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TOM LIWA
 
Damenfechten für den bösen Wolf
Tom Liwa
Auf der neuen Tom Liwa-Scheibe "Evolution Blues" finden sich natürlich auch Tracks, die Tom bereits live vorgestellt hat. Das ist ja beinahe unausweichlich, denn ein Dauertourer wie Tom braucht ja dauernd neues Material. Musikalisch klingen Stücke wie "Halbtot & Häßlich" in der Studioversion natürlich ein wenig anders. Wie verändern sich die Stücke im Laufe der Zeit und wovon macht Tom es abhängig, wohin die Reise gehen soll?
"Wenn ein Stück wirklich fertig ist, bin ich nur noch sein Interpret. Das heißt auch, daß ich um den jeweiligen Song kreise, ihm mal näher und mal ferner bin. Das äußert sich z.B. darin, daß ich von der ersten zur zweiten oder dritten Person wechsle und Änderungen vornehme, die mir als Interpret zu einem möglichst intensiven Vortrag gereichen. Oft entdecke ich nach Jahren aktuelle Bezüge in Songs, die zur Zeit des Schreibens gar nicht denkbar waren. So tauchen im Live-Programm auch immer wieder lange nicht gespielte alte Stücke auf, die - neben neue gestellt - einen ganz anderen Charakter haben. Sie bleiben spannend."

Auf dem Cover der neuen Scheibe sind zwei sich an einem Tisch gegenübersitzende Damenfechterinnen zu sehen. Was will uns das sagen?

"Für einen Haudegen des siebzehnten Jahrhunderts hätte es wahrscheinlich kaum etwas absurderes gegeben als die Vorstellung vom Damenfechten - noch dazu in einem Rahmen wie der Welt des modernen, kapitalistisch organisierten Sports. Genau wie angelegte Mischwälder zur Stadtranderholung im Gegensatz zum 'alten' Wald - in den man sich nicht reinwagte, weil dort der Wolf lebte - ist auch Damenfechten und Sport überhaupt eine im Grunde der Romantik entspringende Form von gezähmter Natur; eine Folge der Evolution. Darüber hinaus stellt das Bild am Küchentisch ja einen Waffenstillstand dar. Auch das war übergeordnete Maxime bei Platte und Booklet: Gegensätzliche Bilder und Standpunkte nebeneinander zu stellen ohne sie zu diskutieren."

Ach ja, das Booklet: Hier finden sich - neben den Texten - Auszüge aus Traktaten, eMails, Diskursen, Theorien u.ä. Das sieht nach viel Arbeit aus. Inspirationsquellen?

"Die Texte sind... ein Haufen Texte, die alle miteinander zu tun haben könnten, wenn man sich darauf einläßt. Ein Stimmengewirr hinter den Songs. Die Musik auf Evo.Blues ist sehr schnell entstanden - mit langen Unterbrechungen. Am Booklet wurde fast ein Jahr lang gebastelt und gesammelt. Die gesamte Arbeit war sehr inspirierend."

Wie kam die Idee des "Evolution-Blues" als Rahmenhandlung zustande (wenn man denn den Ausdruck "Konzept" vermeiden will) und was hat das Foto auf dem Rücken der CD damit zu tun? ("ev.BL.xK.1")

"Der Blues über den Weg, den die Menschheit wieder und wieder zu nehmen scheint, den Weg des Scheiterns, war und ist sehr präsent in den Kreisen, in denen ich mich bewege. Er wird noch verstärkt durch eine immer größere Interessantismus-Müdigkeit. Mit dem Booklet wollte ich u.a. zeigen, wie temporär Denkmoden sind (und wie sehr selber evolutionären Kreisen unterworfen). Mit den Songs wollte ich zeigen, was mein Weg in alledem ist. Das Foto auf der Rückseite ist das Bild eines Schildes, das kein Schild mehr ist, keine Funktion mehr hat - nur noch, meinetwegen, gut aussieht. Seine Geschichte ist vorbei."

Wovon hing es ab, daß die einen Songs "Evolution Blues(en)" wurden und die anderen nicht?

"Keine Ahnung, ehrlich!"

Tom Liwa
Tom streut in seine Texte gerne auch mal englische Floskeln ein. Wie wichtig ist die englische Sprache für die Texte?

"Die englischen Zeilen auf Evo.Blues sind Zitate - einmal Ace Of Base und einmal Fruka. Sie sagen etwas, das ich nicht anders sagen wollte und brauchte das genau so. Ich mag die englische Sprache. Für einen kleinen koketten Einschub ist sie immer gut."

Wenn man die Texte so studiert, hat man den Eindruck, daß Tom viel in seiner Wohnung sitzt (z.B. in der Küche oder auf dem Balkon) und sich so seine Gedanken machst. Wie wichtig sind Umgebungen tatsächlich beim Songwriting?

"Umgebungen sind für mich als Menschen immens wichtig. Fürs Songschreiben spielen sie - zumindest in meinem Fall - keine Rolle. Wenn ich schreiben will oder einem inneren Zwang folgen muß, ist es völlig egal, wo ich mich befinde. Aber: Sehr gut ist neben Sitzen z.b. auch Laufen."

Musikalisch geht diese Scheibe ja ziemlich neue Wege. Man könnte es mal als "Sing-Hop" im positivsten Sinne bezeichnen. Wie ist der "moderne" Ansatz mit Drum'n'Bass Rhythmen und Samplern zu spielen zustandegekommen und welchen Einfluß hatten hierbei die Mitstreiter?

"Wie gesagt: Es ging alles sehr schnell. Die sogenannten Samples sind alle analog vom Plattenspieler aufgenommen, quasi ohne Technik. Einzige Ausnahme ist 'Funkysexy', das absichtlich auf 'Euro' produziert wurde. Die meisten Songs wurden im Studio höchsten zwei, dreimal gespielt und die Andern kannten sie vorher nicht. Wir haben unserer Intuition getraut - wie ich es schon vorher beim Schreiben mehr denn je, und einfach gemacht habe. Und gefeiert. Nicht ganz wie ein irisches Begräbnis aber auf jeden Fall mehr als früher. "

Auf dem Stück gefallen die jazzigen Passagen sehr gut - auch das letzte Stück (eine kurze Freestyle Improviastion), insbesondere das Saxophon. Hat es einen besonderen Grund, daß es so sparsam und manchmal bewußt marginal eingesetzt wird?

"Ein Nachmittag mit Marc Leymann... (der Saxophonist) Schön, daß du den Outroblues magst! Darf man ja gar nicht sagen eigentlich sowas, aber da wollte ich Coltrane und Neil Young gleichzeitig oder zumindest was am nahsten rankommt. Während das Saxofon bei Evo.Blues Lisa Simpson sein sollte. Saxofon im Pop fand ich fast immer gruselig. Am schlimmsten in den Achtzigern."

A propos Pop: Tom macht ja auch manchmal Witze und covert z.B. Cher-Songs. Welchen Stellenwert hat Pop-Musik heutzutage für Tom Liwa? Z.B. die No Angels?

"I'm not immune."

Tom Liwa
Hat Tom eigentlich ein Spezialrezept, um betont unpeinlich mit unserer stolzen Muttersprache umzugehen?

"Ich habe einen Kreis von Ersthörern und Mitredern. Freunden...Spezialrezepte hab ich keine :-)"

Welche Projekte (außer Touren) können wir demnächst von oder mit Tom Liwa erwarten?

"Eine Platte mit Florian Glässing - Songs halbe halbe, vielleicht noch diesen Herbst. Ich würde gerne was mit Barbara Morgenstern machen. Mal sehn... Und: Ich dreh grade ein Video zu 'Psalm'. Ein kleiner Sieg über die Strukturen vielleicht. Erstens ist es nicht die Radiosingle (Fernsehn in Deutschland ist ein Fitness-Center für Drogensüchtige und Radio ist sowas wie das Einwohnermeldeamt) und zweitens drehen wir ohne Videocompany, dafür aber mit einer Handvoll bekannter Gesichter. Mal sehn..."

Ach ja: Und im September ist Tom Liwa mal wieder mit Band auf Tour.

Weitere Infos:
www.tomliwa.de
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Stefan Claudius-
Tom Liwa
Aktueller Tonträger:
Evolution Blues
(Normal/Indigo)


Tom Liwa

 
 

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