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KEN STRINGFELLOW
 
Viel mehr als nur The Posies
Ken Stringfellow
The Posies waren die grosse verlorene US-Rockband der 90er. Mit Platten wie "Frosting On The Beater" und "Amazing Disgrace" hätten sie Superstars sein müssen. Obwohl die Band aus Seattle in den Staaten respektable Erfolge verbuchen konnte, gelang es der Gruppe um die beiden Songschreiber, Sänger und Gitarristen Jon Auer und Ken Stringfellow aber nie, in Europa richtig Fuss zu fassen. Im Herbst 1998 gingen sie dann offiziell getrennte Wege, doch nachdem kürzlich auf einem winzigen US-Label das posthume Livealbum "Alive Before The Iceberg" herauskam und ihr altes Label Geffen dieser Tage eine Best-Of-Platte namens "Dream All Day" (leider aller Voraussicht nach in Deutschland nur als Import) auf den Markt bringt, bekamen auch Jon und Ken wieder Lust, zusammen zu arbeiten. Am 24. Februar war es dann soweit: Im Showbox Theater in ihrer Heimat Seattle standen Auer und Stringfellow für ein mitreissendes Akustikkonzert erstmals seit anderthalb Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne. Und der Querschnitt durch alle fünf Alben der Amerikaner machte auch den beiden Protagonisten so viel Spass, dass sie sich inzwischen sogar vorstellen können, als Acoustic Posies im Sommer auch in Europa zusammen zu touren. Wir trafen Stringfellow, den etwas schüchternen, aber unfassbar liebenswerten Schreiber der besten Posies-Songs à la "Solar Sister", "Please Return It" oder "Grant Hart" und seine nicht weniger nette Freundin einen Tag nach dem triumphalen Comeback im gediegenen Ambiente von Shea's Lounge, einer der Top-Adressen unter Seattles Restaurants. Eigentlich ein ungewöhnlicher Ort für ein Gespräch mit einem so bodenständigen Musiker wie Stringfellow, der neben den Posies auch noch mit seiner neuen Band Saltine beschäftigt ist, zeitweise Musiker bei der 90er Reunion der legendären Big Star war, als Gitarrist mit den Punks von LagWagon auf Tournee war, Teilzeit-Gitarrist von R.E.M. (!) ist, als Sänger der australischen Orange Humble Band fungiert und noch tolle Platten wie das letzte Album von Folkie Damien Jurado produziert. Im Gästeliste-Interview verriet uns der Workaholic, was er in den kommenden Monaten vorhat.
GL: Ken, was bewegt dich zu Beginn des neuen Jahrtausends?

Ken: Von der Musik abgesehen finde ich es am interessantesten, dass sich derzeit sehr viele Dinge sehr schnell verändern. Es ist eine gute Zeit um zu leben und viele Dinge im Positiven zu verändern. Mein Leben ist völlig offen und alles kann sich in viele verschiedene Richtungen bewegen. Viele neue Dinge kommen auf mich zu.

GL: Musikalisch gesehen habe viele Leute von dir als Frontman einer Band seit eurem letzten Posies-Majoralbum 1996 nichts mehr gehört. Danach musste man, zumindest in Deutschland, schon sehr genau aufpassen, um Ken Stringfellow nicht zu verpassen...

Ken: Ich habe 1997 viele Shows mit LagWagon in Deutschland gespielt, aber natürlich hast du Recht: Das war ein sehr kurzer und sehr spezieller Abstecher. Viele Leute, die mich von den Posies kennen, wussten wahrscheinlich noch nicht einmal, dass ich auch bei LagWagon dabei war.

GL: Trotz der offiziellen Auflösung hast du gestern wieder mit Jon gespielt. Wie passt das zusammen?

Ken: Keine Ahnung! Jon war der erste, mit dem ich zusammen Musik gemacht habe, und mit ihm habe ich auch länger als mit jedem anderen zusammengearbeitet. Wir kennen uns nun seit ca. 16 Jahren und wir haben so viel gemeinsam erlebt, dass selbst dann, wenn wir mal ein, zwei Jahre Pause machen, diese tiefe Verbundenheit immer noch da ist, die sich in der Musik manifestiert hat. Die Musik ist immer das Mittel gewesen, mit dem wir am besten kommuniziert haben. Und mit ihm akustisch zu spielen hat immer schon am meisten Spass gemacht. Mit den Posies als laute Rockband zu spielen hatte auch was für sich, aber die besten Momente unserer gemeinsamen musikalischen Unternehmungen waren immer die Akustiknummern. Das Rockband-Ding wurde zu einer Art Falle. Wir spielten mehr und mehr laute Rockshows und es wurde immer schwieriger, gefühlvoll zu spielen. Genau das aber habe ich vermisst. Damals vielleicht noch nicht einmal so, weil mir das Problem nicht bewusst war, aber jetzt ist mir klar: Die Sensibilität fehlte! Wir hatten einfach falsche Prioritäten.

GL: Obwohl du in so vielen verschiedenen Bands spielst, stehst du trotzdem nicht wirklich im Rampenlicht.

Ken: Ja, und das ist mir auch sehr, sehr lieb so. Ich mag die Abwechslung, ich mag es, verschiedene Dinge zu tun. Ich finde, das ist mit das Beste am Leben insgesamt: Du kannst viele verschiedene Dinge tun, und ich habe es noch nie für nötig erachtet, mich auf eine Sache zu beschränken. Ausser auf dich [wendet sich grinsend an seine Freundin]. Am Besten, du machst einfach das, was du tun willst, und dann stehen deine Chancen gut, dass du auch dein Ziel erreichst. Die kommerzielle Seite interessiert mich deshalb auch nicht so sehr. Ich kann von der Musik leben, ich kann sie als Vollzeitjob betreiben und damit für mich sorgen. Deshalb habe ich nicht die Motivation zu sagen: Wenn es einen Weg gäbe, eine Million zu verdienen, würde ich ihn einschlagen.

GL: Trotzdem: Das letzte Posies-Album für Geffen hat zumindest in den Läden gestanden, deine Solo-LP auf Munster in Spanien war eine ausschliesslich als 10" im bunten Vinyl und limitierter Auflage veröffentlichte Platte, die man lange suchen musste - wenn man überhaupt von ihrer Existenz wusste.

Ken: Mein Gefühl sagte mir halt, das reicht. Ich wollte sie nicht im grossen Rahmen lizensieren. Ein Freund von mir in Spanien wollte sie veröffentlichen, also hab ich ja gesagt. Ich hab's mehr aus Spass gemacht.

GL: Bist du lieber der Musiker im Hintergrund als der Sänger im Vordergrund?

Ken: Ich mag es wirklich, im Hintergrund zu bleiben. Besonders bei R.E.M. bin ich sehr freundlich aufgenommen worden. Das ist eine traumhafte Band für einen Sideman. Ich könnte es allerdings auch nicht für eine Band machen, die ich nicht mag.

GL: Eines der seltsamsten Projekte war deine Mitwirkung als Leadsänger bei der australischen Orange Humble Band...

Ken Stringfellow
Ken: Das ist eine klassische Story! Dieser Typ Darryl Mather, der alle Songs bei der Band schreibt, kam an Geld und wollte nun endlich die Platte aufnehmen, die er schon immer machen wollte. Da er sich aber für keinen guten Sänger hält, wollte er lieber Musiker, die er bewundert, auf der Platte spielen und singen lassen. Als wir in Australien auf Tour waren, nahm er mit mir Kontakt auf und sagte: "Ich liebe 'Frosting On The Beater', ich finde, du hast eine tolle Stimme, und ich möchte, dass du auf meiner Platte singst. Komm, ich lade dich zum Frühstück ein. Okay, wir gehen also frühstücken. Mein erster Gedanke war natürlich: 'Hey, Frühstück für lau!' Ich wusste nicht richtig, was ich davon halten sollte. Eigentlich bin ich jemand, der alles unbezahlt machen würde, wenn da nicht diese Stimmen wären, die mir sagen: Du musst dich auch irgendwie ernähren und solltest zumindest ein bisschen Geld für das verlangen, was du machst. Es lief dann ein bisschen wie bei den Beatles, als Brian Epstein angerufen wurde und ihm &150 000 für eine einzige Beatles Show geboten wurde. Mehr, als sie je bekommen hatten. Epstein war so geschockt, dass er gar nichts sagen konnte, daraufhin sagte der Promoter: Okay, &350 000, aber das ist mein letztes Wort. Ich überlege also gerade, ob ich dem Typen wohl 100 Mäuse abverlangen kann, da sagt er: "Ich gebe dir &4000". Dann hab ich ihn gefragt, ob er meine Freundin auch noch einfliegen lassen könne, und er war einverstanden. Das war sehr seltsam. Was wäre gewesen, wenn er geahnt hätte, dass ich es auch für einen Appel und ein Ei gemacht hätte, weil es sich einfach nach Spaß anhörte? Wir haben die Platte dann im Studio von Mitch Easter in North Carolina aufgenommen und das war klasse, denn ich bewundere Mitch sehr und sein Studio ist dieses riesige alte Farmhaus und er hat dort so ziemlich jede Gitarre und jeden Verstärker, den du dir wünschen kannst, gehortet. Seltsam war allerdings, die Texte von jemand anders singen zu müssen, als wären sie meine. Das Gute daran war, dass ich mich so ganz auf eine Tätigkeit, das Singen, konzentrieren konnte."

GL: Hast du das Gefühl der "fremden" Songs auch bei R.E.M.?

Ken: Nein, denn sie sind völlig offen für neue Ideen. Bei 9 von 10 Songs halten sie sich nicht an die Studioversion. Wenn du's so spielst wie auf der Platte, langweilt sie das, wenn du verrückte Ideen hast, finden sie das cool. Nur bei vielleicht vier der 50 Songs, die wir geprobt haben, sagten sie: "An dieser Stelle musst du wirklich das und das spielen, weil es sehr wichtig für den Song ist".

GL: Waren dir die Songs alle schon vertraut, bevor du mit ihnen gespielt hast, oder bist du vielleicht sogar ein grosser R.E.M.-Fan gewesen?

Ken: Als ich aufgewachsen bin, war ich ein grosser R.E.M.-Anhänger. Als ich mit 13 angefangen habe in Bands zu spielen, waren R.E.M. die erste Non-60s-Band, die ich mochte. Anfangs hörte ich nur die Beatles und die Beach Boys und die einzige zeitgemässe Band, die ich mochte, waren die Bee Gees, immerhin lebte ich ja in einer Kleinstadt und wusste nicht wirklich, was in der grossen weiten Welt vorgeht. Dann hörte ich "Radio Free Europe" im Radio, auf der einzigen Station aus Seattle, die man in unserem Haus in Bellingham hören konnte, und fand den Song sofort unglaublich gut. Allerdings konnte man die Platte bei uns in der Stadt nicht kaufen. Ein Jahr später fand ich dann ein Tape in der Grabbelkiste und liess mich von "Murmur" fesseln und von "Reckoning" und "Life's Rich Pageant". "Document" war dann die letzte Platte, die ich mochte, bevor ich mich anderen Dingen zuwendete. Ich hatte also "Out Of Time", "Automatic..." oder "New Adventures In Hi-Fi" nie gehört, aber jetzt finde ich diese Platten brillant. Obwohl ich zwar "Losing My Religion" kannte, hatte ich "Man On The Moon" zum Beispiel - wenn überhaupt - dann nur im Supermarkt gehört.

GL: Nachdem du nicht nur mit R.E.M. und Big Star, ja auch eine deiner Lieblingsbands, zusammen gespielt hast, wer bleibt da noch übrig?

Ken: Ich wäre gerne mal für einen Tag Malcom Young von AC/DC!

Weitere Infos:
www.slumberland.org/dear23.html
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Bootsy Holler-
Ken Stringfellow
Aktueller Tonträger:
This Sounds Like Goodbye
(Munster/Import)


Ken Stringfellow

 
 

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