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SEMISONIC
 
Seltsam gut
Semisonic
Semisonic (sprich: ßämmeißonnik) kommen aus Minneapolis, mögen natürlich Prince, machen aber gitarrenbetonte Pop-Musik und sind eine jener eher unscheinbaren Gruppierungen junger Männer, die sich zum Musizieren zusammengefunden haben. Sie haben in den USA gerade einen respektablen Hit gelandet, ("Closing Time"), der im Radio rauf und runter läuft, was dort eben automatisch dazu führt, daß man zum temporären (bis zur nächsten Platte) Superstar erklärt wird. Hierzulande müssen sie sich diesen Status erst noch erarbeiten.
"Weißt Du, es ist seltsam. Wir haben jetzt gerade mit Matchbox 20 eine Tour gemacht, auf denen wir vor 20.000 Leuten spielten", erklärt Dan Wilson, Hauptsongschreiber und -Sänger des Trios den Kulturschock, den die Band zur Zeit auf Promo-Tour in Deutschland durchlebt, "da haben wir uns schon einige große Gesten angeeignet. Und jetzt spielen wir in kleinen Clubs, da muß man aufpassen, daß man sich mit sowas nicht lächerlich macht."

Doch nicht theatralische Größe ist es, was die Band zusammenkittet, sondern die gemeinsame Liebe zur Musik.

"Wir alle schreiben Songs", beschreibt Bassist John Munson die Verhältnisse, "aber die meisten Ideen hat Dan. So hat jeder seinen Song auf der Platte, aber der Großteil stammt von Dan. Die beiden anderen mußten mich fast prügeln, damit ich meinen Beitrag zuende brachte. Das Schöne daran ist, daß wir ganz einfach Zugang zu Dan's Ideen finden. Daraus ergibt sich ein schöner Band-Sound und ein organisches Feeling."

Jeder in der Band hat so seine Spezialgebiete, alle spielen verschiedene Instrumente. (Die Wahl des Hauptinstrumentes geschah dabei eher zufällig. Dan wurde z.B. Gitarrist, weil sein Bruder in einer Band mit John spielte und einen zweiten Gitarristen suchte). Drummer Jacob Slichter z.B. arrangiert die Strings.

"Ja, ich kann ganz gut Noten lesen. Wir haben uns zunächst überlegt, wie das klingen soll, dann haben wir die Strings auf verschiedenen Spuren aufgenommen. Es waren 6 Leute, die uns einen Tag zur Verfügung standen. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden."

Dann gibt's da noch diesen "Stereo-Moog", den Jake und John spielen. Was hat es damit auf sich? (Ein Moog-Synthesizer ist ein Synth der ersten Stunde - analog, eigentlich monophon und monoaural).

Dan: "Das ist eine Spezialität von den beiden: Einer spielt das Ding, der andere fummelt an den Knöpfen (womit der Ton moduliert wird - was dann diese lustigen plucker, zwitscher und rausch-Geräusche ergibt). Da sind sie ganz gut drin."

Überhaupt fällt bei genauem Hinhören auf, daß die Band darauf bedacht ist, einen vielschichtigen, abwechslungsreichen Sound hinzulegen. Das wird dann beinahe metaphorisch umschrieben mit "Zittergitarre", "Vorbeifahr-Moog" oder "Erdbeben und Vulkanausbruch-Loops".

Dan: "Ja, wir sind sehr an sowas interessiert. Auch live spielen wir mit allen Effekten, derer wir habhaft werden können."

Hilft sowas beim Songwriting?

Dan: "Keineswegs. Je mehr Du über den Klang eines Instrumentes weißt, desto schwieriger ist es, einen Song damit zu schreiben."

Jake: "Es stimmt allerdings, daß bestimmte Songs dazu tendieren, auf einem bestimmten Instrument geschrieben zu werden. Nimm z.B. ein Riff - das geht nur auf der Gitarre."

Wie entstehen die Songs überhaupt?

Jake: "Dan's Songs sind Melodie- und Rhythmus-betont. Dir kann ein Song einfallen, wenn Du über die Straße gehst - und das ist dann die beste Lösung, weil Du so nicht in ein Schema verfallen kannst, weil Du ja kein Instrument zur Hand hast."

Dan: "Es ist wichtig, etwas versehentlich produzieren zu können. Wir haben z.B. einen Sampler, der so kompliziert ist, daß Du dauernd Fehler machst. Das ist dann fast immer besser als das, was du eigentlich versuchen wolltest."

Und was ist die Quelle hinter dem eigentlichen Drang, Musik zu machen?

Dan: "Es gibt einige Gründe. Es gibt mir z.B. viel, anderer Leute Musik zu hören. Ich finde, das ist ein unglaublich bewußtseinserweiternder Prozeß. Es ist, als hättest Du Zugang zu Gedanken, die Du selber nicht hattest. Das liebe ich so sehr, daß es mich motiviert das selbst zu versuchen. Dann glaube ich, daß gewisse Leute mit dem Drang geboren wurden, mit einem Publikum in Kontakt zu treten. So einer bin ich. Ich liebe es, etwas zu schaffen, daß ein verbindendes Element zwischen Menschen sein kann."

Was ist das Lohnenswerte daran?

Dan: "Wir, als Musiker, würden ohne Publikum nicht existieren. Das Publikum macht die Sache erst real. Wenn es kein Publikum gäbe, dann wäre das so, als würdest Du eine riesige Mahlzeit kochen, und die dann wegschmeißen. Das wäre dann keine Kunst mehr, sondern eine Meditation oder sowas."

Wie wird das Publikum denn in den kreativen Prozeß einbezogen?

Dan: "Nicht als Marketing-Element jedenfalls. Wir treten aber mit unseren Fans über das Internet in Kontakt. John hat diese Seite eingerichtet, in der wir Fragen an unsere Fans stellten. Eine davon war z.B.: "Welche Superkräfte hättet ihr am liebsten?" Und bei 90% der Antworten ging's ums Fliegen. Ich finde das sehr menschlich. Denn wer hat nicht schon einmal davon geträumt zu fliegen? Und die Fans beschrieben diese wunderschönen Szenen, in denen sie über die Städte, durch die Wolken zu den Sternen flogen. Ich war davon sehr berührt und dieser Gedanke, daß die ganze Menschheit den Traum vom Fliegen teilt, war meine Inspiration den Song "Made To Last" zu schreiben."

Gibt es für alle Songs Geschichten dieser Art?

Semisonic
Jake: "Wenn ich Dan's Arbeitsweise beobachte, dann stelle ich fest, daß Dan Millionen von musikalischen Ideen hat, zu denen wir leicht Zugang finden, sodaß wir eine Menge Material haben. Aber: Manchmal spielen wir einen Song nicht weiter, weil Dan selbst nicht weiß, worum es geht. Dann lassen wir den liegen, bis sich plötzlich eine Erklärung findet - oder auch nicht. Songs haben auf diese Art ein Eigenleben. Dan braucht diesen musikalischen Startpunkt, von dem er den Song findet."

Wie die blanke Seite, die der Schreiber vor sich hat?

Dan: "Ja, das ist lustig. Ich kann mir vorstellen, vor tausenden von Leuten zu stehen und Sachen zu sagen, die diese nicht verstehen können - das macht mir nichts aus. Aber was mir was ausmacht, wäre eine Situation, Sachen zu sagen, die nichts bedeuten. Das gibt's schon genug, meine Texte sollen schon etwas bedeuten."

Dan's Art mit Worten umzugehen ist sehr ungewöhnlich. Z.B. der Titel des Albums "Strangely Feeling Fine" - sich auf seltsame Art gut fühlen. Muss man erstmal drauf kommen.

Dan: "Das bekomme ich oft zu hören, aber ich sehe das gar nicht. Es ist nicht so, daß ich stundenlang darüber nachdenke, wie die Worte verdreht werden könnten. Die Sache ist doch die, daß sie auch mit der Melodie zusammengehen müssen. Manchmal diktiert die Struktur des Songs doch die Struktur der Texte."

Jake: "Dan ist sehr auf den Klang von Worten eingestellt. Wenn ich ihm meine Texte zeige, kann er mir immer sagen, wenn ein Wort sich nicht gut singen läßt oder so."

Ist das der Grund, warum die Texte der Band schwer zu lesen, aber leicht zu hören sind?

Jake: "Ja, wir haben es schon öfters erlebt, daß Interviewer in den Staaten unsere Texte einfach nicht zitieren können. Da ist schon was dran."

Dan: "Unsere Texte sind ja auch keine Gedichte. Poesie muß ohne Musik existieren können. Unsere Texte nicht."

Semisonic werden im November touren. Die aktuelle CD heißt "Feeling Strangely Fine". Ein Re-Issue der beiden vorangegangenen Scheiben, die hier nicht erhältlich sind, ist im Augenblick nicht vorgesehen.

[Erstveröffentlichung in Gästeliste #2, Oktober 1998]

Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-

Aktueller Tonträger:
Feeling Strangely Fine
(Universal)


Semisonic

 
 

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