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MORCHEEBA
 
Rocking, Cheesy Ballads
Morcheeba
Das ist schon ein ulkiges Trio, das sich da zusammengefunden hat. Die schöne Skye Edwards, der veritable Klops Paul Godfrey und dessen spindeldürrer Bruder Ross. Das soll eine Band sein? Eher sehen sie aus, als kämen sie von drei verschiedenen Planeten. Vor allem der von Ross muß verflucht weit weg sein, und mental ist er immer noch dort. Schön muß es dort sein, denn Ross trägt die ganze Zeit ein entrücktes Grinsen auf den Lippen, während Skye meistens charmant schweigt, manchmal etwas Nettes sagt und ansonsten Paul das Reden überläßt. Er scheint der künstlerische Kopf der Truppe zu sein, zumindest zeigt er das größte Engagement.
Diese drei so verschiedenen Käuze haben gerade ein wunderschönes Album aufgenommen. "Charango" ist ein ruhiges, einlullendes Werk, getragen von Skyes wunderbarer Stimme, dessen Atmosphäre durchweg entspannt bleibt, an den richtigen Stellen aber immer wieder aufgebrochen wird. Die Aufmerksamkeitsspannen vieler Hörer sind kurz, da muß schon hin und wieder etwas Unerwartetes passieren, sonst hört niemand mehr hin. Also gibt es hier und da kleine Überraschungen. "What New York Couples Fight About", ein Duett mit Lambchop-Chef Kurt Wagner etwa. Zwei gehauchte, gegensätzliche Stimmen, der Frosch und die Prinzessin. "Wir haben ihm eine CD gegeben, als wir uns einmal in Washington getroffen haben, und Ross hat sich sturzbetrunken mit ihm unterhalten. Später hat er sich dann bei uns gemeldet, weil er einen Support Act für ein Lambchop-Konzert brauchte. Danach haben wir ihm eine Demo des neuen Albums geschickt, und er war begeistert und wollte dabei sein. Er hat gleich noch den Text zu 'Undress Me Now' geschrieben." Das hat er gut hinbekommen, der Song ist pure Erotik der sanften Art. Skye wird sich manch blöden Kommentar anhören dürfen, wenn sie diesen Song auf einer Bühne haucht.

Ein anderer Moment der Überraschung ist "Women Lose Weight". Ein bitterböser Song, Gast-Rapper Slick Rick schlüpft süffisant in die Rolle eines Kerls, der seine Frau nach einigen Jahren der Ehe und den daraus resultierenden Kindern schlicht zu fett findet. Attraktiver findet er seine Sekretärin, die ihn eh schon länger bearbeitet, er solle seine Frau verlassen. Und da er wenig Lust auf eine Scheidung und die damit verbundenen Unterhaltszahlungen hat, läßt er sie um die Ecke bringen. Mit dem Erfolg, daß die nun geangelte Sekretärin bei ihm auf dem Sofa fläzt, ständig Pizzas ordert und selbst an Gewicht zulegt. Vom Regen in die Traufe also, und am Ende wird er auch noch eingebuchtet. Fazit: Frauen, achtet auf euer Gewicht, sonst machen die Männer Dummheiten. Skye trällert genüßlich im Hintergrund mit. Sie liebt diesen Song sichtlich: "Er ist so gemein, aber auch süß und lustig. Und man sieht das doch überall: Wenn sich Leute scheiden lassen, fangen sie plötzlich an zu joggen und alles, weil sie einen neuen Partner suchen. Und wenn sie ihn dann haben, gehen sie aus dem Leim."

Morcheeba
Die Band hatte Spaß bei den Aufnahmen, das hört man dem Album deutlich an. Den TripHop-Aufkleber, den sie früher trugen, haben sie längst abgepult und machen nun, was sie wollen. In irgendein Genre läßt sich Morcheebas Werk nicht einteilen. Fragt man, wie sie ihre Musik bezeichnen, antwortet Paul: "Als hoffentlich gutes Gegengift zu der Scheiße, der uns das Radio aussetzt". Das hat geklappt, "Charango" wird mit Wohlwollen aufgenommen. Beim Vorgänger "Fragments Of Freedom" war das noch anders. Das sehr sommerlich-poppig geratene Werk wurde teils übelst verrissen. Paul störte das wenig, ihn reizt es, die Hörer zu überraschen: "Es ist wie mit unseren Frisuren. Immer, wenn sich die Leute daran gewöhnt haben, ändern wir sie". Also gar kein Bedauern? "Nein. Außerdem war 'Rome Wasn't Build In A Day' auf 'Fragments', und das hat uns jede Menge Erfolg bei den Radiosendern beschert. Ein tolles Gefühl. Viele mögen 'Fragments', aber es sind andere Leute als die, die die früheren Alben mögen. Ein typisches Morcheeba-Publikum scheint es also nicht zu geben. "Viele Paare mögen Morcheeba", lenkt Paul ein. "Es ist Musik, die beide hören können, während normalerweise der Mann auf Rock und die Frau auf sülzige Balladen steht. Wir machen rockende, sülzige Balladen." Skye erinnert sich prompt, bei einem Konzert ein 13-jähriges Mädchen nebst ihrem 50-jährgen Vater gesehen zu haben. Einmal stand sogar ein Mann im Publikum, der die 70 sicher schon erreicht hatte. "Und bei einem Festival spielten wir nach Muse. Die gleichen Leute, die eben noch bei Muse herumgesprungen waren, sprangen jetzt bei uns herum. Wir haben ein ziemlich vielseitiges Publikum, und ich finde das toll."

Den Grund für die Breitenwirksamkeit hat Paul schnell gefunden: "Bevor wir 'Charango' gemacht haben, war ich oft zu Hause und habe Freunde bekocht. Also suchte ich passende Musik für die Gelegenheit, ich habe einige Chill-Out-Compilations und so, aber nichts paßte wirklich. Da fiel mir auf, was ich an Morcheeba schon immer gemocht habe: Die Alben kann man an solchen Abenden auflegen. Sie sind sehr atmosphärisch, aber auch sehr emotional. Also wollte ich das perfekte Album machen, um es Leuten bei einer Dinner-Party vorzuspielen." Der Musiker als Dienstleister und Handwerker, etwas ähnliches erklärte kürzlich schon Moby zum neuen Dogma. Das steht im Widerspruch zu der klassischen Auffassung vom Musiker als Künstler. "Ich bin sicher kein Künstler, jedenfalls keiner wie die, die Modern-Art-Preise gewinnen, weil sie Sachen an die Wand kleben und Glühbirnen einschalten. Die müssen sich doch verrückt machen, um etwas Neues zu finden, das die Außenwelt beeindruckt. So arbeite ich nicht. Wir leisten einen Dienst. Wir sind keine Scheiß-Götter oder so." Mit "Charango" jedenfalls haben Morcheeba bewiesen, daß jene Dienstleister neben den klassischen Pop-Künstlern allemal ihre Existenzberechtigung haben.

Weitere Infos:
www.morcheeba.de
www.morcheeba.net
Interview: -Christian Zeiser-
Fotos: -Pressefreigaben-
Morcheeba
Aktueller Tonträger:
Charango
(WEA)


Morcheeba

 
 

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