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JON AUER
 
Wider die Berechenbarkeit
Jon Auer
"Ich bin zur Zeit an einem wirklich guten Punkt in meinem Leben angekommen, ich bin zwar kein Millionär und auch nicht der erfolgreichste Musiker aller Zeiten, aber ich habe ein Level erreicht, bei dem mein Alter, mein emotionales Gleichgewicht und meine Karriere sehr gut harmonieren. Als ich jünger war, habe ich auch viele großartige Sachen erlebt, aber alles war stets auch ein bißchen seltsam und noch nicht voll entwickelt. Jetzt habe ich an allem, was ich mache, viel mehr Spaß. Meine Karriere ist so erfolgreich, daß ich zumindest nicht arbeiten gehen muß und mich nur auf die Musik konzentrieren kann, und das ist einfach ein toller Job."
Wir sind in Highbury, im Londoner Norden, im winzigen Backstageraum Upstairs At The Garage und Jon Auer sinniert über den Stand der Dinge. Aber auch, wenn er schon fast ungewöhnlich zufrieden und ausgeglichen erscheint: Das Jahr 2002 könnte ein ganz wichtiges werden für den Tausendsassa aus Seattle, Washington. Vor vier Jahren trennte sich seine erste Band, The Posies, offiziell, doch inzwischen haben Jon und sein musikalischer Partner Ken Stringfellow eingesehen, daß die Band stärker ist als sie, und so folgten in den letzten beiden Jahren zwei Welttourneen - einmal als Unplugged-Duo, einmal mit der kompletten, allerdings umbesetzten Band -, auf ein neues Studioalbum warten die Fans der Band allerdings seit 1998 vergeblich. Ebenso wie auf Jons offizielles Solodebüt, das er uns schon oft versprochen hat, aber das bis heute unveröffentlicht ist. Außer einigen zumeist nur regional veröffentlichten Singles und EPs, von denen die ausgezeichnete letzte, "6 1/2", zudem ausschließlich Coverversionen enthält, hat Jon die Zeit vor allem als Produzent von Bands wie den spanischen Retro-Göttern Gallygows oder als Sideman für Bands wie Big Star, The Minus 5 oder Lucky Me verbracht und sich ansonsten veröffentlichungstechnisch eher rar gemacht. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, daß Auer eigentlich von den meisten als der talentiertere und fleißigere Songschreiber des Posies-Duos Auer/Stringfellow gilt. Eine Tatsache, die dadurch unterstrichen wird, daß sämtliche (Radio-) Hits der Band aus dem amerikanischen Nordwesten ("I May Hate You Sometimes", "Suddenly Mary", "Golden Blunders", "Dream All Day") auf Jons Konto gehen. Auf der Internet-Mailingliste der Posies ist die Vorfreude inzwischen Durchhalteparolen à la "Ich weiß, daß er irgendwo 15 Supersongs vor uns versteckt" gewichen. Jon lacht laut und lange, als er das hört und ist offensichtlich sehr erfreut, daß es noch Menschen gibt, die auf das Album warten. "Es ist so, daß ich absolut sichergehen will, daß die Platte wirklich gut wird, deshalb habe ich mir sehr viel Zeit damit gelassen und mich mit anderen Projekten beschäftigt, die mich dann letztendlich von der Arbeit abgehalten haben. Ich habe die Arbeit an dem Soloalbum so oft verschoben, daß ich letzten Endes fast eine Phobie davor entwickelt habe. Ich habe für Lucky Me zwei Jahre investiert und eine Platte mit ihnen gemacht, die nie erschienen ist. Allerdings hat mir das eine Menge Geld eingebracht, weil das Album von einem Major bezahlt wurde. Heute wünsche ich, daß ich das nie gemacht hätte und die Zeit lieber für mich selbst genutzt hätte. Dabei ist mir aber auch bewußt geworden, daß ich nie mehr eine Band mit jemandem gründen würde. Ich kann Side-Projects machen wie zum Beispiel Big Star, aber die können nie wichtiger sein als meine Soloarbeit oder bis zu einem gewissen Grad The Posies, denn das sind 'meine Babies', die Sachen, die mir am wichtigsten sind. Ich hoffe, daß die Solo-Platte im Mai fertig wird, aber versprechen will ich das lieber nicht."
Jon Auer
Dennoch: Aktuell geht es bei Jon weder um sein Soloalbum noch um die Posies. Bevor er Anfang März einmal mehr mit Big Star (im Fillmore San Francisco) auf der Bühne stehen wird, hat das spanische Label Houston Party Records (in Deutschland via Indigo) unlängst gleich zwei Jon-Auer-Tonträger veröffentlicht. Zunächst einmal wäre da "6 1/2", Jons fast völlig im Alleingang eingespielte Interpretationen von Songs wie "Love My Way" (Psychedelic Furs), Madonnas "Beautiful Stranger", "Tears" (The Chameleons) oder Weens "Baby Bitch", die mehr oder weniger zufällig in überschüssiger Studiozeit entstanden. Der Titel ist übrigens nicht nur eine Anspielung auf die Anzahl der Songs (sechs "richtige" und ein Instrumental), sondern auch auf Fellinis filmisches Meisterwerk "8 1/2", wie Jon verrät: "Ja, die Anspielung versteht leider in den Staaten niemand, denn dort kennt man Fellini noch nicht einmal. Seit ich in der Highschool war, habe ich immer die Bergmann- oder Fellini-Filme geliebt, denn ich bin ein richtiger Film-Freak. In Amerika hat nicht ein Einziger die Verbindung kapiert, dabei ist es doch eigentlich ziemlich offensichtlich: Die Hornbrille und der Hut, die ich auf dem Coverbild trage, alles ganz genauso wie in dem Film, und die Gitarre auf der Coverrückseite symbolisiert die Peitschen-Szene. Ich hatte ein richtiges Konzept dazu im Kopf, aber es war mehr der Spaß, es zu machen, und nicht superwichtig für die Platte."

Fast zeitgleich in Europa erscheint auch "Collides Again", das Album von Jean Jacket Shotgun, auf dem Jon singt, Gitarre, Klavier und Schlagzeug spielt und einen ganzen Haufen Elektronik-Kram bedient. Herausgekommen ist dabei eine Platte zwischen typisch amerikanischem 70s Groove-Rock (Titel und Albumcover sind eine Hommage an die James Gang und ihre LP "Rides Again" - deren "Collage" wird hier auch gecovert) und seltsamen Funk- und sogar Jazz-Elementen. Eine ganz und gar untypische Platte für einen Posie. "Ob du es glaubst oder nicht, ich habe zu der JJSG-Platte, auf der ja einige fast schon tanzbar zu nennende Songs sind, bereits einige positive Reaktionen von Leuten erhalten, die die Posies immer gehasst haben. Die haben sogar gesagt: 'Warum machst du nicht immer solche Platten?' Es könnte sein, daß sich aus der Platte noch einige Soundtrack-Auftragsarbeiten ergeben, und das klingt nicht zuletzt vom finanziellen Standpunkt aus ganz positiv." Interessanterweise arbeitet Auer auf "Collides Again" mit Joe "Bass" Skyward zusammen, der früher u.a. Bassist der Posies war und derzeit die vier Saiten bei den Walkabouts bedient. Nicht unbedingt die offensichtlichste Wahl, immerhin wird Joe bei den Posies wohl in Zukunft nicht mehr dabei sein. "Joe ist so etwas wie ein Söldner. Er ist zu haben. Er ist immer dort am Start, wo er gebraucht wird. Wir wollten ihn bei den Posies nicht mehr unbedingt dabeihaben, und er wollte wohl auch nicht mehr wirklich dabei sein. Irgendwie lieben wir ihn natürlich und er uns, aber er hat viel Blödsinn über uns erzählt und gesagt, er würde nie mehr mit uns spielen, weil er die Musik nicht mögen würde, die er bei uns gemacht hat. Und wie das so ist: Wenn du dir irgendwas ganz fest wünschst, geht es wahrscheinlich in Erfüllung, und jetzt ist er draußen. JJSG ist ja nur ein Side-Project und das begann schon, als Joe noch bei den Posies war. Die meisten Sachen haben wir sogar schon aufgenommen, während wir 'Amazing Disgrace' gemischt haben. Wir haben diese gottverdammte Platte also schon 1995 begonnen, und insgesamt haben wir auch nur 10 Tage für die Aufnahmen und das Mixing im Studio verbracht, aber eben verteilt über fünf Jahre. Das Tolle daran war, daß wir die Sache nicht besonders ernst genommen haben. Alles auf der Platte ist in ein oder zwei Durchläufen eingespielt worden. Überhaupt sind die Songs alle innerhalb kürzester Zeit geschrieben worden, die Texte sind meistens erst fünf Minuten, bevor ich sie gesungen habe, entstanden. Es war fast so, daß wir einfach die Bandmaschine angeworfen haben, einen Beat angezählt haben und einfach losgelegt haben. Das ist die Basis für fast alles auf der Platte und in Anbetracht dessen ist sie ziemlich gut geworden. Bei den Posies oder bei den Solosachen sind wir mit mehr Ernst bei der Sache. Die Songs sind konstruierter, es geht mehr um das Handwerk des Musikers - und beides finde ich sehr gut. JJSG dient auch dazu, den Posies-Fans zu zeigen, daß sich nicht alles, was wir machen, so anhören muß, als könnte es auch auf einer Big-Star-Platte sein. Ich war einfach das Schubladendenken leid."

Jon Auer
Nun scheint es aber trotzdem fast so, daß Projekte wie JJSG oder selbst die langen Tourneen mit den Posies, auf denen Jon und Ken zwar mordsmäßig viel Spaß hatten, aber leider nur weniger als eine Handvoll neuer eigener Songs präsentierten, Jons Kreativität manchmal etwas im Weg stehen. "Nein, das sehe ich überhaupt nicht so", widerspricht er. "Ich mache ganz einfach das, was mir derzeit am meisten Spaß macht. Als wir [in den Mitt-90ern] mit den Posies noch auf einem Majorlabel waren, haben wir all diese Dinge gemacht, weil wir mußten. Management und Plattenfirma schrieben uns vor, wann wir wo zu sein hatten. Jetzt machen wir es nur noch, solange es Spaß macht. Zugegeben, mit den Posies verdienen wir besser als mit allem, was Ken oder ich solo machen, und die Tatasche, daß mehr Leute zu den Konzerten kommen und wir deshalb höhere Gagen bekommen, ist sicherlich auch mit ein Grund, warum wir es machen, aber wenn wir keine Freude dabei hätten, würden wir noch nicht einmal einen Gedanken daran verschwenden."

Und auch wenn Jon bei unserem Gespräch noch etwas vorsichtig war, was die Veröffentlichung einer möglichen neuen Posies-Platte angeht, und darauf verwies, er müsse sich erst einmal noch mit Ken zusammensetzen und einige Dinge klären, läßt doch die Tatsache, daß sich die Managerin der Posies bereits nach potentiellen Labels umschaut und Ken seine anstehende Europa-Tournee so plant, daß mögliche Studiotermine mit Jon nicht gefährdet sind, darauf schließen, daß uns dieses Jahr nicht nur eine Jon-Auer-Soloplatte, sondern auch endlich das sechste Posies-Studioalbum ins Haus steht. Daß die musikalischen und persönlichen Differenzen, die Jon und Ken Ende 1998 temporär entzweit hatten, inzwischen ausgeräumt sind, bestätigte uns abschließend dann auch Jon selbst: "Glücklicherweise haben sich die Dinge seit der Show, die du ja auch gesehen hast [das Comeback-Konzert der Posies in der Seattle Showbox im Februar 2000, das inzwischen unter dem Titel "In Case You Didn't Feel Like Plugging In" als Livealbum erschienen ist], wieder zu einer wirklich brauchbaren Partnerschaft entwickelt. Wir haben ganz einfach festgestellt, daß, egal was mir machen, wir immer die beiden Typen sein werden, die zusammen aufgewachsen sind, gemeinsam zur Highschool gegangen sind und dann diese Band gegründet haben, als wir noch ziemlich jung waren. Ich möchte eigentlich vermeiden zu sagen, daß es wie mit deiner ersten großen Liebe ist, aber das trifft es wohl am besten. Niemand wird jemals den Platz einnehmen können, den wir im Leben des jeweils anderen innehaben. Natürlich können wir mit anderen Leuten zusammenarbeiten, aber etwas wirklich Gleichwertiges oder Vergleichbares gibt es nicht."

Weitere Infos:
pattern25.com/bands/auer.shtml
www.theposies.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Nathan Breskin-Auer / Carsten Wohlfeld (live)-
Jon Auer
Aktueller Tonträger:
6 1/2
(Houston Party/Indigo)


Jon Auer

 
 

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