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BUFFALO TOM
 
Hingerissen.
Buffalo Tom
Schön, daß in einer Zeit, in der selbsternannte, smarte Managernieten unser soziales System mit der arroganten Annahme ins Verderben steuern, sie hätten einfache Lösungen für die komplexen Zusammenhänge unserer Tage, ausgerechnet eine Rockband aus Boston die Notwendigkeit zur Komplexität erkannt hat. "Smitten" heißt das neue Werk von Buffalo Tom - was soviel heißt wie "hingerissen". Warum heißt das so? Chris Colbourne (Bass & Gesang) erklärt das so:
Chris: "Also bei uns kannst Du den Begriff "smitten" auf mehrerelei Art verwenden. Zum einen kannst Du von einer Person hingerissen sein. Du kannst aber auch von einer Idee hingerissen sein, sogar von einer Pizza. Oder von Dir selbst. Das wird Dir klar werden, wenn Du das Cover siehst, das ein Gemälde einer Frau zeigt, die sich selbstverloren im Spiegel betrachtet. Es sieht fast tragisch aus. Smitten ist sowohl aktiv wie passiv, positiv wie negativ und steckt voller Emotionen. Wir wollten einen Begriff wählen, in den jeder etwas hineininterpretieren kann."

Hat es genausolange gedauert, den Namen zu finden, wie es dauert, ihn zu erklären?

Chris: Ich denke, es ist notwendig, Sachen zu erklären, weil ja nicht jeder sofort die Art Humor oder Ernsthaftigkeit begreifen kann, die ein Song haben kann. Speziell in einem solchen Fall.

Es hat eine lange Phase zwischen "Smitten" und dem letzten Album "Sleepy Eyes" gegeben.

Chris: Ja, da war Bill's (Janowitz) Solo-Album (mit Joey Burns und John Convertino von Giant Sand) und dann hatte Tom, unser Drummer, sein zweites Kind bekommen. Schließlich haben wir einen Keyboard-Spieler hinzugenommen, was ziemlich kompliziert war und außerdem haben wir uns viel Zeit genommen beim Komponieren der Stücke. Der Songwriting-Prozeß ist kompliziert. Es beginnt damit, daß Bill und ich zu Hause Stücke auf akustischer Gitarre schreiben. Manchmal auch nur Fragmente oder Instrumental. Dann spielen wir es uns vor und fummeln damit herum. Wir sprechen lange und ständig darüber. Dann beginnt erst der Band-Prozeß in dem die Songs entstehen. Dieses Mal sind wir noch einen Schritt weitergegangen und haben den Produzenten (Dave Bianco, u.a. Teenage Fanclub) beim Songwiriting involviert. Er hatte interessante Vorschläge und Anregungen: Schreibt doch hier eine Brücke, zeigt mal die Texte her. Es ging darum, die Platte weiterzubringen. Wir haben mit ihm mehrere Monate vor den Aufnahmen zusammengearbeitet. Es war wichtig: Es sind nur 12 Songs, wir haben zwei Sänger und eine Abmachung, wie der Gesang aufgeteilt werden soll. Dann können wir den Rest demokratisch regeln. Das braucht Zeit.

Was ist der größte Unterschied zur letzten Platte?

Chris: Das ist mehr ein Studio-Album. Das letzte war eher live aufgenommen. Wir haben jetzt mit einer akustischen Gitarre oder einem Gesangspart begonnen und dann schichtweise aufgebaut. Wir haben mit Click-Tracks gearbeitet, was neu für uns war. Tom hatte Schwierigkeiten damit, weil er mehr so der Charlie Watts-Typ ist. Wieder: Es war noch komplizierter, als sich das anhört. David Bianco legte des weiteren viel Wert auf Stimmarrangements, was man hoffentlich hört.

Das Album klingt sehr reif.

Chris: Vielleicht kommt das von unserer Art zu leben. Ich hoffe es. Ich fühle mich jedenfalls nicht "reif". Aber unsere Musik ist immer eine Reflektion auf uns selbst, worum es in unseren Leben geht. Ist schwer zu sagen.

Das sollte jetzt eher reif im Sinne von "musikalisch reif" bedeuten. Man kann sich diese Tracks auch gut im Mainstream-Umfeld vorstellen.

Chris: Ja, ich liebe die Songs. Ich denke, sie atmen richtig in diesem Umfeld. Wir wollten ja komplex klingen, wir wollten ja Strings und Bläser und sowas. Dafür braucht es dieses produktionelle Umfeld. Live werden wir die Sache natürlich wieder vereinfachen und als nächstes werden wir wohl auch ein Album machen, was wieder in die entgegengesetzte Richtung zielt - etwa etwas akustisches, aber im Moment bin ich sehr glücklich.

Wenn schon die Musik derart komplex ist, wie sieht's dann erst mit den Texten aus? Da gibt es z.B. den Song "Rachael". Es ist ja immer eine schöne Sache, wenn Songs mit Namen daherkommen, weil sie dann noch näher gehen als sonst. Gibt es eine Rachael?

Chris: Ja, da gibt's eine Rachael. Es ist komisch. Rachael ist für mich so eine Joan of Arc Story. Ich habe viele Bekannte, darunter jemanden, der diese Joan of Arc-Bio schreibt. Da sind mir Parallelen aufgefallen. In "Rachael" geht es um Frauen im allgemeinen. Es ist doch so - sogar hier in Boston, was eine eher verträumte Stadt ist: Wenn Frauen ein bestimmtes Alter erreichen - so 13-14, werden sie plötzlich mit ganz anderen Erwartungen konfrontiert, ganz anders behandelt. Ich denke, das ist so eine Geschlechtersache, daß Männer die Notwendig sehen, Frauen zu labeln, in Schemata zu pressen. Und das ist dann entweder Jungfrau oder Hure. Sowas finde ich traurig, weil dieses Alter irgendwie auch ein Alter der Unschuld ist. Ich kann sowas gut nachvollziehen, weil ich Bekannte und Nichten in dem Alter habe. Das ist alles was ich dazu zu sagen habe, das ist die Rachael Story.

Was hat es mit den "schottischen Referenzen" auf sich? Da gibt's einen Song über jemanden, dem es wichtig ist, daß sich "schottische Fenster" vor ihm schließen, an anderer Stelle sind Dudelsäcke zu hören, und gewisse Folk-Einflüsse.

Chris: Das ist eher ein Zufall. Aber so gesehen ist Schottland ein ziemlicher Buffalo Tom-Ort. Ländlich, Erdverbunden, ganz ähnlich Neu-England. Insofern fiel es uns leicht, hier eine Verbindung herzustellen. Wir brauchen auch immer ein bißchen Abgeschiedenheit. Was übrigens auch der Grund ist, warum wir unsere Alben nicht in Boston, sondern in Woodstock aufnehmen. (In einer zum Studio umgebauten, alten Kirche)

Auf dem Track "Under Milkwood" - eine literarische Referenz - ist eine weibliche Background-Stimme zu hören.

Chris: Ja, das ist Carol van Dijk von Bettie Serveert. Das war eine aufregende Sache, weil wir hier erstmals eine weibliche Stimme im Buffalo Tom-Umfeld eingesetzt haben. Ich hatte diesen Song sogar mit Carol im Hinterkopf geschrieben, weil ich ihre Stimme liebe. Ich wollte sie sogar diesen Song alleine singen lassen, weil er aus der Perspektive einer Frau geschrieben ist, aber sie hat gesagt, daß sie ihn eher als Duett sähe. Das hat uns sehr gut gefallen. Ich denke, sowas werden wir öfter mal machen.

Buffalo Tom ist mit "Smitten" etwas sehr schönes gelungen. Sie haben es geschafft, ein Album zu produzieren, was die ganzen alten Qualitäten beibehält, neue Wege erforscht, sich auf einem musikalischen Level präsentiert, welches vielen verschiedenen Zielgruppen zugänglich ist und dabei noch einige der besten Songs ihrer Karriere kreiert. Das schönste aber ist, daß die Songs - trotz aller Komplexität - sich dennoch warm, organisch und menschlich anhören.

[Erstveröffentlichung in Gästeliste #2, Oktober 1998]

Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Pressefreigabe-

Aktueller Tonträger:
Smitten
(Beggars Banquet/Pias)


Buffalo Tom

 
 

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