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BLUMFELD
 
The Great Pop Swindle
Blumfeld
"Testament der Angst", das vierte Album von Blumfeld, ist nun seit vier Wochen auf dem Markt. Schon vor der Veröffentlichung ist viel gesagt worden über diese Platte, denn irgendwie schaffen es die Hamburger immer wieder, aus ihren Platten Großereignisse zu machen. Beziehungsweise machen zu lassen, denn nie klaffte die Lücke zwischen dem, was wir auf der Platte hören können, und dem, was viele (nicht alle) Vertreter der bundesdeutschen Journaille darüber geschrieben haben, weiter auseinander. Selbst die ach so vorwärts orientierten (Pseudo-) Intellektuellen kamen nicht umhin, beim neuen Blumfeld-Werk vor allem den "Übertrag aus der Retrospektive" zu loben. Hört sich toll an, heißt aber übersetzt wohl nichts anderes als: "Früher war eh alles besser und Blumfeld haben das jetzt endlich auch begriffen."
Blumfeld
Aber vielleicht ist das nur allzu verständlich, immerhin feiern die 30-Somethings, die die Medienszene nun einmal überwiegend bevölkern, ja auch gerade das 80er-Jahre-Revival ab. Im Gegensatz zu den 60ern und 70ern, die man im Rückblick verherrlichen konnte, waren wir doch in den 80ern dabei, wir wissen doch alle, wie schrecklich damals alles war, warum sollte man diese Dekade wiederhaben wollen? Wer dieses Rätsel des modernen (Musik-)Journalismus löst, weiß auch, warum Blumfeld weiterhin so hoch im Kurs stehen, auch wenn die Band natürlich mit der Ära recht wenig, umso mehr jedoch mit dem gerade geschilderten Phänomen zu tun hat. Nun gut, "Testament der Angst" ist nicht konsequent rückwärts orientiert, denn Blumfeld fahren zweigleisig und verfolgen auch den spätestens mit "Tausend Tränen Tief" beschrittenen Weg Richtung glatter Popmusik weiter. Die Single "Graue Wolken" war zwar ein relativer Flop, nicht zuletzt wohl wegen des ziemlich krassen Texts, aber zumindest der Chartposition des Albums hat das nicht geschadet: Nie waren Blumfeld erfolgreicher - rein kommerziell betrachtet.

Richtig ist, dass das neue Album sicherlich einen stärkeren (musikalischen) Bezug zu den frühen Blumfeld aufweist als "Old Nobody". Allerdings nur bei ein, zwei Stücken. Von einem "Wiederanschmeißen der Ich-Maschine" kann also nur sehr bedingt die Rede sein, denn immerhin haben sich Blumfeld weiterentwickelt. Vor vier Jahren sagte mir Jochen Distelmeyer bei unserem ersten Interview: "Ich weiß, dass meine Texte manchmal zu kompliziert sind oder zu durcheinander, das finde ich dann selber nicht gut. Ich würde die auch gerne einfacher, präziser, verbindlicher halten. Ich würde schon gerne Sachen wie Tom [Liwa] schreiben. Das finde ich toll. Ich kann das halt nicht anders, das ist mein Problem. Und wenn ich es anders versuche, gefällt es mir nicht. Ich bin gefragt worden, ob die Texte ein appellatives Moment haben, und da würde ich sagen, das Appellierende ist in der Musik. Die ist, wie ich finde, sehr verbindlich."

Blumfeld
Jetzt schreibt Distelmeyer direktere Texte, kommt auf dem neuen Album mit weniger Worten als je zuvor aus, ist unkryptischer denn je, aber er verliert damit auch häufig genau die verqueren Gedankenstränge, die Blumfeld überhaupt erst von vielen anderen Bands unterschieden haben. Wenn dazu wie bei fast der Hälfte des neuen Albums auch noch eine sehr reduzierte Musik kommt, die sich - gewollt oder nicht - am vielgehassten Schlager orientiert, fällt es schwer nachzuvollziehen, warum so mancher Feuilleton-Schreiber weiterhin krampfhaft an Blumfeld als treibende Kraft festhält.

Auch wenn der Mensch auf dem Cover anzudeuten scheint: "Hier schaut jemand über den eigenen Tellerrand, hier schaut jemand nach draußen" - der offensive Umgang mit dem Wort "ich" ist dennoch geblieben. "Ich versuche, Formulierungen zu finden, mit denen man sich auf einen Begriff wie 'ICH' einigen kann, ohne dass das der totale eitle, idiosynkratische Wahnsinn ist, sondern dass beim 'ich' das 'wir' bzw. alle anderen 'ichs' schon mitgedacht ist, dass es stellvertretend dafür ist. Ich stelle mir immer die Frage: Darf ich das eigentlich sagen, wer gibt mir das Recht dazu? Das ist eine Grundfrage, die mich immer begleitet. Das ist eine Schicht des Fundaments. Bei den Leuten, bei denen ich das gelernt habe, von denen ich selbst Fan war - egal ob nun Musiker oder Schriftsteller oder Filmemacher - habe ich immer das Gefühl, die erzählen von sich, aber ich komme auch darin vor", erklärt Distelmeyer.

"Blumfeld leben den Widerspruch zwischen Gewissheit und Zweifel", fasste Andre Rattay den Status quo Blumfelds zusammen. Acht Wochen später gibt es die Gewissheit: Viele Kritiker haben die Zweifel einfach übersehen. Glück gehabt, gerade wo Blumfeld jetzt auch mit der großen Industrie zusammenarbeiten und beim Interview redlich darum bemüht waren, den Einfluss dieser Tat herunterzuspielen. Zumindest die kostspielige Marketingkampagne dürfte sich über kurz oder lang auch im Portemonnaie der vier Herren bemerkbar machen. Und auch auf dem Konto von Hanns Dieter Hüsch, dessen "Abendlied" neben der epischen Acht-Minuten-Ballade "Der Wind" die positivste Überraschung auf der neuen LP ist. Oder vielleicht doch nicht so überraschend, schließlich war es genau das oft leicht abfällig als "Kleinkunst" bezeichnete Genre, das Rattay und Distelmeyer als gemeinsames Territorium für sich entdeckten, lange bevor sie als Blumfeld zusammen Musik machten. Rattay: "Als wir uns vor ungefähr 10 000 Jahren zum ersten Mal getroffen haben, war es interessanterweise Degenhardt, auf den wir uns einigen konnten. Dabei kam ich ja eher aus der Swans- oder Killdozer-Ecke oder habe mich mit den Smiths beschäftigt, und trotzdem trifft man sich dann bei Degenhardt." Okay, Kleinkunst ist es nicht gerade, was Blumfeld heute abliefern, aber was genau ist es denn in den Augen und Ohren der Band selbst? Distelmeyer: "Es ist Popmusik!" Und Popmusik kann die Welt nicht verändern. Mit "Ich-Maschine" und "L'Etat Et Moi" haben Blumfeld es geschafft, zumindest die (Hamburger) Musikszene durchzurütteln, aber was ist davon schon übriggeblieben? Ein Haufen Berufsjugendliche mit Trainingsjacken vom Flohmarkt und fiesen Scheiteln, die über ihr Leben nörgeln und nebenbei gutes Geld damit verdienen.

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Respekt gebührt dem Quartett vor allem dafür, dass sie sich für "Testament der Angst" weniger Zeit genommen haben als zuvor. "Fehler macht man ja immer, das Gefühl, dass hier und da noch etwas hätte verbessert werden können, hat man auch bei einer Platte mit einer längeren Entstehungszeit", erklärt Peter Thiessen die Philosophie dahinter. Und Distelmeyer ist sich sicher: "Dass wir nach drei Jahren ein Hammeralbum machen können, das wissen wir ja. Aber wir wollten einfach sehen, ob wir's auch schneller hinkriegen: Da gibt es ein paar Songs, da gibt es ein Grundgefühl, das ausgedrückt werden soll, einen überschaubaren Rahmen von Aussagen. Was wir wollen, war mehr Zug, mehr Drive." Unter dem Strich ist "Testament der Angst" wirklich eine ehrlichere Platte als ihr doch manchmal arg perfektionistisch ausgerichteter Vorgänger geworden. Ohne dabei unüberlegt zu handeln, scheinen es Blumfeld anno 2001 eher mit einem Ausspruch von The-Posies-Kopf Ken Stringfellow zu halten: "Perfektion? Wer hat dafür denn Zeit?" Schön, dass Blumfeld das nun endlich auch verinnerlicht zu haben scheinen.

Letztendlich sind sie Gewinner: Sie schlagen den Weg der geringen Widerstände ein, verkaufen sich der bösen, bösen Plattendindustrie, veröffentlichen ein Album, das gut, aber nicht herausragend ist, werfen Fragen auf, deren Antworten man nicht zwingend wissen will, aber keiner hat's gemerkt. Das Feuilleton jubelt, die Musikpresse schließt sich kleinlaut an, weil man glaubt, die tiefere Botschaft vielleicht einfach nicht verstanden zu haben. Derweil stürmt die Band die Charts und lacht sich ins Fäustchen: Der große Popmusik-Schwindel ist geglückt.

Weitere Infos:
www.blumfeld.net
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Stefan Claudius-
Blumfeld
Aktueller Tonträger:
Testament der Angst
(NMC Music/Eastwest)


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