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THE MISSION
 
"Vor 15 Jahren ging vor allem darum, sich zu besaufen, zu vögeln und Drogen zu nehmen"
The Mission
Gerade einmal neun Monate es her, seit wir The Mission zum letzten Mal getroffen haben, aber seitdem ist viel passiert. Dabei schien es auf der Deutschland-Tournee im Frühjahr nicht nur bei den beiden ausverkauften Konzerten in der Bochumer Zeche so, als sei bei Wayne Hussey und Co. alles eitel Sonnenschein. Schließlich hatte es die Band geschafft, letztes Jahr mit "Aura" nach fünfjähriger Schaffenspause ein Album abzuliefern, das soundtechnisch an die Glanzzeiten in den späten 80ern anzuknüpfen vermochte, aber dennoch nicht nur auf einer nostalgischen 80s-Revival-Welle mitritt. Und Wayne, der inzwischen 43-jährige Vordenker der britischen Goth-Ikonen hatte offensichtlich massig Spaß daran, nach jahrelanger Studiotätigkeit als Remixer und Soundtrackkomponist wieder im Rampenlicht zu stehen und, um es ganz banal auszudrücken, zu rocken. Das bestätigte der Wahl-Kalifornier auch, als Gaesteliste.de ihn kürzlich vor seinem grandiosen Soloauftritt in der Bochumer Matrix traf.
"Als wir vor drei Jahren wieder angefingen, setzten Craig und ich uns zusammen und sagten uns: Wir werden es nur so lange machen, wie es Spaß macht. Lasst uns nicht wieder in die gleiche Situation kommen, in der wir uns vor zehn, zwölf Jahren befunden haben. Aber sobald du dann eine Platte veröffentlichen willst, dir ein Label suchst und so weiter, wird das Ganze schnell zu harter Arbeit. Okay, das ist das falsche Wort, denn es ist natürlich keine wirklich harte Arbeit, aber vom Spaß blieb nicht mehr viel übrig. Wir managen uns inzwischen selbst, das heißt, ich und meine Frau Cinthya, die eine große Hilfe ist, müssen uns mit dem ganzen Kram herumschlagen, der dich schnell runterzieht. Und eigentlich will ich ja nur Musik machen!" Doch daran war im Sommer erst einmal nicht mehr zu denken, denn mitten in einer Südamerika-Tournee verließ mit Bassist Craig Adams das außer Wayne letzte verbleibende Gründungsmitglied die Band. Seitdem haben The Mission zwar in Europa und Nordamerika weitere Shows gespielt, allerdings wechseln Waynes Mitstreiter inzwischen so häufig, dass man vermuten darf, dass die Installation eines Drehkreuzes an der Proberaumtür eine lohnende Investition wäre. "Als Craig die Band verließ, stürzte mich das in ein großes moralisches Dilemma. Kann ich die Band wirklich The Mission nennen, wenn nur noch ich übrig bin? Wir waren vertraglich verpflichtet, die Sommer-Festivals zu spielen, also haben wir das gemacht, und dabei ist mir aufgefallen, dass es den meisten Zuschauern egal ist, wer in der Band ist, solange sie die Songs zu hören bekommen, die sie erwarten und solange die Show gut ist. Wer letztendlich Bass, Gitarre oder Schlagzeug spielt, ist egal!" Und wenn man sich zum Beispiel die Liveauftritte der Beach Boys in den 60ern anschaut - manchmal braucht man noch nicht einmal den Sänger der Originale! "Na ja, ich bin mir nicht sicher, ob ich so weit gehen kann", erwidert Wayne lachend. "Daran gedacht habe ich schon mal. Einfach zu Hause bleiben und das Brian-Wilson-Ding durchziehen: Die Platten alleine machen und die Band auf die Bühne schicken, die die Sachen dann spielt!"

Derzeit macht Wayne allerdings genau das Gegenteil. Abend für Abend steht er alleine auf der Bühne und spielt eine großartige Mischung aus Hits, obskuren Mission-Raritäten und sorgfältig ausgesuchten Coverversionen zwischen Frank Sinatra, John Lennon, The Stooges und den Beach Boys! "Vor 15 Jahren ging es auf Tour vor allem darum, sich zu besaufen, zu vögeln und Drogen zu nehmen. Jetzt geht es schon um ein bisschen mehr als das", sagt Wayne vielsagend grinsend. Ob die Solokonzerte nicht viel nervenaufreibender wären, wollen wir wissen. "Nein, überhaupt nicht. In vieler Hinsicht ist es sogar einfacher. Die Shows sind viel lockerer, und mein Repertoire an Songs ist auch viel größer. Häufig wünschen sich auch die Leute im Publikum Stücke, und wenn jemand ruft: 'Spiel doch mal…' - dann werde ich's zumindest versuchen! Natürlich fühlt man sich ein bisschen nackter, mehr zur Schau gestellt, wenn man alleine auf der Bühne steht, aber es kann auch eine Menge Spaß machen. Ich spiele ganz einfach die Stücke, die ich an einem bestimmten Abend bringen möchte. Ich spiele eine ganze Menge Songs, die ich mit The Mission nie gespielt habe, und das ist sowohl für mich als auch für das Publikum schön, würde ich meinen."

Sich für ein komplettes Set im "Singer/Songwriter-Ambiente" zu präsentieren, ist neu für Wayne. Während andere Musiker schon früh von einer Karriere als Sänger und Songschreiber träumten, hatte Wayne ganz andere Ziele, als er zum ersten Mal eine Gitarre in die Hand nahm. "Ich wollte einfach nur der Gitarrist in einer Band sein, allerdings habe ich bei The Mission ja auch zwischendurch des Öfteren mal ein, zwei Songs solo und akustisch gespielt, weil das einen guten Kontrast zu den lauten Sachen der Band ergab. Bis vor kurzem habe ich mich immer geweigert, ganze Konzerte alleine zu spielen, obwohl mir das schon häufig vorgeschlagen worden war. Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe mir häufig Freunde aus anderen Bands angeschaut, wenn sie mal solo gespielt haben, und eigentlich haben sie mich alle gelangweilt. Deshalb wollte ich nicht in diese Falle tappen. Weil die Band aber dieses Jahr eine so harte Zeit hatte, wollte ich einfach rausgehen und den Spaß haben, den mir die Band nicht geben konnte. Deshalb schien mir jetzt der ideale Zeitpunkt, es trotz aller Bedenken zu probieren." Gab es denn inzwischen einen Solokünstler, der Wayne nicht gelangweilt hat und deshalb als Inspiration herhalten konnte? "Hmmm… ich habe immer noch niemanden gesehen, bei dem ich gedacht habe: Wow!", lacht Wayne. "Meine Shows jetzt sind auch in erster Linie für echte Fans. Wenn jemand nur ein paar meiner Songs kennt und zu einem meiner Solokonzerte kommt, würde er sich wahrscheinlich langweilen. Aber wenn du ein Fan bist und dann Songs zu hören bekommst, die ich mit der Band nie spielen würde, oder andere in ganz spartanischen Arrangements nur mit Stimme und Gitarre, kannst du schon das Gefühl haben, etwas Besonderes gesehen zu haben. Und bis jetzt sind die Konzerte beim Publikum auch sehr gut angekommen."

Ob die Soloshows auch zu einem Wayne-Solo-Album führen oder zumindest zu einer weniger rock-orientierten Scheibe von The Mission, ist derzeit noch unklar. "Um ehrlich zu sein: Bis ich anfange, neue Songs zu schreiben, kann ich diese Frage nicht beantworten. Es hängt sehr von den Songs ab. Weil ich im Moment so viel akustisch spiele, setze ich neue Ideen auch zuerst auf der Akustikgitarre um. Wenn sich das fortsetzt, könnte das nächste Album durchaus eine Wayne-Hussey-Platte werden oder unter einem neuen Namen veröffentlicht werden. Wenn es eher rockige Songs werden, würde es wohl ein Mission-Album. Ich habe viele Freunde, die meinen, dass ich die Platte auf jeden Fall als The Mission veröffentlichen sollte, weil es mir frei steht, unter diesem Namen alles zu machen, was ich will. Und da ist auch etwas dran, auch wenn ich der einzige der Originalbesetzung bin, der noch übrig geblieben ist. Der Input der anderen Musiker ist in den letzten Jahren eh stark zurückgegangen. Und auch wenn Craig, Scott und Mark auf 'Aura' gespielt haben, hätte ich die meisten Sachen auch ohne sie umsetzen können."

Die Entscheidung, welchen der beiden denkbaren Pfade Wayne weitergehen wird, hat er auf's nächste Jahr vertagt. "Ich spiele jetzt noch bis kurz vor Weihnachten Konzerte, und danach werde ich eine Auszeit nehmen und mir Gedanken machen, wie es weitergehen soll. Ich möchte schon, dass The Mission weiter existiert, aber ich glaube nicht, dass wir weiter so viel live spielen werden wie bisher. Diese Art, unterwegs zu sein, funktioniert für uns einfach nicht mehr. Was ich mir vorstellen kann, ist sporadisch auf Tour zu gehen und nur ein paar Shows hier und da zu spielen. Das würde fraglos mehr Spaß bringen: Anstatt einer Fünf-Wochen-Rundreise durch ganz Europa einfach mal zwei Shows in Deutschland spielen, eine in Holland, zwei in England. Dann hast du eine Woche gearbeitet und fertig! Das ganze macht sogar finanziell mehr Sinn: Du spielst in London, da ist immer mit einem großen Publikum zu rechnen, in den richtigen Städten in Deutschland wäre das ähnlich. Nicht so wie auf der letzten Deutschland-Tour, wo wir in Städten gespielt haben, von denen ich noch nie gehört hatte, und wo dann - vor allem in der früheren DDR - auch nicht viele Leute zu den Shows gekommen sind."

Die Zwischenzeit verkürzt uns das - hoffentlich nicht letzte - neue The-Mission-Album. Obwohl "neu" nicht ganz richtig ist, denn bei "Aural Delight" handelt es sich um die nach "The First Chapter" und "Grains Of Sand" dritte Raritätensammlung der Band, auf der alle B-Seiten und Outtakes der "Aura"-Phase- versammelt sind. Und die ist - wie schon die beiden Vorgänger - mit der Mischung aus Non-LP-Stücken wie "Sorry…", neuarrangierten Klassikern ("Swoon", "Amelia") und großartigen Coverversionen (Elvis' "Can't Help Falling In Love" oder "Never Let Me Down Again" von Depeche Mode) äußerst empfehlenswert. "Zunächst war geplant, dass wir aus 'Aura' drei oder vier Singles auskoppeln, deshalb hatten wir eine Menge extra Material für die B-Seiten reserviert. Letztendlich gab es dann doch nur zwei Singles, und wir dachten uns: Warum nicht aus den Stücken ein Album zusammenstellen? Es wird ja niemand gezwungen, es zu kaufen!"

Das vielleicht schönste der 12 Stücke auf "Aural Delight" ist die Demo-Version von "Dragonfly", hier in einem ziemlich perfekten Klavierarrangement zu hören. Warum musste für "Aura" überhaupt eine Bandversion her? "Diesen speziellen Song habe ich am Klavier geschrieben, und eigentlich sollte er gar nicht mit auf die Platte, weil ich das Gefühl hatte, dass er zu poppig war und nicht zu den anderen Stücken passte - schon gar nicht in dieser Version. Dann habe ich ihn allerdings meiner Frau Cinthya und Craig vorgespielt und beide meinten: 'Das ist großartig, damit solltest du was machen'. Also gingen Craig und ich ins Studio und fingen mit dem Klavier und einer kleinen Beatbox für den Rhythmus an, und plötzlich entwickelte sich der Song und wir fügten Gitarren hinzu, und letztendlich wurde auch das Klavier durch eine Gitarre ersetzt, bis wir zum Schluss die Bandversion hatten. Was ich mit dem Album 'Aura' erreichen wollte, war ein zusammenhängendes Werk, bei dem alles stimmte und die Songs gut zueinander passten. Und ich glaube, das haben wir auch erreicht. 'Aural Delight' dagegen ist eben eine Sammlung von B-Seiten und Studio-Outtakes, bei der dieser Gedanke nicht wichtig war, und deshalb finde ich die Platte auch fast interessanter, weil sie abwechslungsreicher ist."

The Mission
Interessant war auch die Szene, die sich diesen Sommer backstage beim Zillo-Festival abspielte: Da wurde nämlich der Bereich hinter der Bühne zum Hochsicherheitstrakt, sobald Robert Smith von The Cure das Gebäude betrat, und die übereifrigen Security-Kräfte wollten noch nicht einmal Wayne - der kurz zuvor noch auf der Bühne gestanden hatte - zu seiner Garderobe durchlassen! "Solche Dinge passieren einfach!", meinte Wayne dazu gelassen und hatte zum Schluss noch eine aberwitzige Anekdote für uns parat: "Wir waren vor Jahren mit Robert Plant auf Tournee in Amerika und haben da in den 'Sheds' gespielt, diese großen Pavillons mit überdachten Sitzen und einer großen Wiese für Stehplätze dahinter. Weil wir erst spät zur Tour stießen, hatten unsere Fans die billigen Tickets für die Wiese gekauft, und weil wir früh am Abend spielen mussten, waren die Sitze größtenteils noch leer, und unsere Fans waren 100 Meter weit weg und durften nicht näher an die Bühne herankommen! Weil ich eines dieser Funkmikrofone hatte, bin ich einfach raus auf die Wiese und hab dort meine Show abgezogen, während die Jungs auf der Bühne gespielt haben. Als ich dann zurück wollte, hielt mich der Security-Mensch an und fragte: 'Entschuldigen Sie, haben Sie ein Ticket?' Ich war völlig verdutzt und konnte nur sagen: Hier, ich hab ein gottverdammtes Mikrofon, hahaha!"
Weitere Infos:
www.themissionuk.com
www.and-the-dance-goes-on.de
Interview: -Carsten Wohlfeld & David Bluhm-
Fotos: -Pressefreigaben-
The Mission
Aktueller Tonträger:
Aural Delight
(Playground/XIII Bis Records/edel)


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