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WALKABOUTS
 
Walkabouts 2000 - Die Kosmopoliten
Walkabouts
"The Train Leaves At Eight" heißt das neue Album der Walkabouts - was ja an und für sich noch nicht sonderlich überraschend erscheint. Wenn man dann allerdings genauer hinschaut, stellt man fest, daß es sich hierbei um ein Album mit Coverversionen handelt. Allerdings nicht - wie im Falle von "Satisfied Mind" - mit Songs von amerikanischen, sondern von europäischen Acts und Bands. Das macht Sinn, denn wohl kaum eine andere amerikanische Band ist so im Hiesigen verwurzelt, wie die Walkabouts aus Seattle. Aber dennoch ist dies ein vergleichsweise mutiger Schritt. Was hat Chris Eckman denn wohl bewogen, ebendiesen zu tun?
"Für uns war es immer klar, daß es eine Fortsetzung von "Satisfied Mind" geben würde", erläutert er, "wir haben lange überlegt, wie wir das angehen wollten. Zunächst sollte es eine Chris & Carla Scheibe werden. Wir hatten Freunde und bekannte gebeten, uns Original-Songs zu schreiben, die wir dann aufnehmen wollten (darunter Steve Wynn oder Jim White). Das zog sich aber immer länger hin und es kamen auch immer mehr europäische Künstler hinzu. Und irgendwann war mir dann klar, daß ich etwas von dem, was ich hier in Europa an Erfahrungen sammelte, wieder zurückgeben wollte. Und dann faszinierte mich noch ein anderer Aspekt: Warum immer der Welt einen uniformen, amerikanischen Stempel aufdrücken wollen? Warum nicht mal umgekehrt verfahren?"

Faszinierend an dem Unterfangen ist u.a. die Auswahl der Tracks. Neben - mehr oder minder - bekannten Acts wie dEUS, Solex, Blumfeld, Jacques Brel, Midnight Choir oder Neu (!) entschieden sich die Walkabouts auch für viele hierzulande weniger bekannte Acts aus Slowenien, Bosnien, Portugal, Italien oder Spanien. Da muß also ein Amerikaner kommen, um Entwicklungshilfe für europäische Musik zu betreiben? Scheint so. Wenn man sich allerdings mal überlegt, was die bekannteren von den unbekannteren Tracks auf dieser Scheibe unterscheidet, so ist das die Tatsache, daß die weniger bekannten eher im Bereich der Tradition anzusiedeln sind, also aus der Ecke Chanson oder Folklore kommen...

"Genau", stimmt Chris zu, "und das ist dann eine ganz andere Abteilung in den Plattengeschäften, nicht wahr? Nun, das Problem gibt's auch bei uns. Die Leute, die sich z.B. für traditionelle amerikanische Musik - also klassischen Blues oder Country - interessieren, sind oftmals Europäer. In den USA lockst Du damit besonders die Jugendlichen nicht gerade hinter dem Ofen hervor. Das geht sogar so weit, daß man sich hier, in Europa, als Amerikaner manchmal als Außenseiter vorkommt. Terry Lee Hale erzählte mir z.B. Beispiel, daß er neulich in Llubljana auf einem Festival für amerikanische Musik gespielt habe. Er war der einzige Amerikaner und meinte, daß alle anderen Acts amerikanischer geklungen haben, als er selbst. Das ist schon irgendwie seltsam."

Nun ja, der Prophet gilt bekanntlich im eigenen Land am wenigsten. Was aber hat denn zur Auswahl der Stücke geführt? Insbesondere mit dem Gedanken im Hinterkopf, daß da ja die sprachliche Barriere im Wege war.

"Ich wünschte, darauf gäbe es eine einfache Antwort", sinniert Chris, "sicher, manchmal geht das auf persönliche Bekanntschaften zurück (wie z.B. im Falle von Midnight Choir aus Norwegen, die Chris produzierte). Aber immer das kann man das so nicht greifen. Es kommt immer auf die Umstände an, in denen man einen Song hört. Oder Teile davon. Manchmal sind es ja nur bestimmte Passagen oder Fragmente oder Stimmungen, die einen interessieren."

Wodurch definiert sich denn eine gute Cover Version?

"Nun ich wollte keine dieser ehrfürchtigen Kopien machen", beschreibt er den Vorgang, "manche Songs kann man auch gar nicht covern, weil sie einfach perfekt sind. Was uns wichtig war, ist, den Stücken eine neue Dimension hinzuzufügen, etwas, auf das der Original-Interpret nicht gekommen ist. Deswegen gibt es auch Sachen, die sich radikal von dem Original entfernen."

Wie z.B. bei der Version von "Ces gens la" von Jacques Brel.

"Stimmt, klingt ganz schön "far out", nicht? Nun ja, Jacques Brel ist eine dieser Figuren, an denen Du als Amerikaner nicht vorbei kommst", schmunzelt Chris, "hier war auch die Ehrfurcht am größten. Brel war dieser faszinierende Charakter, der das traditionelle Chanson-Umfeld, in dem er arbeitete durch seine provokanten Inhalte und anarchsitische Attitüde ganz schön aufmischte. Deswegen denke ich, es ist O.K. den Song so stark zu verändern. Wir sind ins Studio gegangen und haben das als Band probiert: Was Du hörst, sind die Reaktionen der einzelnen Mitglieder auf das Grundriff. Darüber liegt der Text. Ich denke, im Falle von Brel kommt man damit durch."

Eine vollkommen entgegengesetzte Idee wird hingegen bei dem Solex Cover "Solex in a Slipshod Style" verfolgt. Solex (alias Elisabeth Esselink aus Holland) ist eine Künstlerin, die mittels Samples und Stimme eher Collagen als Songs produziert. Man fragt sich wirklich, wo die Walkabouts da den Song gehört haben mögen.

"Das war auch unser Ansatzpunkt: Wie kann man aus so einer Sache einen Song herauskitzeln? Wichtig hierbei war, daß wir alles "von Hand" machten - also nicht etwa auch Samples verwendeten. Das faszinierte uns."

Wieder einen anderen Weg beschritten die Walkabouts bei dem Blumfeld-Cover.

"Ja, Blumfeld kennen wir schon lange", erinnert sich Chris, "Jochen gab uns mal eine Cassette, wo die ganze Hamburger Schule drauf vertreten war. Das war wirklich interessant, weil es uns ganz neue Sichtweisen verpaßte. Es war dann klar, daß wir bei einem solchen Projekt Blumfeld covern müßten. Dieser Song ("So lebe ich - That's how I live") ist recht interessant, weil er so simpel strukturiert ist, und sich so langsam aufbaut. Wir haben so was wie einen Pop-Song daraus gemacht."

Und dann endet die Scheibe mit einem Cover - ausgerechnet von Neu! Was fasziniert Amerikaner bloß so an dieser krautrockigsten aller Bands? Vielleicht weil sie so anders klingt als amerikanische Musik.

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"Das ist mein Lieblingstrack auf der Scheibe. Nun ja, das ist eher ein untypisches, balladeskes Stück für Neu!", überlegt Chris, "ich kann auch gar nicht, wie diese Musik bei uns so populär werden konnte. Vielleicht stimmt es ja, daß uns das andersartige so gut gefällt. Was ich an Neu! mag ist dieser Sound: Der Schlagzeuger hatte nur diesen einen Beat - wie bei Can. Das ist schon sehr faszinierend. Und einflußreich. Höre dir nur mal Stereolab an - das sagt alles. Und dann war da diese Attitüde: Diese Bands klangen so, als kriegten sie das mit der Rockmusik nicht so richtig hin, aber nur deswegen, weil sie das auch gar nicht wollten. Sowas ist cool. Der Hauptgrund für mich, dieses Stück zu covern, ist aber, dem Conny Plank Studio unsere Referenz zu erweisen. (In Conny's Studio spielten die Walkabouts die CD "Devil's Road" ein)."

Bei all dem wird eines klar: Den Walkabouts ging es gar nicht so sehr um musikalisches Sendungsbewußtsein, musikhistorisches Interesse oder gar darum, als internationaler Musikvermittler aufzutreten, sondern schlicht gesagt, um die Musik.

"Stimmt. Etwaige musikalische Rivalitäten ziwschen den USA und Europa oder der europäischen Länder untereinander waren uns vollkommen egal. Ich meine: In Portugal sagt niemand ein gutes Wort über Spanien. In Bosnien und Serbien ist's das Selbe. Darauf kam's uns gar nicht an. Wir konnten da praktisch von außen ganz subjektiv unsere Auswahl treffen."

Trotz des ganzen musikalischen Babylons, welches sich auf "Train" tummelt, bleibt dieses Werk dennoch ein Walkabouts-Album. Und das, obwohl mit drummerin Terry Moeller und Bassist Fred Chanelor zwei Mitglieder die Band verlassen haben. (Ersetzt wurden sie zunächst mal durch die Rhythmusgruppe der Posies (die sich wiederum auch aufgelöst haben - aber ganz).

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"Nun, daß Fred uns verlassen wollte, war von Anfang an klar", erklärt Chris, "mit all seinem musikalischen Background war von Anfang an klar, daß die Walkabouts für Ihn nur eine interessante Episode darstellen würden. Und was Terry betrifft: Es ist keine Trennung im Bösen. Auf der nächsten Tour wird sie uns wieder begleiten. Es ist nur so. daß Sie mal was anderes machen wollte. Ich meine: Ihr ganzes Erwachsenen-Dasein hat sie bei den Walkabouts verbracht, da ist das verständlich. Sie spielt übrigens noch auf der neuen Willard Grant Conspiracy Scheibe mit."

Dafür gibt's als "Ersatz" einige interessante Gast-Stars, die auf "Train" mittun:

"Außer den Posies-Jungs ist wieder Christine Gunn am Cello dabei. Dann spielte Steve Berlin (Los Lobos) an Querflöte und Saxophon mit. Peter Buck (REM) spielt Gitarre, Mandoline etc. auf einigen Tracks und das Duett mit Carla auf dem Midnight Choir Stück "Death's Threshold" singt Robin Holcomb (Wayne Horwitz / Bill Frisell)."

Bei den Walkabouts ist solcherlei Namedropping keine Prahlerei, sondern Zeugnis für die Reputation, die sich diese Band mittlerweile erspielt hat. Zumindest in Musikerkreisen - publikumsmäßig hat die Band immer noch in Europa ihr Auskommen. Das scheint aber nicht auszulasten. Nebenher ist Chris noch als Produzent und solo-Künstler tätig.

"Ja, ich muß mal etwas kürzer treten. Nach der letzten Chris & Carla CD "Swinger 500" flog ich nach Norwegen, produzierte Midnight-Choir. Dann nahmen wir die "Trail of Stars" Platte auf, tourten. Dann nahm ich die Tracks zu meiner Solo-CD "A Janela" auf, hatte zwei Tage frei, und produzierte anschließend ein neues Album mit Terry Lee Hale. Danach ging's gleich weiter mit "Train Leaves At Eight"."

Was macht denn der Writers Block, den Chris kurz nach der letzten CD bemerkte?

"Nun, für "Train" habe ich ja nichts geschrieben. Ich denke, ich habe meine Auszeit genommen und jetzt kann's weitergehen. Ich brauchte halt mal ein wenig Abstand. Mit dem Schreiben ist das sowieso so eine Sache."

Inwiefern?

"Nun, ich kann jederzeit einen Song schreiben - wenn's sein muß in 1,5 Minuten. Das soll nicht heißen, daß es der beste Song ist, den Du je gehört hast, aber das kann ich. Was ich nicht kann, ist Texte so schnell schreiben. Das ist immer die härteste Arbeit. Da arbeite ich bis zu mehreren Wochen dran. Ich denke aber, das ist bei anderen Musikern ähnlich. Ich habe dann auch festgestellt, daß ich mich wiederhole. Das kommt davon, wenn man zuviel schreibt. Aber ich denke, diese Sache ist jetzt überwunden."

Chris' Solo Album, "A Janela" erscheint in diesem Zusammenhang besonders interessant - fiel es doch genau in die Burn-Out-Phase hinein.

"Nicht ganz, die Tracks hatte ich ungefähr zur Zeit von "Trail" geschrieben."

Ist das Album denn nun eine autobiographische Sache oder ist das bloße Songwriter-Technik.

"Ich wünschte, das wäre so", schmunzelt Chris, "um es mal so zu formulieren: Ich bin zuversichtlich, in absehbarer Zeit nicht noch mal so etwas abzuliefern. Ich wünschte, es wäre alles Technik darauf, aber ich denke, es ist diesmal mehr Chris Eckman drauf als sonst. Es war zwar einfacher, diese Songs zu schreiben, aber schwieriger, sie zu veröffentlichen. Ich rede mir immer ein, daß diese Songs nicht zur Veröffentlichung gedacht waren, aber andererseits hätte ich sie dann ja nicht produziert."

Sind wir also gespannt auf die nächste Walkabouts-Scheibe mit neuem Material - die gewiß nicht in diesem Jahr erscheinen wird. Dafür gibt's im Juli eine Deutschland-Tour. Ist doch auch schon was. Und wie gesagt: Chris will sich Arbeitstechnisch ja ein wenig zurücknehmen.

Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
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Aktueller Tonträger:
Train Leaves At Eight
(Glitterhouse)


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