passierte ziemlich viel in unseren Leben in einer kurzen Zeitspanne. Wir haben Familienmitglieder verloren, es wurden Kinder geboren, Beziehungen gingen in die Brühe oder neue formierten sich. In einem Jahr hätten wir dann sogar Material für bestimmt fünf Alben beisammen gehabt. Es war nicht alles schön - aber es führte natürlich zu einigen besonders persönlichen Songs." Die neuen Songs handeln demzufolge auch von allen möglichen unterschiedlichen Themen. Wie wählt Rob denn diese aus? "Ich denke, dass ich gar nichts aussuche, sondern, dass die Themen mich finden", philosophiert Rob, "man hat da keine Wahl. Manche Leute beschreiben das Lieder schreiben ja als bewussten Prozess. Der war es für mich aber nie. Für mich war das immer ein Teil des Lebens und für mich die Möglichkeit, Dinge für mich selbst herauszufinden." Geht es in den neuen Songs vielleicht darum, nach einer Richtung im Leben zu suchen? "Das Thema des neuen Albums ist die Veränderung", verrät Rob, "und wenn sich dein Leben verändert - dann verändert sich auch dein Weg und deine Richtung. Vielleicht fühlt sich deswegen auch dieses Album etwas 'zufriedener' an - weil wir akzeptiert haben, dass sich unser Leben verändert und dass das unausweichlich und normal ist." Man weiß aber bei all dem nie so genau, wovon Rob eigentlich singt. "Das braucht der Zuhörer auch nicht zu wissen", überlegt Rob, "als Musikfan weiß ich einen solchen Umstand aber auch durchaus zu schätzen. Das Wichtigste ist doch, dass dir der Song selbst etwas sagt. Dabei kommt es überhaupt nicht darauf an, ob das das selbe ist, was er für mich bedeutet. Songs sollen Dich zum Nachdenken anregen und sie sollen Gefühle auslösen." Das neue Album heißt deswegen "Dream Darling" - was durchaus als Einladung zum Träumen verstanden werden musste, weil die Stimmung der Musik aufgrund dessen, dass die neuen Songs zumeist in den Nachtstunden entstanden, eine träumerische Note hat. Das bezieht sich aber nicht auf die Inhalte der Songs, oder? "Nein - keiner der Songs wurde von einem Traum inspiriert", führt Rob aus, "wir schreiben über Dinge, die uns passieren und über Leute, die wir kennen. Nur der Sound ist verträumter - und das ist für uns leichter zu verdauen als der kantigere Sound von 'White Wall'."
Wie sieht es denn mit der Musik aus? Ist diese als gemeinsame Bemühung aller Musiker entstanden? "Also hauptsächlich haben Fred Kindt, unser Keyboarder und Produzent und ich an der Musik gearbeitet und die Songs zusammen geschrieben", berichtet Rob, "aber ein Mal im Monat gehen wir mit der ganzen Band in dieses Farmhaus, das mitten in der Wildnis liegt. Dort essen, trinken und schreiben wir dann auch zusammen. Man kann also sagen, dass es eine gemeinsame Bemühung aller war - auch wenn alles meistens mit Fred und mir anfängt. Denn die Songs verändern sich ja doch sehr, wenn die Jungs beteiligt sind - einfach weil jeder seine eigene Sicht auf den Song einbringt." Und was hatten die Jungs dabei musikalisch im Sinn? "Ich denke, dass wir die Dinge, wie wir bei 'White Water' erreicht hatten, ausbauen wollten", überlegt Rob, "wenn wir zum Beispiel ein Orchester oder einen Chor verwendet haben, dann wollten wir diese auch prominent platzieren. Es gab keinen Grund hier irgendetwas zu verstecken. Wichtig war uns auch, Raum auf der Scheibe zu schaffen und mit Dynamik zu arbeiten. So gibt es Tracks wie 'Lullaby', die sehr sparsam und intim nur mit Gitarre und Piano auskommen und andere mit einem 60-köpfigen Orchester. Uns ging es um Dynamik. Die großen Teile sollten auch groß klingen und die ruhigen eben ruhig." Dabei wirken diese Elemente doch eigentlich besonders gut in das allgemeine Klangbild integriert. "Das schon", räumt Rob ein, "denn es sollte ja nichts hervorstechen, aber wir haben auch nichts zu verstecken - und diese Elemente sollen ja auch vor allen den Songs dienen. Und manchmal - wie in 'Last Man Standing' - singt der Chor zum Beispiel auch erstmals den ganzen Song über." Warum endet das Album - ungewöhnlicherweise - mit dem Instrumental "Brick"? "Al Brick war Freds Vater, der verstorben ist, als wir an der Scheibe arbeiteten. Fred hat dieses Stück für die Beerdigung seines Vaters geschrieben. Wir standen Freds Vater alle sehr nahe und wir wollten einen Teil des Albums ihm widmen. Und somit war es ja auch angebracht, das Album mit diesem Stück, auf dem übrigens ein Chor aus Berlin singt, zu beschließen."

Woran denkt Rob eigentlich, wenn er - oft aber nicht immer mit geschlossenen Augen - seine Songs auf der Bühne singt? "Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich das selbst verstanden habe und damit umgehen konnte", verrät Rob, "speziell als Sänger - weil ich vorher ja nie gesungen habe und mich da schnell einarbeiten musste. Ich sehe mich immer noch nicht so richtig als Sänger - und ich könnte zum Beispiel auch niemals für eine andere Band singen. Aber ich denke, dass ich langsam besser darin werde, Geschichten zu erzählen. Ich habe dann herausgefunden, dass die einzige Weise, wie ich mit dieser Situation umgehen kann, die ist, einen Moment inne zu halten und darüber nachzudenken, worum es in dem betreffenden Song geht. Ich muss den Song also jeden Abend neu erleben. Und ich denke, das muss auch so sein - denn wenn ein Song aufrichtig und greifbar ist, dann wird er dich auch jedes mal aufs Neue bewegen und berühren. Wenn ich also einen Song singe, dann durchlebe ich ihn auch und denke daran, worum es geht und wie der Song entstanden ist."

The Slow Show
Auf dem Album gibt es einige Gastauftritte der Manchester Sängerin Kesha Ellis. Ging es hier darum, zusätzliche Charaktere ins Spiel zu bringen, oder bestimmte Akzente zu setzen? "Ich denke, du hast ganz gut verstanden, was wir machen wollten", schmunzelt Rob, "denn wir wollten beides. Es gibt zum Beispiel den Song 'Hurts', in dem es um einen Typen geht, der sich in ein Working Girl verliebt. Und Fred und ich hatten die Idee, dass Kesha das Mädchen spielen könnte. Auf 'Last Man Standing' singt sie, um die Geschichte zu betonen - die von einem Mann handelt, der am Traualtar versetzt wurde. Sie singt ein wenig auf mehreren Stücken und sie hat so ein tolles Timbre. Aber - wie ich - ist sie auch keine richtige Sängerin, aber eine tolle Stimme. Das passt ganz gut." Nun sind Robs Stücke ja öfters aufgebaut wie Konversationen. Wenn er sich also als Sänger an den Zuhörer wendet: Ist das dann immer Rob, der singt, oder stellt er auch schon mal andere Charaktere dar? "Ich würde gerne mal andere Charaktere darstellen und ich beneide auch immer Sänger, denen das möglich ist", räumt Rob ein, "weil man sich ja selbst auf diese Weise nicht so offenlegen muss. Das ist mir bisher aber noch nicht gelungen, so dass ich fürchte, dass immer ich es bin, der da singt. Zum Glück gelingt es mir wohl ganz gut, Kontakt mit anderen aufzunehmen, so dass das Ganze gut funktioniert. Es besteht aber so natürlich auch immer die Gefahr, dass man zuviel von sich selbst preis gibt - aber damit muss ich wohl leben." Welches war denn diesbezüglich das Haupt-Anliegen des neuen Albums? Dieses ist ja in der Tendenz nach wie vor melancholisch, vermittelt aber irgendwo auch eine hoffnungsvolle Stimmung. "Ja, genau", pflichtet Rob bei, "das hätte ich auch nicht anders ausdrücken können. Auf dem Album geht es ja um Veränderungen in unser aller Leben - einige davon hart und herzzerreißend, andere aber auch von besonderer Wichtigkeit. Und dann geht es um die Akzeptanz dieser Veränderungen. Und das geht nicht ohne Hoffnung. Die Aussage ist die: Die Dinge verändern sich zwar, aber es gibt nichts zu befürchten, weil es immer Hoffnung gibt." Das ist ja fast wie ein Kommentar zu politischen Lage - zumindest der europäischen. "Also eigentlich vermeide ich es ja immer, politische Aussagen zu treffen", schränkt Rob ein, "es gibt aber einen Song mit einer politischen Agenda, und das ist 'Lullaby'. Den habe ich am Abend der Brexit-Entscheidung geschrieben. Es geht darum, dass wir von der Politik unseres Landes maßlos enttäuscht sind. Einfach deswegen, weil wir uns so sehr als europäische Band verstehen. Wir haben Freunde in Belgien, unser Tourmanager ist Deutsch, unser Tontechniker ist aus Holland, wir sind auf einem deutschen Label. Die Brexit-Entscheidung hat uns wirklich das Herz zerrissen - auch weil es so viele Leute in Europa betrifft, die uns wirklich sehr wichtig sind." Auch wenn The Slow Show damit noch nicht zur Agitprop-Band werden, haben sie doch irgendwo den Nerv der Zeit getroffen. The Slow Show sind also eine Band, die durchaus im Hier und Jetzt verwurzelt sind. Da darf man dann ja wohl auch zum Ausgleich mal ein wenig träumen, Darling...
Weitere Infos:
www.theslowshow.co.uk
twitter.com/theslowshow
www.facebook.com/theslowshow
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigabe / Ullrich Maurer-
The Slow Show
Aktueller Tonträger:
Dream Darling
(Haldern Pop Recordings/Rough Trade)




The Slow Show

 
 

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