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WILCO
 
Tradition und Moderne
Wilco
Seltsam. Das ist das Wort, mit dem man die letzten zwei Jahre im Leben von Wilco wohl am besten beschreiben kann. Eigentlich sah es zunächst nämlich so aus, als könnten die vier Amerikaner gar nichts falsch machen. "Mermaid Avenue", die in Zusammenarbeit mit Billy Bragg entstandenen Neuvertonungen alter Woody-Guthrie-Songs, hatte der inzwischen in Chicago heimisch gewordenen Band eine Grammy-Nominierung eingebracht, ihr Label freute sich im Anschluß daran über steigende Verkäufe auch der ersten drei "regulären" Alben der Band, Konzerte - egal ob Soloauftritte von Mastermind Jeff Tweedy oder der ganzen Band - genossen Kultstatus, und daß Mischpult-Größe und Neu-Sonic-Youth-Mitglied Jim O'Rourke an den Aufnahmen zum vierten Wilco-Album, "Yankee Hotel Foxtrot", beteiligt sei, klang auch sehr verheißungsvoll. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Tweedy warf kurzerhand seine langjährigen Mitstreiter Jay Bennett und Ken Coomer aus der Band, die Plattenfirma meuterte wegen einer auf dem neuen Album angeblich fehlenden radiotauglichen Single und feuerte die Band kurz vor dem geplanten Veröffentlichungstermin. Das hätte übrigens der 11. September sein sollen.
Nun erscheint das Album doch noch, mit Verspätung und bei einem neuen Label, aber immerhin. Ein wenig kann man die ehemalige Plattenfirma sogar verstehen: Bisher wurden die vier aus Chicago immer als Americana- oder Countryband vermarktet, kein Wunder, war doch das Szene-Schlagwort des "No Depression"-Sounds dem Titel des Debüts von Jeffs erster Band, Uncle Tupelo, entlehnt! Doch damit hat "Yankee Hotel Foxtrot" überhaupt nichts mehr zu tun. Jetzt wagen sich Tweedy, Bassist John Stirratt und die beiden Neulinge Leroy Bach (Gitarre etc.) und Glenn Kotche (Drums) an ein soundtechnisch sehr innovativ-ambitioniertes Popkonzept, das alten Helden wie Big Star ebenso viel schuldet wie deutschen Avantgardisten wie Neu! oder Can. Irgendwie war es letztendlich vielleicht sogar ein Glücksfall, daß die offizielle Veröffentlichung so lange auf sich warten ließ. Das meinte dann auch Jeff, als Gaesteliste.de den auf sympathische Weise schüchternen Frontman zum Interview im Hamburger Hotel Atlantic traf. "Ich fühle mich jetzt besser auf die Interviews vorbereitet als in der Vergangenheit, als der Abstand zwischen Aufnahmen und Interviews immer ein sehr kurzer war. Je kürzer der Abstand, desto mehr verlangst du nach Bestätigung und deshalb bist du viel gehemmter. Natürlich bin ich jetzt auch etwas älter und erfahrener, aber ich denke, daß wenn ich mich jetzt bei den Interviews etwas sicherer fühle, ist es gerade der Zeitfaktor, der die größte Rolle spielt. Außerdem weiß ich dieses Mal, daß die Platte schon ihren Platz in der Welt gefunden hat, hahaha!"

Jeff spielt darauf an, daß Wilco, nachdem klar war, daß ihr altes Label die Platte nicht herausbringen würde, das fertige Album kurzerhand zum kostenlosen Download auf die offizielle Website gestellt. "Zunächst einmal: Nachdem die alte Plattenfirma sich abgeseilt hatte, gab es ja niemanden mehr, der uns die Online-Veröffentlichung hätte verbieten können! Für uns als Band war das außerdem eine gute Möglichkeit, unseren Idealismus zu testen. Wir definieren unsere Rolle als Musiker ja auch nicht darüber, daß wir alle paar Jahre Platten in die Regale der Läden stellen. Die Musikindustrie und die Plattenfirmen müssen sich mit der Tatsache abfinden, daß, wenn einer die Aufnahmen besitzt, sie alle haben können. Die Idee ist gar nicht so neu, im Endeffekt geht das auf Cyber-Art auf die Tradition der mündlichen Überlieferung zurück." Kein Wunder also, daß Wilco auch das Mitschneiden ihrer Shows erlauben. Die Download-Aktion war übrigens ein gigantischer Erfolg. "Zwischen 200 000 und 300 000 Leute haben sich das Album online angehört", erzählt Jeff. "Und als wir dann wie geplant Ende September auf Tournee gingen, waren alle Konzerte auch ohne Platte in den Läden ausverkauft, und die Leute haben jeden Text der neuen Platte mitgesungen."

Interessanterweise ließen sich Wilco nicht dazu verführen, die Platte für die reguläre Veröffentlichung noch einmal zu überarbeiten. Während unzählige Bands liebend gerne ein Jahr später noch mal an ihren Platten feilen würden, war für Jeff auch ein Jahr nach dem Ende der Aufnahmen klar: So soll's bleiben! "Ich weiß, Dinge nachträglich noch einmal ändern zu wollen, ist eine typische Künstlerkrankheit, aber wir haben schon so viel Zeit darauf verwendet, um an den Punkt zu kommen, an dem wir wirklich zufrieden mit der Platte waren und sie endgültig fertig war, daß ich nun keine Veranlassung mehr gesehen habe, das Album noch einmal zu verändern. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was die Platte darstellt." Kein Wunder, ist die Platte doch, gerade was Produktion und Abmischung angeht, eine echtes Novum. Im Gegensatz zu allen gängigen Regeln der Popmusik ist das Schlagzeug - sozusagen nur in Miniaturgröße - in den Hintergrund gemischt worden und dafür der Baß fast schon unverschämt weit in den Vordergrund gerückt worden. Eine Herausforderung für die Hörgewohnheiten des Publikums. Einige alte Wilco-Fans, nicht zuletzt auch in der Gaesteliste.de-Redaktion, hat die neue Platte (deshalb) ziemlich er- und verschreckt. Vielleicht, weil "YHF" vom Woody-Guthrie-Projekt meilenweit entfernt ist und vielleicht am ehesten als "Big Star für das neue Jahrtausend" beschrieben werden könnte. Eine Problematik, der sich Jeff durchaus bewußt ist. "Die Woody-Guthrie-Platten waren näher an der Vorstellung dran, die die Leute von uns haben, als unsere Alben mit eigenen Songs", glaubt Jeff. "Wenn ich es ablehne, daß die Leute uns eine Country-Rock-Band nennen, dann nur, weil ich denke, daß es unpassend ist, nicht, weil es mir peinlich wäre. Ich mag Folk und ich mag Country, aber ich verstehe mich nicht als Folk- oder Countrymusiker. Wenn es heute noch Leute gibt, die Songs darüber schreiben, wie sie den ganzen Tag auf der Veranda sitzen und Whiskey saufen, finde ich das geradezu lächerlich. Wer lebt denn heute noch so ein Leben? Vielleicht gibt es noch ein paar, aber mir bedeutet das nicht viel." Und genau deshalb kann "Yankee Hotel Foxtrot" fernab aller gängigen Trends einfach mit viel Herz und einem gesunden Schuß Eigensinn restlos überzeugen. Denn auf dem Album finden sich mit "Jesus, Etc.", "I'm The Man Who Loved You" oder "Reservations" eine ganze Reihe von Jeff Tweedys besten Songs überhaupt.

Der veröffentlicht übrigens zeitgleich mit "YHF" auch seine erste Soloplatte via Rykodisc, den sehr spartanisch-atmosphärischen Soundtrack zum neuen Ethan-Hawke-Film "Chelsea Walls". Das, zusammen mit der Tatsache, daß Wilco letztes Jahr rigoros umbesetzt wurden, könnte den Eindruck vermitteln, daß Tweedy auf dem Weg zu einer Solokarriere ist. Stimmt aber nicht, sagt er: "Für mich ist das alles andere als eine Neuorientierung. Ich habe immer eine Band haben wollen und haben müssen, um mit ihr zu kommunizieren und zu kollaborieren, und daran hat sich nichts geändert. Das Einzige, was ich nicht toleriere, ist Gleichgültigkeit. Wenn ich einen Typ sehr mag und mich zu ihm als Person immer loyal verhalte, bedeutet das nicht gleichzeitig, daß ich auch sein gleichgültiges Verhalten auf der Ebene unserer musikalischen Zusammenarbeit dulde. Ich habe zwischendurch eigene Sachen ohne die Band gemacht. Zum Beispiel habe ich eine Platte mit Jim O'Rourke aufgenommen oder den Soundtrack zusammen mit Glenn Kotche. Als ich dann zu Wilco zurückkehrte, hatte ich ganz und gar nicht das Gefühl, daß ich die Band nicht mehr brauche. Ich dachte: Es ist großartig, wieder mit ihnen zusammenzuarbeiten, nur eben nicht mit allen von ihnen!"

Wilco
Fast scheint es so, als seien die Turbulenzen der sich die Band ausgesetzt sah, ein Filmskript gewesen. Denn unheimlicherweise wurde ausgerechnet die ereignisreich(st)e Phase der Band vom Dokumentarfilmer Sam Jones festgehalten. Über den Stand der Dinge des noch unveröffentlichten Films kann man sich übrigens unter www.wilcofilm.com informieren. "Es ist ja nicht so, daß der Film unsere Idee gewesen wäre", versucht Jeff unsere Verschwörungstheorie etwas zu relativieren. "Anfangs haben wir uns deshalb gar keine großen Gedanken deswegen gemacht. Der Filmemacher investierte sein eigenes Geld und hatte eigene Ideen, alles, was wir beisteuerten, war der uneingeschränkte Zugang zur Band. Die meiste Zeit habe ich völlig vergessen, daß die Kameras liefen, jedenfalls war ich weniger befangen als jetzt, wenn unser Interview auf Band aufgenommen wird. Natürlich war es schon seltsam: Kaum waren die Kameras eingeschaltet, flogen Menschen mit Flugzeugen in Wolkenkratzer, wir verloren Bandmitglieder am laufenden Meter und unsere Plattenfirma lehnte unser fertiges Album ab... Es war schon ein ziemlich ereignisreiches Jahr für uns, aber vielleicht haben wir auch einfach mehr darauf geachtet. Vielleicht hätte ich das gleiche gedacht, wenn man uns bei den Aufnahmen zu 'Summerteeth' mit der Kamera begleitet hätte, als ich Panikattacken hatte und so."

Dabei finden sich auf der neuen Platte eine ganze Reihe von Anspielungen, die als Vorahnungen beispielsweise zu den Ereignissen des 11. September herhalten können. Paradebeispiel ist die Zeile "tall buildings shake" aus dem Refrain von "Jesus Etc.", die aber natürlich genauso gut als Anspielung auf Jeffs extrem windige Heimatstadt Chicago zu verstehen sein könnte, oder? "Naja, irgendeine Vision eines Desasters spielt da natürlich schon eine Rolle", meint Jeff. "Aber natürlich hätte ich nicht in einer Million Jahren an eine solche Katastrophe gedacht. Der Text hat mich genauso überrascht wie alle anderen. Ich habe noch nicht einmal darüber nachgedacht, bis wir den Song am 12. September bei unserer Probe gespielt haben. Eine Menge Songs haben eine neue Dimension bekommen, genauso wie zum Beispiel Songs, die im Radio gespielt werden, neue Bedeutungen bekommen, wenn du dich gerade von deiner Freundin getrennt hast. Ich denke, es liegt in der Natur des Menschen, die 99% zu ignorieren, die nichts mit einem spezifischen Ereignis zu tun haben, und sich auf das eine Prozent zu stürzen, bei dem eine Verbindung zum 11. September besteht und das dann unglaublich prophetisch wirkt. Nichtsdestotrotz ist es schon ein seltsames Gefühl."

Den 11. September verbrachten Wilco - die Mitte Mai für vier Shows nach Deutschland kommen werden - übrigens im Studio, wo sie als Backingband für den Seattler Tausendsassa Scott McCaughey das nächste Album der Minus 5 aufgenommen haben. "Wir hatten schon seit Ewigkeiten darüber gesprochen, etwas zusammen zu machen, und jetzt hat es endlich geklappt. Wir haben in acht oder neun Tagen 17 Songs aufgenommen, und ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis. Diese Platte soll auch noch dieses Jahr veröffentlicht werden", verrät Jeff und fügt an: "Golden Smog ist dagegen nicht mehr so aktuell, was aber nicht heißt, daß sich das nicht sehr schnell auch wieder ändern könnte. Wir haben das Thema jedenfalls nicht offiziell zu den Akten gelegt, hahaha!"

Weitere Infos:
www.wilcoworld.net
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Chris Gorman-
Wilco
Aktueller Tonträger:
Yankee Hotel Foxtrot
(Nonesuch Records/WEA)


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