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MUDHONEY
 
In The Land Of Mud And Honey
Mudhoney
Eine Band - eine Legende. Vierzehn Jahre nach ihrer Debütsingle "Touch Me I'm Sick" und vier Jahre nach ihrem von Jim Dickinson produzierten Meisterwerk "Tomorrow Hit Today" machen Mudhoney das, womit so mancher schon gar nicht mehr gerechnet hatte: Sie melden sich zurück, mit einer ausgezeichneten neuen - ihrer achten - Platte namens "Since We've Become Translucent". Und die kann richtig überraschen. Denn Mudhoney haben nicht nur einen neuen Bassisten (inzwischen steht für Aussteiger Matt Lukin Guy Maddison neben Mark Arm, Steve Turner und Dan Peters auf der Bühne), sondern auch einen neuen Sound. Na ja, fast jedenfalls. Denn natürlich scheinen die alten Vorlieben der Band, die schnell zum Prototypen des Grunge-Sounds wurde, auch weiterhin durch, aber episch lange Stoner-Rock-Hymnen à la Hawkwind wie der Opener "Baby, Can You Dig The Light?" (8:26 Minuten) oder "Sonic Infusion" (7:42 Minuten) kannte man in dieser Form von Mudhoney ebenso wenig wie den Einsatz von Streichern oder einer Horn Section. Dass der Gesang von Mark Arm weiterhin genial-ungelenk gelingt, sorgt letztendlich dafür, dass alle Songs trotzdem schnell als Mudhoney-Nummern identifiziert werden können. Die einen sehen darin den Aufbruch in ein neues Zeitalter, andere wird die neue LP wohl eher dazu ermuntern, die alten Platten noch einmal hervorzukramen. Die erste LP zum Beispiel, auf der 1989 ein Stück namens "When Tomorrow Hits" erschien, das zehn Jahre später mit dem letzten Albumtitel "Tomorrow Hit Today" seine Entsprechung fand und sich auf fast unheimliche Weise bewahrheitete.
"Ja, da besteht schon eine bewusste Verbindung, es liegen ja genau zehn Jahre dazwischen", erklärt Mark Arm im Gespräch mit Gaesteliste.de, das - vom Ambiente her etwas unpassend - ausgerechnet in der VIP-Lounge der Kölner Messehalle während der PopKomm stattfand. "Da besteht schon eine Verbindung. Und letztendlich ist der Titel ja auch wahr geworden, denn das war unsere letzte Platte mit Matt. Allerdings war uns das zu dem Zeitpunkt noch nicht klar." Doch Mudhoney verloren nicht nur ihren Bassisten, sondern auch noch ihr (Major-)Label. Die meisten anderen Bands hätten danach wohl einfach die Gitarren an den Nagel gehängt und sich anderen Dingen gewidmet. "Das war schon eine große Entscheidung, und Dan meinte anfangs auch: 'Ich kann mir nicht vorstellen, auf einer Bühne zu stehen und Matt nicht zu sehen!' Er fühlte sich einfach sehr verbunden mit Matt. Wenn wir auf Tour gingen, teilten sie sich zum Beispiel auch immer ein Zimmer. Natürlich waren wir alle befreundet, aber die zwei verband eine sehr enge Freundschaft. Steve und ich haben dann erst einmal die Monkeywrench-Platte gemacht und die Entscheidung damit einfach aufgeschoben. Es kam dann, wie es kommen musste: Dan fing an, sich zu langweilen, hahaha! Er wollte einfach an neuen Songs arbeiten, und das haben wir dann mit Guy, mit dem wir auch alle schon seit Ewigkeiten befreundet sind, getan."

Guy, der zuvor bei Bloodloss die vier Saiten bedient hatte, bekam den Job bei Mudhoney interessanterweise vor allem wegen seiner menschlichen, nicht musikalischen Qualitäten. "Wir wollten keine Kleinanzeige aufgeben oder so etwas, denn wir suchten in erster Linie jemanden, mit dem wir uns alle gut verstehen würden. Knapp auf Platz zwei kam dann erst, dass er auch noch sehr gut Bass spielen sollte. Ich habe ja mit Guy schon bei Bloodloss zusammengespielt, und obwohl wir ihn alle schon lange kannten, war ich derjenige, der sein Bassspiel am besten einschätzen konnte, und ich wusste, dass es passen würde. Matt hatte in den letzten Jahren völlig den Enthusiasmus verloren und war so für die Band untragbar geworden. Ihn dazu zu bewegen, zur Probe zu kommen oder auf Tour zu gehen, war wie ein Besuch beim Zahnarzt. Und wenn jemand keine Musik machen will, dann sollte er das auch nicht tun! Natürlich war es hart, als er dann ausstieg, aber letztendlich war es sehr befreiend. Kurz darauf bekamen wir das Angebot, in Brasilien zu spielen, und fragten Guy, aber der fing gerade mit seiner Krankenpfleger-Ausbildung an und war ziemlich traurig, dass er nicht mit uns zwei Wochen durch Brasilien ziehen konnte. Jedenfalls haben wir für die Tour Steve Dukich, einen von Matts engsten Freunden, mitgenommen, aber er wollte nicht auf Dauer dabei sein. Wir haben dann mit Guy eine kurze Amerikatournee gespielt und begonnen, mit ihm an neuen Songs zu arbeiten, so dass es uns nicht nötig erschien, uns weiter umzusehen. Zwischendurch hatten wir mal überlegt, auf ein festes viertes Bandmitglied zu verzichten, aber nachdem wir zunächst Steve Dukich und kurz darauf Guy all unsere alten Songs beigebracht hatten, waren wir ziemlich frustriert, weil wir das Gefühl hatten, dass wir nicht vorankämen."

Ein Song der Platte, "Job Inside", entstand allerdings schon vor Guys Einstieg, und auf dieser Nummer spielt kein Geringerer als "Brother" Wayne Kramer, der Gitarrist der Kultband MC5, den Bass! "Das war ein völliger Zufall - wir hatten Wayne vorher noch nicht einmal getroffen! Die Macher einer Website, die gerade ein Label starten wollten, riefen uns vor zwei Jahren an und baten uns um einen einzigen Song. Wir sagten ihnen: 'Sorry, keine Chance, wir arbeiten gerade an der Monkeywrench-Platte, und außerdem haben wir keinen Bassisten!' Also boten sie uns 10 000 Dollar und wir dachten: 'Hmm, ich glaube, wir können es doch möglich machen!' Vor allem, als wir hörten, dass Wayne Kramer das Stück produzieren wollte und wir ihn so auch noch treffen konnten. Der Plan war, die Aufnahme einfach zu dritt zu machen, mit Steve am Bass. Wayne kam also in unseren Proberaum und wir spielten ihm ein paar Nummern vor, und dann sah er einen Bass in der Ecke stehen und fragte, ob er wohl mitspielen könnte. Wir sagten nur: 'Fuck, yeah!' Wayne hat dann diese wirklich coole Bassmelodie abgeliefert, die anders war als jede Bassbegleitung, die wir je bei einem Mudhoney-Song hatten! Das war's!"

"Since We've Become Translucent" erscheint - als erste neue Mudhoney-Scheibe seit neun Jahren - wieder bei ihrem alten Label Sub Pop. Und obwohl Nirvana bis heute die Band des Labels ist, die die meisten Tonträger umgesetzt hat, kann man auf der Labelhomepage bis zum heutigen Tage nachlesen, dass es Mudhoneys "Touch Me I'm Sick" war, das das Label erstmals über die Grenzen Seattles hinaus bekannt gemacht hat. Nicht zuletzt das dürfte dafür sorgen, dass einige Leute in der neuerlichen Ehe Mudhoney/Sub Pop mehr sehen könnten, als dahinter steckt. "Natürlich ist das eine gute Story", gibt Mark zu. "Aber es ist wirklich keine allzu große Sache. Nachdem 'Tomorrow Hit Today' herausgekommen war, nahm Sub Pop Kontakt mit uns auf, um eine Best-Of-CD unserer Sub-Pop-Zeit zu veröffentlichen - und das sind ja gerade einmal zweieinhalb Alben, 'Every Good Boy Deserves Fudge', die 'Mudhoney'-LP und "Superfuzz Bigmuff'-EP und ein paar Singles, richtig? Das hätte womöglich fast alles auf eine CD gepasst, ohne überhaupt etwas wegzulassen! Also haben wir uns überlegt, dass eine Best-Of der gesamten ersten zehn Jahre wesentlich interessanter wäre, und da sowohl Sub Pop als auch unser damaliges Label Reprise zum Warner-Konzern gehören, war das rechtlich auch nicht weiter schwierig. Also haben wir das gemacht. Ein Jahr später - inzwischen hatten wir die Monkeywrench-Platte gemacht - sind wir dann auf Tour gegangen und haben Sub Pop angerufen und gesagt: 'Wir gehen jetzt ENDLICH auf Tour, um eure Veröffentlichung zu promoten, könnt ihr uns vielleicht ein bisschen mit der Werbung und der Logistik helfen?' Als wir dann die neue Platte in Angriff nahmen, waren sie mehr als bereit, uns auch dabei zu unterstützen, und deshalb haben wir uns erst gar nicht nach einem anderen Label umgeschaut."

Dass Matts Ausstieg ausschlaggebend für die bereits erwähnten neuen Töne auf "Since We've Become Translucent" gewesen sei, weil die Band sich weniger auf die eingeschwore Vierer-Einheit verlassen, sondern bereitwilliger weitere Musiker zu den Sessions eingeladen hatte, glaubt Mark nicht. "Wir wollten schon des Öfteren eine Horn Section einbauen und auch auf den früheren Platten spiele ich ja schon Keyboards. Meistens haben wir aber letztendlich versucht, die Songs so aufzunehmen, dass wir sie problemlos live spielen konnten. Also haben wir auf die Musiker, die wir nicht mit auf Tour hätten nehmen können, auch schon bei den Aufnahmen verzichtet. Als wir mit dieser Platte angefangen haben, war bereits klar, dass wir nicht viel touren würden, also haben wir uns dieses Mal eher um ein schönes Hörerlebnis gekümmert und uns weniger Gedanken darum gemacht, ob wir die Songs auch live spielen können. Letztendlich spielen wir jetzt auch alle Songs der neuen Platte live, aber es bedurfte einer Menge Fingerspitzengefühl, Stücke wie 'Baby, Can You Dig The Light?' auf die Reihe zu kriegen."

Eigentlich hätten Mudhoney in der ersten Septemberwoche auf ihrer kurzen Konzertreise durch Europa auch ein einziges Deutschlandkonzert (in Bielefeld) spielen sollen, doch die Show flog kurzfristig aus dem Tourneeplan, weil die Band zu einer der berühmten BBC-Sessions von John Peel eingeladen wurde. "Ja, das stimmt. Es ist nun einmal einfacher, von Paris aus nach London zu fliegen als von Bielefeld. Man kann also sagen, dass John Peel daran Schuld ist, dass wir nicht hier in Deutschland spielen werden, hahaha! Dass wir dieses Mal weniger touren werden, ist das Einzige, was im Moment etwas an mir nagt", gesteht Mark und erläutert abschließend auch noch die Gründe für die Tournee-Abstinenz, die sich so gar nicht mit den typischen Rock N Roll-Klischees vereinbaren lassen. "Es ist so, dass wir derzeit einfach nur an Wochenenden spielen können, denn Guy ist noch bis Ende des Jahres mit seiner Krankenpflegerausbildung beschäftigt und Dan muss zu Hause auf seine zweijährige Tochter aufpassen. Warum er das nicht seiner Frau überlässt? Die ist Anwältin und verdient wesentlich mehr Kohle, als wir das je könnten!"
Weitere Infos:
www.mudhoney.org
www.unofficial-mudhoney.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Mudhoney
Aktueller Tonträger:
Since We've Become Translucent
(Sub Pop/Cargo)


Mudhoney

 
 

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