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DAMON & NAOMI
 
Sympathische Nostalgiker
Damon & Naomi
Als vor ziemlich genau zehn Jahren die Kultband Galaxie 500 nach drei grandiosen Alben zerbrach, sahen Bassistin Naomi Yang und Schlagzeuger Damon Krukowski wie die Verlierer eines nie offen ausgetragenen Machtkampfes aus. Dean Wareham, der Sänger und Gitarrist der Band, schien der lachende Dritte zu sein. "1991 ist Galaxie ein Majordeal angeboten worden, den Dean einfach hundertprozentig für sich beansprucht hat, obwohl er eigentlich der Band zu je einem Drittel angeboten worden war", schilderte mir Damon bei einem Gespräch in Amsterdam vor drei Jahren seine Sicht des Splits. "Er hat uns ganz einfach betrogen. Kein Wunder, dass er heute so langweilige, geldgeile Musik macht. Er ist ganz einfach zu der Plattenfirma gegangen und hat gesagt: 'Ich mache, was ihr wollt, gebt mir nur das Geld'." Damit habe er, erzählte Damon, all die Grundregeln abgeworfen, die das Trio mit dem Label ausgehandelt hatte. Der Preis für künstlerische Freiheit, für das Recht, die Cover selbst zu gestalten und den langjährigen G500-Produzenten auch weiterhin hinter dem Mischpult zu haben, sollte eine geringere Tantiemen-Einnahme für die Band sein.
Damon & Naomi
Ein Jahrzehnt nach dem Split sieht die Sache für Damon & Naomi schon ganz anders aus.

Denn Wareham tappte damals - nichtsahnend und stellvertretend für viele Musiker seiner Generation - in die Hype-Falle der Musikindustrie, die Anfang der 90er aus Profitgier nichts Besseres zu tun hatte, als den kompletten US-Gitarren-Untergrund umzuwälzen und damit seinen unwiderruflichen Untergang einzuläuten. Während Warehams aktuelle Band Luna in ihrer amerikanischen Heimat von diversen Labels auf der Prestigeskala nach unten durchgereicht wurde, widmeten sich Damon und Naomi lieber schöngeistigeren Dingen wie ihren Literaturambitionen mit dem Verlag Exact Change oder liebevollen, handgemachten Platten als Duo Damon & Naomi. Leben können sie zwar davon nicht, aber diesen Anspruch hatten sie spätestens seit dem Ende von Galaxie 500 auch gar nicht mehr. Dean Warehams Traum vom Rockstar ist wie eine Seifenblase zerplatzt, Damon & Naomi dagegen haben ihre Nische gefunden.

Zumindest in punkto Integrität und künstlerischer Geradlinigkeit haben sie Dean inzwischen um Längen abgehängt und trotz des Hauchs von Understatement, der die beiden stets umgibt, eine Menge erreicht, und sei es nur, mit ihren musikalischen Helden zusammenarbeiten zu können. Vor zwei Jahren verhalfen die zwei als Musiker bzw. Produzent dem legendären Pearls-Before-Swine-Mastermind Tom Rapp zu einem vielbeachteten Comeback mit dem Album "Journal Of The Plague Year", und vor wenigen Monaten erschien ihre Kollaboration mit der wenig bekannten, aber äußerst einflussreichen japanischen Band Ghost. Und dieses vierte, hochgelobte D&N-Album, clevererweise "Damon & Naomi With Ghost" betitelt, ist ausgezeichnet, verleihen die drei Herren aus Japan dem Album doch genau die Bandqualitäten, die die von D&N zu zweit und zu Hause eingespielten Vorgänger streckenweise vermissen ließen. Während "I Dreamed Of The Caucasus" ebenso gut auf der berühmten Galaxie-500-LP "On Fire" einen Platz hätte finden können, klingt das Country-Intro von "The Mirror Phase" angenehm ungewohnt, und ein Stück wie das sich spiralförmig auf einen bombastischen Soundhöhepunkt hinarbeitende Achteinhalb-Minuten-Epos "Tanka" fehlt auf früheren Platten des Duos aus Cambridge, Massachusetts, ebenfalls. "Zu der Zusammenarbeit kam es, nachdem wir schon vor einigen Jahren zusammen mit Ghost durch die Staaten getourt waren und anschließend auch in Japan mit ihnen aufgetreten sind. In Tokyo haben wir bei der Show zuerst jeder einzeln gespielt und danach noch ein Set zusammen. Da kam uns spontan die Idee: Lasst uns doch die nächste Platte gemeinsam machen", erinnert sich Naomi unlängst bei unserem Interview vor dem Konzert in Utrecht.

Bis die Idee letztendlich in die Tat umgesetzt wurde, gingen noch 18 Monate ins Land. Ein Grund dafür ist Damon & Naomis Weigerung, alle zwei Jahre eine Platte zu veröffentlichen, nur weil man das als Recording Artist eben so macht. "Wir machen immer erst dann eine Platte, wenn wir einen guten Grund dafür haben. Einfach noch einmal das zu machen, von dem wir bereits wissen, dass es funktioniert, wäre uns zu langweilig. Wir werfen am liebsten fast alles über Bord und fangen wieder bei null an", erklärt Naomi die nicht gerade typische Arbeitsweise des Duos. Die Gäste von Ghost wurden auch erst in den Prozess eingebunden, nachdem D&N schon ein erstes Gerüst fertiggestellt hatten. "Wir hatten die Songs so weit fertig, dass wir normalerweise angefangen hätten, sie aufzunehmen. Dann haben wir zu zweit Rohversionen eingespielt und sie nach Japan an Ghost geschickt. Die haben sich die Aufnahmen sehr aufmerksam angehört und uns Verbesserungsvorschläge und Änderungen zurückgeschickt. Nicht nur musikalische, sondern manchmal auch textliche, hahaha. Das konnten wir aber nicht akzeptieren, denn sie haben unser Englisch total zerpflückt, damit es rhythmisch besser klingt. Da mussten wir sagen: Sorry, das ist unsere Muttersprache, das können wir uns nicht erlauben. Zum Schluss sind sie dann zu uns nach Hause gekommen und wir haben die Platten zusammen aufgenommen." Interessant sei die Zusammenarbeit für D&N aber nicht nur, weil Ghost unglaublich virtuose Musiker seien, sondern weil sie sich zu den Songs Gedanken gemacht hätten, die Damon & Naomi nicht im Traum eingefallen wären, weiß Naomi zu berichten und Damon fügt an: "Wir haben für die Aufnahmen an sich eine Woche benötigt, was ungefähr die Zeit ist, die wir auch für unsere anderen Platten aufgewendet haben. Ghost dagegen arbeiten für gewöhnlich viel langsamer und waren richtig geschockt, dass man in so kurzer Zeit eine Platte machen kann."

Damon & Naomi
Heute scheint es ja eh so zu sein, dass die Aufnahmen an sich bei vielen Bands immer weniger Zeit beanspruchen, dafür aber das Mixing und Tuning der Songs um so mehr. Nicht so bei D&N, denn bei denen ist alles noch Oldschool. "Wir machen's wie früher: Du machst einen Mix, er ist auf Band, und entweder magst du ihn oder nicht. Man kann nichts mehr daran drehen. Eine Menge Bands brauchen heute ewig beim Mixing, weil sie jede minimale Veränderung abspeichern. Das ist auch im Interesse der Plattenfirmen. Das computergesteuerte Mixing erlaubt es dir, nachher einzelne Details zu verändern. Wir hatten glücklicherweise nie ein Label, das uns auf diese Weise in unsere Musik hätte reinreden können. Wir haben uns immer sehr wohl dabei gefühlt, der Plattenfirma ein fertiges Band in die Hand drücken zu können. Das ist schon ein Artefakt an sich."

Auch das neue Lieblingsspielzeug aller musikalischen Heimwerker, ProTools, kommt Damon & Naomi nicht in ihre bescheidene zum Studio hochgerüstete Wohnung in Cambridge, wenn auch Erfindungen wie die pitch control, die es allen - vom Schlagersternchen bis hin zu Cher - erlauben, schiefe Töne per Computer auszubügeln, auch Nostalgikern wie D&N manchmal ganz nützlich erscheinen, wie Naomi lachend zugibt: "Als ich zum ersten Mal davon hörte, dachte ich sofort: DAS WILL ICH AUCH HABEN!" Damon aber stellt klar: "Ja, trotzdem haben wir nichts davon. Wenn du etwas aufnimmst, fängst du damit einen ganz besonderen Moment ein. Wir haben weder die Absicht noch die Technik, daran zu rütteln. Wir verstecken uns auch bei den Aufnahmen hinter nichts." Genau das macht das Duo so sympathisch. Nicht die Perfektion, sondern die Menschlichkeit steht im Mittelpunkt. "Compromising quality of reproduction for the sake of nostalgia", nennen sie das. Damit verlangen sie ihrem Publikum manches Mal auch eine Menge ab. Was die beiden auch völlig in Ordnung finden. Wer popmusikalische Hintergrundberieselung will, soll bitte schön woanders fündig werden.

Naomi: "Ja, wir verlangen eine Menge von unserem Publikum..."

Damon: "Wir verlangen, dass sie aufpassen, zuhören und ruhig sind..."

Naomi (grinsend): "...und auch, naja, ein Minimum an Intelligenz..."

Damon: "...ich würde es ein Fünkchen Intelligenz nennen..."

Naomi: "...das Bemühen um Intelligenz..."

Damon: "...ein Verständnis für Intelligenz! Und vielleicht auch etwas Geduld und Nachgiebigkeit. Wir sind nämlich manchmal schrecklich zu unserem Publikum."

Naomi: "Ich bin ganz lieb!"

Damon (lachend): "Ja, das ist richtig, Naomi ist immer nett, aber ich lerne, freundlicher zu sein, und Naomi lernt, gemeiner zu sein...Okay, das nehme ich zurück!"

Damon & Naomi
Obwohl Damon letztere Einschränkung eigentlich nur gemacht hat, um den bösen Blicken Naomis zu entgehen, muss man dennoch festhalten: Reizend sind sie beide, vor allem auch deshalb, weil sie wissen, dass zu ihrer Musik (und dem Status, den sie damit erreichen können,) keine Starallüren passen. Denn auch wenn man heute Galaxie 500 neben den Cowboy Junkies und Codeine als die wichtigsten Wegbereiter des Slow-Rock-Movements bezeichnet, zu "Lebzeiten" hat die Band reichlich wenig davon gespürt. "Heute kommen oft Leute zu uns, die freudestrahlend erzählen, dass sie bei der und der Galaxie 500 Show gewesen wären. Manchmal können wir da nur sagen: Sorry, auf dem Konzert waren nur zehn Leute, es ist völlig unmöglich, dass alle dort waren, die das heute von sich behaupten", erzählt Naomi, die ja damals überhaupt nur in die Band gekommen war, weil Damon und Dean keinen passenden Bassisten finden konnten. Eigentlich war Naomi ja "nur" die Designerin der College-Band. Und bis heute gestaltet sie alle Plattenhüllen selbst. Dabei geht sie mit demselben Understatement zu Werke, das auch ihrer Musik den besonderen Touch verleiht. Die Frage, eine so ausgefallene Verpackung wie etwa die Medikamentenschachtel des letzten Spiritualized-Albums zu entwerfen, stellt sich für sie gar nicht.

"Naja, das liegt zum Teil auch daran, dass mir noch nie jemand ein größeres Budget zur Verfügung gestellt hat", sinniert Naomi. "Ich würde schon gerne mal etwas Besonders ausprobieren, aber selbst wenn, würde es auf den ersten Blick wohl gar nicht so auffällig aussehen. Ich würde eher auf schöneres Material zurückgreifen."

So ist beispielsweise das Digi-Pak des letzten D&N-Albums zwar einmal mehr äußerst formschön, aber ansonsten nicht auf den ersten Blick aufwendig. "Es war trotzdem sehr teuer", erklärt Damon. "Denn wir haben silberne Tinte verwendet und es hat sechs Farben. Das ist unsere Art von Extravaganz."

Naomis Designkünste sind übrigens nicht auf ihre eigenen Platten beschränkt, wie man unlängst bei dem Sub-Pop-Album von Andrew Bird's Bowl Of Fire feststellen konnte. "Ich würde so ziemlich für jeden Cover gestalten, der mich fragt - und bezahlt", sagt sie. Natürlich am liebsten für Platten, die nicht nur als CD, sondern auch als LP erscheinen. Nachdem es lange danach ausgesehen hatte, als sollte "With Ghost" nur als CD (bei Sub Pop) erscheinen, sprang in letzter Sekunde das Label Drag City ein und veröffentlichte das Album auch noch in einer Vinylversion, sehr zur Freude von Naomi: "Es klingt einfach besser auf Vinyl. Viel mehr wie eine richtige Platte!"

Damon: "Die CD klingt eher wie das Mastertape, die LP mehr wie..."

Naomi: "...in unseren Köpfen. Wir haben uns zu dieser Platte vorgestellt, dass sie jemand in 15 Jahren finden würde und sich fragen würde: 'Wie hat sich das wohl angehört, als diese beiden Bands zusammengearbeitet haben?' Und so etwas passiert nur, wenn es eine LP ist, die du findest. Alte CDs findet man einfach nicht, es sei denn, es ist ein Reissue."

Eine Logik, die man entweder versteht oder nicht. Aber all diejenigen, die wissen, was Naomi damit meint, wissen wohl auch zu schätzen, dass es Bands wie Damon & Naomi immer noch gibt, auch wenn oder gerade weil sie nicht darauf aus sind, mit jeder Platte neue Maßstäbe zu setzen, und nicht mit aller Macht versuchen, die Verkaufszahlen zu steigern. Außerdem schließt sich hier auch der Kreis zu Galaxie 500, denn wenn man Damons Liner Notes zum G500-Boxset vor fast fünf Jahren glauben darf, war es das einzige Ziel der Band, irgendwann auch mal eine Single in der gleichen Sonderangebotskiste zu haben, in der Damon in den 80ern eine Platte seines alten Highschool-Lehrers gefunden hatte. Mit Galaxie 500 hat er es nicht geschafft, denn deren Platten sind - zumindest in den Vinylversionen - heute samt und sonders Sammlerobjekte. CDs, das hätte man sich denken können, zählen bei der Jagd auf die Grabbelkiste nicht mit, das stellt Damon abschließend noch einmal klar: "CDs in Sonderangebostkisten sind nicht romantisch, sie sind einfach nur Schrott!"

Weitere Infos:
www.subpop.com/bands/damon+naomi/newwebsite/intro.html
www.exactchange.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Stefan Claudius-
Damon & Naomi
Aktueller Tonträger:
Damon & Noami With Ghost
(Sub Pop/Cargo)


Damon & Naomi

 
 

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