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MARC LIEBSCHER
 
Pop im Blick(punkt)
Marc Liebscher
Letztes Jahr gewährten uns The Delgados und Alan McGee Einblicke in den Labelalltag bei Chemikal Underground und Poptones, im Sommer erklärte uns Joanna Bolme von Stephen Malkmus' Band The Jicks die Finessen des Homerecordings, und nun stellt Gaesteliste.de die Frage: Wie buche ich eigentlich ein Konzert? Um diese Frage zu beantworten, trafen wir uns mit dem Münchner Marc Liebscher, der bei Blickpunkt Pop dafür sorgt, daß seine Bands am richtigen Tag auf der richtigen Bühne stehen, dabei jede Menge Spaß haben und ordentlich Kohle dafür bekommen. Zu seinen Schützlingen zählen nicht nur Gruppen wie Samba, Subterfuge oder Tomte, sondern natürlich vor allem auch Sportfreunde Stiller und Readymade, die ab heute vier Tage lang als weihnachtliches Doppelpack die Republik unsicher machen und dabei auch eine gemeinsame Tour-Single (mit einem Cover von The Cures "Friday I'm In Love") im Gepäck haben.
Marc Liebscher
"Ich habe damit angefangen, zusammen mit einem Freund eine kleine Tour für Rodney Allen von den Blue Aeroplanes zu buchen", erinnert sich Marc an die Anfänge. "Wir hatten ihm ursprünglich nur einen Brief geschrieben, um zu fragen, ob er nicht mal für Konzerte nach Deutschland kommt, aber dann kam eine persönliche Antwort von ihm mit der Frage, ob wir jemanden kennen würden, der ihm Konzerte organisieren könnte, oder ob wir das vielleicht sogar selbst machen könnten. Insofern hat er uns eigentlich überhaupt erst auf die Idee gebracht. Das war 1986/87. Letztendlich haben wir dann drei Konzerte für ihn in Bayern organisiert, und das hat uns und ihm so viel Spaß gemacht, daß wir das Ganze später noch einmal mit sieben oder acht Konzerten wiederholt haben, da waren dann noch die Merricks aus München als Support dabei, und auf einmal gab es auch Konzerte in Hamburg, Worms und Berlin. Anscheinend hat Rodney uns dann weiterempfohlen und so meldeten sich dann zwei, drei, vier andere unbekanntere englische Bands bei uns, zum Beispiel die Orchids oder St. Christopher vom Sarah-Label. Dabei haben wir dann ziemlich schnell gemerkt, daß es auch in Hamburg oder anderswo Veranstalter gibt, die Konzerte mehr auf der Spaßbasis veranstalten, und dadurch konnten wir unsre Bands problemlos zum Beispiel nach Hamburg bringen und haben im Gegenzug deren Bands dann in München veranstaltet."
Marc Liebscher
Die "Spaßphase" ging dem Ende entgegen, als Marc es Anfang der 90er dann als örtlicher Veranstalter in München mit Bands wie Carter USM, Die Antwort, den Lassie Singers oder Throw That Beat In The Garbagecan zu tun bekam. Denn auf einmal stiegen die Ansprüche, damit aber auch die Chancen, mit den Konzerten auch Geld zu verdienen. Richtig ernst wurde es für Marc, der ja inzwischen auch im Atomic Café in München dafür sorgt, daß dort regelmäßig exzellente Livemusik zu hören ist, allerdings erst mit den Sportfreunden vor drei oder vier Jahren. "Anfangs war das ja auch noch eher eine Spaß-Sache, aber nach ein, zwei Jahren merkte man dann doch, daß plötzlich mehr Leute kamen und das Interesse größer wurde. Zum Beispiel meldeten sich dann auch örtliche Veranstalter bei mir, die Konzerte mit den Sportfreunden machen wollten."

Dabei wissen Marc und seine Bands aber sehr genau, daß nicht immer die Höhe der Abendgage der entscheidende Faktor ist. Wenn sich Künstler und Publikum in einem Venue nicht wohl fühlen, wird's letztendlich kein gutes Konzert, und die Enttäuschung auf beiden Seiten wiegt auf lange Sicht dann vielleicht mehr als die (einmalige) hohe Gage. "Bei vielen Anfragen, die ich bekomme, heißt es zuerst: 'Was kostet es, Sportfreunde Stiller zu buchen?' Für mich ist aber eigentlich nie die Höhe der Gage die Priorität, sondern vielmehr: Was ist das für ein Laden? Welche Bands haben da schon gespielt? Wie sind die technischen Voraussetzungen? Gibt es eine Homepage, auf der man sich das mal anschauen kann? Erst danach geht es um finanzielle Dinge." Allerdings hilft es wenig, wenn der schönste Club der Republik ausgerechnet im Niemandsland steht. Denn gerade noch unbekanntere Bands drängt es ja eher in die Großstadt, aus gutem Grund, wie auch Marc bestätigt: "Natürlich sind Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Stuttgart und München ganz wichtig, letztendlich willst du ja auch, daß mal eine Plattenfirma vorbeikommt oder ein paar Journalisten, und die sind eben vor allem in diesen Medienstädten zu Hause." Wenn aber nun der örtliche Veranstalter ahnt, daß sich maximal 50 Interessierte für eine Newcomerband finden werden, die Künstler aber natürlich verpflegt werden wollen und GEMA-Gebühren anfallen, ist verständlich, daß immer weniger Clubs neue Bands - gerade wenn sie von außerhalb kommen - featuren. Die beste Möglichkeit, da ist sich Marc sicher, ist deshalb, nach Konzerten Ausschau zu halten, bei denen man als Newcomer den Support machen kann.

Marc Liebscher
Womit wir bei der anderen Seite angelangt wären: Was muß ich als unbekannte Band tun, um möglichst schnell aus dem Proberaum auf die Bühne zu kommen? Gerade, wenn es um Auftritte in Großstädten geht, ist da erst einmal Betteln angesagt. "Man geht dann dort hin und sagt: 'Lieber Veranstalter, dürfen wir vielleicht als Vorgruppe spielen, wir wollen auch kein Geld, aber es wäre cool, wenn wir was zu essen und zu trinken kriegen", erinnert sich Marc an die ersten Auftritte der Sportfreunde in Köln oder in Hamburg. "Da mußt du natürlich eine Band haben, die sich darauf einläßt und nicht sagt: 'Wir kriegen kein Geld? Wie sollen wir denn dann das Mietauto, das Benzingeld und die Übernachtung zahlen?'"

Zunächst einmal muß natürlich der Kontakt selbst zu den wenig oder gar nicht zahlenden örtlichen Veranstaltern hergestellt werden. Und auch, wenn ein eigener Booker oder eine kleine Agentur, die das Organisieren der Konzerte übernimmt, für eine unbekannte Band zusätzliche Kosten bedeuten, kann Marc den Schritt nur empfehlen: "Wenn es jemanden gibt, das der machen würde, ist das für die Band in jedem Fall super, denn das Buchen der Konzerte ist sehr müßig und unergiebig. Natürlich muß man schauen, welche anderen Bands eine Agentur noch betreut, damit die Musikrichtung stimmt und man sicher sein kann, daß die auch die richtigen Läden kennt, in denen deine Band ankommen könnte."

Ist auch dieser Schritt geschafft, fängt das Rock N Roll-Lotterleben trotzdem noch nicht an. Gerade als Vorgruppe sollte man immer schön versuchen, den Ball flach zu halten und nicht unangenehm aufzufallen. Ein paar Tips von Marc:

1. Man muß sich vor allem der Situation bewußt sein, daß man schon echt dankbar sein muß, wenn man irgendwo spielen darf und daß die Ansprüche 0,0 sein müssen, daß man sich freuen muß, wenn's was zu trinken gibt und daß es um so netter ist, wenn's auch noch was zu essen gibt. Viele örtliche Veranstalter sagen ja: 'Ich brauche keine zweite Band, die frißt mir nur die Haare vom Kopf, und es kommen wegen denen keine Leute."

2. Wenn dir der örtliche Veranstalter sagt, daß eine Band um 20.00 Uhr für 30 Minuten spielen darf, sollte die Band sich daran absolut strikt halten. Wenn man das gleich beim ersten Mal nicht hinkriegt, heißt es nachher vom Veranstalter: 'Die halten sich an keine Regeln, das macht keinen Sinn, die noch einmal mit auf Tour zu nehmen'. Auf so etwas achte ich persönlich schon sehr genau, egal ob nun bei Chewy oder bei Seafood. Die wissen das aber auch und halten sich gleich von vorne herein daran."

3. Was eigentlich sowieso klar sein sollte: Wenn du als Vorgruppe spielst, solltest du nicht gerade deine zehn Kumpels mit in den Backstageraum bringen und der Hauptband die Getränke wegtrinken. Die Hauptband spielt vielleicht 100 Konzerte im Jahr, und für die ist so etwas dann nur nervig, und die lädt dich dann auch kein zweites Mal ein.

Natürlich muß jede Band selbst wissen, wie lange sie sich diesen "Minimalismus" antut. Immerhin besteht auch ein bißchen die Gefahr, daß (örtliche) Veranstalter mit diesen Argumenten auch Bands runterhandeln, die eigentlich schon mehr Ansprüche stellen könnten. Wo eine Band ihre Grenzen setzt, muß sie freilich selbst entscheiden, aber manchmal ist der Spatz in der Hand ja auch mehr als die Taube auf dem Dach, wie Marc am Beispiel von Seafood erklärt, die im Herbst für eine knappe Woche als Support der Sportfreunde Stiller unterwegs waren. "Die Alternative ist, daß du an dem fraglichen Tag überhaupt kein Konzert hast, Däumchen drehst und auch noch das Essen selber kaufen mußt. Seafood waren für fünf Konzerte dabei, davon waren vier unsere eigenen und ein Festival. Ich habe ihnen dann angeboten, daß ich den Veranstalter des Festivals fragen könnte, ob er sie noch irgendwo dazumogeln kann, vielleicht erst ganz zum Schluß, wenn nur noch 100 Leute da seien. Da haben die sofort gesagt: 'Super, selbst wenn nur noch 20 Leute da sind', denn sonst wären sie an dem Tag irgendwo gewesen, und so hatten sie die Chance, vielleicht ein T-Shirt oder eine CD zu verkaufen, es war ein Veranstalter da, der sie vielleicht noch einmal bucht, es war ein Journalist da, der über sie was schreibt, und schon zieht das noch viel mehr nach sich als nur ein kostenloses Essen."

Ob es für Seafood deshalb zur ganz großen Karriere auch in Deutschland reicht, wird sich zeigen (verdient hätten sie's in jedem Fall), denn die Blickpunkt-Pop-Vorgehensweise stellt natürlich kein Patentrezept dar. Daß sie sich für die Sportfreunde Stiller (und Readymade) bezahlt gemacht hat, ja, davon kann man sich diese Woche in Düsseldorf, Darmstadt, Halle und Erlangen überzeugen: Ready, Sport, Go!

Weitere Infos:
www.blickpunkt-pop.de
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld (live) / Pressefreigabe-





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