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THE APPLES IN STEREO
 
Hey ho, let's go!
The Apples In Stereo
Am 11.11. ist es so weit: The Apples In Stereo spielen ihr einziges Deutschland-Konzert im Hamburger Schlachthof. Und darauf darf man wirklich gespannt sein. Denn obwohl es die Band aus Denver, Colorado, seit rund einem Dutzend Jahren gibt, klingt ihr ausgezeichnetes neues Album "Velocity Of Sound" doch gänzlich anders als die keinesfalls schlechteren Vorgänger, mit denen The Apples In Stereo in den letzten Jahren gerade auch in Europa immer mehr Fans gewonnen haben. Dass die neue Platte so anders klingt, ist nur konsequent: Kaum ein Jahr, nachdem Robert Schneider und Co. mit der Compilation "Sound Effects 92-00" die ersten zehn Jahre ihrer 60s-lastigen Lo-Fi-Pop-Perlen haben Revue passieren lassen, widmen sie sich einem neuen Sound, frei nach dem Motto: Härter, schneller, lauter! Aber keine Angst: Modernistisch klingen die Amerikaner dennoch noch lange nicht. Doch mit "Velocity Of Sound" – das übrigens mit drei verschiedenfarbigen Covern erscheint - sind die Apples in den 70ern angekommen, genauer gesagt, im CBGB's in New York - so scheint es zumindest. Denn auf diesem neuen Apples-Werk sind die durchstrukturierten Pop-Hymnen der Swinging Sixties einem oft wesentlich härteren und lauteren Bubblegum-Punksound gewichen, der die jüngeren Semester vielleicht an Guided By Voices erinnern mag, die älteren dagegen zu Vergleichen mit den frühen Ramones inspiriert.
The Apples In Stereo
Bei "Velocity Of Sound" war Robert - dessen Stärke sein ungebremster Enthusiasmus für das Leben im Allgemeinen und seinen Liebe zur Musik im Speziellen ist - erstmals nicht der Alleinherrscher im Studio. Für's Mixing zeichnete dieses Mal Bryce Goggin verantwortlich, der auch schon mit Pavement und den Lemonheads zusammengearbeitet hat und passenderweise auch schon für die bereits erwähnten Ramones die richtigen Knöpfe gedreht hat. Wer nun denkt, es sei Robert schwer gefallen, etwas von seiner Souveränität abzugeben und Bryce den Zugang zu den Aufnahmen zu erlauben, liegt falsch. "Es war ganz und gar nicht schwierig. Es war ja nicht so, dass ich Bryce 'erlaubt' habe, an der Platte zu arbeiten. Wir haben aktiv jemanden gesucht und ihn ausgewählt", stellt er im Interview mit Gaesteliste.de klar. "Zwei meiner absoluten Lieblingsband, die beide das neue Album maßgeblich beeinflusst haben, sind Pavement und die Ramones. Und weil Bryce beide gemischt hat, passte er wie die Faust auf's Auge! Ich wollte, dass 'Velocity Of Sound' wirklich anders klingt als unsere früheren Platten, aber als ich mit dem Mixing halb fertig war, begann ich, mit meinem eigenen Mix-Stil ziemlich unzufrieden zu werden - vor allem bei den härteren, rockigeren Sachen. Meine Art, Songs abzumischen, ist einfach ein bisschen zu 'trippy', zu organisch, einfach nicht das, was ich mir für diese Songs vorgestellt hatte. Einige sollten sehr laut und direkt klingen, und ich hatte einfach nicht das Gefühl, dass ich für diesen Job qualifiziert war. Deshalb traf ich die bewusste Entscheidung, die Songs von jemand anders mixen zu lassen, mit wenig oder gar keinem Einfluss meinerseits. Bryce war erste Wahl - eigentlich sogar der einzige Kandidat - und wir hatten sehr viel Glück, dass er Zeit hatte. Er hat seine Arbeit großartig gemacht, und ich möchte auf jeden Fall in Zukunft weiter mit ihm arbeiten. Wir haben uns immer noch nicht persönlich kennen gelernt, was Bryce etwas Cooles und Mysteriöses verleiht, das ich sehr anziehend finde."

Im Info zur Platte steht, dass das Ziel bei den Aufnahmen gewesen sei, Lautsprecherboxen zu zerstören und die Nachbarn zu nerven. Das ist ja wohl ein Scherz? "Nein, das war haargenau unser Ziel! Ich denke, ich war einfach zu bequem geworden und habe deshalb auch bequeme Musik gemacht. Als Producer verstehe ich es wirklich gut, einen 'schönen' Klang Schicht um Schicht aufzubauen, aber ich wollte dieses Mal etwas machen, das mich mehr fordert und näher am Livesound der Band ist. Abgesehen davon bin ich generell etwas frustrierter, als ich es sonst war, und deshalb wollte ich keine Traumwelt-Produktion, sondern etwas, das direkter und realer ist. Auf der Bühne waren wir immer eine wilde 'fuzzy' Rockband - zur Freude vieler, zum Ärger einiger weniger Fans - und ich fand es einfach schade, dass dieser einzigartige Sound bisher nie auf einer Platte verewigt worden war. Unser höchstes Ziel war es deshalb, die Energie, die Spannung und den Spaß, den ich und meine Mitstreiter haben, einzufangen. Wir wollten Lautsprecher kaputtmachen und die Hörer überraschen."

Der Hang zu ohrwurmigen Hooklines ist den "alten" wie "neuen" Apples In Stereo allerdings gemein. Schließlich sind die Apples nach wie vor in erster Linie eine undergroundige Kultband, die, da ist sich Robert sicher, kaum jemals Platten in rauen Mengen verkaufen wird. Allerdings haben die Amerikaner damit keine Probleme. Solange sie keine anderen Jobs annehmen müssen, sondern von der Musik leben können, sei alles im grünen Bereich, meint Robert. Ähnlich locker geht die Band auch auf der neuen Platte zu Werke. Das erklärt die vor Spielfreude übersprudelnde neue Platte, aber nicht unbedingt, warum sich die Apples stilistisch mit "Velocity Of Sound" gänzlich neu orientieren. "Du hast Recht, die neue Platte ist völlig anders als unsere letzten Alben, aber sie kommt unseren frühen Sachen, wie der 'Science Faire'-Compilation, recht nahe. Ich hab das Gefühl, dass wir jetzt an dem gleichen Punkt neu anfangen, von dem aus wir damals gestartet sind. Nur, dass wir jetzt in eine andere Richtung marschieren - nicht hin zur 60s-Psychedelia, sondern eher zu einem mehr puristischen und seltsamen Psychedelic Rock der Zukunft. Das Tollste dabei ist: Das war jetzt erst der erste Schritt, und wir haben noch einen langen Weg vor uns. Wer weiß, wo die Musik uns hinführen wird?" Auf jeden Fall hin zu einem eigeneren Sound, der nicht mehr so sehr auf mehr oder weniger versteckten musikalischen Zitaten und Anspielungen aufbaut, da ist sich Robert sicher: "Ich bin jetzt viel selbstbewusster und finde es nicht mehr sinnvoll, mich im Glanz meiner alten Helden zu sonnen. Eine ganz spezifische Veränderung ist, dass ich in der Vergangenheit immer sehr viel Freude daran hatte, kleine Referenzen an unsere Helden wie die Beach Boys, die Beatles, Syd Barrett, The Velvet Underground und andere Bands, die mich Tag für Tag inspirieren, einzubauen. Dem Sound nahe zu kommen, den diese Bands fabriziert haben, war so etwas wie der heilige Gral für mich. Da dachte ich noch, dass es Voraussetzung für eine klassische Platte sei, als Produzent und Tontechniker die Art und Weise zu durchschauen, wie andere Klassiker gemacht worden sind. Aber in der Pause, die ich letztes Jahr eingelegt habe, ist mir klar geworden, dass ich nur dann eine Platte machen kann, die so großartig wie 'Pet Sounds' oder 'Sgt. Pepper's' ist, wenn ich eine mache, die ganz und gar nicht wie diese Alben klingt. Schließlich war das, was so großartig an diesen Platten war und ist, dass sie ganz und gar einzigartig klangen, für ihre Zeit völlig eigenständig waren und sich stark von den vorherigen Alben der jeweiligen Bands unterschieden. Wenn ich also mein eigenes 'Pet Sounds' aufnehmen will, muss ich etwas völlig anderes und wirklich Originelles machen. Ich würde nicht behaupten, dass ich dieses Ziel schon erreicht habe, aber es ist etwas, auf das ich hinarbeiten kann."

The Apples In Stereo
Wie schon bei früheren Produktionen stellte Robert auch dieses Mal - wenngleich ungewohnte, neue - Vorschriften für die Aufnahmen auf: "Die erste Regel lautete: Keine akustischen Instrumente! Also keine Pianos, keine Akustikgitarren, keine Hörner, keine Flöten, keine Melodicas oder andere traditionelle Instrumente, auf die wir so oft für unsere früheren Platten zurückgegriffen haben. Nur elektrische oder elektronische Instrumente waren im Studio erlaubt, abgesehen von den Drums - ein elektronisches Schlagzeug haben wir dann doch nicht benutzt. Damit wollten wir den Wohlfühl-Faktor wegnehmen, uns zwingen, mit neuen Arrangements rüberzukommen und die Platte nicht zu 60s-lastig klingen zu lassen." Und wenn man die herrlich trashigen Songs auf "Velocity Of Sound" hört, weiß man sofort, dass der Plan der Band voll aufgegangen ist. Und auch wenn die Apples, wie eingangs bereits erwähnt, sicherlich immer noch auf - wenngleich für sie neue - Sounds der Vergangenheit zurückgreifen, wollten Robert und Co. eigentlich eine fast schon futuristische Platte machen. Aus familiären Gründen! "Wir [Robert und seine Ehefrau, Apples-Drummerin Hilarie Sidney] haben ja jetzt einen kleinen Sohn, und ich wollte etwas machen, das er cool finden kann, wenn er größer ist. Also habe ich überlegt, zu welchem Sound die Kids in der Zukunft wohl abrocken werden, und wollte mich in diese Richtung bewegen, anstatt da weiterzumachen, wo die Generation meiner Eltern aufgehört hat." Trotzdem legt Robert Wert darauf, dass bei den Apples-Alben - im Gegensatz zu vielen anderen "modernen" Platten - auch in Zukunft die menschliche Note im Vordergrund steht. Es ist ihm wichtig, dass die Musik - ähnlich wie die wirklich guten R&B-Platten - nicht nur gut produziert ist, sondern vor allem viel Seele hat. Deshalb klingen gerade die neuen Apples-Songs nicht nur sehr spontan, sie entstehen auch wirklich sehr schnell. "Für gewöhnlich verbringe ich sehr wenig Zeit damit, mir die Dinge auszumalen und alles zu planen. Zumeist habe ich die Ideen für ein Arrangement und die Instrumentierung schon, während ich einen Song schreibe. Ich schreibe sehr schnell, ich lasse den Song einfach unkontrolliert aus mir herauskommen. Dabei höre ich dann die einzelnen Parts - die Instrumente und die Backing Vocals - schon in meinem Kopf. Ich habe also ein bestimmtes Feeling, aber die endgültige Ausarbeitung verschiebe ich so lange, bis ich im Studio bin und die Bandmaschine läuft. Die Texte sind das Einzige, an dem ich wirklich hart arbeite." Das klingt ein bisschen nach Try & Error-Prinzip, ist es aber nicht. Schließlich haben wir es hier mit einem Experten zu tun. "Ich weiß eine Menge - vielleicht sogar zu viel - über Musiktheorie und Komposition, und ich versuche bewusst, nicht zu sehr daran zu denken, wenn ich schreibe. Ich wende mein Wissen nur spontan im Studio an, weil es mir hilft, gute Arrangements und Harmonien auf die Schnelle hinzubekommen. Mein Wissen über Komposition hilft mir auch in meiner Produzententätigkeit, weil ich weiß, wie ich die Instrumente im Stereo-Spektrum zu platzieren habe und welche Klangfarben in einem Mix gut zueinander passen." Die Erklärung Roberts für diese Selbstbeschränkung der ungewöhnlichen Art - die meisten Musiker heute wären wohl froh, wenn sie mehr über Komposition und Studiotechnik wüssten - ist äußerst simpel: "Ich langweile mich schnell, und wenn ich über einen Song zu lange nachdenke, verliert er seinen Reiz für mich. Wenn ich einen Song schreibe, summe ich ihn vielleicht vor mich hin oder denke ein wenig darüber nach, während ich andere Dinge tue, aber ich habe kein Interesse, mich lange damit auseinander zu setzen. Ich möchte lieber sofort weitermachen und den nächsten Song schreiben und mich mit den anderen erst wieder auseinander setzen, wenn ich ins Studio gehe. So zu arbeiten hält die Sache für mich interessant und natürlich. Und das ist für mich genauso wichtig, wie spannend klingende Platten zu machen."

Während für viele andere Bands heute der Entstehungsprozess der Platten, das oft endlose Feilen an Details, der Wunsch nach Perfektion, mehr bedeutet als das fertige Produkt, steht bei den Apples also die Spontaneität an erster Stelle. "Wenn die Leute unsere Platten hören, hören sie uns beim Lernen, bei der Veränderung und beim Experimentieren zu. Wenn das für einige dennoch ausgefeilt klingt, dann nur, weil wir inzwischen das, was wir machen, ziemlich gut beherrschen. Wir sind in der glücklichen Lage, unser eigenes Studio zu besitzen, und deshalb können wir uns diese Arbeitsweise leisten. Eine Band, die in einem teuer bezahlten Studio arbeitet, würde diesen Luxus nicht haben. Das ist auch einer der Gründe, warum wir stets darauf bestanden haben, unsere Platten selbst zu produzieren." Auch wenn es Roberts erstes Ziel ist, seine eigenen Visionen umzusetzen, heißt das nicht, dass ihm sein Publikum egal wäre. "An das Publikum als Ganzes denke ich selten. Die meisten Songs haben dennoch einen hypothetischen Adressaten - den Hörer - aber er ist dabei eher eine Muse und nimmt einen Einfluss darauf, in welche Richtung sich unsere Musik entwickelt. Ich versuche mir dabei vorzustellen, dass meine Hörer wie ich sind, was auch bedeutet, dass sie das Gleiche wollen wie ich und dass sie verstehen werden, was ich zu sagen habe. Insofern ist die IDEE eines Hörers wichtig, aber ich halte es für gefährlich, deine Musik darauf auszurichten, was der TATSÄCHLICHE Hörer von dir erwartet. Diese Art des Entgegenkommens ist im Allgemeinen nicht sehr förderlich für den kreativen Prozess."

The Apples In Stereo
Zu diesem kreativen Prozess gehörte lange Jahre auch das Künstlerkollektiv und Plattenlabel Elephant 6, das die Apples zusammen mit Bands wie Neutral Milk Hotel oder The Olivia Tremor Control ins Leben gerufen hatten. Bisher zierte das E6-Logo jede Veröffentlichung der Apples. "Elephant 6 war eine äußerst kreative Bewegung, die viele großartige Platten hervorgebracht hat, an denen viele unserer - damals wie heute - engsten Freunde beteiligt waren. Mit Elephant 6 verbinde ich einen bestimmten Musikstil und eine bestimmte Ästhetik: Interessante Musik mit klassischen Songs zu machen, aber auch auf experimentelle Art am Format des Popsongs zu rütteln, völlige Kontrolle über deine eigenen Platten zu haben, Freunden bei ihren Aufnahmen auszuhelfen - das alles verbunden mit einer stark anti-kommerziellen Haltung und der Weigerung, Leute von außerhalb einzubinden. Damit konnten wir die rauen Ecken und Kanten beibehalten und das persönliche, heimelige Flair unserer Kunst beibehalten. Als Organisation und Plattenfirma funktioniert Elephant 6 heute nicht mehr - zumindest wüsste ich es nicht, da ich seit 2000 nicht mehr direkt daran beteiligt bin." Irgendwie scheint es, als gäbe es nur eines, was der Tausendsassa Robert nicht kennt: Das Wörtchen "Pause" kommt in seinem Wortschatz scheinbar gar nicht vor. Passenderweise gibt er auch zu, das typische Vielarbeiter-Problem zu haben: Er hat so viel um die Ohren, dass er gar nicht weiß, wo er anfangen soll! "Wenn ich allerdings an Musik arbeite, bin ich sehr darauf konzentriert. Was meine Produktivität betrifft: Die könnte höher sein, deshalb arbeite ich gerade an meinem Zeit-Management. Schließlich ist Musik für mich nicht alles, ich interessiere mich auch sehr für Mathematik, Physik und Poesie. Und dann sind da natürlich noch mein Baby Max, meine Familie und meine Freunde." Als Workaholic sieht er sich selbst trotzdem nicht, wie er uns abschließend verrät: "Für einen echten Workaholic bin ich viel zu faul! Ich liebe es, zu faulenzen und fernzusehen. Meine Lieblingsbeschäftigung ist das Nichtstun!"
Weitere Infos:
www.applesinstereo.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-
The Apples In Stereo
Aktueller Tonträger:
Velocity Of Sound
(Cooking Vinyl/Indigo)


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