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CATPOWER
 
Her own private Hell
Catpower
Ein Interview mit Chan Marshall alias Cat Power ist so eine Sache. Das mußte auch der Kollege vom Radio erfahren, der nachher eher verwirrt und orientierungslos dreinschaute. Was war passiert? Nun, er war unvorbereitet auf eine der faszinierendsten, komplexesten und impulsivsten Songwriterinnen unserer Tage getroffen. "Hier hast Du ein Blatt", meinte Chan und schiebt verschwörerisch ein Ahorn-Blatt über den Tisch. Nun ja, Kommunikation findet hier gewissermaßen auf einer seltsamen, nonverbalen, abstrakten und fragmentarischen Ebene statt. Je nach Stimmungslage haben Chan's Sätze - wenn man sie denn als solche bezeichnen möchte, die Qualität von impulsiven Gedankensprüngen, die manchmal in eine ganz andere Richtung und manchmal einfach nirgendwohin führen. Man muß also schon eine ganze Portion Einfühlungsvermögen investieren, wenn das zu was führen soll. Das kann aber sehr spannend sein, denn Chan's komplexes Wesen gibt einiges her.
Catpower
Musik, so scheint es, ist bei Chan Marshall alias Cat Power, eher Nebensache. Ihre neue Platte, "Moon Pix", spielte sie in Australien mit der Rhythmusgruppe der Dirty Three ein. (Die Dirty Three sind ein begnadetes, stoisches, genialisches Instrumentaltrio aus Australien. In der Besetzung Geige, Gitarre und Schlagzeug wissen die Drei seit Jahren Fans und Fachwelt zu verblüffen.) Chan folgte ihrem damaligen Freund nach Australien und hat bei dieser Gelegenheit dann die Platte eingespielt. D.h.: Mit zwei von den Dirty Three, denn Geiger Warren Ellis ist nicht zu hören - das hätte zu "gewohnt" geklungen. Die neuen Songs sind ausgereifter, konkreter und musikalisch vielseitiger als die der letzten Platte. Live spielt Chan jetzt nicht mehr Solo, sondern mit Band (ohne Bassisten). Das aber ist eher nebensächlich. Interessanter ist vielmehr, daß es überhaupt zu dieser Platte kommen konnte.

Die Stücke sind wie Chan's Gedanken- und Redefluß: Spontan, bruchstückhaft, sehr persönlich und sehr emotional. Worum es geht, ist soooo gar nicht herauszubekommen. Das offenbart sich dann mittels ihrer Lebens- und Seelengeschichte. Chan ist das, was man gemeinhin als "unruhigen Geist" bezeichnet. Ständig rastlos unterwegs, auf Reisen, auf Tour oder einfach so. Emotional scheint sie ständig am Rande eines Zusammenbruchs herumzutaumeln, jedenfalls erlebt sie den ganzen alltäglichen Kampf ums Überleben eine Spur intensiver als unsereiner. Bereits bei ihren Konzerten kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Chan sich täglich mit ihren persönlichen Dämonen auseinandersetzen muß, die ein "normales" interagieren zumindest doch erschweren. Das äußert sich dann in Selbstzweifel, fragmentarischem Antesten von Songelementen, Hadern mit virtuellen Soundproblemen oder schlicht dem Abbrechen mitten im Stück. ("Ich fühle mich niemals sicher auf der Bühne", sagt sie). Andererseits gibt es da beeindruckend intensive, zerbrechliche, unberechenbare Versionen ihres Songkataloges. Wäre das alles, was da wäre, wäre dies schlicht und ergreifend spannende, lebendige Musik mit einem gewissen Kick, den man bei routiniert heruntergespielten Showcases schon einmal vermißt. Da steckt aber mehr dahinter. Chan war schon einmal kurz davor, das Handtuch zu schmeißen:

In einem Traum erschien ihr ein Bild einer orange-getünchten Wand mit einem alten Ventilator. Genau dieses fand sich dann als bedeutungsschwangeres Sinnbild auf einer Reise nach Afrika, die zwar als Urlaub gedacht war, sich aber zu einem Höllentrip ausweitete. Chan wird seit frühester Jugend von Alpträumen geplagt, in der Sie von Gestalten heimgesucht wird, die - wie sie vermutet - aus der "vierten Dimension" stammen, aus einem Raum-Zeit-Kontinuum, welches normalerweise nicht sichtbar ist. Nennen wir es mal Zeit, das trifft die Sache noch am Ehesten. Dieses "Weltbild" bestätigte sich dann auf malerische Weise in Afrika: "Da war dieser Medizinmann, der mich ansprach. Er hatte einen Fetisch, um Dämonen abzuwehren. Diese Dämonen schienen dieselben Figuren, wie aus meinen Träumen zu sein. Er meinte noch, daß man diese eigentlich nicht sehen könne und war erstaunt, daß ich es konnte. Meine besten Freunde meinten immer, daß ich psychotisch sei. Nach diesem Erlebnis bin ich mir da nicht mehr sicher." Das, und die - besonders für Amerikaner - ernüchternde Erkenntnis, wie groß die soziale Schere zwischen der "ersten" und der "dritten Welt" doch eigentlich ist, und wie irrelevant Musik in diesem Kontext sein kann, lähmte Chan für ungefähr ein Jahr dermaßen, daß sie außerstande war, kreativ tätig zu werden, ja kurz vor dem Zusammenbruch stand.

Catpower
Musikalisch schlägt sich das in dem Song "The Colors & The Children" nieder, der die Textzeile enthält "The music was boring me to death". Auch Songs wie "Metal Heart" mit der Zeile "How selfish of you to believe in the meaning of all the bad dreams", erscheinen so in einem ganz anderen Licht.

Den Impuls, wieder Songs zu schreiben gab ein weiteres metaphysisches Erlebnis: "Ich hatte wieder einen Traum. Diesmal rief mich eine Stimme und forderte mich auf, irgendwohin zu kommen. Ich wußte, wenn ich dies täte, wäre ich verloren. Es gelang mir, der Versuchung zu widerstehen. Ich wachte auf und schaltete im ganzen Haus die Lichter an. Somit gelang es mir, glaube ich, diese Figuren aus meinen Träumen zu verbannen. Seither habe ich jedenfalls kaum noch Alpträume gehabt und an dem Tag griff ich zum ersten Mal wieder zur Gitarre."

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Nun ist das ja so eine Sache mit Dämonen aus der vierten Dimension. Wenn man das hier so liest, könnte man das ja einfach als spinnerten Quatsch abtun - so wie die meisten Religionen [wer an dieser Stelle empört aufraunt, hat offensichtlich begriffen, was hier gemeint ist.]. So einfach ist das aber auch wieder nicht, denn für Chan ist diese Sache ja ziemlich real. Diese Problematik ist Chan durchaus bewußt: "Wenn Du sowas erlebst, kannst Du eigentlich nur zum Psychiater oder zur Kirche gehen. Ich wünschte, das wäre anders. Erfahrungen wie diese kann man niemandem vermitteln, weder durch Botschaften, Handlungen, Sex, Briefe oder sonstwas. Aber es wäre hilfreich, einfach darüber reden zu können. Es gibt sicherlich Leute, die Ähnliches erfahren."

Wie gesagt: Mit normalen Maßstäben kommt man dem Phänomen Cat Power nicht direkt bei. Unter dem Strich sind es aber gerade diese Eigentümlichkeiten, die Chan zu einer der - sagen wir mal - interessantesten Acts unserer Tage machen. Und: Große Kunst kommt ja öfters vom unsicheren Wandeln auf irgendwelchen schmalen Pfaden am Rande von bodenlosen Abgründen. Chan Marshall gehört sicherlich zu den Leuten, die Ihre kreativen Momente auf anderen Ebenen teuer bezahlen müssen. Sicherlich ist das Ergebnis für den Hörer besonders intensiv und lohnenswert, aber hoffentlich ist der Preis am Ende nicht zu hoch.

[Erstveröffentlichung in Gästeliste #2, Oktober 1998]

Weitere Infos:
www.net-quest.com/~arne/catpower
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer & Chan Marshall-

Aktueller Tonträger:
Moon Pix
(Matador/Zomba)


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