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JAZZ CANNON
 
Poetry For The Underground
Jazz Cannon
Die Formulierung ist weder neu noch besonders originell. Aber sie trifft den Nagel auf den Kopf: In einer gerechten Welt wäre Billy Coté ein Superstar. Denn in den letzten acht Jahren hat er als Songschmied der New Yorker Indie-Pop-Sensation Madder Rose gleich massenweise himmlische Popsongs geschrieben, die zwar weltweit in der Presse und bei der kleinen, aber treuen Fangemeinde der Band hymnische Begeisterung ausgelöst, aber leider trotzdem nicht dafür gesorgt haben, dass Madder Rose den Durchbruch geschafft hätten. Im Gegenteil: Nachdem die Band von ihrem (Major-) Label 1997 übel über den Tisch gezogen worden war, kamen Billy und Co. nicht nur finanziell, sondern auch künstlerisch ins Schwimmen.
Nachzuhören auf dem passablen, aber streckenweise etwas orientierungslosen 1999er Album "Hello June Fool". Es war fast zwangsläufig, dass Billy und Sängerin Mary Lorson, seine (ehemalige) Lebensgefährtin, eigene Wege gehen mussten, um einen Weg aus dem musikalischen Niemandsland herauszufinden. Während Mary mit ihrer Band Saint Low letzten Sommer eine ebenso exzellente wie wunderbar altmodische Singer/Songwriter-Platte veröffentlichte, widmete sich Billy mit seinem neuen Projekt The Jazz Cannon ganz seiner wiedererwachten Vorliebe für elektronische Klänge, Samples und knallige HipHop-Beats. Das Album trägt den großartigen Titel "Amateur Soul Surgery". "Das ist eine Formulierung, die mir einfach eingefallen ist, ohne dass ich gewusst hätte, was genau sie bedeutet. Instinktiv wusste ich: Das ist der richtige Titel", lüftet Billy das Geheimnis um den Titel, als ihn die Gästeliste kürzlich zu Hause in seinem Haus in der Nähe von Ithaca, gaaaanz weit im Norden des Staates New York, anruft. "Ich weiß, dass sich das ein bisschen blöd anhört, aber für mich bedeutet der Titel, dass du immer versuchen solltest, Dinge zu tun, die dich nach vorne bringen, die aus dir einen besseren Menschen machen. Ich habe das in meinem Leben lange selbst nicht beherzigt, jetzt versuche ich, mehr danach zu leben. Und dieser Wachstumsprozess ist für mich 'Amateur Soul Surgery'." Vielleicht könnte man den Titel aber auch so verstehen, dass Billy selbst der Amateur aus dem Titel ist, weil er musikalisch Neuland betritt und mit einem neuen Sound im wahrsten Sinne des Wortes - operiert? "Hmmm, darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber das klingt auch wie eine logische Erklärung", erwidert Billy.

Dass sich Musiker aus Gitarrenbands ein neues Betätigungsfeld suchen, ist natürlich heute nichts Ungewöhnliches mehr. Allerdings schaffen es die wenigsten, sich auf dem Feld der "modernen Sounds" wirklich zu behaupten. Billy hatte ja schon auf den letzten beiden Alben seiner Band ein ausgeprägtes Gespür für die Verbindung von klassischen Melodien und moderner Produktionstechnik bewiesen, und mit The Jazz Cannon geht er diesen Weg konsequent weiter. "Ich sehe das als natürliche Folge", erklärt Billy. "Madder Rose wollten nicht weiter in diese Richtung gehen, und anstatt der Band meinen Willen aufzuzwingen ["Madder Rose ist in erster Linie Billy's Band", hatte uns Mary Lorson beim Gästeliste-Interview bestätigt], entschied ich, die Sachen zu trennen. Ich liebe melodische Popmusik, aber ich mag etwas kantigere Beats genauso gerne."

Und obwohl er sich auf seinem Solo-Debut viel mehr dem Programmieren von Rhythmustracks, dem Einsetzen von Ambient Samples und dem Ausnutzen von musikalischen "Unfällen" widmet, ist seine Vergangenheit im New Yorker Gitarrenuntergrund trotzdem allgegenwärtig. Mit seinem neuen musikalischen Partner Don Greene aus New York City, den Coté schon 1997 in einem Madder Rose-Stück verewigt hatte, und dem Gastvokalisten Gresham Taylor aus San Francisco arbeitet Billy am Soundtrack des Lebens in einer verrückten, düsteren Großstadt und macht also im Endeffekt nichts anderes als vor knapp zehn Jahren mit Madder Rose - nur unter komplett anderen musikalischen Vorzeichen. Billy: "Ich denke schon, dass man das so sagen kann. Besonders die erste Madder Rose-Platte war sehr stark New York City-orientiert. Don ist ein typischer New Yorker und darüber schreibt er. Allerdings in einer anderen Art, als ich das je getan habe. Richtig aber ist, dass es eine sehr urbane Platte ist." Wenn Billy allerdings für einige Stücke seine Madder Rose-Mitstreiter Rick Kubic und natürlich Mary Lorson einlädt, klingt auch The Jazz Cannon allem Experimentalismus zum Trotz wie eine echte Popband.

Veröffentlicht wurde das Album auf dem aufstrebenden Westküsten-Label Function 8, das mit seinen ersten Albumveröffentlichungen in Europa, von Tommy Guerrero & Gadget sowie dem Bandprojekt der beiden, Jet Black Crayon, auf dem Weg zu großen Dingen ist. "Die Zusammenarbeit ist auf sehr natürliche Weise entstanden", erzählt Billy. "Ich kannte den Function 8-Boss Gadget noch aus seinen Zeiten als Madder Rose-Olivemischer. Er war mit uns unterwegs, als wir den Support für Hole gemacht haben. Als er das Label startete, fragte er, ob ich nicht was machen wollte. Da ich gerade eine Menge Stücke hatte, die nie und nimmer zu Madder Rose gepasst hätten, sagte ich spontan zu. Das war ein glücklicher Zufall."

Jazz Cannon
Nicht zuletzt, weil Coté eigentlich auf Function 8 in jeder Hinsicht ein Außenseiter ist. Immerhin ist er derzeit das einzige Ostküsten-Signing des Labels, und als einziger Act mit verbriefter Indie-Vergangenheit liegt es an ihm, Gegenakzente zu setzen. Insofern ist es nur folgerichtig, dass es verständlicherweise nicht unbedingt die alten Madder Rose-Fans sind, die das in den Staaten bereits vor einigen Monaten veröffentlichte Jazz Cannon-Album gekauft haben. "Ich denke, ich habe eine größtenteils neue Zuhörerschaft gewonnen", ist sich auch Billy sicher. "In erster Linie liegt das wohl am Label, immerhin gibt es dort fast nur downtempo, jazzy Zeugs. Aus dem Umfeld kommen wohl auch die Hörer. Derzeit habe ich noch keine Ahnung, wie viele aus dem Madder Rose-Lager ich mitziehen konnte."

Nicht nur musikalisch bricht Coté mit der Vergangenheit, das Jazz Cannon-Debut ist auch die erste Platte, bei der Billy die Covergestaltung völlig aus der Hand gegeben hat. Zierten sämtliche frühere Madder Rose-Scheiben Gemälde oder Collagen von Billy und dem früheren Madder Rose-Bassisten Matt Verta-Ray, hatte er bei den späteren Scheiben der Roses auch noch die künstlerische Leitung des Artworks übernommen, um sie bei seiner neuen Platte nun komplett dem Function 8-Hausgrafiker Natas Kaupas zu überlassen. "Ich fand die ersten Cover, die er für das Label gestaltet hatte, sehr gut, also sagte ich: Warum lassen wir ihn es nicht einfach mal probieren? Gleich den ersten Vorschlag, den er mir schickte, mochte ich auf Anhieb. Bei Madder Rose war ich eher ein Controlfreak. Auf den ersten beiden Alben und all den EPs sind einfach unsere schlampigen Bilder und der ganze Rauschenberg-Kram, meiner Meinung nach ergänzte das die Musik sehr gut. Mit den neueren Platten haben wir nach einem neuen Stil gesucht, der zurückhaltender und klarer sein sollte, und das ist nicht mein Ding als Maler, also haben wir auch dafür schon andere Leute herangezogen. Das heißt aber nicht, dass ich die Malerei aufgegeben hätte. Ich halte mich aber nicht für besonders gut, also sehe ich es eher als Spaß, um sich die Zeit zu vertreiben. Oder als Therapie. Als Musiker fühle ich immer den Druck, Ansprüchen gerecht zu werden. Beim Malen habe ich das nicht, weil ich das nicht so ernst nehme."

The Jazz Cannon entwickelte sich wie viele Nebenprojekte, langsam und fast zufällig. "Ich habe erst einmal mit ein paar Stücken angefangen, genauer gesagt, nur mit der Musik. Damals habe ich noch gar nicht an ein Album gedacht, ich habe die Stücke lediglich aufgenommen, weil ich mich so viel wie möglich mit Musik beschäftigen will, ganz einfach, weil es mir Spaß macht. Auf einmal hatte ich also diese Handvoll Songs, die so gar nicht zu Madder Rose gepasst hätten, und erst da entschied ich mich, weiter zu machen und eine ganze Platte aufzunehmen", erklärt Billy die Anfänge. Allerdings blieb er nicht lange allein in seinem Heimstudio, sondern machte sich schnell auf die Suche nach den bereits erwähnten Gästen. "Bei jedem einzelnen Stück habe ich überlegt: Wie kann man diese Musik am sinnvollsten unterstreichen? Mir wurde schnell klar, dass ich verschiedene Sänger mit dabei haben wollte", erklärt Billy, der selbst abgesehen von anderthalb Spoken-Word-Tracks für Madder Rose selbst nie zum Mikro gegriffen hat. "Don Greene, der den Großteil der männlichen Stimmen beisteuert, ist einer meiner ältesten Freunde aus New York City., er ist so ein verrückter Untergrund-Poet, und als die Platte immer mehr in diese gruselig-düstere Richtung ging, war mir klar, dass er genau der Richtige dafür sein würde. Und da ich ja früher mit Mary zusammengewohnt habe, war es auch nur natürlich, sie als Sängerin für ein paar Stücke einzuladen."

Inzwischen hat sich herauskristallisiert, dass die großartigen Madder Rose wohl leider keine weitere Platte mehr zusammen machen werden. Damit gewinnt natürlich auch The Jazz Cannon eine neue Bedeutung für Billy. Aus dem Homerecording-Electronic-Nebenprojekt ist auf einmal sein Hauptjob geworden und der "Ballast" der tourenden Gitarrenband ist erst einmal abgeworfen. "Als wir mit Madder Rose noch auf einem Major waren, war alles, an das du denken durftest: Album veröffentlichen, irgendwie eine gute Single hinkriegen und auf Tour gehen. Alles wurde zur Routine. Jetzt, wo ich keine Majorlabel-Verpflichtungen habe, empfinde ich das fast als Befreiung." Folglich arbeitet Billy mit einigen Freunden an einer Instrumentalplatte, außerdem werkelt er auch bereits am nächsten Jazz Cannon-Album. Ist er, der ja auch schon bei Madder Rose als Produzent am Mischpult saß, inzwischen wirklich mehr am Studio- und Aufnahmeprozess interessiert als am Livespielen? "Weil ich ja mein Heimstudio habe, verbringe ich dort sehr viel Zeit, arbeite an einer Filmmusik für eine Dokumentation über Frauen im Gefängnis und so weiter. Ich sitze also mehr am Mischpult, als dass ich Gitarre spiele. Allerdings habe ich hier, wo ich lebe, auch eine kleine Band, die ab und zu mal auftritt, und bei deren Show habe ich die Tage mal wieder Gitarre auf der Bühne gespielt und das hat auch einen Riesenspaß gemacht. Soweit möglich, versuche ich zwischen den beiden Dingen eine Balance zu finden."

Coté genießt also die Freiheit, nicht mehr nur eine Band zu haben und möglichst viele verschiedene musikalische Projekte unter einen Hut zu bringen. Dazu zählen auch vereinzelte Liveauftritte mit The Jazz Cannon, bei dem Billy aber lobenswerterweise nicht nur hinter Sequencern und Samplern steht und Knöpfchen drückt, sondern mit einer Reihe befreundeter Musiker die Platte wirklich live umsetzt. "Wir versuchen uns der Platte zu nähern, anstatt sie 1:1 zu reproduzieren", erläutert er die Idee dahinter. Einen Schritt weiter will er den Gedanken auf der derzeit in Planung befindlichen Function 8-Labeltournee bringen. Dort sollen nämlich alle Labelacts (mit Chef Gadget als DJ) eine große Liveband formen und sich so gegenseitig als Backingband dienen. Ein ambitioniertes Projekt, das hoffentlich auch in Kürze seinen Weg auf europäische Bühnen finden wird.

Jazz Cannon
Wer nun aber denkt, Coté hätte sich völlig von seiner Pop-Vergangenheit verabschiedet, irrt. Denn auch wenn Billy die Platten des Blue-Note-Acts Medeski, Martin & Wood oder das letzte DJ Food-Album zu seinen derzeitigen Favoriten zählt, sagt er im gleichen Atemzug, dass er Calexico und Yo La Tengo für zwei der derzeit besten amerikanischen Bands hält. Was nicht verwundert, haben doch Yo La Tengo in den 90ern ähnlich wie auch Madder Rose auf ihren letzten Alben sehr geschickt ihre Gitarrenvergangenheit mit ultramodernen Sounds gepaart. "Ja", lacht Billy in milder Verbitterung. "Der Unterschied ist, dass Yo La Tengo damit wesentlich mehr Erfolg hatten."

A Madder Past - Billys Weg zu "Amateur Soul Surgery"

* "Bring It Down" (Seed, 1993)

Die geniale Debut-LP der vier aus New York City, die ihnen - verständliche - Vergleiche mit The Velvet Underground und eher unverständliche mit Mazzy Star einbrachte. In der englischen Presse war man sich sicher, dass man den Popappeal auch unter vier Tonnen Beton nicht würde beerdigen können und dass Madder Rose in jedem Song mehr sommerliche Frische versprühen würden als eine durchschnittliche Band in ihrer gesamten Karriere. Als Beispiele seien hier nur "Beautiful John", "Swim" oder "Waiting For Engines" genannt. Auf der dann folgenden legendären Deutschlandtournee rockten die vier zur Verwunderung vieler wie die Hölle und in unmenschlicher Lautstärke, die jedem körperliche Schmerzen verursachte, der sich Billys Verstärker auf fünf Meter näherte. Seine Bandkollegen auf der Bühne mit eingeschlossen! Abgesehen davon: Wer wie Madder Rose in die Auslaufrille seiner allerersten Single (!) den Satz "I like hate and I hate everything else" einritzt, hat bei mir sowieso schon gewonnen.

* "Panic On" (Atlantic, 1994)

Das Majordebut folgte keine zwölf Monate nach dem LP-Erstling, und den ebenso wüsten wie endlosen Tourneen zum Trotz bewiesen Madder Rose hier eine noch klassischere Popsensibilität, die "What Holly Sees" und "Almost Lost My Mind" schon fast in die Nähe von Phil Spector rückte. "Car Song" war für viele eine der besten Singles des Jahres und rockte im Sommer jedes europäische Festival, leider ohne deshalb zum verdienten Charthit zu werden. Mary Lorson schrieb mehr Songs als für jede andere Madder Rose-Platte und lief Billy als Songschreiberin fast den Rang ab. Die von der Band nicht sehr geschätzte LP-Hülle (O-Ton Mary: "Das hässlichste Cover ALLER ZEITEN!) entstand innerhalb von nur zwei Tagen, nachdem der A&R-Mann der Plattenfirma den ursprünglichen Entwurf der Band kurzfristig abgelehnt hatte.

* "Tragic Magic" (Atlantic, 1997)

Nach fast drei Jahren Pause, die nur durch die Veröffentlichung der EP "Stop" (mit dem vielleicht besten Madder Rose-Song ever, "Diane") unterbrochen wurde, präsentierte sich das Quartett mit neuem Bassisten und neuem (TripHop-) Sound, der schon damals Billys Jazz Cannon-Phase ankündigte und mit "Peter & Victor" die einzige Nummer enthält, auf der Billys Stimme zu hören ist. Der treffend betitelten Platte und der vorzüglichen Single "Hung Up In You" folgte der Bruch mit dem Label und die Zukunft der Band schien lange ungewiss.

* "Hello June Fool" (Cooking Vinyl, 1999)

Die vierte Madder Rose-Platte verfolgte den Weg von "Tragic Magic" weiter, ohne dabei ganz so technisch verspielt zu sein. Eine gewisse Orientierungslosigkeit musste man der Band toller Songs wie "Feels Like Summer" und "Should Have Known" trotzdem bescheinigen, und die musikalischen wie persönlichen Differenzen, die während der Aufnahmen auftraten, kann man ebenfalls erahnen. Über die Proben zur sich anschließenden Tournee schrieb Billy damals in der Madder Rose-eigenen augenzwinkernden Art: "Heute Abend werden wir uns bei der Probe besaufen. Das gehört auch zur Vorbereitung auf eine Tour. Heute proben wir Gin & Tonic." Im Sommer 2000 begannen Billy und Mary zwar, eine weitere Madder Rose-Platte vorzubereiten, aber Ende letzten Jahres löste sich die Band nach Billys Worten dann leider endgültig auf.

Weitere Infos:
www.function8.com/jazzcannon/index.html
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-
Jazz Cannon
Aktueller Tonträger:
Amateur Soul Surgery
(Function 8/Zomba)


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