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HOLLY COLE
 
Baby, it's Cole outside
Holly Cole
Holly Cole's neue Scheibe heißt "Baby It's Cold Outside" und ist eine Weihnachtsplatte. D.h: Sie enthält Lieder, die in die Weihnachtszeit passen - nicht notwendigerweise Weichnachtslieder also. Dennoch: Bei ihrem Auftritt Ende Oktober in der Hamburger Fabrik wird die Scheibe nicht einmal erwähnt - geschweige denn Songs davon gespielt. "Um ehrlich zu sein, mir ist nicht einmal der Gedanke daran gekommen", meint Holly hierzu, "es ist doch noch nicht Weihnachten." Ja, schon, aber normalerweise tourt man doch, um die neue Scheibe zu promoten - zumal die Tour ja auch unter dem CD-Titel stand. "Ach so - aber das ist bei mir anders", erläutert Holly, "die meisten Musiker machen eine neue Scheibe und dann heißt es: 'Und jetzt müssen wir touren'. Ich liebe aber das Touren und Live-Spielen - das ist mein Leben - insofern mache ich neue Scheiben, damit ich einen Vorwand habe, auf Tour gehen zu können." Wenn's sein darf, sogar zweimal in einem Jahr.
In der Tat ist Holly Cole eine Performerin per se. Nicht nur ihr, sondern auch den sehr kompatiblen und spielfreudigen Musikanten der Tour-Band (darunter der langjährige Begleiter Aaron Davis am Piano (der auch die hinreißenden String-Arrangements zur neuen Scheibe erstellte)) merkt man an, wie sehr sie in der Performance aufgehen. Ungewöhnlich, wenn man bedenkt, daß Holly - trotz aller Pop-Einflüsse - doch zunächst mal Jazz-Chanteuse ist. Doch sie tut alles, um die damit verbundene Erwartungshaltung des muffigen, bierernsten und akademischen zu enttäuschen. Selten hat man ein so kurzweiliges, unterhaltsames und unernstes Jazz Konzert gesehen. Der Kontakt zum sehr vielschichtigen Publikum läuft auf einem beinahe familiären, kumpelhaften Level ab. Vielleicht liegt das auch daran, daß das Publikum alle Altersgruppen einschließt: Von der 9-jährigen Paula, die an diesem Abend ihr erstes Konzert besucht, über Teenager und mittelalterliche Flanellhemdträger mit Nickelbrille (die man noch am ehesten erwartet hätte) bis hin zu deren Opas sind alle Bevölkerungsschichten paritätisch vertreten. "Ich weiß, das ist ein Phänomen, daß ich auch beobachte", freut sich Holly, "es war immer schon so, daß meine Fans durch Mund zu Mund-Propaganda Leute mitbrachten, auch die Familienangehörigen. Darüber bin ich auch froh." In der Tat: Viele Künstler würden sich ein solches Publikum wünschen. Ein Teil des Appeals liegt mit Sicherheit darin begründet, daß Holly sich nicht nur auf die üblichen Jazz-Standards verläßt - natürlich gibt es auch Zeugs wie "Don't Fence Me In" aber nicht etwa "My Funny Valentine" - sondern ihre Interpretationen aus allen möglichen Bereichen zusammensucht. Tom Waits darf z.B. nie fehlen, aber auch Paul McCartney oder Paul Simon müssen als Ideengeber herhalten. Daneben gibt's auch Trivial-Klassiker wie "Que Sera Sera" oder aber Holly bekommt Songs exklusiv geschrieben (sie selber hält sich diesbezüglich ja zurück). Was all diesen Interpretationen gemeinsam ist: Sie sind nach der Qualität des Songs ausgewählt (und nicht, wie im Jazz üblich, nach der Möglichkeit, gesanglich zu brillieren) und sie unterscheiden sich in jedem einzelnen Falle radikal von der Originalversion. Wie entstehen diese Arrangements? "Das ist ganz unterschiedlich", sagt Holly nicht ganz unerwartet, "zunächst muß ich erst einmal Songs finden - das ist ein sehr langwieriger Prozeß: Was sagt mir der Song? Paßt er zu mir? Worum geht es? Etc. Dann bleibt mir ja fast nichts anderes übrig, als die Songs komplett auseinanderzunehmen. Manchmal kommt mir dabei eine Idee und ich bitte die Musiker, dieses und jenes zu spielen. Manchmal findet sich das im Zusammenspiel und manchmal habe ich auch gar keine Idee - weiß nur, daß ich den Song singen möchte - und bitte dann um Vorschläge."
Bei der neuen CD wurden die Fans über die Website an der Auswahl der Songs beteiligt? "Nun ja, nicht direkt", gibt Holly zu, "als wir diesen Wettbewerb machten, waren die Stücke bereits ausgewählt. Wie gesagt, es war ein langwieriger Prozeß. Als dann die Vorschläge der Fans eingingen, war es aber sehr schön zu sehen, wie nahe deren Vorstellungen den meinen waren." Und was waren das für Vorstellungen? "Nun, ich wollte die üblichen, offensichtlichen Klischees vermeiden. Es sollte keine typische 'Jingle Bells' Platte sein, sondern eine Sammlung von Songs, die zur Jahreszeit passen." Deshalb gibt es wohl auch Stücke wie Merle Haggards "I Hope I Make It Through December" - eine vergleichsweise düstere Abhandlung über einen Arbeitslosen, der bange ist, den Winter überstehen zu können. Es ist atmosphärisch mit das stärkste Stück der Scheibe. "Das Stück findest Du am besten? Ich bin beeindruckt", meint Holly verwundert, "ich mag es deswegen, weil sich viele alleinstehende Frauen damit identifizieren können. Bei Haggard ging es um einen alleinerziehenden Vater, aber ich denke, Frauen können sich da sehr viel eher hineinversetzen." Es ist in der Tat ein ungewöhnliches Stück, da Haggard nicht eben für solche Themen bekannt ist. "Ja, bei ihm klingt das auch alles viel fröhlicher - gerade das hat mich aber daran gereizt." Daß sich auf "Baby" auch zwei Tracks befinden ("Wildwood Carol" und "What's That Fragrance Softly Stealing?"), die sich auch auf der Weihnachts-CD der ebenfalls kanadischen Kollegin Jane Siberry befinden, ist jedoch Zufall. Holly ist auf Jane nicht besonders gut zu sprechen, obwohl sie deren künstlerische Integrität anerkennt. Dagegen befindet sich ein Original-Song von Mary Margaret O'Hara auf der Scheibe - ebenfalls eine Kanadierin, die in Künstlerkreisen sehr beliebt ist (auch die Cowboy Junkies) haben Songs von ihr gecovered), die allerdings selber keine Scheiben mehr herausbringt.
Holly Cole
In dem Zusammenhang: Was bedeutet es eigentlich für Holly, Kanadierin zu sein? "Das ist Folgendes", erläutert sie, "als ich aufwuchs, hörte ich alle möglichen Arten von Musik: Amerikanische Pop-Musik, Folkmusik, Jazz, Country etc. Ich konnte mir von allen Bereichen das beste jeweils herauspicken. Wenn ich in den USA gewohnt hätte - z.B. in Memphis oder Nashville - wäre diese stilistische Vielfalt bestimmt nicht möglich gewesen. Kanadisch zu sein bedeutet also für mich, einen Tunnelblick vermeiden zu können." Ein interessanter Aspekt, denn wenn man sich mal Leute wie Shelby Lynne anschaut, stellt man fest, daß diese erst dann eine eigene Stimme fand, als sie aus Nashville wegzog. "Gutes Beispiel", pflichtet Holly bei, "allerdings mag ich Shelby sehr." Eine letzte Sache sei noch andiskutiert: Wenn man sich Holly so ansieht - etwa auf den Plattencovern - mit diesen Spaceship-Frisuren und den extrovertierten Kostümen; oder aber beim Live Konzert, mit Cord-Cowboy Hut, bis zum Knie geschlitzten Jeans, Ledermantel und fellumhüllten Sandalen, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, einer Modenschau beizuwohnen. "Nun ja, das ist mir schon wichtig", gibt Holly zu, "als ich anfing, wurde mir klar, daß das im Jazz gar kein Thema war, ja sogar verpönt war. Mir wurde dann allerdings schnell klar, daß mir die Mode sehr wichtig ist. Es ist nicht das wichtigste - 90% sind Musik - allerdings gibt mir dieses 'Aufdonnern' ein gewisses 'Empfinden des Ereignisses' (Sense Of Event)..." Larger Than Life? "Genau, denn diese Wikinger-Schlappen und der Hut, das sind keine Sachen, die ich im Zug anziehe, sondern nur auf der Bühne." Spaß muß eben sein!
Weitere Infos:
www.hollycole.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigabe / Ullrich Maurer (live)-
Holly Cole
Aktueller Tonträger:
Baby It's Cold Outside
(Tradition & Moderne/Indigo)


Holly Cole

 
 

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