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SPORTFREUNDE STILLER
 
Leider geil
Sportfreunde Stiller
Wäre dieser Artikel schon wenige Tage nach dem Interview mit den drei Sportfreunden im Kölner Hotel Cristall Ende Februar verfaßt worden - er wäre wesentlich negativer ausgefallen. Denn dann wäre es an dieser Stelle in erster Linie um "Die gute Seite", das neue, zweite Album der drei Münchner gegangen. Das ist gut, aber naja, angreifbar. Denn es ist nicht ganz die Platte, die das Nachfolgewerk zum Achtungserfolg "So wie einst Real Madrid" hätte sein können oder sollen, ja vielleicht sogar müssen. Doch dann kam der 25. März und damit das 1LIVE Radiokonzert des Trios im kleinen Sendesaal des WDR-Funkhauses in Köln. Die Lockerheit und Spontaneität, die die Sportfreunde an diesem Abend - egal, ob mit locker-flockigen Antworten beim Radio-Interview "vor dem Spiel", spitzen Kommentaren zu einigen kritischen Stimmen von Fans und Presse oder der gewohnt unbändigen Livepower - an den Tag legten, war fast schon beängstigend. Leider geil eben, und der beste Beweis dafür, daß die drei, deren nächste bundesweite Tour Ende April startet, eine der besten (und ohne Frage unterhaltsamsten) Livebands auf unseren Bühnen sind - und das ist schließlich schon mehr, als man von irgendeiner Band erwarten kann und darf! Wie heißt es passend dazu so schön? Wichtig ist auf'm Platz!
Und deshalb kann man den Sportfreunden nicht wirklich böse sein, daß die wiederum in Spanien aufgenommene neue Platte manchmal ein bißchen die musikalische Abwechslung vermissen läßt, die "So wie einst Real Madrid" noch ausgezeichnet hatte, daß sich die drei auf "Die gute Seite" - nicht immer zu ihrem Vorteil - textlich wesentlich aufgeräumter und ernster präsentieren und ein bißchen die charmant jugendlich-sportliche Haltung früherer Tage abgelegt haben, oder daß die Musik nicht ganz so schnell "gewachsen" zu sein scheint wie die Texte. So läßt die Produktion von Die-Ärzte-Soundmeister Uwe Hoffmann doch hier und da die Power vermissen, die das bajuwarische Trio Abend für Abend auf der Bühne entwickelt, und so scheinen die - weiterhin schwer ohrwurmgefährdeten - Songs hier und da textlich etwas überfrachtet. Und auch fernab von der Musik bläst den dreien inzwischen ein kräftigerer Wind ins Gesicht. Da witterten auch einige Fans per Eintrag im Gästebuch auf der Sportis-Homepage ganz offensichtlich den großen Ausverkauf der einstigen Ideale, nur weil die Band zum Video der großartigen neuen Single "Ein Kompliment" Echt und die Emil Bulls als "Statisten" engagierte (obwohl es wahrscheinlich wirklich subtilere Wege gibt, seinen Fans mitzuteilen, daß man gedenkt, groß rauszukommen), ihren allerersten Einstieg in die Singlecharts gebührend mit einem TV-Auftritt bei den ansonsten unsäglichen "Top Of The Pops" feierte und angeblich längst nicht mehr so fan-nah sei wie noch vor wenigen Monaten. Was bei den Sportis definitiv eher ein logistisches denn ein inhaltliches Problem ist. Aber bei Konzerten mit 1 000 oder mehr Zuschauern kann eine Band nun einmal schwerlich alle per Handschlag persönlich begrüßen. Da zeigt sich, daß die Münchner jetzt streckenweise Kritik dafür einstecken müssen, daß sie früher "zu freundlich" gewesen sind und sich offensichtlich zu intensiv um ihre Fans gekümmert haben. Was viele Fans dabei vergessen, ist, daß sie mit dem Kauf von Platte und Konzertticket zwar für gutes Entertainment gelöhnt haben, Autogramme und Diskussionen mit der Band vor oder nach der Show allenfalls als Bonus zu verstehen sind, nicht aber als selbstverständliche Dauereinrichtung.

Wurden die drei (und ihr Manager Marc "Teamchef" Liebscher) früher stets gelobt, weil sie sich so viel Zeit gelassen hatten mit ihrem Majordeal und ihrem Debütalbum, wundern sich jetzt viele, daß die Sportfreunde scheinbar ohne mit der Wimper zu zucken bei den Spielchen der Musikindustrie mitspielen. Auch da scheinen die Münchner paradoxerweise früher zu bescheiden gewesen zu sein. Was bei anderen Bands kaum aufgefallen wäre, sorgt bei den Sportfreunden für Wirbel, weil sie eben anfangs auf sympathische Weise anders waren und nicht wie viele andere Bands - über deren Kommerzabsichten trotzdem kein Wort verloren wird - mit der Devise angetreten sind, möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen und bei allen Sex & Drugs & Rock N Roll-Klischees mitzumachen, die das Musikbiz bereithält. Gaesteliste.de testete Peter S. Brugger, Rüdiger Linhof und Florian Weber auf ihre Bodenständigkeit und sprach mit den dreien nicht über Politik, nicht über Fußball, nicht übers Reichwerden, schon gar nicht über ihre Klamotten, sondern - Schock! Horror! - über ihre Einstellung zur Musik.

Sportfreunde Stiller
GL: Ohne Zweifel fällt bei der neuen Platte auf, daß gerade die - witzig ernsten - Texte mehr im Vordergrund stehen als bei den Konzerten und so das Zauberwort Botschaft streckenweise dem - gerade bei den Frühwerken der drei so wichtigen - Spaßfaktor ein bißchen den Rang abläuft. Ist das vielleicht eine neue Art von Verantwortungsgefühl, gerade den jüngeren Semestern im Publikum gegenüber?

Peter: "So ein Gefühl ist auf jeden Fall da, denn wir merken immer stärker, daß wir mehr in der Öffentlichkeit stehen, und dann sollte man das auch in irgendeiner Art und Weise nutzen, eine bestimmte Aussage rüberzubringen. Allerdings soll das keine Erziehungshilfe für junge Leute sein. Wir wollen als Band auch keine politischen Parolen schmettern, aber wenn uns etwas wichtig ist, dann wollen wir das natürlich auch sagen."

GL: Sind deshalb die Texte auch etwas direkter? Bestimmte Inhalte, die auf der ersten Platte eher zwischen den Zeilen vermittelt wurden, scheinen mir jetzt offener angesprochen zu sein, zum Beispiel bei "International", das ähnliche Gedanken aufzugreifen scheint wie das des Öfteren missverstandene (weil wesentlich kryptischere) "Heimatlied" vor zwei Jahren.

Peter: "Stimmt! Auf der ersten Platte war vieles offener, dieses Mal war es schon ein Ziel, die Dinge besser auf den Punkt zu bringen. Bei einigen Liedern wie 'Komm schon' war es uns aber auch wichtig, die alte Linie beizubehalten. Ein bestimmtes Gefühl kannst du ja auch gar nicht klar umschreiben, das kannst du nur mit bestimmten Aussagen einrahmen."

GL: Inwieweit hat sich der Druck bemerkbar gemacht, daß ihr jetzt innerhalb von einem klar umrissenen Zeitraum die Stücke für das zweite Album fertig haben mußtet. Auf der ersten Platte finden sich ja teilweise Stücke, die noch ganz aus der Anfangszeit der Band stammen, weil ihr ja einfach mehr Zeit hattet, Songs zu sammeln.

Rüde: "Vor Spanien haben wir uns fünf Monate lang hingesetzt und hatten deshalb die Songs größtenteils schon vor den Aufnahmen zusammen und konnten so mit einem relativ freien Kopf nach Spanien fahren. In Spanien sind dann unerwarteterweise noch einige Lieder dazugekommen. 'Auf der guten Seite' ist zum Beispiel spontan entstanden, weil dort einfach eine gute Stimmung für's Liederschreiben herrschte."

Peter: "Was ich dieses Mal ein bißchen problematisch fand, war, daß wir insgesamt 20 Lieder aufgenommen haben, wobei ich bei fünfen davon jetzt sagen würde: Ja mei, die hätten wir nicht unbedingt aufnehmen müssen! Klar, die kann man als B-Seiten oder so verwenden, aber das passiert, wenn du innerhalb eines so kurzen Zeitraumes eine Platte schreibst. Früher hätte sich schon vorher gezeigt, daß diese Stücke rausfallen würden, und wir hätten sie gar nicht erst aufgenommen."

Rüde: "Es hat sich auch bei einigen Liedern wie 'Happy End' gezeigt, daß man eigentlich nicht von vorne herein sagen sollte, das Lied ist Scheiße, weil im Studio noch so viele Dinge passieren können, die ein Lied dann wieder rausreißen."

Peter: "Oder eben auch anders herum, daß im Studio Sachen passieren, die dann einem Song wie 'Telemark' keine Chance mehr geben, hahaha."

GL: Ihr habt dieses Mal die andauernd während der Produktion auftretenden Freiräume auch sehr geschickt genutzt...

Peter: "Das war wirklich eine Supererfahrung. Ich hatte meinen Computer dabei, und wir haben uns in einem kleinen Häuschen ein weiteres kleines Studio eingerichtet, in dem Rüde und ich zum Beispiel an Sachen gearbeitet haben, während Flo das Schlagzeug aufgenommen hat. Da hängst du in den Pausen nicht so durch, sondern kannst kreativ sein. Jetzt verstehe ich auch so langsam, ganz langsam, weil wir noch weit davon entfernt sind, daß andere Leute erst im Studio eine Platte schreiben. Aber dann braucht man natürlich das Studio für ein Jahr, und die Platte kostet 18 Millionen!"

Rüde: "Ich glaube, das würde mich krank machen, einfach ins Studio zu gehen und nicht zu wissen, was kommt. Ich finde es extrem wichtig, einen roten Faden zu haben, der einem auch Sicherheit gibt. Damit man weiß, wir haben die und die Lieder und wir würden es gerne noch besser machen, aber zumindest ist schon etwas da, auf das du aufbauen kannst. Wir sind ja keine Band, die Lieder konstruieren kann. Wir können uns Zeit dafür nehmen und die Rahmenbedingungen möglichst gut gestalten, aber wir können uns nicht einfach hinsetzen und Lieder schreiben."

Rüde: "Die Ideen für die neuen Songs, die wir jetzt schreiben, entstehen auch eher alleine in Heimarbeit, und erst später arbeiten wir die Sachen zusammen im Proberaum aus. Das ist schon eine tolle Erfahrung, zu Hause unter Studiobedingungen herumexperimentieren zu können. Bei einem großen Studio denke ich da immer nur an die Kosten, die man dort täglich hat!"

GL: Trotz des teuren (und renommierten) Studios klingt die Platte manchmal ein bißchen gleichförmig und beliebig und läßt doch ziemlich den Druck von euren Konzerten vermissen.

Flo: "Ich kenne keine Band, die es schafft, hundertprozentig den Druck ihrer Konzerte auch auf Platte umzusetzen. Das ist einfach nicht möglich."

Sportfreunde Stiller
Rüde: "Live sind natürlich auch noch so viele andere Eindrücke mit dabei, die das Erlebnis viel intensiver machen. Aber vielleicht ist da ja wirklich noch etwas drin? Ich könnte mir schon vorstellen, daß man eine Platte auch noch druckvoller produzieren könnte."

GL: Der Eindruck, daß die Platte im Vergleich zu den Konzerten weniger Power hat, konnte natürlich nur entstehen, weil ihr seit letztem Sommer eine ganze Reihe der neuen Songs schon live gespielt habt.

Rüde: "Ich finde es persönlich sehr wichtig, neue Lieder live zu spielen, bevor man sie aufnimmt. Ich glaube, wir haben das als Band einfach gebraucht, denn es hilft dir auch im Studio, wenn du schon weißt, wie sich das Lied live anhören kann."

Peter: "Ich würde wirklich gerne irgendwann mal dahin kommen, daß wir beispielsweise im Sommer die Tour abschließen und dann eine neue Platte machen, ohne weitere Konzerte zu spielen. Das ist eine Erfahrung, die ich gerne mal machen würde, und das hatten wir noch nie, weil wir halt so viel unterwegs sind. Das ist natürlich auch cool für uns und macht uns ja auch irgendwie aus, und abgesehen davon haben wir eine Menge Spaß dabei, aber ich würde gerne auch mal etwas anderes ausprobieren. Aber mit dem Marc [als Booker und Manager] geht das wohl nicht, hahaha!"

GL: Obwohl alle Zeichen darauf hindeuten, daß ihr euch in der kommenden Saison zumindest auf den UEFA-Pokal-Rängen der deutschen Gitarren-Bundesliga festsetzen könnt - aber was tun, wenn die Fahrt wider Erwarten doch rückwärts geht? Gibt's für die Sportfreunde einen Plan B? Wird Marc Liebscher gefeuert und ein neuer Trainer aus dem Ausland geholt? Gilt der Vertrag mit dem Label auch für die zweite Liga? Macht ihr euch darüber überhaupt jemals Gedanken?

Flo: "Das kann und sollte man nicht tun. Das würde nur der Kreativität im Wege stehen. Das wäre ja so, als wenn ein Verein in die Bundesliga aufsteigt und gleich danach sagt: Ach ja, wir steigen ja eh wieder ab! Man muß immer nach vorne schauen!"

Peter (lachend): "Ich weiß schon, was ich mache, wenn's nicht klappt. Dann spül' ich halt wieder im Atomic Cafe. Ist mir doch egal!"

Weitere Infos:
www.sportfreunde-stiller.de
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-
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Aktueller Tonträger:
Die gute Seite
(Motor Music/Universal)


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