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CHUMBAWAMBA
 
Die Axe des Dissens
Chumbawamba
Auf den ersten Blick ist "Readymades" eine typische (und die 11.) CD der britischen Chaos-Veteranen. Bei näherem Hinhören (und -schauen) tun sich aber doch einige Widersprüche auf. Die CD heißt aus einem ganz bestimmten Grund "Readymades". Es ist dies nämlich der Begriff, den Marcel Duchamps in den 20ern für eine neue Kunstrichtung prägte, die darauf basierte, aus gefundenen Objekten durch leichte Veränderungen Kunst zu machen. Das neue Chumbawamba-Label heißt "Mutt" - und damit ist keine Promenadenmischung gemeint, sondern "Mutt" war Duchamps Pseudonym, mit dem er zuweilen seine Werke signierte. Dann enthalten die Großteils elektronisch angelegten Pop-Stücke der neuen CD Samples von diversen Folk-Scheiben. Chumbawambas Theorien über die freie Verfügbarkeit von Musik in Ehren: Aber muss man denn Samples heutzutage nicht mehr "klären" lassen, wenn man diese bei einer offiziellen Veröffentlichung verwenden möchte?
"Das ist ganz schön ironisch, nicht wahr?" fragt Danbert Nobacan, der bei den Chumbas u.a. singt, Ukelele spielt, und - was vermutlich noch wichtiger ist - auf den Websites (www.chumbawamba.org und www.chumba.com) für das Nachtragen der politischen Beiträge zuständig ist. "Doch - wir mussten die Samples klären lassen. Das haben wir aber im Einvernehmen mit den Künstlern getan und dann bestimmte Beträge entrichtet. Eine amerikanische Company wollte allerdings 25 000 Pfund haben - das wäre mehr gewesen, als die ganze Scheibe gekostet hätte. Das haben wir natürlich gelassen. Die Sache mit den Samples sehen wir übrigens so, wie die Rolling Stones den Blues, d.h. wir verwenden vorhandenes Material, um etwas Neues zu schaffen. Das ist auch die Parallele zu den Readymades. Denn wir haben die neuen Stücke natürlich nicht auf der Straße gefunden. Es ging auch um unsere Idee, dass Musik niemandem gehören kann. Das promoten wir ja auch auf den Websites sehr stark, wo du dir alles mögliche runterladen kannst. Die Sache mit Duchamps und den Readymades hat sich Boff ausgedacht, der sich sehr für Kunst und so was interessiert."

Boff ist der Gitarrist der Band, der auf dieser Scheibe ja nicht allzuviel zu tun hat, denn es gibt fast nur elektronische Spielereien und Samples (natürlich mit den gewohnt streng politischen Texten). Was soll'n das? "Nun, wir versuchen immer auf jeder Platte etwas neues zu machen", erklärt Danbert, "nur sind wir ja keine ausgebildeten Musiker und werden es auch nie sein. Wir haben uns überlegt, welchen Ansatz wir dieses Mal verfolgen sollten und sind dann auf den Elektro-Pop gekommen." Was in diesem speziellen Fall auch unbedingt richtig war. Es ist ja so, dass man heutzutage im Radio ständig mit Synthie-Pop zugemüllt wird - wobei indes doch stark auffällt, dass vor allen Dingen die Herz-Schmerz Schematexte in Sarah Connors Englisch wesentlich widerwärtiger sind, als etwa die Musik selbst. Gegen eine nette Melodie hat ja niemand etwas. "Genau das war der Gedanke", stimmt Danbert zu, "wir haben uns natürlich zusammengesetzt und beschlossen, diesen Umstand zu nutzen, um besonderen Wert auf die Texte zu legen. Ich hoffe, dass uns das wieder in dem Sinne gelungen ist, dass jedermann etwas aus den Texten mitnehmen kann, auch, wenn er die genaue Bedeutung nicht kennt." Auf der CD befinden sich zudem einige erläuternde Worte, die knapp den Hintergrund umreißen. Erstaunlich viele der Texte beschäftigen sich mit maritimen Themen. Es wird - natürlich orthodox linksradikal - die Ausbeutung von Seeleuten aller Couleur im Laufe der Jahrhunderte angeprangert. "Nein, das war keine Absicht", erklärt Danbert diesen Umstand, "es ist aber seltsam, nicht wahr? Ich weiß auch nicht woher das kommt, aber wir schreiben des öfteren Songs über das Meer und Seeleute - obwohl niemand von uns an der Küste wohnt. Ich schätze aber, es hat mit unserer Vorliebe für den Folk zu tun - und dort gibt es ja immer stark maritime Themen." Neben den Seemanns-Litaneien gibt's natürlich die üblichen Songs über die kleinen Leute, die vom System verschluckt zu werden drohen - oder gleich umgelegt werden, wie Harry Stanley, der ein Tischbein in einer Plastiktüte mit sich herum trug und von einem Cop erschossen wurde, der glaubte, das sei eine Schusswaffe. So etwas ist man ja von Chumbawamba gewohnt. Nicht aber Songs wie "Home With Me" - eine musikalische Weltreise ohne Sendungsbewusstsein. "Wir haben ja einiges an Reisen hinter uns", rechtfertigt Danbert den unpolitischsten Chumbawamba Song seit Jahren, "das ist unser Reise-Song. Und das ist halt die Art, in der man heutzutage die Welt wahrnimmt: In Momentaufnahmen." Doch dieses Stück ist das einzige dieser Art. Ansonsten ist diese CD (und das begleitende Artwork) vor allen Dingen eines: Ein Sprungbrett ins Internet. Das Booklet zeigt die verschiedenen Chumba-Protagonisten in Form von "auf alt" getrimmten SW-Fotos ("wir sind ja jetzt auch schon so um die vierzig" kommentiert das Danbert). Über die Fotos sind jeweils Zitate von Künstlern aller Couleur gedruckt (von Hans Arp über Louis Armstrong bis zu Ani DiFranco). Wenn man sich die entsprechenden Bios aus dem Netz holt, hält man ein prächtig dickes Buch in der Hand. Ist das ein Teil der Idee? "Ja, natürlich, das war es immer", stimmt Danbert zu, "wir haben ja nicht studiert oder so was, aber wir interessieren uns für alle möglichen Sachen. Und daran wollen wir natürlich auch die Leute teilhaben lassen." Danbert hat dabei noch eine besondere Rolle: Er kompiliert die Texte auf den Chumba-Seiten, die sich mit der Situation um die Ereignisse nach dem 11. September und Afghanistan beschäftigen. Liest man das, bekommt man eine gaaanz andere Version zu Gesicht als die offizielle Lesart. "Das ist auch die Idee", führt Danbert aus, "wir lesen natürlich viele Zeitungen. Aber wir haben auch viele direkte Kontakte zu Journalisten. Nicht nur das: Auch in akademischen Kreisen gibt es eine starke Strömung, die Geschichten von einer anderen Warte aus zu betrachten und eine alternative Sichtweise der Dinge aufzuzeigen. Ich trage diese Sachen dann zusammen." Die Sichtweise, um die es geht, ist natürlich stark antiglobal - wie nicht anders zu erwarten. "Ja, die Antiglobalisations-Bewegung - die übrigens ironischerweise global und international ist - ist ein starker Motor. Es geht darum, die ruchlosen Praktiken der internationalen Konzerne anzuprangern, die rücksichtslos alle Ressourcen ausbeuten. Das führt dann natürlich zu einer Sichtweise, wie sie sonst nicht in der Presse steht." Oder wenn aber doch, dann in anderem Zusammenhang: Die Schlussfolgerung jedenfalls, wenn man Danberts Chronologie liest, ist die, dass die ganze Chose - vom 11.09. bis hin zum Krieg in Afghanistan - ein Plan der Öl-Multis und der mit diesen verflochtenen Schurkenregierung gewesen sein könnte. Das wird natürlich nirgendwo explizit gesagt, sondern nur implementiert. Chumbawambas Ziel war es halt stets zunächst und vor allem zu provozieren und zu polarisieren. Nicht umsonst heißt ein Menüpunkt auf der ".org" Seite "Die Axe des Dissens". Mit Musik hat das nur mittelbar zu tun, oder? "Doch, doch schon", beharrt Danbert, "wir sehen uns ja auch in der Tradition von Künstlern - sagen wir zwischen Dada und Zappa - die etwas bewegen wollen."

Dennoch darf natürlich ein Chumbawamba-Gespräch nicht ohne die Frage nach dem alten Label EMI (und damit dem geschäftlichen Aspekt des Ganzen) sowie den Folgen bleiben. "Och, das war das Übliche", meint Danbert fast gelangweilt, "als wir damals den EMI-Deal hatten, waren da acht Leute, die uns betreuten, von denen bei der zweiten Scheibe nur noch zwei da waren. Da hatten sie dann kein Interesse uns zu betreuen, obwohl wir gerade 'Tubthumping' [den Millionenseller] gemacht hatten. Als es dann auf die dritte CD zuging, haben wir uns mittels einer Vertragsklausel verabschiedet. Das neue Label können wir uns jetzt natürlich leisten." Und wird es darauf auch andere Veröffentlichungen geben? "Vermutlich nicht", sinniert Danbert, "das haben wir in den 80ern schon mal gemacht. Es war dann immer so, dass sich die anderen Veröffentlichungen wesentlich schlechter verkauft haben, als unsere - und das hat uns dann letztlich dazu bewogen, die Sache dranzugeben." Chumbawamba werden ab 09.09. auf Tour gehen, auf dem Globalisierungs-Gipfel in Österreich spielen und danach auch nach Deutschland kommen.
Weitere Infos:
www.chumbawamba.org
www.chumba.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Pressefreigabe-
Chumbawamba
Aktueller Tonträger:
Readymades
(Mutt Records/Zomba)


Chumbawamba

 
 

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