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LOW
 
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Low
Nach den beiden letzten regulären Alben von Low, "Secret Name" und "Things We Lost In The Fire", stand vor allem eine Frage im Raum: Wie, bitte schön, wollen die drei aus Duluth, Minnesota, diese Leistungen noch übertreffen? Mit Steve Albini schienen Alan Sparhawk, Mimi Parker und Zak Sally zudem einen Produzenten gefunden zu haben, der die fragile Schönheit der Low'schen Songs perfekt in Szene zu setzen wusste und die Gratwanderung zwischen nervtötender Depressivität und himmlischer Schönheit zum Spaziergang werden ließ. Nur 18 Monate sind seit der Veröffentlichung des letzten Albums vergangen, und dennoch erschienen in der Zwischenzeit fast ein Dutzend neue Songs von Low: Die Zusammenarbeit mit The Dirty Three für die holländische "In The Fishtank"-Serie, eine Splitsingle mit K., die Beiträge zum Soundtrack der "Mothman Prophecies" und natürlich die Single mit der The-Smiths-Coverversion "Last Night I Dreamed Somebody Loved Me". Alles fraglos gute Songs, wenngleich von eher fragmentarischem Charme, die nicht die umfassende Größe der vorangegangenen Songs und Alben erreichten. Low also vielleicht doch auf dem absteigenden Ast? Die Antwort gibt uns das Trio mit seinem neuen Album "Trust": Es ist ein klares "Nein"!
Denn auch die wunderbare neue Platte ist von betörender Schönheit, wenngleich die Band selbst der Meinung ist, dass sie mit über einer Stunde Spielzeit schon fast etwas zu lang geraten sei. Dafür kann die Platte mit einer ganzen Reihe Überraschungen aufwarten, wie zum Beispiel dem ungewohnt lauten "Canada" zu Beginn oder dem sphärisch-esoterischen "Shots And Ladders" zum Schluss, das fast auch auf eines der von Kramer produzierten Frühwerke der Band hätte veröffentlicht werden können. Das Stück ist ein gewollter Kontrast zu den vorangegangenen Songs, die für Low oft ungewohnt poppig (wenngleich auf sehr gekonnte Weise) daherkommen. Entstanden ist die neue Platte interessanterweise größtenteils in Eigenregie. "Die neuen Stücke haben wir alleine aufgenommen, zusammen mit einem Freund von uns, Tom Herbers, als Tontechniker", erzählt Mimi im Gespräch mit Gaesteliste.de. "Wir haben sehr gerne mit Steve [Albini] zusammengearbeitet, aber dieses Mal haben wir einfach entschieden, dass es Zeit für etwas Neues sei!" Tom Herbers fällt zwar definitiv nicht in die Kategorie "neu", denn er arbeitet seit vielen Jahren mit der Band auch als Live-Soundtechniker zusammen, dafür aber der Mann, der dem Album in England beim Mixing den letzten Schliff verpasste: Tchad Blake, am besten bekannt für seine äußerst erfolgreiche Zusammenarbeit mit Lisa Germano und ein Mann, der sogar schon Sheryl Crow oder Pearl Jam am Mischpult zur Seite stand. Obwohl die Band selbst sehr daran interessiert war, mit Tchad zusammenzuarbeiten, beschrieb Alan den Prozess auf der bandeigenen Website danach mit einem Wort als "seltsam" und auch Mimi benutzte dieses ominöse Wort: "Es war in der Tat seltsam, einfach zu jemandem zu gehen, ihm die Aufnahmen anzuvertrauen und zu sagen: Okay, nun mach damit, was du für richtig hälst. Wir haben das nie zuvor gemacht und fühlten uns deshalb etwas unwohl. Letztendlich hatten wir aber natürlich auch eine Menge Vertrauen in Tchad und wussten, dass er seine Sache gut machen würde. Es ist nur so, dass wir die Stücke beiden Aufnahmen so oft gehört haben, dass man nach dem Mixing meistens denkt, dass die Platte scheußlich ist - was natürlich nicht stimmt. Jetzt sind wir sehr zufrieden mit dem Album."

Und die drei haben auch allen Grund dazu, denn das neuerliche kleine Meisterwerk "Trust" weist all die markanten Merkmale auf, die schon die Vorgängeralben zu Gewinnern machten, und ist doch grundlegend anders. Der spartanische, manchmal trotz der großartigen Stimmen von Alan und Mimi etwas kalt anmutende Albini-Sound ist auf der neuen Platte einem volleren, wärmeren Klang gewichen. "Das hat in erster Linie mit Tchad und seiner Art, eine Platte zu mischen, zu tun", ist sich Mimi sicher. " Auf der einen Seite haben wir darauf geachtet, dass wir uns auch im Studio auf das beschränken, was wir normalerweise [zu dritt auf der Bühne] machen, deshalb gibt es keine zusätzlichen Streicher oder so etwas. Auf der anderen Seiten wollten wir einen volleren Sound. Genau dieser wärmere Klang schwebte uns vor." Eine weitere Veränderung ist, dass Low mehr Songs als sonst üblich bereits weit vor den Aufnahmen zum neuen Album im Liveprogramm hatten. Das bedeutet, dass die Stücke und ihre Arrangements ebenfalls schon vor Aufnahmebeginn klare Formen angenommen hatten. "Das hatte vor allem zu Folge, dass wir uns im Studio wohler fühlten und schon genauer wussten, in welche Richtung die Stücke soundtechnisch gehen sollten. Wir spielen die Songs gerne erst einmal live, bevor wir sie aufnehmen, aber oft ist das einfach nicht möglich. Ein Stück wie 'Diamond' haben wir zum Beispiel erst Tage vor den Aufnahmen geschrieben und es noch nie live gespielt. Das ist ein Song, mit dem wir immer noch kämpfen und bei dem wir noch nicht sicher sind, wie wir ihn live spielen sollen." Noch vor Ende des Jahres wollen uns Low in Deutschland auch wieder mit ihren großartigen Konzerten beglücken. Und auch wenn Mimi sagt, dass die Band trotz der größer werdenden Auswahl an Songs auf einer Tour Abend für Abend ein sehr ähnliches Set spielt, sind Low dennoch immer für Publikumswünsche zu haben. Spielen können sie jedenfalls fast jeden ihrer Songs jederzeit. "An manchen Abenden fragen wir das Publikum, was es hören will und dann erfüllen wir die Wünsche meistens auch. Wir können die meisten Songs aus dem Stegreif spielen, und wenn nicht, liegt es meistens an Zak, der paranoid wird und sich einredet, sich nicht mehr an einen Song zu erinnern. Wenn er aber eine Sekunde in Runde nachdenken würde, könnte er ihn bestimmt auch spielen."

Bei so viel Veränderung gibt es allerdings dennoch einige unveränderte Konstanten. So ist die Band trotz des wachsenden Erfolgs ihrer Heimatstadt Duluth treu geblieben. In eine der wichtigen Medienstädte zu ziehen, kam für Low nie in Frage. Die Abgeschiedenheit Minnesotas habe der Band genau das nötige Maß an Isolation gegeben, das nötig gewesen sei, um verschiedene Dinge auszuprobieren, ohne gleich unter großer Beobachtung zu stehen oder einer Szene zugeordnet zu werden, erklärte uns Alan schon vor einigen Jahren: "Das ist in etwa so, als wenn du von Wölfen aufgezogen wirst. Du entwickelst deine eigene Sprache und findest eigene Wege, mit den Gegebenheiten zurechtzukommen. Mimi und ich sind auf dem Land unter Farmern aufgewachsen. Während all die anderen Leute, die heute in Bands spielen, schon mit 14 Punkrock gehört haben, kannte ich Hüsker Dü oder R.E.M. nicht, bevor ich 17 war und in eine große Stadt zog, um auf's College zu gehen."

Aber nicht nur bei der Band selbst hat sich eine Menge getan. Während Zak als Schreiber und Zeichner aktiv ist, war Alan in den letzten Jahren an einer Vielzahl von musikalischen Projekten beteiligt. Neben seinem "offiziellen" Side-Project Black-Eyed Snake kümmert er sich in letzter Zeit auch wieder aktiver um Veröffentlichungen auf dem bandeigenen Label Chairkickers Music. So erschienen die letzten Platten von Rivulet und den auch an dieser Stelle hochgelobten Winter Blanket auf Chairkickers. Gibt es einen besonderen Grund für Alans offensichtliche Arbeitswut, wollen wir von Mimi wissen. "Der Grund ist sehr einfach", antwortet sie lachend. "Er kann einfach nicht nein sagen! Er hat schlicht und ergreifend eine Menge Freunde, mit denen er gerne zusammen Musik macht, also sagt er immer ja und ist deshalb immer schwer beschäftigt, und langsam aber sicher macht ihn das verrückt, hahaha!"

Low
Aber auch Mimi hatte einen vielbeachteten Auftritt außerhalb der Band. Letztes Jahr sang sie nämlich die zweite Stimme bei "Lord Can You Hear Me?", dem alten Spacemen-3-Song, den Jason Pierce für das letzte Spiritualized-Meisterwerk "Let It Come Down" wieder ausgegraben hatte. Nicht zuletzt wegen Low, wenn man Mimi glauben darf: "Wir haben den Song für eine Compilation [auf dem Rocket-Girl-Label] aufgenommen und Jason hat die Version gehört und hat dann eine Show von uns gesehen, wo wir das Stück ebenfalls gespielt haben, und ich denke, dass ihn der Song einfach wieder gereizt hat. Ihm gefiel unsere Version ausgezeichnet, und als er ihn dann erneut aufgenommen hat, fragte er mich, ob ich bei der Aufnahme singen wollte. Jason ist ein wirklich netter Kerl, und ich habe sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet. Er braucht nur eben sehr lange, um seine Platte zu machen, weil er ein solcher Perfektionist ist. Für Low ist Perfektionismus nicht so wichtig. Uns ist die menschliche Seite sehr wichtig. Die kleinen Fehler gehören einfach dazu. Es mag sein, dass der vollere Gesamtsound der neuen Platte die kleinen Kniffe etwas weniger zu Tage fördert. Eines ist jedenfalls sicher: Es liegt nicht daran, dass wir dieses Mal besser gespielt haben, hahaha!"

"Put me on the guestlist" - Mimis imaginäre Gästeliste

1. Neil Young

"Er sollte einfach kommen, einfach, weil ich ein großer Fan bin."

2. Elvis Presley

"Vielleicht wäre ich ein wenig nervös, wenn er käme, aber wie cool wäre es bitte schön, wenn du sagen könntest: Elvis war bei meinem Konzert!"

3. Crazy Horse

"Es sollte auch eine historische Figur dabei sein, Sitting Bull vielleicht oder noch besser: Crazy Horse! [Und auf den Einwand von Gaesteliste.de, Crazy Horse könne dann mit Neil Young reden] Ja, das war wohl die Verbindung, hahaha!"

4. Nick Cave

"Ihn würde ich für Zak auf die Liste setzen. Er war sogar bei einigen unserer Konzerte, aber nur, weil wir für ihn das Vorprogramm gemacht haben."

5. Ian Curtis

"Einen muss ich noch für Alan draufsetzen… hmmm…. Ian Curtis vielleicht?"

Weitere Infos:
www.chairkickers.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-
Low
Aktueller Tonträger:
Trust
(Rough Trade Records/Zomba)


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