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BILLY BRAGG
 
Zurück auf altem Terrain
Billy Bragg
Nachdem Englands wohl bestem Polit-Songschreiber Anfang der 90er mit dem Untergang des Sozialismus und der Regierungsübernahme der britischen Labour-Party ein wenig die Themen ausgegangen waren und er sich auf seinem bisher letzten Soloalbum - "William Bloke" aus dem Jahre 1996 - eher als Family Man präsentiert hatte, und mit den zwei folgenden Alben Woody Guthrie gehuldigt hatte, ist Billy Bragg nun mit "England, Half English" (der Titel wird zusätzlich auch durch die halbe englische Fahne auf dem Cover symbolisiert) zurück auf altem Terrain. Bissig, aber scharfsinnig wie eh und je, beschreibt er das englische Dilemma zwischen eigener Identität und europäischer Weltoffenheit und zeigt den englischen Multikulturalismus ebenso wie die Euro-Angst oder die mögliche Abspaltung von Wales und Scottland, die - wie Billy im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute richtig erkannt hat - nicht nur bedeuten würde, daß Wales und Scottland unabhängig wären, sondern eben auch England selbst! Und dann wäre es schließlich wichtiger denn je, daß England eine eigene Identität hat, oder es wird von den Rechten überrumpelt. Erstmals in seiner Karriere hat er auf der neuen Platte nur die Texte allein geschrieben, die Musik dagegen - unter dem Eindruck der positiven Zusammenarbeit mit Wilco für die "Mermaid Avenue"-Alben - mit seiner Band The Blokes, und so haben überraschend viele weltmusikalische Sounds auf dem neuen Album Platz gefunden. Das ist ungewohnt, dient aber letztendlich nur dazu, die Themen des Albums auch musikalisch adäquat umzusetzen. Und mit dem Solo "Take Down The Union Jack" und dem ultra-sarkastischen "NPWA" beweist Billy, daß ambitioniertes Songwriting auf hohem Niveau auch in der heutigen Spaßgesellschaft noch möglich ist. Eine Rückkehr zu alter Form also, die uns den Weg ins Hamburger Radisson Hotel wert war, wo Billy im 24. Stock mit Gaesteliste.de über all das plauderte, was ihn fast zwanzig Jahre nach seiner ersten Platte bewegt.
Billy: "Als ich 'William Bloke' in den frühen Neunzigern geschrieben habe, war gerade die Mauer gefallen, die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, die Apartheid war aufgehoben worden, Reagan und Thatcher waren verschwunden und ich bin zum ersten Mal Vater geworden, da mußte ich mich erst einmal hinsetzen und herausfinden, wohin ich mich politisch orientieren wollte. Das Tolle an 'Mermaid Avenue' war, daß mir das eine Atempause gab und ich mich ein bißchen umschauen konnte. Auf der neuen Platte artikuliere ich jetzt die Dinge, die mir heute wichtig sind."

GL: Hat dir die Beschäftigung mit Woody Guthrie aber nicht auch gezeigt, daß viele seiner Themen - unter anderen Vorzeichen - auch 70 Jahre später noch relevant sind und daß du dir also auch keine Sorgen machen mußt, auch wenn viele deiner Themen aus den 80ern heute nicht mehr so in den Köpfen der Leute sind wie damals?

Billy: "Ja! Der Song 'NPWA' ist ein gutes Beispiel dafür. Heute kann ich natürlich nicht mehr von Sozialismus sprechen, dafür aber von Verantwortlichkeit. Anstatt vom [real existierenden] Sozialismus zu schreiben, geht es mir heute mehr um Mitgefühl oder Wiedergutmachung, um den Sozialismus der Herzen. Es geht um andere Begriffe, andere Ideen, die nichts mit Ideologien zu tun haben."

GL: Stößt das bei der heutigen Spaßgesellschaft nicht auf taube Ohren?

Billy: "Natürlich ist es schwierig, aber überall, wo es so etwas wie eine Spaßgesellschaft gibt, wird auch immer eine Minderheit existieren, die nach etwas anderem sucht, und über kurz oder lang wird sie dort ankommen, wo wir schon sind. Deshalb glaube ich auch nicht, daß politisch motivierte Singer/Songwriter aussterben werden. Auch wenn es in der Musikindustrie vor allem um Aussehen und visuelle Stimulanz geht, gibt es immer Momente im Leben, in denen man sich anderen Dingen zuwendet. Und dann kommen wir ins Spiel. Wir werden zwar nie ganz oben stehen, aber das wäre ehrlich gesagt auch nicht gut. In was für einer Gesellschaft würden wir leben, wenn meine Art des Songwritings das Nonplusultra wäre - wir würden uns in der DDR wiederfinden! Und das will doch niemand, in einer Gesellschaft leben, in der Politik allgegenwärtig ist. Was ich möchte, ist, in einer Welt zu leben, in der es zumindest möglich ist, diese Informationen abzurufen! Das Problem der Spaßgesellschaft ist dabei, daß es auch dort kein Entrinnen gibt, du wirst damit zugestopft, egal, ob du willst oder nicht."

GL: Die Katastrophe des 11. September war für viele Menschen, nicht zuletzt auch Musiker, Anlaß, ihre Position in dieser Spaßgesellschaft zu überdenken.

Billy: "Es ist so schwierig, Songs über dieses Ereignis zu schreiben, weil dort ganz neue Maßstäbe gesetzt wurden für das, was Menschen zu tun in der Lage sind. Am 11.09. sind alle Mechanismen, die wir haben, um uns mit der Welt um uns herum auseinander zu setzen, ausgehebelt worden. Man kann den Tätern ja noch nicht einmal mit der Todesstrafe drohen, wie soll man Menschen mit dem Tod drohen, wenn sie doch kein Problem damit haben, sich selbst und alle um sie herum in den Tod zu reißen? Überleg doch mal, die IRA, die RAF und die ETA haben zusammen kaum 3000 Menschen auf dem Gewissen. New York gehört jetzt in die Reihe der Städte wie Dresden, Coventry oder Guernica, die mit einer Zahl von Opfern unter der Zivilbevölkerung zu kämpfen haben, die schwer vorstellbar ist. Es ist einfach die Größenordung, die auch die Reaktionen lähmt."

GL: Hättest du deine Gedanken dazu am liebsten schon auf "England, Half English" verewigt?

Billy: "Nein. Ich bin froh, daß meine Platte vorher fertig war, denn auf solch ein Ereignis zu reagieren braucht seine Zeit. Es wäre falsch, einfach sofort das erste, was dir dazu in den Kopf kommt, aufzuschreiben und zu einem Song zu machen. Immerhin spüren wir ja die Folgen auch jetzt noch. Ich bin nur froh, daß ich kein gewöhnlicher Singer/Songwriter bin wie Ryan Adams oder David Gray, die eigentlich über alltägliche Dinge schreiben und sich jetzt plötzlich auch über Politik Gedanken machen. Glücklicherweise bin ich Billy Bragg und war bei solchen Sachen schon immer auf Ballhöhe."

GL: Apropos Ballhöhe - bist du froh, daß du schon zwanzig Jahre dabei bist und nicht erst jetzt anfängst?

Billy: "Ja! Es ist nur meine Geschichte, die mich heute glaubhaft erscheinen läßt. Die Leuten wissen, daß ich das, was ich sage, ernst meine, weil ich seit zwanzig Jahren sehr beständig einen bestimmten Weg verfolge. Heute bei null anzufangen wäre für mich unmöglich. Wogegen lehnen sich denn die ganzen Bands auf, die heute sogenannte Protestmusik machen? Wir haben da einfach einen Haufen weißer, amerikanischer Mittelklassetypen mit Kinnbärten und Shorts, die sich darüber beschweren, weiß, amerikanisch und Mitteklasse zu sein. Das kannst du echt vergessen! Es stimmt natürlich, Musik und Politik widersprechen sich eigentlich. Manche Musiker hat dieser Widerspruch sogar zerstört. Phil Ochs zum Beispiel hat Selbstmord begangen, weil er die Welt nicht verändern konnte. Die Lektion, die ich daraus gelernt habe, lautet: Wenn du die Welt nicht verändern kannst, macht nichts! Das ist nicht mein Job, sondern der des Publikums. Ich weiß allerdings aus eigener Erfahrung, daß die Musik anderer Leute deine eigene Sicht der Welt verändern kann. Also versuche ich, diese andere Sicht zu vermitteln. Mein Ding ist es, mir die Welt anzuschauen und sie aus einem anderen Blickwinkel zu beschreiben. Viele heutige Polit-Songschreiber werden kaum zehn Jahre durchhalten, weil sie sich der Anpassung verweigern. Politisches Songwriting ist kein marxistisches Dogma. Du mußt auf das antworten, was um dich herum passiert. Tust du das nicht, endest du im Nirgendwo. Deshalb ist es auch nicht weiter schlimm für mich, daß ich nicht mehr Songs über Sozialismus im engeren Sinne schreibe."

GL: Interessanterweise scheint die neue Platte ja zwei Pfade zu verfolgen: Dadurch, daß du erstmals die Musik nicht allein geschrieben hast, scheint der Schwerpunkt mehr auf den Texten zu liegen (an die du ja weiterhin niemand anderen heranläßt), andererseits scheint das größere musikalische Spektrum des Albums auch auf ein größeres Interesse an der soundtechnischen Seite hinzuweisen. Wie erklärst du das?

Billy Bragg
Billy: "Einer der zentralen Punkte, der mir besonders am Herzen lag, ist Identität. Die weltmusikalischen Anwandlungen, die ja nicht zuletzt daher stammen, daß die meisten meiner Musiker aus dem Weltmusik-Umfeld kommen, haben mir die Chance gegeben, über das Englischsein in einem multikulturellen Kontext zu reden. Ich glaube nämlich, daß man diese beiden Sachen nicht trennen kann. Es gibt kein Entweder-Oder. Die Musik zu dem Song 'England, Half English' zum Beispiel ist ein alter arabischer Folksong, das Lied der Verbannten. In dem ursprünglichen Lied kommt die Zeile 'Le-li Umma le-li-ya, le-li Umma le-li-ya, Le-li Umma le-li-ya, bledi g'desh akh! le-li-ya! (auf englisch: 'Oh my country, what a beautiful country you are') vor, die wir dann übernommen haben, weil sie genau das aussagte, was ich mit dem Song vermitteln wollte. Außerdem ist das wohl das Provokanteste, was ich seit langem auf einer Platte gesagt habe. Auf meiner Website haben sich daraufhin einige Fans gefragt, ob das ironisch gemeint sei. Natürlich ist es nicht ironisch! Ich liebe mein Land und seine Verschiedenheit. England ist zur Zeit das multikulturellste Land Europas. Nun gut, nicht alles ist perfekt, aber trotzdem liegt darin eine Schönheit, die sowohl physisch als auch emotional ist. Ich will nicht, daß jemand sagt, er sei stolz auf England, das ist Blödsinn, aber sie sollen England als das akzeptieren, was sie sehen, wenn sie aus dem Fenster schauen. Wenn England ein Kreis ist, dann ist es doch so, daß alles, was innerhalb dieses Zirkels passiert, 'Englishness' ist. Dabei zählt nicht, wo deine Eltern oder Großeltern herkamen, sondern wo du in diesem Moment bist. Paradoxerweise ist es gerade die Verschiedenheit, die England so unverkennbar macht. In Wales oder Schottland ist das anders. Es gibt zum Beispiel keine Schwarzen in der schottischen Fußballnationalmannschaft. Das ist nicht ihr Fehler, es ist ganz einfach so, daß nicht viele Schwarze in Schottland leben."

GL: Womit wir beim Thema Fußball wären... Du hast ja richtigerweise gesagt, daß das Thema Englischsein gerade in diesem Zusammenhang sehr gut paßt, weil man die 'Englishness' nirgendwo besser ausdrücken kann als im Fußballstadion.

Billy: "Wir Engländer lieben es, wenn die Underdogs gewinnen. Deshalb ist es so wichtig für uns, gegen Deutschland zu gewinnen, weil wir zumindest vom psychologischen Standpunkt aus die Unterlegenen sind. Als Manchester United 1999 im Europacup-Finale gegen Bayern München gewonnen hat, hat das englische Fernsehteam nicht die Bilder von den Gewinnern eingefangen, sondern nur die unterlegenen deutschen Spieler gezeigt. Sie haben Lothar Matthäus gezeigt, wie er dort mit den Händen vor dem Gesicht gesessen hat. Sie haben bestimmt 30 Sekunden nur auf ihn draufgehalten, und zu Hause in England haben wir alle vor dem Fernseher gesessen und gedacht: 'Yessss! Genau DAS wollen wir sehen! Okay, es war ein schönes Siegtor, aber das wollen wir gar nicht noch einmal sehen, wir wollen Lothar Matthäus sehen, wie er HEULT!'"

Stellt sich ganz zum Schluß nur noch die Frage: Was ist der einzige Unterschied zwischen Billy und einem echten Fußballstar? Antwort: Im interview hat er kein einziges Mal "Ja gut, äh..." gesagt!

Weitere Infos:
www.billybragg.co.uk
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-
Billy Bragg
Aktueller Tonträger:
England, Half English
(Cooking Vinyl/Indigo)


Billy Bragg

 
 

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