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SILVER JEWS
 
Unscrabbling the Silver Jews
Silver Jews
"A shower of meteorites hits a farm in Iowa. What does the farmer say?" fragt Silver Jew David Berman erwartungsvoll schmunzelnd. Antwort: "Well, Well, Well!" Betretenes Schweigen. Was war passiert? Nun, David hatte versucht, einen selbsterfundenen Witz zu erzählen. Was folgte, war eine Erklärung desselben: Auf amerikanischen Farmen müssen die Bauern ihre Wasserquellen oft selbst bohren. Es gibt aber auch natürliche Quellen, die etwa durch Meteoriteneinschläge entstehen. Quelle aber heißt auf englisch "well". Natürlich ist "well, well, well" normalerweise die Übersetzung für "Na sieh mal einer an". Insofern ist David's Witz also ein nur für amerikanische Bauern verständlicher Wortwitz. Es schloß sich dann noch eine ziemlich lange Diskussion über die kulturellen Unverträglichkeiten von Witzgut im Allgemeinen an, im Verlaufe derer die anwesenden deutschen Journalisten absolut ergebnislos versuchten, den Humor Helge Schneiders ins Englische zu transferieren. Das war vor zwei Jahren. Kein Wunder, daß David inzwischen das Witze-Erfinden drangegeben hat.
"Man setzt die Leute einfach zu sehr unter Druck", führt er noch aus, "sie fühlen sich verpflichtet, zu lachen - auch wenn meine Witze nicht funktionieren. Das ist mir unangenehm." Nun, Cartoons zeichnen tut er zumindest noch (siehe Beispiel) und musizieren auch. Wie gewohnt mit Pavement's Steve Malkmus und ein paar Freunden. Nur, warum hat es zwischen der letzten und der neuen Platte "American Water" so lange gedauert? "Ich habe ziemlich lange geschlafen", erklärt David mit unbewegter Miene. Bevor man das jedoch als neuerlichen Rückfall in alte Witzeerzähler-Zeiten auffassen kann, ergänzt er rasch: "Ich hatte da diese Phase, wo ich tagelang eigentlich nur geschlafen habe, zwischendurch kurz was gegessen habe, ein wenig spazierengegangen bin und mich dann wieder hingelegt habe. Ich hatte das Gefühl, in dieser Zeit schneller und weiter gereist zu sein, als jemals zuvor."

Das sind diese Äußerung, die eigentlich nur von Vollwert-Künstlern kommen können. Sowas ist ja ganz schön cool, aber irgendwie muß man doch seinen Lebensunterhalt verdienen. "Genau. Und es hat noch nie eine Periode gegeben, in der ich so arm und verschuldet war, wie damals. Dann wurde mir irgendwann klar, daß es so nicht weitergeht, und ich habe mich aufgerappelt und das Album gemacht. Das ging dann auch ganz gut vonstatten." Auf "American Water" gibt es entspannte, Singer-Songwriter-orientierte, mittelschnelle Schrammelrockmusik, die mit heiterer Gelassenheit vorgetragen wird. Es klingt wie eine konsequente, nahtlose Fortsetzung des letzten Albums "Natural Bridge". "Findest Du? Ich wünschte es wäre so. Ich sähe meine persönliche Entwicklung, die langsam aber stetig voranschreitet gerne in meiner Arbeit widergespiegelt. Aber ich denke, daß es da doch Unterschiede gibt."

Silver Jews
Und was sind das für Unterschiede? "Ich denke, daß "American Water" ein sehr soziales Album geworden ist. Sowohl in der Art, in der ich meine Worte verwende - weniger fordernd, weniger elaboriert - als auch in der Art, in der wir musizierten, was eine sehr lockere Geschichte ist. Ich bin kein großer Diktator. Wenn ich einen Song geschrieben habe, sehe ich meine Aufgabe als beendet an und freue mich darauf, was daraus wird. Jeder, der mit mir musiziert, kann seine Ideen einbringen." Deswegen klingt das Album auch sehr relaxed und organisch. Was sind denn "weniger fordernde" Texte? "Ich habe sehr lange daran herumgefeilt. Für mich ist es das Schwierigste, düstere Emotionen auf ehrliche Art in Musik zu kleiden. Zum Einen, weil es soviele Klischees gibt, mit denen man das ganz leicht machen könnte, zum Anderen, weil es schwer ist, nicht in Selbstmitleid zu verfallen. Dieses Mal, denke ich, sind die Texte weniger düster und deshalb zugänglicher. Außerdem enthalten sie nicht mehr soviele Worte."

Dafür aber sehr viel Wortwitz und versteckte Anspielungen. Was ist denn "American Water"? "Was denkst Du denn?" fragt David zurück, "ich denke, jeder hat so seine Vorstellungen. Steve Malkmus meinte z.B. es klänge wie eine Jeans-Fabrik. Ich wollte, daß es nichts weiter bedeutet, aber irgendwelche Assoziationen hervorruft. Normalerweise, wenn Du den Begriff "American" vewendest, hast Du doch ganz bestimmte Vorstellungen darüber. Wichtig klingt es, autoritätsgebietend. Ich finde das immer dämlich. "American Airlines" z.B.: Was soll denn das heißen? Wieso ist diese Airline amerikanischer als andere? Ist doch blöde, oder? Aber "American Water" klingt doch ziemlich nichtssagend, oder? Ich denke, es mir gelungen, einen der am meisten assoziativ besetzten Begriffe unserer Sprache zu neutralisieren. Darauf bin ich irgendwie stolz. Außerdem ist es wieder eine Verbindung eines natürlichen mit einem konstruierten Begriff - wie "Natural Bridge". Da gibt's so eine Art roten Faden." "Federal Dust", der Songtitel eines anderen Tracks ist z.B. auch so einer - ganz zu schweigen vom Projektnamen Silver Jews. Dann gibt's noch so Sachen wie "Like Like The The The Death" - eine Sache, die beim Herumspielen mit Wort-Magneten (wie sie auf amerikanischen Kühlschränken wachsen) entstanden ist. "Smith & Jones Forever" nimmt Bezug auf die alte Westernserie, ist aber auch eine Referenz an David und Steve. In David's Texten kann man lustig herumstöbern und jeder findet etwas. Auch insofern ist der Bergiff "sozial" nicht ganz fehl am Platze. Die Frage ist, ob wir diese Sachen denn jetzt auch mal live zu hören bekommen werden. Bisher herrschte da ja Funkstille.

"Ja, denn ich habe meine Einstellung geändert. Bisher habe ich zu oft "nein" gesagt. Damit reagiere ich aber nur auf Vorgaben, die andere machen. Das will ich jetzt nicht mehr. Jetzt möchte ich sagen: O.K., ich will mal versuchen, die Sache so zu machen, daß etwas Neues dabei passiert." Freuen wir uns also auf den neuen, "wachen", David Berman und seine Silver Jews bald einmal hierzulande bewundern zu können.

Silver Jews
Und hier ein unerfreulicher Nachtrag zum Silver-Jews Interview:

David Berman, der zusammen mit Steve Malkmus von Pavement die Silver Jews ist, wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Zum Abschluß seines Europa-Promotrips anläßlich des neuen Silver Jews Longplayers "American Water" (VÖ: 19.10.98) stand Spanien auf der Reisekarte. In Madrid wurden er und sein spanischer Labelmanager grundlos von einer Horde Rocker überfallen und ernsthaft verprügelt. Die in eindeutiger Überzahl losprügelnden Kriminellen kannten anscheinend keine Gnade und so fand sich David Berman mit sehr schweren Verletzungen und Taubheit auf einem Ohr im örtlichen Krankenhaus wieder. Die für Ende diesen Jahres geplante Tour soll trotzdem stattfinden, derzeit unterzieht sich David Berman in den USA einer speziellen Behandlung.

[Erstveröffentlichung in Gästeliste #2, Oktober 1998]

Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-

Aktueller Tonträger:
American Water
(Domino Records/Zomba)


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