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BOO RADLEYS
 
Wer ist hier der King?
Boo Radleys
"Schaut mal, was ich hier gefunden habe", meint Sice, der gerade von einer Besichtigung des Kölner Doms zurückkommt. Stolz präsentiert er eine Postkarte mit dem Motiv einer "Schmuck-Madonna" - einer jener überkitschigen, reich verzierten Heiligenfiguren, die in Andenkenläden verkauft werden. Seine Enttäuschung ist gewissermaßen groß, als ihm der Promoter beibringen muß, daß der Begriff "Schmuck" nichts mit dem Begriff "Shmuck" zu tun hat, den z.B. der Amerikaner jüdischer Herkunft gerne verwendet. Dann heißt es warten, denn Martin Carr macht gerade einen Phoner. Doch das ist Sice gewöhnt. "Unser Manager hat das mal treffend beschrieben. Beim Rock & Roll geht es entweder darum, sich abzuhetzen - hurry, hurry, hurry - oder zu warten. Und Promo-Dates sind sowieso anstrengender als Touren. Bei Touren hast Du abends immer diesen Adrenalin-Rush, wenn Du das Konzert spielst. Das bringt Dich dann durch den nächsten Tag. Deswegen gibt's auch immer diese toten Punkte, wenn eine Tour zuende ist - da fehlt Dir sowas. Da hängst du dann drei Tage rum und kannst Dich nicht bewegen."
"Schaut mal, was ich hier gefunden habe", meint Sice, der gerade von einer Besichtigung des Kölner Doms zurückkommt. Stolz präsentiert er eine Postkarte mit dem Motiv einer "Schmuck-Madonna" - einer jener überkitschigen, reich verzierten Heiligenfiguren, die in Andenkenläden verkauft werden. Seine Enttäuschung ist gewissermaßen groß, als ihm der Promoter beibringen muß, daß der Begriff "Schmuck" nichts mit dem Begriff "Shmuck" zu tun hat, den z.B. der Amerikaner jüdischer Herkunft gerne verwendet. Dann heißt es warten, denn Martin Carr macht gerade einen Phoner. Doch das ist Sice gewöhnt. "Unser Manager hat das mal treffend beschrieben. Beim Rock & Roll geht es entweder darum, sich abzuhetzen - hurry, hurry, hurry - oder zu warten. Und Promo-Dates sind sowieso anstrengender als Touren. Bei Touren hast Du abends immer diesen Adrenalin-Rush, wenn Du das Konzert spielst. Das bringt Dich dann durch den nächsten Tag. Deswegen gibt's auch immer diese toten Punkte, wenn eine Tour zuende ist - da fehlt Dir sowas. Da hängst du dann drei Tage rum und kannst Dich nicht bewegen."

Irgendwie kommt die Sprache dann auf das aktuelle Video der Boo Radleys. Dieses ist eine Sonderangebots-Angelegenheit, welche die Band für 15.000 Pfund selbst finanziert hat. Ich will wissen, wie sowas möglich ist, da doch dauernd erzählt wird, wie teuer Videos sind. "Nun, Creation bezahlt uns das ja nicht. Da müssen wir schon sparen. Und Du kannst schon preiswerte Videos machen. Die werden dann für gewöhnlich bloß nirgendwo gezeigt. Die Verteilung läuft nämlich normalerweise über die Produktionsgesellschaften mit den Connections zu MTV oder VIVA. Und diese produzieren dann eben diese teuren Videos. Unsereiner muß sich da ganz schön abstrampeln." Mittlerweile ist Martin Carr dazugekommen.

"Alles was Du für ein gutes Video eigentlich brauchst, ist eine gute Idee und einen Mann mit einer Kamera. Was Du bei diesen professionellen Videos mitbezahlst, sind Leute, die keine kreative Funktion haben, wie Make-Up-Leute, Script-Leute, Caterer usw. Uns fragte neulich jemand, was wir nicht als wertvolle Kunstform betrachten und wir sagten: Mode und Ballett. Aber wenn ich darüber nachdenke, muß es eigentlich ‘Video' heißen. Das ist keine Kunstform. Es wurde als Werbemittel erfunden. Jeder, der es nicht fertig bringt, beim Film zu landen, macht Videos." Außerdem muß man doch bestimmt unliebsame Kompromisse eingehen, wenn viele Leute an einem Video arbeiten, das dann auch noch von anderen bezahlt wird. "Ganz genau. Aber das lernst Du dann, daß es am Ende immer um Kompromisse geht, nicht wahr? Es geht darum, was Du willst. Willst Du schnelle Befriedigung - wie Bill Clinton, z.B. - oder geht es Dir darum, stolz zu sein auf das, was Du tust, solange Du lebst - das ist eine Kunst für sich selbst. Dann gibt's keine Kompromisse und Du mußt dafür leiden." Was uns zum neuen Album, "Kingsize", bringt. Dieses ist eine bravouröse Weiterentwicklung in Sachen Produktion und Komplexität und zeigt die Boo Radleys von ihrer besten Seite. Genau genommen ist es der Königsweg zwischen den letzten beiden Alben, dem poppigen "Wake Up" und dem verschrobenen "C'mon Kids". Und da wir gerade beim Thema Kosten und Kompromisse sind: Wie sah es denn damit bei diesem Album aus? Martin: "Es gab keine - Kompromisse meine ich - und die Kosten waren moderat. Wir haben nämlich alles selber gemacht: Geschrieben, produziert, arrangiert und aufgenommen. Wir hätten zwar mit einem Produzenten arbeiten können und es hätte ähnlich geklungen, aber den hätte Creation dann auf Tagesbasis bezahlen müssen, und das hätte schnell sehr teuer werden können, weil wir nicht so genau wußten, was wir eigentlich wollten und viel Zeit damit verbracht haben, zusammenzusitzen und uns darüber klar zu werden." Sice: Wenn wir mit einem Produzenten gearbeitet hätten, hätte es vielleicht nicht funktioniert. Denn als wir halb fertig waren, hatten wir schließlich unseren eigenen Weg gefunden, was mit einem Produzenten vielleicht nicht geklappt hätte. Somit ist am Ende dann ein klares Bild, eine klare Vision enststanden. Half es denn - in dem Sinne, daß niemand da war, der gesagt hätte, was eigentlich nicht geht?

Boo Radleys
Martin: Ja, genau. Wir hatten einen Produzenten auf dem ersten Album, und wenn der gesagt hatte: "Das geht so nicht" oder "das kann man nicht machen", dann standen wir da. Das ist genau das, was diesmal nicht der Fall war: Es gab niemand, der unsere Ideen verbog. Teil unseres Sounds ist die Tatsache, daß wir einfach Sachen ausprobieren, um zu einem Ergebnis zu kommen. Wie verhält es sich denn mit der Kontrolle? Ist es unter diesen Umständen überhaupt möglich, Ergebnisse zu reproduzieren? Sice: Nein. Die Sache ist die, daß vieles, was wir tun, aus "glücklichen Unfällen" heraus passiert. Und sowas kann nicht reproduziert werden. Martin: Manchmal verbringen wir Stunden damit, teures Equipment wie billiges klingen zu lassen um sowas hinzukriegen und dann klappt es doch nicht. Wie entstehen denn die Songs heute? Gibt's da Unterschiede zu früher?

Martin: Oh ja, früher konnten wir unsere Instrumente ja kaum spielen. Mit der Zeit ging das dann besser. Und somit wurden auch unsere Visionen größer. Nimm z.B. den Opener. Das haben wir zunächst von meinem Demo kopiert. Ich hatte dieses Aphex Twin-Album gehört, worauf es Strings und Drum & Bass gibt. Das fand ich schön. Ich weiß manchmal gar nicht, warum solche Sachen entstehen. Die Boo Radleys sind nicht unbedingt Freunde von simplen Pop-Songs. Dieses Prinzip haben sie nach eigener Aussage bereits im Alter von 14 Jahren verstanden. Fast sei es ihnen unangenehm, simple Songs wie "Comb Your Hair" zu spielen, weil dies zu leicht von der Hand ginge. Trotzdem kommen sie, was ihre kleinen "Mini-Opern" betrifft, zu einer erstaunlichen Erkenntnis. Auf die Frage nämlich, ob sie ihre Musik als "sophisticated" betrachten würden, meint Sice: "Ganz im Gegenteil. Vieles was wir tun, ist nämlich von unseren Limitierungen bestimmt: Unserem Vermögen Gitarre zu spielen, mit der Studiotechnik umzugehen etc. Insofern würde ich unsere Arbeitsweise sogar als naiv bezeichnen, weil wir uns alles erstmal erarbeiten müssen." Dennoch kann man ja den Stücken eine gewisse Komplexität nicht absprechen - was sie ja andererseits auch zeitlos attraktiv macht. Martin: Ja wunderbar. Das ist es ja, was wir wollen. Wir sind nun mal keine Band für simple Wege. Wir mögen es ja z.B. auch nicht, Singles zu veröffentlichen, die offensichtlich wären. Z.B. wäre "Comb Your Hair" eine sichere Sache gewesen - zumindest in England. Stattdessen haben wir "Free Huey" ausgewählt, ein Stück mit einer politischen Aussage (Huey war der Gründer der Black Panther-Bewegung) und mit elektronischen Dancefloor-Beats... ...guter Punkt: Sind denn die Boo Radleys, aufgrund der Komplexität ihrer Songs, nicht gerade die unwahrscheinlichste Band, mit Dancefloor-Sounds aufzuwarten, die doch von simplen Mustern lebt? Martin: In diesem Sinne ja. Andererseits sind wir die geeigneteste Band, sowas zu versuchen, weil das eine exzellente Möglichkeit ist, aus Schemata auszubrechen. Sicher, wir sind ein wenig sperriger, als andere Bands, aber andererseits ist mir erst gestern wieder aufgefallen, daß wir eigentlich gar nichts wissen. Wir saßen beim Inder zum Essen zusammen und hörten uns diese indische Musik im Background an. Die ist so total radikal anders als das, was wir machen. Wir können nicht mal den Unterschied begreifen. Insofern sind wir musikalisch gesehen tatsächlich noch am Anfang. Ist diese Vielseitigkeit und Unberechenbarkeit auch der Grund, warum die Band in den USA praktisch unbekannt ist? Sice: Genau. Die USA sind ein ganz schweres Thema. Dort müssen die Bands einem bestimmten Image entsprechen, einen bestimmten Sound haben und bemüht sein, diesen auch beizubehalten. Als wir "Wake Up" herausbrachten, weigerte man sich da, "Wake Up Boo" als Single herauszubringen, mit dem Argument, der Song sei zu poppig und würde nicht zu uns als "College-Alternative-Gitarrenband" passen. So gesehen sind die USA regelrecht unheimlich. Wie stellen es die Boo Radleys denn an, sich nicht zu verzetteln?

Martin: Eine gute Frage. Wir sind jetzt gewissermaßen in einer Falle: Indem wir den Sound der Platte so nicht reproduzieren können, wissen wir im Moment gar nicht, wie wir die Sache live präsentieren sollen. Sice: Die Band probt gerade zu Hause. Ich hoffe, denen fällt etwas ein. Wir haben ja schon oft versucht, live etwas Neues zu machen. Aber ehrlich gesagt, glaube ich langsam nicht mehr, daß das geht. Entweder gibt's Limitationen behördlicher Art - dieses geht nicht, das ist verboten etc. - oder aber, die Sache reduziert sich doch bloß wieder auf das Herumhüpfen vor der Bühne. Aber was soll's: Darum geht's doch in erster Linie bei live Konzerten. Wie verhält es sich eigentlich mit den Inhalten der Songs: Es scheint sich textlich ein roter Faden durch das Album zu ziehen. Es geht um wehmütige Erinnerungen, melancholische Rückblicke etc. Alles auf einer sehr persönlichen Ebene. Martin: Stimmt. Aber solche Songs habe ich eigentlich immer schon geschrieben. Ich stelle sogar fest, daß ich Themen variiere - wie z.B. den "Newsstand at Hamilton Square"-Song. Dieser entstand z.B. aus einem Telefongespräch mit Sice heraus, wo wir über alte Zeiten sprachen und uns köstlich amüsierten. Das merkwürdige ist, daß diese Sachen heutzutage alle viel schöner scheinen, als sie damals gewesen sind. Aber das gehört dazu. Martin's Songs scheinen ja alle sehr persönlich zu sein. Oder ist das lediglich eine Technik, die er sich angeeignet hat? Martin: Kann schon sein. Und das schöne ist: Du wirst es niemals wissen. Ich bin nun wirklich jemand, der sich durch alles und jedes inspirieren läßt. Z.B. durch tatsächliche Charaktere wie Jimmy Webb, den ich sehr bewundere, oder diesen Huey oder Clo Clo - das ist ein französischer Chansonnier, den ich mal im Fernsehen gesehen habe. Dann gibt's da diesen Blue Room, der in zwei Stücken vorkommt. Das ist zum Einen mein Fernsehzimmer, das tatsächlich blau gestrichen ist und im übertragenen Sinne, der Ort, an den sich alle zurücksehnen, die von zu Hause weg sind. Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mich reizen. Dann gibt's da noch den Song "High as Monkeys", der selbstironisch die Probleme mit Starkult und dem damit zusammenhängenden Hochmut beschreibt. Überhaupt scheinen die Boo Radleys nicht eben auf dem typisch englischen Großkotz-Trip zu sein. Was hat es denn da mit der - nicht ganz neuen - Aussage auf sich, "die Beatles" sein zu wollen, die zum wiederholten Male die Bio schmückt? Martin: Das habe ich gesagt. Ist mir heutzutage peinlich, aber für eine junge Band ist das doch sicherlich eine coole Aussage. Sind die Boo Radleys denn die beste Band der Welt?

Boo Radleys
Martin überlegt eine Weile und kommt dann zu folgendem Schluß: "Sagen wir mal so: "Kingsize" ist sicherlich das Beste, was wir bisher gemacht haben. Eigentlich sollte jede Band versuchen, die beste der Welt zu sein. Ansonsten macht die Sache doch gar keinen Sinn. Das gilt aber generell. Versuch immer, der beste zu sein: Der beste Fußballclub, der beste Sportler - hey, versuch, Muhamed Ali zu sein - oder eben die beste Band." Ein gutes Rezept, sofern man dabei - wie z.B. die Boo Radleys - auf dem Boden der Tatsachen bleibt.

[Erstveröffentlichung in Gästeliste #2, Oktober 1998]

Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-

Aktueller Tonträger:
Kingsize
(Double-T/Sony Music)


Boo Radleys

 
 

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