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ELLIOTT SMITH
 
Gradlinigkeit ist langweilig
Elliott Smith
Liebeslieder gibt es unzählige. So traurig-schön und herzergreifend wie bei Elliott Smith klingen sie aber sonst nur noch bei Jonathan Richman und ganz früher vielleicht bei Morrissey. Zwei Jahre, nachdem Elliott Smith mit dem exzellenten Album "XO" nicht nur sein Dasein als unbeachteter Independent-Singer-Songwriter aufgegeben hat, sondern auch eine Oscarnominierung einheimsen konnte und den im eigenen Heim aufgenommenen "Ein-Mann-Sound" zugunsten einer Beatle-esquen Studioproduktion aufgegeben hat, meldet sich der schüchterne Superstar aus Portland, Oregon, nun zurück. Auf "Figure 8" nimmt er zwar viele musikalische Ideen von "XO" erneut auf, weiß aber den Sound geschickt weiterzuentwickeln. Diejenigen, die Elliott wegen seiner frühen "Unplugged"-Alben lieben, werden hier wiederum nur bedingt bedient, aber die klassische Kreuzung aus Beatles, späten Velvet Underground und Big Star sollte eigentlich Grund genug sein, die Ohren aufzusperren. "Happiness" könnte gut von Lennon/McCartney stammen, "Pretty Mary K" ist Neil Young zu Glanzzeiten und der Opener "Son Of Sam" wäre auch auf einer Tim-Hardin-Platte nicht fehl am Platze. Natürlich ist das alles nicht neu, aber wer so unglaubliche gute Songs schreibt wie Smith, mit soviel Liebe in der Vergangenheit kramt und trotzdem in der Lage ist, dem Ganzen noch einen eigenen Stempel aufzudrücken, der verdient wahrlich Respekt. Dabei hatte es lange gar nicht danach ausgesehen, als würde der ehemalige Chef der Indierocker Heatmiser aus Portland, Oregon, noch den Absprung schaffen. Als er zum Beispiel zu Anfang seiner Solokarriere mit seiner guten Freundin Mary Lou Lord auf Tournee war, interessierten sich alle nur für die Bostonerin, wie sich Elliott im Hyatt Hotel zu Hamburg beim Gästeliste-Interview erinnert.
Elliott: Als ich mit Mary Lou zusammen auf Tournee gegangen bin, waren jeden Abend A&R-Leute von verschiedenen Labels da. Alle waren hinter Mary Lou her und wollten sie unter Vertrag nehmen. Für mich hat sich damals niemand interessiert. Mir haben sie nur ein paar Drinks spendiert, weil sie wussten, dass ich mit Mary Lou befreundet war.

GL: Der Erfolg hat sich ja inzwischen eingestellt, obwohl sich an deinem Umfeld nicht viel geändert hat. Zum Beispiel arbeitest du seit Jahren mit den gleichen Produzenten. Auch das angenehm 60s-lastig klingende "Figure 8" wurde von Rob Schnapf und Tim Rothrock co-produziert, die ansonsten viel zeitgemäßere Platten wie Becks "Midnite Vultures" oder "Got No Shadow" von Mary Lou Lord produziert haben.

Elliott: Ich bin nicht daran interessiert, nach einem angesagten Produzenten Ausschau zu halten, der Radiohits produzieren kann. Ich arbeite gerne mit den beiden, denn sie sind sehr kreativ und behandeln jeden Song als eigene Einheit. Sie drücken nicht jedem einzelnen Song ihren Markenzeichen-Sound auf. Das Einzige, was ich nicht möchte, ist, dass meine Platten klingen, als wären sie heute aufgenommen worden. Heute im Musikbusiness zu sein ist in etwa so, wie auf der Highschool zu sein, wo jeder versucht, der coolste Typ der Schule zu sein. Das Einzige, was du dann willst, ist doch, so schnell wie möglich deinen Abschluss zu machen und das alles hinter dir zu lassen, oder?

GL: Trotzdem finden einige (wenige) Leute, "Figure 8" sei weniger eingängig als die Vorgänger. Kannst du das verstehen?

Elliott: Das mag daran liegen, dass einige Songs sehr impressionistisch und die Texte diffuser sind. Die Stücke sind eher fragmentarisch und fast wie Träume angelegt. Ich möchte mich ja auch verändern und will nicht für alle Ewigkeiten dasselbe machen.

GL: Vor zwei Jahren hast du noch gesagt, Tourneen seien ein Alptraum für dich. Inzwischen scheinen sie dir weniger auszumachen?

Elliott Smith
Elliott: Ja! Ich mag es nicht, alleine zu Hause zu sitzen und mir Songs auszudenken. Ich fühle mich kreativer, wenn ich in der Weltgeschichte herumlaufe. Die Ablenkungen und der Krach, den man um sich hat, wenn man auf Tour ist, haben etwas positives für mich. Natürlich fühle ich mich manchmal ausgebrannt, aber das ist ja mit allem so, was du machst. Wenn du einmal dabei bist, denkst du: Ich würde etwas anderes viel lieber machen. Das Einzige, was ich am Touring nicht mag, sind die freien Tage zwischen den Shows. Dann denke ich immer: Hey, sollten wir nicht auftreten? Wir sind doch auf Tour, oder?

GL: Janet Weiss von Sleater-Kinney und Quasi, die auf deiner letzten Tour Schlagzeug gespielt hat, ist aufgefallen, dass deine Songs immer irgendwelche versteckten "Fallen" haben und nicht gerade leicht zu spielen sind. Machst du deine Stücke extra kompliziert?

Elliott (lacht): Nein, aber wenn sie zu gradlinig sind, langweilen sie mich. Ich suche nicht nach Komplikationen, aber das Element der Überraschung ist mir wichtig. Ich möchte gerne wie ein Boxer in Bewegung bleiben, um nicht ausgeknockt zu werden.

GL: Letzte Frage: Welche Persönlichkeiten aus der Geschichte würdest du zu einer - imaginären - Party einladen wollen?

Elliott: Ich würde gerne Dostojewsky einladen wollen, obwohl er vielleicht schlechte Laune hätte und die anderen Gäste erschrecken würde. Vielleicht sollte ich ihn nur einladen, wenn es um Glücksspiel geht. Außerdem würde ich gerne Chris Bell von Big Star einladen. Nicht, weil ich ihn lieber mag als Alex Chilton, sonder nur, weil es ja theoretisch noch möglich ist, Alex mal zu einer Party einzuladen. Und John Lennon würde ich auch noch einladen, obwohl er ja wahrscheinlich nicht kommen würde, weil er zu viele Einladungen hätte.

GL: Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Infos:
www.elliottsmith.net
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-
Elliott Smith
Aktueller Tonträger:
Figure 8
(Dreamworks/Motor Music)


Elliott Smith

 
 

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