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CLEM SNIDE
 
The Ghost of Clem Snide
Clem Snide
"Dann treffen wir uns also in der 'Pink Pony Bar', dort ist es schön ruhig und wir können uns gut unterhalten", meint Eef Barzelay - der Sänger und Kopf der New Yorker Band Clem Snide, die sich mit ihrer ganz persönlichen Mixtur aus intellektuellem Songwriting und Americana-Versatzstückchen inzwischen eine respektable Fangemeinde erspielt haben - verschwörerisch am Telefon. Nun gut: Besagte Bar liegt in der Lower East Side an der Houston Street (sprich "Austn", nicht "Juhstn") - nicht weit von der legendären Mercury Lounge entfernt, gleich neben Katz's Delicatessen - oder richtig "Katz's Wurst Fabric" - New Yorks ursprünglichster Deli, wo regelmäßig alle Präsidenten der USA ihre Pastrami oder Corned-Beef Sandwiches essen.
Das ist nicht unbedingt die mondänste Gegend der Stadt. Hier sind die Straßen alle ein bißchen schmutziger und die Häuser verwitterter als anderswo. Viele kleine Geschäfte, Kioske und Steh-Imbisse deuten darauf hin, daß dies eine Wohngegend ist. Mittendrin eine chinesische Nudelfabrik aus der Hölle: In einem kleinen, stickigen Raum werkeln unter gleißenden Neon-Lampen wuselige Chinamänner in ewigen Mehlschwaden auf engstem Raum vor sich hin. Hier ist alles ein wenig heruntergekommer - bis auf die Mieten, die selbst für kleinere Appartments so um die $ 2.000 betragen. Und schließlich: Die Pink Pony Bar gibt es nicht mehr. "Das ist eben New York", meint Eef, der mit einer Teigtasche in den Backen aus Katz's herübereilt, wie er da den einsamen Schreiberling aus Deutschland verwirrt vor verrammelten Rolläden rumlungern sieht. Warum diese umständliche Einleitung? Nun, die neue Scheibe von Clem Snide, "The Ghost Of Fashion", entstand in dieser Gegend und spiegelt deswegen auch so ziemlich das Lebensgefühl wieder, welches man hier vorfindet. "Ich habe in dieser Gegend gewohnt, als ich die Stücke zu dieser Scheibe schrieb", erzählt Eef, der jetzt in Brooklyn wohnt, "das ist eine ziemliche New York-Scheibe geworden."
Clem Snide
Auf "Ghost" tummeln sich eine Vielzahl von mehr oder minder sympathischen Charakteren, die man allesamt als ein wenig verschroben und als Außenseiter bezeichnen könnte. Wobei nicht so richtig klar wird, ob es tatsächlich solche sind oder sie dieses nur denken. "Interessanter Punkt", überlegt Eef, "aber wenn man denkt, man sei ein Außenseiter, wird man ja wohl auch einer, oder?" Mag sein. Und was haben diese Außenseiter mit der Mode zu tun? Warum heißt das neue Album "The Ghost Of Fashion"? "Die Frage ist mir jetzt schon öfter gestellt worden", reflektiert Eef, "aber ich habe noch keine schlüssige Antwort darauf. Versuchen wir es mal so: In vielen der Songs geht es um das Sehnen nach etwas, was nicht wirklich existiert. Nach kurzlebigen, flüchtigen Dingen. Wie z.B. Mode: Etwas ist modisch und dann ist es auch schon wieder aus der Mode. Nicht nur Mode: Alles. Wenn nun etwas aus der Mode kommt, wird es unsichtbar - wie ein Geist. Es geht also um das, was durch das Raster fällt. Mich faszinieren zum Beispiel Berühmtheiten, die nicht mehr berühmt sind. Was passiert mit diesen Leuten? Es ist fast eine philosophische Frage: Wenn ein Baum im Wald umfällt und es ist niemand da: Macht er Krach dabei? Wenn Du mal im Fernsehen warst und dann nicht mehr: Existierst Du überhaupt? Vielleicht hast Du ja überhaupt nie exisitiert." Nun ja: Eef's Charaktere sehnen sich doch vorwiegend nach ganz normalen, kleinen Dingen: Liebe, Geborgenheit etc. Sie wollen ernst genommen werden. "Ja, auch darum geht es. Ich mag den Gedanken, für etwas Reales einzutreten. Aber: Es geht dabei vorwiegend um die dunkle Seite der Liebe. Die Songs auf dem nächsten Album werden sehr viel positiver sein." Woher kommt diese Düsternis des Seins? "Jeder Charakter in meinen Songs hat etwas von mir", erläutert Eef, "ich könnte niemals aus der Position z.B. einer schwarzen, lesbischen Person schreiben - das bin ich nicht. Ich kann mir immer nur gewisse Facetten von mir aussuchen, und darauf aufbauen. Aber es ist schon komisch: In Amerika nimmt man immer gleich an, daß, wenn man aus der Ich-Perspektive erzählt, es sich immer auch gleich um Geständnisse handelt. Sowas hasse ich. Um es klarzustellen: Ich schreibe nicht über mich selbst und lege auch keine Geständnisse ab. Ich mache mich darüber lieber lustig. Es ist sowieso alles eine große Lüge. Picasso sagte: Kunst ist eine Lüge. Und daran glaube ich. Wenn ich auf die Bühne gehe, erzähle ich Lügen. Du erfindest Dich selbst. Wenn Du denkst, daß Du aufrichtig bist, lügst Du sogar noch mehr." Moment mal: Da gibt es doch noch den Schauspieler. Indem dieser klar macht, daß er eine Rolle spielt, lügt er doch nicht, oder? "Ja, schon, aber bei der Musik ist das schon etwas anderes. Man hat hier eine andere Erwartung. Dafür kannst Du z.B. James Taylor verantwortlich machen. Songs haben so viel Macht. Sie wirken auf verschiedenen Ebenen. Politisch, spirituell, emotionell. Das ist was anderes als Schauspielerei!"
Clem Snide
Zum Glück werden die düsteren Aspekte von Eef's Songs immer durch komische Elemente aufgefangen. "Ja, sowas mag ich. Mir macht es Spaß, wenn die Leute nicht wissen, ob ich Spaß mache oder etwas ernst nehme." Woher kommt denn dieser Ansatz? "Es ist kein rationaler Prozeß. Ich könnte z.B. niemals jemandem beibringen, wie man einen Song schreibt. Man muß seinen Instinkten vertrauen. Was meine Charaktere betrifft: Wie viele Leute habe ich Sympathien für Typen mit großen Träumen, die dann schiefgehen. Das hat was Tragisches. Woher das kommt? Ich weiß nicht. Wir könnten jetzt eine Weile über meine unglückliche Familie reden - was nicht so sinnvoll wäre. Irgendwann wurde mir bewußt, daß da dieses schwarze Loch in meinem Leben war. Das mußte ich mir vergegenwärtigen, mich da durcharbeiten. Es ist mir wichtig, daß es immer einen Hoffnungsschimmer in meinen Songs gibt. Deshalb sind meine Charaktere auch immer gebrochene Leute. Ich bin fasziniert von der Idee, daß viele Leute nur bis zu einem gewissen Punkt gehen können, wenn es um ihr eigenes Glück geht und deshalb sozusagen dazu verdammt sind, unglücklich zu sein. Mein Vater war z.B. ein zutiefst unglücklicher Mann. Man kann immer sagen: Das lag an der unglücklichen Kindheit - aber so einfach ist es nicht. Deshalb denke ich, daß es eine der Aufgaben der Kunst ist, Liebe und Glück, oder das Fehlen von Liebe und Glück darzustellen. Die Gesellschaft braucht sowas."

Der Künstler als Spiegelhalter? Eine interessante Idee. Wie entstehen die Songs? "Nun, ich überlege mir zunächst eine Situation, eine Szene. Wenn ich diese dann habe, und mir z.B. den Tisch vorstellen kann, an dem mein Protagonist sitzt, dann kann ich darauf aufbauen. Manchmal ist es auch nur ein Wort - wie z.B. 'African Friend', was mir so im Kopf herumschwirrt - und ich baue dann meine Story darumherum. Es ist aber weniger eine Story als vielmehr ein wichtiger Moment, den ich festhalte. In diesem Sinne sind meine Songs so eine Art Momentaufnahme. Wenn die Songs dann fertig sind, dann kommt der Input der anderen hinzu. Ich bin nämlich ziemlich faul, wenn's um's Ausarbeiten geht. Das macht Jason (Glasser), der auch Cello und Geige und Keyboards spielt. Er hat immer diese coolen Ideen den Sound betreffend. Es war z.B. seine Idee, die Bläser einzusetzen." Sind wir mal gespannt, wie das auf Tour rüberkommt. Und wem die Songs von "Ghost" zu desolat sind: Wie gesagt, die nächste Scheibe wird ja positiver...

Aus aktuellem Anlaß sei noch eine Ergänzung erlaubt. Das Interview fand ca. 14 Tage vor den Ereignissen in New York statt. Die Houston Street liegt mitten im nach dem Attentat gesperrten Gebiet. Von dort aus wäre das WTC bequem zu Fuß zu erreichen gewesen. Eef Barzelay wohnt zur Zeit in Brooklyn, ist also direkt nicht betroffen.

Weitere Infos:
www.clemsnide.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigabe / Ullrich Maurer (Eef)-
Clem Snide
Aktueller Tonträger:
The Ghost Of Fashion
(Cooking Vinyl/Indigo)


Clem Snide

 
 

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