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ARTIFICIAL JOY CLUB
 
Dahinschmelzend
Artificial Joy Club
Artificial Joy Club kommen aus Kanada und wollten sich ursprünglich Melt nennen. Das war aber nicht möglich, weil, so Gitarrist und Produzent Leslie Howe, praktisch jedes einsilbige Wort der englischen Sprache bereits als Bandname registriert ist. Selbst altenglische Formulierungen wie "Spiv" gibt's bereits. So nannte man sich denn halt Artificial Joy Club. Vorher gab's die Band bereits unter dem Namen Sal's Birdland. (Sal ist die Sängerin von AJC.) Aber das war der Band zu schwer auszusprechen. Auf meine Anmerkung hin, daß AJC ja nun auch nicht gerade leicht auszusprechen sei, zuckte man kollektiv mit den Schultern und meinte: In den USA schon. Daß die Band in Europa Neuland betreten, zeigt sich auch an der Tatsache, daß man sich auf die Festivals im Sommer freut. Bassist Tim Dupont, der einen lustigen Irokesenschnitt trägt und gerne indisches Hühnchen essen mag, schwärmt von der letztjährigen Lollapalooza-Tour, redet davon, wie toll das doch wäre, alle diese anderen Bands kennenzulernen, daß man sich als kleines Kind mit Backstage-Ausweis fühle usw. und meint, daß dies hier genauso sei. Als ich ihm erkläre, was hier auf Festivals für gewöhnlich so zwischen Grönemeyer und Aerosmith so abgeht, schweigt er still. Warum aber unterhalte ich mich eigentlich mit AJC? Ach ja: Die Band verfolgt eine ähnliche Arbeitsweise wie Garbage: Coole Gitarren, sexy Gesang, griffige Melodien und witzige elektronische Zutaten. Sogar in der Bio wird auf Garbage verwiesen. Ist es eigentlich markttechnisch sehr klug, damit quasi schlafende Hunde zu wecken und den Vergleich geradezu herauszufordern?
Leslie: Stimmt das? Ich habe die Bio noch gar nicht gelesen. Das ist es aber, warum ich Bios hasse. Bios sind für faule Journalisten, damit sie Reviews schreiben können, ohne die Platte gehört zu haben. Natürlich habe ich die Sache mit Garbage auch schon gehört. Aber ich finde, wir klingen überhaupt nicht wie Garbage. Wir sind viel düsterer.

"Ich finde, wir klingen überhaupt nicht wie..." - ist das nicht schon ein halbes Eingeständnis. Und was heißt hier "düsterer". Wenn überhaupt, sind AJC eher poppiger. Aber jedem das Seine: In der Tat haben AJC einen Sound, der - trotz aller Ähnlichkeiten - nun wirklich überhaupt nicht nach Garbage klingt. Vielleicht rührt das ja daher, daß AJC eine alteingesessene Liveband sind. Wir erinnern uns: Garbage betraten ja als Kunstkonstrukt die Live-Szene. Ohne diese Sängerin wäre die Sache doch wohl ziemliche steril gewesen, gelle? Nicht so AJC. AJC klingen erdiger und rauher. Wie kommt dieser Sound zustande?

Leslie: Es ist nicht so, daß wir uns einen bestimmten Sound überlegen. Der ensteht so im Studio. Wir versuchen halt immer, das beste für den Song zu tun.

Z.B. auch mal akustische Gitarren einzubringen o.ä. Hat die Umgebung vielleicht mit dem Sound zu tun?

Leslie: Ich denke nicht. Ich meine, wir kommen alle aus Kanada. Aber es gibt keinen spezifischen kanadischen Sound, nicht wahr? Und Sal und ich leben schon lange in den USA, weil es dort einfach mehr Möglichkeiten gibt.

Mal was anderes. AJC kommen ziemlich modern daher: In ihren Songs finden sich zahlreiche Anspielungen auf allerlei Pop-Culture-Phänomene: Brad Pitt, Star Trek, Godzilla, Kevorkian, Beatles, Sinatra, Brady Bunch, Forrest Gump, Tarantino etc. Darüberhinaus kommt das Cover, das von Leslie gestaltet wird ziemlich cool rüber. Auch auf das Internet wird verwiesen. Sind AJC eine bewußt moderne Band, eine Gen X-Band?

Tim: Das mit dem Internet ist ziemlich cool. Wir sind da ziemlich stark vertreten. Wenn Du den Suchbefehl AJC eingibst, kommen hunderte von Einträgen. Wir können so direkt mit den Fans in Kontakt treten. Also ich finde das Klasse.

Leslie: Das mit den Anspielungen auf Pop-Ikonen ist so eine Sache. Zunächst mal sind Sal's Texte ziemliche persönlich. Dazu gehören auch solche Verweise. Es ist aber nicht so, daß dies eine bloße Ansammlung von Aufzählungen ist. Auch sind es nicht unbedingt Botschaften, die da drin stecken. So suchen wir Sachen auch meistens eher nach dem Klang aus, als nach der Bedeutung. Wie bei dem Cover: Das Bild von dem Auge in der Hand habe ich zwar schon mal irgendwo gesehen, es hat aber keine sprituelle Bedeutung. Ich fand, daß es einfach cool aussähe.

AJC machen na nun eine ziemlich kontemporäre Musik. Wie lange kann man denn sowas machen?

Tim: Dazu kann ich nur eines sagen: Rolling Stones. Ich werde so lange Musik machen, bis ich umkippe. Ich meine: Wir sind eine Live Band. Das ist einfach das Größte. Alles andere ist zweitrangig.

Artificial Joy Club
Werden wir denn auch mal in den Genuß von AJC kommen?

Leslie: Wir sind noch nicht ganz sicher. Aber vermutlich werden wir im Sommer so eine Art Festival-Tour machen. Für den Herbst gibt's dann evtl. eine Club-Tour.

Okay: Und wie geht es von hier aus weiter?

Leslie: Oh, mit dem Zug nach München...

Na ja, ich hatte zwar gemeint, wie es musikalisch weitergeht - z.B. mit Orchester oder sowas (das will aber nur Drummer Andrew Lamarche), aber man möchte sich nicht so recht festlegen. Etwas rockiger möchte es z.B. Tim machen. Aber egal: Zunächst geht es an den Foto-Shoot und dann gibt's Essen...

[Erstveröffentlichung in Gästeliste #1, August 1998]

Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-

Aktueller Tonträger:
Melt
(Interscope/BMG)


Artificial Joy Club

 
 

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